Burnout als sinnvolle Notbremse

Montag, 16. Mai 2016 13:00

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Burnout ist ein riesiges Thema unserer Zeit – und sicher nicht nur unserer Zeit. Für viele Menschen gilt Burn-Out als Modeerkrankung, aber dieses Image wird der Problematik nicht gerecht. Der Begriff kommt aus dem Englischen und bedeutet „ausbrennen“. Er bezeichnet lang anhaltende Erschöpfungszustände, die psychischer und körperlicher Natur sind.

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Die persönlichen Kosten von Burnout sind verheerend: negative Konsequenzen im Sozialleben, eine Bandbreite an leichten bis chronischen Krankheiten, schwere Depressionen und im extremsten Fall Suizid. Aber auch der volkswirtschaftliche Schaden ist immens: so schätzt die Europäische Agentur für Sicherheit und Gesundheitsschutz am Arbeitsplatz, dass sich die Folgekosten von Burnout auf 20 Milliarden Euro jährlich innerhalb der EU belaufen.

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Heute möchte ich über ein Buch schreiben, in dem viele wichtige Themen vorkommen: Schuldgefühle, Angst, Partnerschaft, Gesundheit, Geld und Finanzen, Schicksalsschläge, Freiheit und Mut und Dankbarkeit … und eben auch Burnout. All diese Themenbereiche stehen unter dem Stern eines (mangelnden) Selbstvertrauens. Das Buch zeigt, wie man dazu kommt, sich selbst und die eigenen Ziele und Wünsche zu verwirklichen. Das Buch heißt „Selbstvertrauen. Die Kunst dein Ding zu machen“, ist von Christian Bischoff verfasst und 2014 im Ariston Verlag erschienen.

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In Kapitel „Ich fühle mich leer, ich kann nicht mehr!“ berichtet Bischoff von einer Seminarsituation, in der sich Nadine, eine seiner Teilnehmerinnen, meldete und darüber berichtete, wie sie in ein Burnout geriet:

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„Ich könnte heulen, wenn ich daran denke, wie ich da gesessen hab und was ich gemacht …“ „Ich bin im Oktober auf der Arbeit zusammengebrochen und habe mittlerweile herausgefunden, dass es darum geht zu lieben. Und sich selbst zu entdecken. Sich selbst wertschätzen zu lernen. Und andere wertzuschätzen …“

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Irgendwie hatte sie zwischen sich und den Menschen um sie herum eine Eiswand aufgeschichtet – um in der Leistungsgesellschaft zu überleben. Um nach oben zu kommen. Um allen zu beweisen, wie gut sie ist. Sie hat Liebe mit gesellschaftlicher Anerkennung verwechselt und jahrelang auf’s falsche Pferd gesetzt:

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„Und dafür hab ich mich zum Teil wie ein Arschloch benommen. Und dann bin ich zusammengebrochen.“
„Und das ist gut so. Burn-out ist nämlich eine gute Sache. Vielleicht denkst du jetzt, dass ich spinne. Aber überleg mal: Wer macht den Burn-out? Dann müssten alle, die deinen Job machen, einen Burn-Out haben. Dein Chef? Dann müsste es allen um ihn herum schlecht gehen. Die Umstände? Hm. Komm schon. Du selbst machst ihn! Dein Körper macht im Doppelpass mit deinem Unterbewusstsein den Burn-out. Die beiden erkennen, wie erschöpft deine Seele ist, und nehmen dich schlicht aus dem Spiel. Rein aus Überlebenstrieb. Um dich zu schützen. Und es funktioniert ja auch: Du kannst nicht weiterarbeiten. Du steigst aus der Ellebogen-Karriere-Überlebens-Erfolgs-Spirale aus. Gezwungenermaßen. Ganz automatisch. Ganz sinnvoll. Und siehe da, du lebst noch.
Deine Seele hat schon längst erkannt, dass dein Kopf sich mit Dingen beschäftigt, in denen sie sich nicht ausdrücken, ausleben, verwirklichen kann. Deine Arbeit ist nicht schlecht – sie passt nur schlecht zu dir. Dein Kopf ist in einer Endlosschleife gefangen und bolzt immer stur weiter. Also brauchst du einen Schubs, um von dem Gleis herunterzuspringen, das dich sonst geradeaus ins Unglück befördern würde. Du kannst sagen, was du willst, aber das ist einfach nur sinnvoll. Genauso sinnvoll wie ein Fieber, das dein Körper selbst produziert, um dein Immunsystem in Schwung zu bringen und einen Vorteil gegenüber Eindringlingen zu haben. Oder wie eine Entzündung, die nichts weiter als ein lokales Fieber ist, um kleine Verletzungen zu heilen. Fieber oder Entzündungen zu unterdrücken, ist Sabotage im Körper. Einen Burn-out zu unterdrücken, ist Sabotage an der eigenen Seele!
Also: gut gemacht. Ein Burn-out ist eine gute Sache. Burn-out heißt auf deutsch, du tust gerade etwas, das dir nicht entspricht, und bekommst jetzt die Gelegenheit, damit aufzuhören.“
„Ich glaube, ich musste an die Wand fahren, um aus all dem herauszukommen.“
(Bischoff, Christian: Selbstvertrauen. Die Kunst dein Ding zu machen, S. 169-171)

„Jede echte Krise im Leben ist nur ein Hinweis für uns, dass wir unser Leben neu und besser ausrichten sollen.“   (ebenda, S. 171)

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Eine positive Interpretatation von Burnout – das hört man nicht oft, und ich schätze diese Sichtweise sehr. Obwohl ich zu Nadines eingänglichen Worten auch anmerken muss, dass in manchen Berufsgruppen das Burnout-Risiko überdurchschnittlich hoch ist, es also auch am Beruf liegen kann, in dem die Arbeitsbedingungen so schlecht sind (meistens ist das Hauptproblem Personalmangel). Weit voran befinden sich soziale Berufe. Burnout gibt es besonders bei ErzieherInnen, Alten- und KrankenpflegerInnen, SozialarbeiterInnen und LehrerInnen; aber auch Schichtarbeit ist eine Gefahr für die Gesundheit.

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Bischoff schreibt über die Wichtigkeit einen Beruf zu wählen, dem man gerne nachgeht. Dafür schlägt er fünf Schritte vor. Im ersten solle man überlegen, welche Erwartungen und Bedürfnisse man habe, welche Motive einen leiten und welche Herausforderungen man suche. Im zweiten Schritt gehe es darum, sich die eigenen Stärken bewusst zu machen (und auch die eigenen Schwächen, denn hinter jeder Schwäche verberge sich auch eine Stärke, die man vermutlich nur übertrieben habe). Der dritte Schritt beinhaltet herauszufinden, was einem Spaß und Freude bereitet und einen interessiert. Um die Langzeitperspektive gehe es beim vierten Schritt – worauf wird man am Ende des Lebens stolz sein und sich wünschen, es ausgiebig getan zu haben? Nur als fünfter Schritt suchten Menschen Geld; der Gehalt werde als Anziehungskraft überschätzt.

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Das Buch „Selbstvertrauen. Die Kunst dein Ding zu machen“ bringt viele Themen auf den Punkt: Schuldgefühle, Angst, Partnerschaft, Gesundheit, Freiheit und andere. Jedes Kapitel ist gut zu lesen – und effektiv in der Wirkung.

Ganz viel Selbstvertrauen und die Kunst, Ihr Ding zu machen wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Lesen Sie über Schwierigkeiten und Stress in sozialen Berufen …
über das Anti-Stress-Buch für ErzieherInnen …
und zum Zeitmanagement in der Kita …

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Der Wahlkampf der Tiere – oder: Demokratieverständnis für Kinder

Montag, 9. Mai 2016 10:28

Wahlen sind stets eine große Angelegenheit. In den letzten Jahren zog die rechtspopulistische AfD in mehrere Landesparlamente ein. 60 % der AfD-Wähler gaben an, die Partei nicht aus Überzeugung, sondern aus Enttäuschung über die anderen Parteien gewählt zu haben. Wahlen sind und bleiben ein spannendes Thema …

Die Konferenz der Tiere
Es ist eine Herausforderung, kleinen Kindern politische Ereignisse und Vorgänge zu erklären. Ein wundervolles Buch ist „Die Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner, geschrieben 1949. Darin beobachten die Tiere entnervt, wie eine Konferenz der Menschen nach der anderen scheitert und für die von den Menschen selbst verursachten Probleme (Krieg, Hungersnot und Umweltzerstörung) keinerlei Lösungen finden. Schließlich beschließen die Tiere, das Schicksal in die eigenen Pfoten/Hufen/Flossen usw. zu nehmen: Sie organisieren ihre Konferenz, um die Menschen endlich zur Vernunft zu bringen. Doch ihre Interventionen scheitern. Ihre letzte Maßnahme ist, alle Menschenkinder zu entführen (die Kinder haben übrigens großen Spaß und genießen hervorragende Betreuung). Unter dem Druck, von den aufgebrachten Eltern nicht wieder gewählt zu werden, unterschreiben die Staatsoberhäupter endlich den Vertrag, den die Tiere ihnen vorlegen. Daraufhin werden die Grenzen eingerissen, alle Schuss- und Sprengwaffen abgeschafft, es gibt keine Kriege mehr, und Wissenschaft und Technik stehen ausschließlich dem Frieden zur Verfügung. Die Zahl der Beamten, der Aktenschränke und Büros wird auf das absolute Minimum reduziert (denn Büros sind für die Menschen da, nicht umgekehrt), und die bestbezahltesten Beamten werden zu Lehrern, denn die Aufgabe, Kinder zu erziehen, ist die höchste und schwerste …

Aber eigentlich wollte ich heute über ein anderes Kinderbuch schreiben. Es ist ganz anders als Kästners „Konferenz der Tiere“, hat aber dennoch das Thema mit diesem gemeinsam. Es ist ein Buch für Kinder, beschäftigt sich mit dem Thema Wahlen und zeigt, wie Demokratie funktionieren kann. Es heißt „Ich bin für mich“ und ist von Martin Baltscheit und Christine Schwarz 2011 im Minimax Beltz & Gelberg Verlag erschienen.

Ich bin für mich
In diesem Buch wählen die Tiere alle vier Jahre, und stets wird der Löwe gewählt. Aber eines Jahres wirft die Maus die Frage auf, was für eine Wahl es denn sei, wenn man nicht die Wahl habe – und erklärt, dass der Löwe einen Gegenkandidaten brauche. Daraufhin senden alle Tierarten einen Kandidaten in die Wahlversammlung, in welcher der neue König gewählt werden soll. Die Ameise-Kandidatin fordert mehr Arbeit für alle, da 20 Stunden am Tag nicht genug seien. Das Schaf erklärt: „Mein Wolle gehört mir! Wenn ich Königin bin, stricken wir die Pullover selber!“ Und der Vogel Strauß will einen Flughafen bauen lassen mit vier Landebahnen, einer unterirdischen Zugverbindung, Parkhäusern und Geschäften. Auf die Frage, wie er das bezahlen will, steckt er den Kopf in den Sand … (erinnert das nicht ein klein wenig an Berlin ?? 😉 )

Mehr verrate ich nicht, denn ich will nicht zu viel von der Geschichte vorwegnehmen. In jedem Fall ist es ein nettes Buch für kleinere und größere Kinder. Humorvoll treffen die AutorInnen den Kern mancher Parteien oder Werte/Ideologien. Es gibt wenig Text und kraftvolle Bilder. Und vorallem führt das Buch Kinder an Fragen der Partizipation und Demokratie heran.

Apropos Demokratiepädagogik:
Der Begriff „Demokratiepädagogik“ bezeichnet Initiativen, Konzepte, Programme und Aktivitäten in Praxis und Wissenschaft, die das Ziel verfolgen, die Erziehung zur Demokratie zu fördern. Als pädagogischer Fachbegriff, als Konzept und als übergreifender Programmbegriff ist „Demokratiepädagogik“  im Kontext des BLK-Programms „Demokratie lernen und leben“ eingeführt worden und als Eigenname mit der Gründung, den Zielen und der Entwicklung der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädadgogik 2005 eng verbunden.

Gerne möchte ich Ihnen das „ABC der Demokratiepädagogik“ von der Deutschen Gesellschaft für Demokratiepädagogik empfehlen. Das ABC erklärt die wichtigsten Begriffe zur Demokratiepädagogik kurz, knapp und prägnant. Es ist online einsehbar (roten Link klicken) oder auch käuflich in Papierform zu erwerben. Ich durfte mein Wissen und meine Komptenzen zu Schule, Partizipation und mehr in das ABC einfließen lassen und freue mich, an dem ABC mitgewirkt zu haben.

Ganz ausführlich finden Sie meine Gedanken zur Partizipation in Schule natürlich in meinem Buch “Die partizipative Schule. Mit innovativen Konzepten zu einer demokratischen Schulkultur“.

Auf die Wichtigkeit der Demokratiepädagogik in heutiger Zeit !!
Christa Schäfer

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Warum wir aus Angst nicht handeln

Dienstag, 26. April 2016 12:17

Immer wieder gibt es Schlagzeilen über Gewalt im öffentlichen Raum in Berlin. Gerade heute ist wieder in den Nachrichten zu hören und zu lesen, dass ein 26jähriger junger Mann mit seinem 18jährigen Begleiter vor einem Supermarkt in Neukölln von einer 15köpfigen Gruppe junger Männer angegriffen und niedergestochen wurde.

Nicht selten haben mir schon Menschen aus anderen Städten gesagt, dass sie durch solche Nachrichten Angst davor hätten, Berlin zu besuchen oder sich nicht vorstellen können, dort zu leben. Berlin ist laut Kriminalstatistik 2014 hinter Frankfurt/M. und Köln die drittgefährlichste Stadt Deutschlands. Andererseits erzählen mir Bekannte auch immer wieder von massiver Gewalt in kleineren Städten oder Dörfern – nur kommt dies seltener in die bundesweiten Nachrichten …

Gewalt ist also leider alltäglich. Sie ist nicht unbedingt zufällig, und es sind keine individuellen Ausraster von besonders gewalttätigen Einzelpersonen, wie es medial oft suggeriert wird. Rassistische Gewalt beispielsweise ist massiv, und seit Jahresbeginn verging fast kein Tag, an welchem kein Geflüchtetenheim angegriffen wurde. Darüber hinaus gab es im Jahr 2015 320 rechte und/oder rechtsextrem motivierte Angriffe auf Angehörige von Minderheiten und politische GegnerInnen – das ist ein Anstieg von 80 % zum Vorjahr …

Häusliche Gewalt betrifft jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben, schwere sexualisierte Gewalt jede fünfte bis siebte Frau in Deutschland. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie von einer ihr bekannten Person angegriffen werden (meist von Partner, Ex-Partner usw – und zu Hause), während bei Männern die Wahrscheinlichkeit größer ist, im öffentlichen Bereich von einer/mehreren unbekannten Person(en) angegriffen zu werden. Und oftmals verhält es sich so, dass es Menschen gibt, welche die Gewalttat mitbekommen, aber nicht eingreifen (sowohl im öffentlichen Bereich wie auch NachbarInnen in Bezug auf häusliche Gewalt). Es gibt zahlreiche Beispiele aus dem Leben und auch viele soziale Experimente dazu. Hier der Link zu einem Experiment, die mangelnde Unterstützung für angegriffene Frauen betreffend …

Meistens haben die Umstehenden laut eigener Aussage Angst, dass ihnen selbst etwas zustoßen könnte. Und diese Angst ist nicht ganz unberechtigt. Der Tod der Studentin Tuğçe Albayrak im November 2014 ist nur ein Beispiel von vielen, wie solidarische Menschen oftmals selbst Gewalt erfahren, wenn sie andere vor eben dieser beschützen wollen.

Wie also Zivilcourage zeigen, ohne selbst zum Opfer zu werden?
Vor kurzem las ich ein Buch, das sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Es heißt „Nutze deine Angst. Wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren“, von Ralf Bongartz geschrieben, erschienen 2013 bei Fischer.

Das Buch greift viele wichtige Themen auf: Wie eine Situation richtig erkannt werden kann; welche Handlungsstrategien es gibt; sexuelle Gewalt und andere extreme Gewalt, sowie Selbstbilder. Im ersten Kapitel beschäftigt sich Bongartz ausführlich mit der Frage, weshalb Menschen nichts unternehmen, wenn sie erleben, wie jemand anderem Gewalt zugefügt wird. Darauf werde ich hier näher eingehen, weil dies in so vielen Momenten Betroffenen Unterstützung gegeben hätte – denn viele Menschen, die zu Opfer wurden, sagen, dass nicht die Tat an sich das Schlimmste gewesen sei, sondern dass niemand der Umstehenden eingegriffen und ihnen geholfen habe.

Bongartz‘ These lautet, dass es nicht allein Angst sei, die am Eingreifen hindere, da Menschen sich in kontrollierte Gefahrensituationen begeben wie Bungee-Jumping, die Besteigung von Mont Blanc, das Lesen eines Thrillers, oder sich den „Tatort“ anzusehen. Vielmehr seien es die unkontrollierten Reaktionen, welche die Angst in Menschen auslöse, so dass es schwerfalle, in Grenzsituationen dem Impuls zu folgen, Hilfe zu leisten. Diese Reaktionen werden von Bongartz „Fallstricke“ genannt, und er stellt die vier folgenden vor: Territorium und Stammesbewusstsein; Abgabe von Verantwortung; die Angst vor Fehlern; die Angst, verletzt zu werden.

Zu territorialem Verhalten schreibt er:
„Territoriales Verhaten […] führt dazu, dass wir nur das zu verteidigen bereit sind, was wir als mein bezeichnen. Es bezieht sich nicht nur auf Orte, sondern auf alle Menschen und Dinge, die wir als uns zugehörig begreifen: Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder, meine Familie, meine Schule, meine Mannschaft, mein Berufsstand, aber auch: mein Glaube, mein Ansehen etc. Aber meine Mitmenschen? Das sagt fast niemand. Es sei denn, man ist durch eine bestimmte Rolle oder eine politische oder religiöse Überzeugung dazu verpflichtet […]“ (Bongartz, Ralf: Nutze deine Angst, S. 27)

Eine Kernaussage zu „Abgabe von Verantwortung“ ist folgende:
„Werden Menschen Zeugen von Gewaltsituationen, denken sie häufig: Andere sind näher dran als ich selbst. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diejenigen, die näher am Geschehen sind, auch über bessere Informationen verfügen. Daraus ziehen erstere den Schluss, dass die Situation nicht so schlimm sein kann. Denn sonst würden die anderen ja einschreiten. Das Nichthandeln, Wegsehen oder Weitergehen der Person vor mir ist dann meine Legitimation, selbst auch untätig zu bleiben. Oft entsteht so eine Kettenreaktion: Wenn der, der am nächsten dran ist, nicht handelt, wird der, der amzweitnächsten dran ist, auch nicht handeln. Und so fort. Die kollektive für Situationen sinkt deutlich, und die Täter haben freie Bahn.“ (Ebenda, S. 32)

Auch die Angst vor Fehlern wird von Bongartz beleuchtet als Grund des Nicht-Eingreifens. Er konstatiert:
„Die Angst, Fehler zu machen, spielt […] in Grenzsituationen eine Rolle, vor allem dann, wenn sie, wie in der U-Bahn, zunächst uneindeutig erscheinen. Sie führt dazu, dass Menschen zögern einzugreifen, weil sie sich nicht lächerlich machen wollen. Sie fürchen Scham, Niederlagen, Kontrollverlust. […] Um die Angst vor Fehlern zu überwinden, brauchen wir eine Veränderung der inneren Haltung. Sich lächerlich zu machen oder Fehler zu machen ist menschlich. Es bedeutet nichts anderes, als dass man gerade dabei ist, etwas zu lernen. […] Fast alles ist besser, als nichts zu tun!“ (Ebenda, S. 33-34)

Zuletzt schreibt Bongartz über die Angst verletzt zu werden:
„In einer Atmosphäre von Angst und Unsicherheit ist die größte Hürde, die wir überwinden müssen, bevor wir konstruktiv handeln können, die Angst, verletzt oder getötet zu werden. In Grenzsituationen wird sie schlagartig in uns präsent und aktiviert all jene negativen Phantasien, die wir aus der Presse oder der Unterhaltungsindustrie kennen. Dass Gewalttaten mit Todesfolge die absolute Ausnahme sind, die Anzahl gefährlicher Körperverletzungen statistisch gesehen abnimmt und der Täteranteil an jungen Männern ebenfalls jedes Jahr sinkt, ist so gut wie unbekannt. […]
Nichtsdestotrotz können wir auch in Grenzsituationen unterscheiden zwischen der Angst, die uns wachsam macht und körperlich aktiviert, und jener Angst, die uns lähmt und ‚klein werden lässt‘. Letztere ist gefährlich und kann zu Panik führen, erstere zu gesteigerter Aufmerksamkeit, präziserer Wahrnehmung und erhöhter körperlicher Leistungsfähigkeit. Daher verstehe ich die Angst in erster Linie als Energie, die man zum Vorteil nutzen kann. (Ebenda, S. 34-35)

Würden Sie die Polizei rufen, wenn Sie eine eskalierende Situation miterleben? Wenn ja, ist das prima. Doch was ist, wenn die Polizei selbst der Angreifer ist? Auch diese Erfahrung gibt es, insbesondere für schwarze Menschen und People of Color, und auch in Berlin. Am Morgen des 2. September 2013 Nähe des Görlitzer Parks in Berlin sahen PassantInnen, wie zwei schwer betrunkene weiße Männer einen schwarzen Mann körperlich angriffen. Sie gingen von einem rassistischen Angriff aus und wollten die Polizei rufen. Daraufhin zückten die weißen betrunkenen Männer ihre Dienstmarken und gaben sich als Polizisten zu erkennen – und schlugen weiter auf den Mann ein. So der Bericht einer Berliner Zeitung. In den USA erschießt die Polizei im Durchschnitt alle 28 Stunden eine schwarze Person.

Zum Abschluss bleibt zu sagen:
Ralf Bongartz hat einen wichtigen Ratgeber zum Thema Gewalt im öffentlichen Raum geschrieben. Das Buch „Nutze deine Angst“ gibt gute Tipps und bleibt aufgrund des Thema lange in Erinnerung. Es enthält viele praktische Vorschläge dafür, wie es möglich ist, dass Gewaltsituationen gar nicht erst entstehen können, oder dass sie zumindest nicht eskalieren bzw. glimpflich ablaufen. Realistische Situationen aus dem Alltag werden beschrieben und analysiert. Und vor allem: Einige Personen berichteten bereits, dass ihnen dieses Buch Angst vor bedrohlichen Situationen nahm – und das ist doch schon viel wert!

Wenn Sie mehr darüber lesen wollen, wie Sie Zivilcourage zeigen können, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, lesen Sie hier weiter zu Tipps zur Zivilcourage …

Und der Hinweis zu einem Film über Zivilcourage …

Auf dass Sie immer sicher an Ihr Ziel kommen …
Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (0)

Eltern sind Leitwölfe

Montag, 18. April 2016 7:53

Kindererziehung – lieber mehr Freiheit und Selbstbestimmung für die Kinder? Oder mehr Ansagen der Eltern? Nun doch wieder etwas autoritärer – oder doch lieber antiautoritär? Oder doch etwas dazwischen? Aber wie kann das aussehen?

Wenn Sie verwirrt und überfordert sind, so sind Sie damit keineswegs allein – viele Eltern und Erziehungsberechtigte, Betreuungspersonen von Kindern sowie PägagogInnen sind ratlos bei der Fülle an sich widersprechenden Fachthesen, Erziehungstipps und Ratgeberbüchern. Eines, das aus dieser Literatur positiv hervorsticht, stelle ich Ihnen heute vor. Es heißt „Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie“, erschien 2016 im Beltz Verlag und stammt von dem auch in Deutschland sehr bekannten Familientherapeuten und Autor Jesper Juul.

Der Autor plädiert dafür, dass die Eltern die Führungsrolle in der Beziehung mit ihren Kindern und der Familie übernehmen, dabei aber liebevoll sind. Juul ist der Ansicht, dass es Kindern schade, wenn die Eltern (welcher Familienkonstellation auch immer) nicht das Ruder in die Hand nähmen, und dass „Führung“ und Autorität neu erfunden werden müsse – nicht zurück zum alten Stil, sondern in moderner Art und Weise. In seinem Buch vergleicht er die menschliche Kernfamilie mit einem Wolfsrudel; diese Metapher zieht sich durch das gesamte Buch. Es werden die unterschiedlichsten Themen und Aspekte beleuchtet (Werte bzgl. des Anführens, Macht vs. Führung, Fallgruben, Teenagerzeit …).

Jesper Juul berichtet, dass die Generation seiner Eltern noch lernte, Kinder seien unkooperativ, primitiv, unfähig zu Empathie und asozial; sie müssten an der kurzen Leine gehalten werden, um Qualitäten und soziale Kompetenzen zu erwerben. Heutiges Wissen umfasst dagegen ganz andere Einsichten:

Sie können Ihrem Kind vertrauen
“ Die […] Erkenntnis ist, dass Kinder den Verhaltensmustern ihrer Eltern entsprechend kooperieren, sich anpassen und ihr Verhalten angleichen. Das tun sie, ohne darüber nachzudenken oder zu planen, und in diesem Sinne ist es richtig, wenn man sagt, dass Kinder ganz unschuldig zu ihrem Verhalten kommen – ob dieses nun von den Eltern erwünscht oder nicht erwünscht ist.
[…] die Reaktionen von Kindern [sind] immer sinnvoll. Sie sind nie zufällig, sie sind nicht hysterisch und es steckt keine gute oder schlechte Absicht hinter ihnen. Sie sind einfach ein fundiertes Feedback für die Erwachsenen, die im Leben des Kindes die wichtigsten Bezugspersonen sind. Ähnlich wie bei Neugeborenen ist dieses Feedback manchmal schwer oder sogar unmöglich zu entschlüsseln, aber es steht immer für Kooperationsbereitschaft und für den Versuch des Kindes, für seine Familie von Wert zu sein.“   (Juul, Jesper: Leitwölfe sein. Liebevolle Führung in der Familie, S. 42)

Jedes Kind will kooperieren
„[Es geht] auch um die Erkenntnis, dass sich der Wille des Kindes, zu kooperieren oder einfach das Verhalten der Eltern (sowohl innerlich als auch äußerlich) nachzuahmen, auf zwei Arten äußern kann – manchmal kommt dabei eine direkte Kopie heraus (Papa schlägt Mama, also trage ich das nach außen und schlage meine Freunde) und manchmal eine spiegelverkehrte Kopie (Papa schlägt Mama, also verlagere ich das nach innen und werde selbstzerstörerisch.).
Den Begriff „kooperieren“ zu verwenden, ist in gewissem Sinne paradox, denn das Verhalten des Kindes ist zwar ein wertvoller und oft herausfordernder Beitrag zur Beziehung zwischen Eltern und Kind, aber es ist nicht immer das, was sich die Eltern gewünscht hätten. Nicht immer gefällt das Verhalten der Welpen den Leitwölfen. (…)“   (ebenda, S. 43)

Kinder sind widerstandsfähig
„Versuchen Sie, sich einen Moment lang vorzustellen, Sie würden mit zwei Menschen zusammenleben, die Sie lieben, denen Sie vertrauen und von denen Ihr Überleben und Ihre geistige Gesundheit vollständig abhängen. Und dann stellen Sie sich vor, dass diese Leute niemals Ihren guten Absichten vertrauen und dass sie Ihr Verhalten ständig negativ interpretieren. In einer nahen Beziehung zu leben, die so aussieht, würde die meisten gesunden Erwachsenen wahnsinnig und/oder gewalttätig machen. Kinder sind widerstandsfähiger – sie verlieren nur ihr Selbstwertgefühl und das Gefühl, eine Bereicherung für das Leben ihrer Eltern zu sein.“   (ebenda, S. 46-47)

„Leitwölfe sein“ ist ein Buch sowohl für Eltern wie auch für Pädagoginnen und Pädagogen. Viele praktische Beispiele machen die Thesen Juuls weniger theoretisch, sondern geben ihnen Alltags- und Praxisnähe. Darüber hinaus bietet das Buch viele Anregungen und Tipps. Und außerdem zeigt es, wie Erziehung heutzutage gut gelingt, und wie Verhaltensauffälligkeiten von Kindern vermieden werden können, und wie Familien gut zusammenwachsen können und wie sich Kinder im Familienrahmen gut entfalten können und wie Eltern entspannt in die Erziehung gehen können, und vieles mehr.

Wie sehen Sie den State of the Art in der Erziehung?
Kinder lernen nicht durch Erziehung, sondern durch Beziehung.
Eltern sollten für Kinder zwar wie ein Leuchtturm sein, aber nicht perfekt und fehlerfrei.
In diesem Sinne: Alles Gute für Sie und Ihre Familie
wünscht Ihnen Christa Schäfer

Übrigens: Gelingende Beziehungen halten die Welt zusammen …

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Über Väter, die gehen – und Kinder, die zurückbleiben

Montag, 11. April 2016 19:11

Manche Themen polarisieren. Eines von ihnen ist meiner Erfahrung nach das Aufwachsen von Kindern ohne einen Elternteil – in den meisten Fällen ohne den Vater. Ob und inwieweit dies dem betreffenden Kind schadet, ist Gegenstand hitziger Diskussionen – privat, in Studien, bei PolitikerInnen, medial, in Verbänden. Während die einen sagen, dass Kinder in jedem Fall beide Eltern brauchen, vertreten andere den Standpunkt, dass es für Kinder besser ist, ohne einen Elternteil aufzuwachsen – wenn bestimmte Problematiken vorliegen, die den Kindern schaden.

Heftig wird auch gestritten über das Sorgerecht, von Elternteilen, die sich getrennt haben oder im Familiengericht. Oft geht es darum, wer die „Schuld“ trage. Männerrechtsgruppen sehen sich als Opfer ihrer Ex-Partnerinnen, die ihnen ihre Kinder vorenthalten wollten. Verbände weisen darauf hin, dass es oft gute Gründe hat, wenn Frauen den Kontakt zwischen Ex-Partner und Kind(ern) ablehnen, wie zum Beispiel häusliche oder sexualisierte Gewalt in der Familie. Manche Kinder machen ihren Müttern später Vorwürfe, dass sie den Kontakt mit den Vätern unterbanden; andere erheben Vorwürfe, weil sie es als destruktiv erlebten, der Beziehung zum Vater ausgesetzt zu sein. So oder so: Zwei Millionen Kinder in der Bundesrepublik wachsen ohne ihren Vater auf. Die Gründe dafür sind vielfältig und komplex. Der zahlenmäßig häufigste Grund für die väterliche Abwesenheit im Leben der Kinder ist, dass sich ein Großteil der Väter nicht um die Kinder kümmert (keinen Kontakt aufnimmt, hält, kein sichtbares Interesse zeigt). Die Frage lautet: WARUM?

Eben diese Frage stellt sich auch Jeannette Hagen in ihrem Buch „Die verletzte Tochter. Wie Vaterentbehrung das Leben prägt“, 2015 im Scorpio Verlag erschienen. Sie erzählt autobiographisch ihre Geschichte und verknüpft diese mit Sachinformationen zu von Vätern verlassenen Kindern.

Jeanette Hagen wuchs mit Vater und Mutter auf. Sie war neun Jahre alt, als ihre Cousinen ihr sagten, dass ihr Vater nicht „ihr richtiger Vater“ sei. Dieser Moment veränderte ihr Leben. Sie fühlte sich ungewollt und schuldig. Die Frage beschäftigte sie, ob es nicht an ihr liege, wenn ihr Vater den Kontakt zu ihr ablehnte. Ihr Selbstbewusstsein litt darunter sowie auch ihre Beziehungen. Ich möchte einige Stellen aus dem Buch mit Ihnen teilen, die mich zum Nachdenken angeregt haben.

In dem Kapitel „Wohin mit der Wut?“ beschreibt Hagen, wie sich für sie mit der Lüge über ihre Herkunft die Frage stellte, ob sie überhaupt noch vertrauen könne. Der Betrug stellte alles in Frage:

„Vertrauen war nicht mehr möglich, was dazu führte, dass sich mein Alltag manchmal wie ein Tanz auf dünnem Eis anfühlte. Zum Vertrauensverlust gesellte sich zwangsläufig Wut, die sich natürlich einen Kanal suchen will. Ich hatte das Problem, dass ich die Wut aufgrund meiner Verlustangst nicht nach außen richten konnte. Also richtete ich sie gegen mich. Die Tatsache, dass offenbar mit zweierlei Maß gemessen wurde, dass man mich für meine Lügen bestrafte, die Erwachsenen aber nicht, brachte mein Bild über Gerechtigkeit nachhaltig ins Wanken.“   (Hagen: Die verletzte Tochter, S. 33)

An einer anderen Stelle wird in dem Buch die Frage aufgeworfen, ob Vaterentbehrung ein Trauma sei. Sie kommt zu dem Schluss, dass Vaterentbehrung sich in das Konzept der Traumatheorie einreihen lasse. Somit stände sie in einer Reihe mit anderen Erfahrungen, die abrupt und nachhaltig das Gefühl von Sicherheit und Vertrauen unterbrechen. Dies löse Gefühle von Hilflosigkeit und Wut aus, welche den Umgang einer Person mit Stress grundlegend beeinflussen könne. Darüber hinaus verändere sich das Bild von der Welt fundamental und beeinträchtige das Selbstbewusstsein von Menschen empfindlich.

In dem Kapitel „Viele Mosaiksteine ergeben das Bild“ konstatiert Hagen, dass der abwesende oder fehlende Vater nur ein Baustein in einem vielschichtigen Bild sei. Dennoch stelle seine Abwesenheit einen entscheidenden Einfluss auf bestimmte wesentliche Häufungen von Problemen dar. Hagen schreibt zu der Verarbeitung dieser Erfahrung:

„Entscheidend für die Verarbeitung der Vaterentbehrung ist neben dem Umfeld und anderen Erfahrungen vor allem, wie die Mutter oder andere Angehörige über den Vater sprechen, und ob das, was das Kind hört, auch mit seiner Wahrnehmung und seinem Erleben übereinstimmt. Kinder haben sehr feine Antennen und leiten sehr viel ab aus dem, was sie sehen und intuitiv wahrnehmen. Stimmt das, was über den Vater erzählt wird, nicht mit dem überein, was das Kind aus Gebärden, aus der Körpersprache und den ‚Schwingungen‘ entnimmt, dann führt das zu Irritationen. Diese schreibt das Kind aber nicht den Erwachsenen zu, denn diese haben ja die ‚Wahrheitshoheit‘. Nein, es zweifelt an seiner eigenen Wahrnehmung.“   (ebenda, S. 5)

Nicht nur Eltern verlassen ihre Kinder. Manchmal gehen auch (erwachsene) Kinder aus dem Leben ihrer Eltern. Mehr dazu in dem oft kommentierten Blogartikel Wenn Kinder den Kontakt abbrechen.

Ich kann mir vorstellen, dass auch das Buch „Die verletzte Tochter“ das Potential zum Polarisieren hat. Jeannette Hagen stellt die Situation dar, als Kind von ihrem Vater verlassen worden zu sein. Es gibt jedoch auch erwachsene Kinder von abwesenden Vätern (und seltener Müttern), die dies nicht als großes Problem in ihrem Leben betrachten, die sagen, dass ihnen nichts fehle, und es besser war, keinen Vater in ihrem Leben zu haben als einen „schlechten“. Und es gibt andere Kinder (jüngere wie auch erwachsene), welche schreckliche Erfahrungen mit ihren Vätern (oder Müttern) gemacht haben und sich gewünscht hätten, ohne diese aufzuwachsen; und es gibt Erwachsene, die sagen, dass die Anwesenheit ihrer Eltern (oder einem Elternteil) ihr Leben zerstört habe oder ihnen ein glückliche Kindheit in jedem Fall überaus schwer gemacht haben.

Vielleicht ist es gut zu sehen, dass es nicht ein Entweder-Oder sein muss, sondern dass es ein breites Spektrum gibt an Möglichkeiten, und dass die einen Erfahrungen nicht gegen die anderen aufgewogen werden können; dass alle stehen bleiben dürfen und ihre Berechtigung haben. So machen die guten Erfahrungen, die Kinder ohne Vater hatten, nicht die Trauer wett ohne Vater aufgewachsen zu sein; und umgekehrt empfinden nicht alle ohne Vater aufgewachsenen Kinder gleich. Und dann gibt es auch Familien, die nicht aus Vater und Mutter bestehen, sondern in denen andere Modelle gelebt werden. Wichtig ist meiner Ansicht nach weniger die entsprechende Familienkonstellation, sondern ob die Kinder Liebe, und Aufmerksamkeit erhalten.

In jedem Fall beleuchtet Hagen ein wichtiges Thema, das kein Einzelschicksal ist, und sie tut dies auf eine sehr persönliche und berührende Art und Weise. Sie ist dabei selbstkritisch und reflektiert von verschiedenen Gesichtspunkten aus. Neben der spannend geschriebenen eigenen Geschichte präsentiert sie Theorien, Fakten und Erkenntnisse durch sorgfältige Recherche. Damit ist das Buch nicht nur autobiographisch ansprechend, sondern auch ein überaus informatives Sachbuch.

Lesen Sie hier einen Zeitungsarikel über Jeannette Hagen und verlassene Kinder.

Eine gute Woche
wünscht Christa Schäfer

Thema: Familienmediation, Konflikte, Literaturempfehlungen | Kommentare (0)

Krisenkommunikation – die neue Ausgabe der Zeitschrift „Die Mediation“

Montag, 4. April 2016 12:21

Das neue Heft der (Wirtschafts-)Mediation ist da – die erste Ausgabe in diesem Jahr. Genau genommen wurde „Die Wirtschaftsmediation“ umbenannt in „Die Mediation“. Dieser Titel bzw. die Änderung zeigt, dass die außergerichtliche Konfliktlösung demnächst in ihrer gesamten Breite dargestellt werden soll. Herzlichen Glückwunsch und gutes Gelingen von mir zu diesem Schritt der Neuausrichtung der Zeitschrift !!

Die jetzige Ausgabe von „Die Mediation“ kümmert sich um „Krisenkommunikation“ mit folgenden Beiträgen:

  • Die zehn entscheidenden Erfolgsfaktoren in der Krisenkommunikation
  • Der Anfang vom Ende – Fehlverhalten in Krisensituationen
  • Kommunikation wenn’s blitzt und kracht
  • Leipziger Impulsgespräch: Let’s talk about Sex – aber wie?
  • Krisenmanagement im Sport: Abwiegeln, Schweigen, Ausgrenzen

Nicht im direkten Schwerpunkt und dennoch sicherlich absolut lesenswert die folgenden weiteren Themen und Beiträge:

  • Zeitoptimierte Klärung: Arbeitsfähig in drei Stunden
  • Mediator, Unternehmer und Verkäufer zugleich
  • Bund-Länder-Finanzbeziehungen – Ende im Streit absehbar?
  • Mediationskostenhilfe durch die Hintertür?

Sie können auf der Homepage www.die-mediation.de der Zeitschrift im Blog auch stets weitere Informationen, Studien und aktuelle Fachartikel abrufen.

Momentan besonders interessant: Eine 55-seitige Sonderausgabe der Zeitschrift kostenfrei aus Anlass ihres 3-jährigen Bestehens. Schauen Sie dazu bitte hier …

Ich wünsche Ihnen eine gute Kommunikation – innerhalb von Krisen und außerhalb derselben. Alles Gute von
Christa Schäfer

Lesen Sie mehr über frühere Ausgaben und Artikel der Zeitschrift:
Gute Kommunikation und gelingendes Konfliktmanagement in der Familie
Das Empty Nest Syndrom
Mediation und Führung
Risiken und Schutzfaktoren bei Trennungs- und Scheidungskinder

Thema: Literaturempfehlungen | Kommentare (0)

Sprechsport zu Ostern

Sonntag, 27. März 2016 7:26

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Ostern ist Hasenzeit!

Und ohne noch mehr Worte zu verlieren:

 

 

Scan eines Reprints von Gustav Süs

Fabel: Der Hase und der Igel

Der Hase und der Igel, die schlossen eine Wett‘,
wer schneller wohl könnt‘ laufen und wer mehr Puste hätt‘.
Am nächsten Morgen frühe, da sollt‘ der Wettlauf sein,
vorm Tor von Buxtehude, wohl über Stock und Stein.
Der Has‘ sprang aus dem Startloch und stürzte blindlings los,
er rannte wie ums Leben, in Sätzen riesengroß.

Durch Klee und Kartoffeln
mit flinken Pantoffeln,
durch Kohl und Karotten
mit fliegenden Zotten,
durch Rüben und Roggen
mit sausenden Socken,
durch Felder und Koppeln
und Dornen und Stoppeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen
und immer nicht eilig genug.

Am Ziele angekommen, wischt‘ er sich Aug‘ und Ohr:
Da saß doch schon der Igel und grunzt‘: „Ick bün all dor!“
Nur Stacheln sah der Hase, nur Stacheln grau in grau.
Dabei ist ihm entgangen: Das war des Igels Frau!
Der Hase keuchte wütend: „Du hattest diesmal Glück!
Nun bleibt dir keine Chance. Auf geht’s, die Bahn zurück!“

Durch Dornen und Stoppeln
und Felder und Koppeln,
mit sausenden Socken
durch Rüben und Roggen,
mit fliegenden Zotten
durch Kohl und Karotten,
mit flinken Pantoffeln
durch Klee und Kartoffeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen
und immer nicht eilig genug.

Am Ziel erschrak der Hase und wischt‘ sich Aug‘ und Ohr:
Da saß doch schon der Igel und grunzt‘: „Ick bün all dor!“
Nur Stacheln sah der Hase, die blickt‘ er ratlos an,
dabei ist ihm entgangen: Das war der Igelmann!
Der Has‘ konnt‘ nicht ertragen, dass man ihn überbot.
Er lief noch viele Male und hetzte sich zu Tod!

Durch Klee und Kartoffeln
mit flinken Pantoffeln,
durch Kohl und Karotten
mit fliegenden Zotten,
durch Rüben und Roggen
mit sausenden Socken,
durch Felder und Koppeln
und Dornen und Stoppeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen,
zurück durch die Stoppeln
und Felder und Koppeln,
mit sausenden Socken
durch Rüben und Roggen,
mit fliegenden Zotten
durch Kohl und Karotten,
mit flinken Pantoffeln
durch Klee und Kartoffeln,
ein Laufen und Wetzen,
ein Schnaufen und Hetzen …
Padauz! Jetzt hatt‘ er genug!

Die Igel aber lachten, gestreckt ins Sonnenbad:
„So geht’s halt, wenn es einer nur in den Beinen hat.
Wer sich aufs kühle Köpfchen und heißen Tee versteht,
der weiß, wie er zum Ziele auf kurzem Wege geht!“

(Winter, Georg und Puchalla, Dagmar: Sprechsport. Mit Aussprache, Ausdauer- und Auftrittstraining, S. 236 – 237)

Dieses Gedicht stammt aus dem Buch Sprechsport. Mit Aussprache, Ausdauer- und Auftrittstraining“ von Georg Winter und Dagmar Puchalla, in der zweiten überarbeiteten und erweiterten Auflage 2015 im Beltz Verlag erschienen.

Die Geschichte vom Hasen und dem Igel ist ein volkstümlich überliefertes Märchen, zuerst 1840 von Wilhelm Schröder im Hannoverschen Volksblatt veröffentlicht und dann 1843 von den Gebrüdern Grimm in die Kinder- und Hausmärchen aufgenommen.

Schröder lässt die Geschichte auf der Buxtehuder Heide stattfinden. Und tragisch endet sie, die Geschichte von dem Igel (dem „kleinen Mann“, der in der Nähe seines Hauses die Rüben verspeist und sie darum auch als die seinen betrachtet) und dem Hasen (einem feinen Herr, der grausam hochfahrend ist) – kurz: dem schlauen Bauern und dem unsympathischen Großgrundbesitzer im schönen Buxtehude.

Jetzt aber ein weiterer Aspekt: Hätten Sie gewusst, dass in der obigen Reim-Fabel ganz oft das Endungs-E vorkommt und dies kein vollstimmiger Vokal ist, sondern ein schwachtoniger Laut? Ich nicht – bis zum Durchstöbern des Buches „Sprechsport“! Und das Gedicht ist nur eines von sehr vielen (meistens deutlich kürzeren), die das Buch bereithält. Es sind Übungen zum Aussprechen, zum Laute bilden und für die klare Artikulation. Zungenbrecherische Übungen und Gedichte, die Spaß machen und mit denen sich Aussprache und Stimme leicht trainieren lässt. Darüber hinaus gibt es viele Tipps für die Körperhaltung, Körpersprache, für die Stimme, den Atem sowie zumThema Emotionen wie auch Stress.

Gerade auch bei der Mediation kommt es auf die Stimme an. Daher ist es in jedem Fall vorteilhaft, die eigene Stimme immer wieder und ausdauernd zu trainieren. Dieses Buch bietet einen guten und humorvollen Ansatz dazu und ist darum wärmstens zu empfehlen.

Frohe Ostern wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Thema: Konflikte, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen | Kommentare (0)

Kinder können sich nach der Trennung ihrer Eltern nicht zweiteilen – und das sollen sie auch nicht

Montag, 21. März 2016 22:44

„Das doppelte Lottchen“ von Erich Kästner erschien 1949 und war eines der ersten, welches Scheidung thematisierte und die Perspektive von Kindern darauf in den Mittelpunkt rückte. In einer Szene des Buches sagt Lottes Lehrerin zu Frau Körner (Luises und Lottes Mutter), dass verheiratete Frauen ihre Männer zu wichtig nähmen. Dabei sei nur eines wesentlich: das Glück der Kinder! Worauf Frau Körner antwortet: „Glauben Sie, dass meine Kinder in einer langen, unglücklichen Ehe glücklicher geworden wären?“

Fast siebzig Jahre später ist ebendiese Frage noch immer brandaktuell. Nicht nur in Online-Foren gibt es hitzige Diskussionen darüber, was gut für Kinder ist, wie schmerzhaft eine Trennung ihrer Eltern, ob Scheidungskinder anders durch das Leben gehen und Beziehungen führen als Menschen, deren Eltern zusammenbleiben, und natürlich – wie sich Eltern nach der Trennung verhalten sollten, wer die „Schuld“ trägt am Nicht-Kontakt zwischen einem Elternteil und den Kindern usw.

Ich möchte für diesen Zusammenhang ein Buch vorstellen, das sich an Väter richtet und dafür plädiert, dass diese Verantwortung für ihre Kinder übernehmen – auch nach der Trennung. Das Buch heißt „Stark und verantwortlich – Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen“, ist von den Autoren Eberhard Schäfer und Marc Schulte geschrieben und erschien als 3. Auflage 2015 im Pinguin Druck.

Dies Buch bedient keine maskulinistischen Väterrechtsnarrativen. Die Autoren machen immer wieder klar, dass es um Wege der Verständigung und Kooperation mit der Mutter der Kinder geht und nicht um einen Krieg um die Kinder – es ist also kein Ratgeber gegen Mütter! Sehr gut fand ich, dass die Interessen von Kindern immer wieder in den Mittelpunkt gestellt werden und es nicht in erster Linie um die Kränkung des Vaters in seiner Beziehung geht, sondern darum, wie ganz praktisch der Kontakt zwischen den Eltern aussehen sollte und was sich Kinder von ihren getrennten Eltern wünschen.

Die Autoren stellen zunächst verschiedene Modelle vor, die Familien leben können nach einer Trennung: das Residenzmodell, das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell, das Nestmodell oder die Familien-WG. Das Residenzmodell bezeichnet, dass das Kind/die Kinder hauptsächlich bei einem Elternteil (i.d.R. der Mutter) leben und jedes zweite Wochenende beim anderen; Feiertage werden aufgeteilt. Das Doppelresidenzmodell/Wechselmodell dagegen sieht vor, dass das Kind/die Kinder z.B. eine Woche beim einen, die andere Woche beim anderen Elternteil leben. Beim Nestmodell wohnen die Kinder an einem festen Lebensort (dem „Nest“), und die getrennten Eltern nutzen dieses abwechselnd mit den Kindern. Zuletzt wird eine Familien-WG vorgestellt, in der die Eltern mit den Kindern zusammen wohnen, aber getrennt sind, das Ganze funktioniert wie in einer WG. Das Buch macht auch Vätern Mut, die in anderen Städten als ihre Kinder wohnen, und es wird gezeigt, dass viele Kinder mit Bahn, Bus oder Flugzeug reisen, um das eine Elternteil zu sehen, und dass Kontakt auch über räumliche Distanz gehalten werden kann.

Wie erwähnt, stehen die Kinder in diesem Ratgeber im Mittelpunkt. Dazu folgenden Ausschnitt:

„Das Kind im Blick: Was mildert die Zerissenheit des Kindes?
Trennungen gehen an Kindern nicht spurlos vorüber. 70 Prozent aller Kinder zeigen psychische Reaktionen auf die Trennung ihrer Eltern. Hier einige Zahlen zu den kurz- und mittelfristigen Auswirkungen von Trennungen auf Kinder:
37 Prozent reagieren mit depressivem Verhalten, Ängsten und schlechteren Schulleistungen,
20 Prozent reagieren mit psychosomatischen Beschwerden wie Kopfschmerzen, chronischen Magen-und Darmstörungen oder Hautausschlag,
13 Prozent reagieren mit aggressivem Verhalten, Wutanfällen und Lügen,
30 Prozent aller Kinder zeigen keine sicht- oder messbaren Reaktionen auf die Trennung der Eltern.

Wenn es den Eltern nach der Trennung gelingt, ein gutes Elternteam zu bleiben bzw. zu bilden und sich gemeinsam um ihre Kinder zu bemühen, verschwinden diese Folgen meist innerhalb eines Jahres. Kinder können sich relativ rasch auf die neue Situation einstellen, vorausgesetzt, den Eltern gelingt es, ein neues Miteinander zu finden. Das Drama vieler Kinder ist nicht, dass Mama und Papa sich als Paar trennen, sondern, wenn in Folge der Trennung ein Elternteil sich von den Kindern zurückzieht oder vom anderen Elternteil herausgedrängt wird – und wenn die Eltern im Streit verharren.

Für ihr Kind wirkt es entlastend, wenn es erlebt, dass seine Eltern sich nicht seinetwegen streiten, dass sie respektvoll miteinander umgehen und sich darum bemühen, dass es dem Kind gut geht.“   (Schäfer, Eberhard & Schulte, Marc: Ein Ratgeber für Väter nach Trennungen, S. 61)

Ganz besonders berührend fand ich die „Zwanzig Bitten von Kindern an ihre getrennten Eltern“. Einige davon möchte ich hier mit Ihnen teilen:

1. Vergesst nie: Ich bin das Kind von euch beiden. Ich habe zwar jetzt einen Elternteil, mit dem ich vielleicht öfter zusammen bin und und der die meiste Zeit für mich sorgt. Aber ich brauche den anderen genauso.
2. Fragt mich nicht, wen von euch beiden ich lieber mag. Ich habe euch beide gleich lieb. Macht den anderen also nicht schlecht vor mir. Denn das tut mir weh.
4. Redet miteinander wie erwachsene Menschen. Aber redet. Und benutzt mich nicht als Boten zwischen euch – besonders nicht für Botschaften, die den anderen wütend oder traurig machen.
5. Seid nicht traurig, wenn ich zum anderen gehe. Der, von dem ich weggehe, soll auch nicht denken, dass ich es in den nächsten Tagen schlecht habe. Am liebsten würde ich ja immer bei euch beiden sein. Aber ich kann mich nicht in zwei Stücke reißen – nur weil ihr unsere Familie auseinandergerissen habt.
8. Gebt mich nicht wie ein Paket vor der Haustür des andern ab. Bittet den anderen für einen kurzen Moment rein und redet darüber, wie ihr mein schwieriges Leben einfacher machen könnt. Wenn ich abgeholt oder gebracht werde, gibt es kurze Momente, in denen ich euch beide habe. Zerstört das nicht dadurch, indem ihr euch anödet oder zankt.
13. Einigt euch fair übers Geld. Ich möchte nicht, dass einer von euch viel Geld hat – und der andere ganz wenig. Es soll euch beiden so gut gehen, dass ich es bei euch beiden gemütlich habe.   (ebenda, S. 61 f.)

Um noch einmal auf Erich Kästner zurückzukommen, in seiner Autobiographie „Als ich ein kleiner Junge war“ beschreibt er, wie er als Kind vor der Bescherung an Weihnachten Angst hatte. Seine Eltern waren zwar nicht getrennt, aber in ihrer Liebe zu ihm waren sie aufeinander eifersüchtig, und sie versuchten sich in den Geschenken für ihn gegenseitig zu überbieten. Er musste immer bedacht sein, beide Elternteile gleich glücklich anzulächeln, obwohl ihm eher zum Weinen war. Kästner schreibt, wie er als Kind im ewigen Pendelverkehr zwischen seinen Eltern stand, sich zur rechten und linken Tischhälfte hin gleich freuen musste, nirgends zu lange, nirgends zu flüchtig.

Nun spielten sich die beschriebenen Szenen zwar im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ab. Aber als ich den „Ratgeber für Väter nach Trennungen“ las – insbesondere die 20 Bitten an Eltern – , da dachte ich, dass sich manches eben doch nicht so schnell ändert wie es erforderlich wäre. Das heißt – geändert hat sich bei vielen getrennten Familien schon einiges. Aber das geht eben nicht automatisch! Dafür müssen Eltern zunächst erkennen, dass ihr Verhalten gegen ihre/n (Ex-)PartnerIn auch ihre Kinder verletzt, anschließend folgt die Einsicht der Änderung und die Änderung selbst. Nicht einfach, aber es lohnt sich. Ihre Kinder werden es Ihnen danken. Helfen kann Eltern dabei dieses Buch, und gerade die Interviews mit Vätern machen z.B. die unterschiedlichen Wohnmodelle und ihre Vor-und Nachteile greifbarer und weniger theoretisch.

Ungewöhnlich und schön ist, dass das Buch allen Beteiligten wertschätzend begegnet und verschiedene Positionen in den Blick nimmt, also auch keine Stimmung gegen Mütter/Ex-Partnerinnen macht. Das Buch kann also auch Müttern empfohlen werden. Es lässt sich schnell und gut lesen, ist übersichtlich, gut verständlich und strukturiert geschrieben und zeichnet sich vor allem durch seine Praxisnähe aus.

Viel Erkenntnisgewinn und alles Gute auf Ihrem Weg wünscht Ihnen
Christa Schäfer

Lesen Sie mehr zu Trennungs- und Scheidungskindern …

Thema: Allgemein, Familienmediation, Kommunikation, Konfliktlösung, Literaturempfehlungen | Kommentare (0)

Überraschende Hintergründe von kindlichen Problemen

Montag, 14. März 2016 7:14

Erziehungsmethoden haben sich massiv verändert in den letzten Jahrzehnten. Die autoritäre Erziehung und auch die antiautoritäre Erziehung wurden endlich von anderen und geeigneteren Pädagogik-Stilen abgelöst – was keineswegs bedeutet, dass nicht immer noch viele Kinder autoritär oder anti-autoritär aufwachsen.

Es gibt viele Bücher zum Thema Erziehung, es gibt Webseiten und Informationen im Internet. Dennoch gibt es weiterhin Eltern, die überfordert sind und dennoch gibt es weiterhin Eltern-Kind-Beziehungen, die misslingen. Deshalb möchte ich heute gerne über ein Buch berichten, das sich aus systemischer Sicht mit Erziehungsproblemen beschäftigt. Es heißt „Was unseren Kindern wirklich hilft. Unterstützung bei sozialen Problemen und Krankheiten“. Autor ist Thomas Schäfer, Heilpraktiker Psychotherapie mit Schwerpunkt Familienaufstellungen, im Scorpio Verlag erschien das Buch 2015.

Der systemische Blick fördert oft hilfreiche Erklärungen für Erziehungsprobleme zutage. Thomas Schäfer schärft dafür den Blick und zeigt, dass Erziehungsprobleme durch systemische Aufstellungsarbeit „gelöst“ werden können. Seine Kernthesen ist die Folgende:

„Wie gesagt, sehnen Kinder sich nach starken Eltern, die ihnen Grenzen setzen, denn Grenzen verleihen Sicherheit. Falls Eltern sich stattdessen, wie heute oft zu beobachten, ihren Kindern unterordnen, ihnen sofort jeden Wunsch erfüllen und sie wichtige Familienfragen entscheiden lassen, dann werden die Kinder psychisch unsicher. Wenn Kinder in der Schule und Elternhaus sich alles erlauben dürfen und keine Konsequenzen für problematisches Verhalten erfahren, ‚testen‘ sie die Grenzen der Eltern immer intensiver und ‚brutaler‘. Mit ihrer Wut ’schreien‘ sie förmlich danach, endlich starke Eltern zu haben.“   (Thomas Schäfer: Was unseren Kindern wirklich hilft, S. 79)

In diesem Zusammenhang gefiel mir diese Aussage besonders gut:

„Kinder gehören sich selbst – Eltern auch
Auf den vorangegangenen Seiten haben wir erfahren, welche Folgen es für den Einzelnen und die Gesellschaft hat, wenn Eltern sich vor Kindern kleinmachen. Damit kein falsches Bild entsteht, muss aber auch aufgezeigt werden, dass Eltern in keinster Weise über Kinder ‚verfügen‘ dürfen. Kinder sind nicht der ‚Besitz‘ der Eltern – sie gehören sich selbst! Umgekehrt gehören auch die Eltern in erster Linie sich selbst. Eltern haben eine Verpflichtung, ihr eigenes Leben und ihre eigenen Bedürfnisse nicht zu vergessen.“   (ebenda, S. 52)

Thomas Schäfer nutzt in der Praxis seiner Familienaufstellungen Papierschreiben oder Holzfiguren. Seiner Erfahrung nach ist die systemische Arbeiten mit Menschen in einer Gruppe wesentlich intensiver als die Arbeit mit Holzfiguren. Er sagt jedoch auch, dass Kindern eine Gruppe Erwachsener nicht zugemutet werden kann. Die Einfühlung in die Holzfiguren gelingt Kindern – seiner Erfahrung nach – sehr leicht, und er fügt hinzu: „Es erübrigt sich wohl der Hinweis, dass es nie gut sein kann, wider besseren Wissens, gutgläubig und ohne eigene Prüfung dem Wort oder dem Rat eines anderen zu folgen, unabhängig davon, welche Methode er auch angewandt haben mag.“   (ebenda, S. 18)

In Bezug auf Familienaufstellungen präsentiert Thomas Schäfer überraschende Erklärungen für Probleme, mit denen sich Kinder und deren Eltern konfrontiert sehen. Folgendes kann Schäfer zufolge zum Beispiel ein möglicher familiärer Hintergrund zu sozialer Isolierung im Schulkontext sein:

„Wenn Kinder in der Schule Mobbingopfer werden, sieht man in den Familien verschiedene Hintergründe. Am häufigsten erlebe ich, dass das Kind ständig zwischen den Eltern ‚vermitteln‘ muss. Auf diese Weise wird es ‚groß‘ und mutiert zum ‚Schiedsrichter‘. Im Kindergarten und dem Klassenverband wird dem Kind sehr schnell auf unangenehme Weise gezeigt, dass es hier nicht mehr allen anderen sagen kann, wo es langgeht.
‚Moderator‘ der elterlichen Beziehung zu sein ist eine Überforderung des Kindes und bringt es in falsche Rollenbilder. Eltern sollten ihre Probleme allein oder mit Unterstützung eines professionellen Helfers lösen, nicht mithilfe des Kindes.“   (ebenda, S. 82)

Auch zur extremen Wut eines Kindes führt Schäfers überraschender Blick:

„Oft hat die Kinderwut mit der Dynamik zwischen den Eltern und ihrem ‚Vorleben‘ zu tun. Wie wir in den Abschnitten über Neurodermitis, Asthma und Allergien noch sehen werden, können sich Kinder, die mit einem früheren Partner der Eltern verbunden sind, dem gleichgeschlechtlichen Elternteil oft nicht richtig öffnen. Hat beispielsweise ein Mann seine frühere erste Freundin geschwängert und dann sitzengelassen, wird oft eines seiner Kinder (aus der späteren Beziehung) genau diese Wut der Fremden übernehmen und sie den Eltern gegenüber ausdrücken. Die Wut wird aufgelöst, indem der Vater sich seiner früheren Beziehung stellt und Verantwortung übernimmt. Das Kind braucht dann nicht mehr die Wut der früheren Freundin des Vaters auszudrücken.“   (ebenda, S. 77)

Als letztes Beispiel möchte ich auf Kontaktabbruch zwischen Kindern und Eltern eingehen. Hierzu steht im Buch:

„Erwachsen gewordene Kinder brechen nicht selten den Kontakt zu ihren Eltern ab, wenn diese sie sexuell oder ‚energetisch‘ missbraucht haben. Unter ‚energetischem Missbrauch‘ verstehe ich den Umstand, dass Eltern ihr Kind als ‚Ersatzpartner‘ benutzen und über das Kind ihren Selbstwert definieren. Kinder nehmen auch von ihren Eltern Abstand, wenn diese ihnen gegenüber gewalttätig waren oder ihnen den anderen Elternteil vorenthalten haben. […]
Wenn Kinder sich jedoch entschlossen haben, die Eltern zu hassen und ihnen den Tod zu wünschen, müssen Eltern Abstand von den Kindern halten. Sie können der freiwilligen Entscheidung der Kinder nur zustimmen, so schmerzhaft es auch sein mag. […]
Kinder brechen den Kontakt zu Eltern oft auch ab, wenn diese sich zu sehr in ihr Leben eingemischt haben und sie ihnen etwas nicht verzeihen können. Eine Tochter brach den Kontakt zu den Eltern als Neunzehnjährige ab, nachdem diese sie mit siebzehn Jahren zu einer Abtreibung gezwungen hatten. Die Tochter konnte den Eltern das nicht verzeihen.“   (ebenda, S. 84-85)

Das Buch zeigt, wie Familiensysteme wirken und was eine „richtige“ Haltung gegenüber Kindern aber auch gegenüber Eltern bewirken kann. Ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Herzliche Grüße, Ihre Christa Schäfer

Hier können Sie mehr lesen über den Kontaktabbruch von erwachsenen Kindern zu ihren Eltern. Und hier der Hinweis zu einem weiteren praktischen Erziehungsratgeber und zum Thema Aggression von Kindern und Jugendlichen: Wenn Lukas haut

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Wie sich Verlassenheit auf Konflikte auswirken kann

Dienstag, 8. März 2016 19:06

Kürzlich stieß ich auf ein Buch zum Thema Beziehungsschwierigkeiten, das ich Ihnen heute gerne vorstellen möchte. Es heißt „Liebeskrisen. Verletzte Gefühle heilen – Beziehungsprobleme lösen“, geschrieben von Dr. med. Daniel Dufour und 2015 in Erstauflage im mankau Verlag erschienen.

„Wer sich als Kind verlassen gefühlt hat, trägt in späteren Beziehungen die Angst in sich, erneut verlassen zu werden – er fühlt sich nicht wirklich wert, geliebt zu werden, kann sich oft gar nicht wirklich auf eine Partnerschaft einlassen, braucht aber immer neue Liebesbeweise. Probleme und Krisen sind vorprogrammiert. Daher müssen wir lernen, unsere ‚Denke‘ auszuschalten, die uns von der Gegenwart, von uns selbst und unseren Gefühlen abschirmt. Und wir müssen lernen, im Hier und Jetzt zu leben, uns selbst zu erkennen und zu lieben – dann ist auch ein offener, respekt- und liebevoller Umgang mit dem Partner möglich.“, so Dufour.

Im Buch „Beziehungsprobleme lösen“ von Dufour werden wichtige Themen wie die Angst vor dem Alleinsein, die Angst, sich an einen Partner zu binden, die emotionale Abhängigkeit, das Gefallen wollen um jeden Preis u.a. vorgestellt. Zentral ist in allen Kapiteln das Thema der „Verlassenheit“, die meist bis tief in die Kindheit zurückreicht. Als Mediatorin interessieren mich natürlich Dufours Gedanken zu Konflikten, und daher habe ich insbesondere diese Kapitel mit großem Interesse gelesen.

An Verlassenheit leidende Personen neigen häufiger dazu, Konflikten aus dem Weg zu gehen. Dadurch hoffen sie dem zu entgehen, wovor sie die größte Angst haben – nämlich verlassen zu werden.

„[Pauline] war der Meinung, dass es gute Gründe dafür gab, wütend zu sein. Doch Pauline hatte gelernt, dass es nichts bringt, seine Wut auf einen anderen Menschen zum Ausdruck zu bringen. Stattdessen ‚muss man sich zurückhalten, um die gute Stimmung wiederherzustellen‘. Damit fuhr sie besser und konnte so feststellen, dass dieser Ansatz der richtige war.
So etwas hört man häufig von denen, die alles tun, um Konflikten aus dem Weg zu gehen: Sie konnten austesten, dass es nichts bringt, andere mit der eigenen Wut zu konfrontieren. Es ist besser, sie für sich zu behalten. Wir können dieser Formulierung und diesem Vorgehen nur zustimmen, vorausgesetzt, dass der Betroffene sich zugesteht, seine Wut allein für sich auszuleben, um die Anspannung loszuwerden, die durch das Blockieren der Wut entsteht. Meist jedoch behält der Angegriffene seine Emotionen für sich, weil er sich sagt, er wolle den Anderen nicht kränken oder im Gegenzug die Wut des Anderen zu spüren bekommen, was sich in seiner Vorstellung zu einer Spirale der Gewalt auswächst. Welche Befürchtung steckt wirklich hinter der Weigerung, seine Wut auszuleben? Einmal mehr die Angst, verlassen zu werden, obwohl sie dem Betroffenen meist völlig unbewusst ist.“   (Daniel Dufour: Liebeskrisen. S. 103-104)

Folgen sind bei Pauline Erschöpfung, Schlaflosigkeit, Konzentrationsschwäche und der Verlust des Selbstvertrauens.

„Es ist von größter Wichtigkeit […] zu verstehen, […] was ihr Körper ihr sagen will. Er bestraft sie nicht, weil sie den falschen Weg genommen hat, sondern lenkt ihre Aufmerksamkeit auf etwas, das wir wie folgt zusammenfassen könnten: ‚Du achtest und liebst dich gerade selbst nicht.‘ Unser Körper ist kein Lehrer und kein Moralist. Er steht uns zur Verfügung, um unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, ob wir uns achten oder nicht. Im ersten Fall sind wir entspannt, im zweiten angespannt. So einfach ist das. Außerdem sind wir rund um die Uhr mit ihm zusammen. Und das bedeutet, dass wir in jedem beliebigen Augenblick wissen können, ob wir uns respektieren oder nicht.“   (ebenda, S. 105)

Manchmal braucht ein Verlassener den Konflikt, um sich bestätigt zu fühlen und sich davon zu überzeugen, dass er nicht wegen der Schwäche, die er in sich trägt, verlassen werden kann.

Nach einem Fallbeispiel über ein Paar, in dem beide Teile unbewusst ihre Verlassenheit in heftigem Streiten ausdrücken, heißt es:

„Der Werdegang der beiden zeigt, was im Grunde alle Verlassenen erleben: Angst, Schuldgefühle und die Unmöglichkeit, sich so zu zeigen, wie man wirklich ist. Denn zu enthüllen, dass man nicht liebenswert ist, führt unvermeidlich zu neuer Zurückweisung, und davor fürchten sich die Verlassenen. Diesen Teufelskreislauf zu durchschauen, ist kein leichtes Unterfangen; es ist ein bemerkenswerter Schritt nach vorn, der viel Mut erfordert. Es ist nämlich schwierig, sich darüber klar zu werden, wie falsch das eigene Verhalten ist. Es kann bei jeder weiteren Begegnung dazu führen, die gleichen Fehler und Fehlschläge zu produzieren, selbst wenn sich die Herangehensweise ändert. Jedes Mal merkt der Verlassene, dass es ihm nicht gelingt, sein Ziel zu erreichen, mit einem anderen Menschen glücklich zu sein und gelassen mit ihm zu leben. Er arbeitet für oder gegen den Anderen. Genaugenommen positioniert er sich nur in Bezug auf diesen Anderen und vergisst sich dabei völlig. So erntet er, was er selbst gesät hat: einen Mangel an Respekt und Liebe. Diese Erkenntnis ist schmerzhaft, doch ohne sie gibt es keine Genesung.“   (ebenda, S. 119)

Dufour hat die OGE-Methode entwickelt, die dabei hilft, unsere Eigenständigkeit und damit auch die Person, die wir wirklich sind, zu bewahren oder wiederzufinden. Soweit so gut – ich hoffe, dass ich Sie neugierig machen konnte. Das Buch lässt sich gut lesen und der Inhalt ist sowohl für am Thema Interessierte als auch für Fachkräfte aussagekräftig und spannend.

Hier ein Interview zwischen Verlag und Autor zu Verlassenheit und Selbstliebe.

Dass auch Sie, liebe Leserin und lieber Leser Teufelskreise begreifen, unterbrechen und mutig neue Schritte wagen können, wünscht Ihnen von Herzen Christa Schäfer

Thema: Familienmediation, Konflikte, Literaturempfehlungen | Kommentare deaktiviert für Wie sich Verlassenheit auf Konflikte auswirken kann