Beiträge vom September, 2008

Sind Probleme und Konflikte das Gleiche?

Montag, 22. September 2008 10:02

Vor einiger Zeit bin ich gefragt worden, ob Probleme und Konflikte das Gleiche sind. Ich konnte nicht sofort antworten, sondern habe mich auf die Suche begeben. Dabei bin ich auf das Buch “Einführung in die Mediation” von Joseph Duss-von Werdt gestoßen, der Probleme und Konflikte folgendermaßen unterscheidet:

Der Begriff „Problem“ kommt vom griechischen problema = Hindernis, Schutzwall, Mauer. Er bezeichnet ein sachliches Hindernis, einen umstrittenen Sachverhalt und bezieht sich auf Sachinhalte.

Der Begriff „Konflikt“ kommt vom lateinischen confligere = zusammenschlagen, streiten, kämpfen. Ein Konflikt ereignet sich auf der Beziehungsebene, wenn Personen oder Gruppen aneinandergeraten, sich die Köpfe einhauen usw. Bei nahen Beziehungen wie im Familienkontext sind die Beteiligten an einem Konflikt persönlicher und direkter betroffen als in weitläufigeren Beziehungsstrukturen.

Konflikte werden häufig verfremdet und dann über Probleme ausgetragen. Es geht beispielsweise bei einer Trennungs- und Scheidungsmediation dann nicht um die Klärung der Beziehung zueinander, sondern es geht darum, wer das alte Erbstück von Tante Erna bekommt.

Auch Probleme werden über Konflikte ausgetragen. Wenn ein Gegenstand oder eine Ressource knapp oder nur ein Mal vorhanden ist, so kann es durchaus Streit oder Krieg zwischen Personen oder Personengruppen deswegen geben.

Mediation ist nach Duss-von Werdt vermitteltes Verhandeln bei Problemen und Konflikten. Mediation löst primär Probleme und erst sekundär Konflikte.

Gute MediatorInnen sollten demnach zwei Augen offen halten: eines für den Konflikt und eines für das Problem. Ein drittes Auge sollte die Sichtweisen zur Herstellung eines Gesamtbildes verbinden.

Das Buch von Duss-von Werdt (Carl-Auer Verlag) ist zu übrigens sehr zu empfehlen – nicht nur für Mediationsanfänger. Und falls Sie das Thema Konflikte in Berlin (eigentlich müsste ich sagen: Probleme in Berlin) interessiert, so schauen Sie sich doch bei meinen Artikeln zu diesem Thema um.

Christa Schäfer

Thema: Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Kinder(konflikte) in Berlin

Donnerstag, 18. September 2008 13:11

Jedes zweite Berliner Schulkind hat bereits einen Mobbingfall in der Schule erlebt, sei es als Täter oder als Opfer. Ein Viertel der Berliner Schüler zwischen elf und 15 Jahren klagen über psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Einschlafstörungen. Jede Berliner Schulklasse hat durchschnittlich zwei bis drei psychisch auffällige Schüler/innen.

Diese Zahlen gehen aus einer Untersuchung zum Gesundheitszustand der Berliner Schüler hervor. Gesundheitssenatorin Katrin Lompscher hat den Bericht gestern der Öffentlichkeit vorgestellt. Im Jahr 2006 waren für diese Untersuchung insgesamt 1.300 Mädchen und Jungen aus fünften, siebten und neunten Klassen befragt worden.

Es fällt auf, dass psychische Erkrankungen derzeit häufiger vorkommen als bei der letzten Untersuchung von vor 4 Jahren. Interessant ist auch, dass psychosomatische und psychische Störungen verstärkt bei Kindern aus ärmeren Familien vorkommen.

Was sagen uns diese Zahlen? Es muss mehr investiert werden in die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Familien und Schule!

Christa Schäfer

Thema: Familienmediation, Konflikte, Schulmediation, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor:

Fragen in der Mediation

Montag, 15. September 2008 8:04

„Wer fragt, der führt!“ so die Aussage meiner Mediationsausbilderin während der Ausbildung.

Eigentlich ist das Fragen in der Mediation sogar noch mehr als reine Führung – es ist ein kommunikativer Tanz zwischen MediatorIn und Medianten. „Die Frage ist der Auftakt zu mehr, sie ist der Beginn eines Miteinanders, das erst endet, wenn die Fragen ausgehen“, so beschreibt Carmen Kindl-Beilfuß dies in ihrem neuen Buch “Fragen können wie Küsse schmecken. Systemische Fragetechniken für Anfänger und Fortgeschrittene.“

Dieses Buch ist für Therapeuten, Berater, Interviewer und Gesprächspartner geschrieben, die die Kunst schöner (guter) Fragen beherrschen wollen. Auch MediatorInnen müssen eine gute Fragetechnik haben und können beispielsweise in dem Buch lesen, was eine schlechte und was eine gute Frage ausmacht. Schlechte Fragen sind nach Kindl-Beilfuß Fragen, die Ja-nein-Fragen sind, bei denen der Inhalt genauso trivial ist wie ihre Formulierung, in denen der Fragende mit Vorannahmen arbeitet und in denen dem Befragten ein Problem unterstellt wird. Gute Fragen hingegen verflüssigen Eigenschaften, lassen ein Umdeuten zu, bieten neue Begriffe und werfen frische Fragen auf.

In jeder Mediation gibt es verschiedene Arten von Fragen, und natürlich sind auch hier die offenen Fragen den geschlossenen vorzuziehen. Nach Verständnisfragen zur Situation, in der sich die Medianten befinden, spielen speziell in der Phase der Konflikterhellung auch die systemischen Fragen eine große Rolle. „Was tut Ihr Mann, wenn er – wie Sie sagen – sich ‘dumm’ verhält?“ – das ist eine typische Frage, die Eigenschaften verflüssigen hilft. Und auch Fragen, die umdeuten helfen, (im Fachjargon auch reframen genannt) nehmen oft eine Aussage eines Medianten auf. Sagt der beispielsweise: „Meine Frau ist abends ständig schlapp und müde“, so kann dies umgedeutet werden mit der Frage: „Woran merken Sie, dass die Energie bei Ihrer Frau nachlässt?“

Frauen verwenden oft für Männer die Eigenschaften: egoistisch, träge/lahm, cholerisch, konfliktscheu, sexbesessen, geizig … Männer verwenden für Frauen gerne Eigenschaften wie: depressiv, ängstlich, frigide, eifersüchtig, hysterisch, verschwenderisch/kaufsüchtig … Falls Sie liebe Leserin und lieber Leser mögen, können Sie sich gerne an einer Umdeutung dieser Eigenschaften versuchen und die negativen Begriffe durch eine ressourcenbeschreibende Bezeichnung ersetzen. Gerne können Sie mir schreiben, falls Sie dabei auf Schwierigkeiten stoßen sollten.

Das oben beschriebene Buch „Fragen können wie Küsse schmecken“ ist für die Biografiearbeit mit Kindern, Jugendlichen, Paaren und Familien gedacht; es ist jedoch auch für professionelle MediatorInnen interessant und spannend. Gerade für die Konfliktberatung (auch Konfliktcoaching genannt) bietet das Buch wertvolle Anregungen. Dennoch wäre es schön, ein spezialisiertes Buch zu Fragetechniken in der Mediation zu haben – falls ich eines finde, werde ich gerne darüber berichten.

Mit zwei Fragen aus dem zum Buch zugehörigen Frageset möchte ich Sie in diese Woche und in einen kleinen Gedankenausflug entlassen:

Mit welchem Menschen können Sie sich genussvoll streiten?
Was macht dieses Streiten zu einem interessanten Miteinander?

Christa Schäfer

Thema: Kommunikation, Konfliktberatung, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Stalking: Kein Thema für die Mediation

Montag, 8. September 2008 6:24

Vor einiger Zeit kam eine Frau vollkommen verstört in meine Mediationssprechstunde. Sie war auf dem Weg zu ihrem Ex-Ehemann, der sie terrorisiert, sie ständig anruft, ihr hunderte von SMS schreibt und ihr droht etwas anzutun, falls sie sich nicht mit ihm trifft. Ein Fall für die Mediation? Ich habe eine ganze Weile darüber nachgedacht, denn der Ex-Mann der Frau war ein Stalker. Schließlich habe ich mich gegen eine Mediation als Konfliktlösung entschieden.

Der englische Begriff Stalking kommt aus der „Jägersprache“ und meint das Sich-Anpirschen an ein Wild. Im zwischenmenschlichen Bereich ist damit das wiederholte Belästigen und Verfolgen einer anderen Person über einen längeren Zeitraum hinweg gemeint, das beim Opfer Angst, Sorge und Panik auslöst. Hierdurch schränkt der Stalker letztendlich sogar die Handlungs- und Bewegungsfreiheit seines Opfers ein.

Stalking hat Gemeinsamkeiten, aber auch starke Unterschiede zum Mobbing. Rasso Knoller führt in seinem momentan leider vergriffenen Buch “Stalking. Wenn Liebe zum Wahn wird” aus, dass Stalker im Gegensatz zu Mobbern in der Regel eine persönliche Beziehung zum Opfer wünschen. Die Zielperson soll nicht wie beim Mobbing verschwinden, sondern sich dem Stalker zuwenden. Der Täter folgt beim Stalking seinem Opfer überall hin und wenden im Gegensatz zu Mobbern durchaus auch körperliche Gewalt an, was sogar in einem Tötungsdelikt enden kann.

Das Verfolgen eines anderen Menschen wird für den Stalker zum Mittelpunkt seines eigenen Lebens, dafür wendet er viel Geld, Kraft und Zeit auf. Sein Leben erhält erst durch das Stalking seinen Sinn, und die Verfolgung wird zum Ersatz für die nicht erreichbare Liebe und Zuneigung.

Stalker sind unfähig zu kommunizieren. Sie nehmen unangenehme Wahrheiten nicht zur Kenntnis und interpretieren Aussagen ihres Opfers so lange um, bis diese im Sinne des Stalkers sind. Sie sind nicht fähig, andere in einen Problemlösungsprozess mit einzubeziehen. Vielmehr sind sie so sehr auf sich selbst bezogen, dass sie nur Lösungen akzeptieren können, die ausschließlich die eigenen Interessen berücksichtigen. Zu einem gleichberechtigten Gespräch ist ein Stalker nicht fähig, denn er kann einzig die „bedingungslose Kapitulation“ des anderen akzeptieren, andernfalls droht er mit Gewalt. – Deswegen also können mediative Gespräche zwischen Opfer und Täter zu keinem konstruktiven Ergebnis führen.

Gespräche mit dem Stalkingopfer bezüglich eines sinnvollen Verhaltensrepertoirs dem Stalker gegenüber sind dagegen äußerst sinnvoll. Das Opfer sollte beispielsweise dem Stalker sofort klar machen, dass es keinen Kontakt mehr wünscht. Das beinhaltet natürlich, sich auch nicht auf eine allerletzte Aussprache einzulassen. Gut ist es ebenfalls, nicht ans Telefon zu gehen, keine Briefe zu beantworten und konsequent im Verhalten zu bleiben. Geht ein Stalkingopfer nach 30 Anrufeversuchen des Stalkers dann doch ans Telefon, so fühlt der sich bestätigt, dass er einfach nur hartnäckig bleiben muss, um an sein Ziel zu kommen – und das verschärft die Situation weiterhin. Weitere Tipps für Stalkingopfer gibt die Arbeitsgruppe Stalking der TU Darmstadt.

Die Situation des Stalkingopfers ist psychisch gesehen massiv belastend und viele werden längerfristig krank. Erster Ansprechpartner für Stalkingopfer ist natürlich die Polizei. Seit dem 31. März 2007 ist Stalking ein Straftatbestand. An diesem Tag ist der Paragraf 238 des Strafgesetzbuches in Kraft getreten, der Nachstellung strafbar macht. Stalker können mit einer Freiheitsstrafe von bis zu 3 Jahren oder einer Geldstrafe bestraft werden. Die Webseite des Bundesjustizministeriums gibt Auskunft dazu. Hilfe finden Stalkingopfer beim Weiße Ring, dem sozialpsychiatrischen Dienst, Frauenhäuser sowie Stalking-Selbsthilfegruppen.

Christa Schäfer

Thema: Kommunikation, Konfliktberatung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (7) | Autor:

Gelingensbedingungen und Erfolgsfaktoren für Mediationsprojekte an Schulen

Montag, 1. September 2008 8:25

An manchen Schulen gibt es funktionierende Mediationsprojekte, an anderen Schulen ist die Schulmediation bereits wieder eingeschlafen, und an weiteren Schulen starten nun pünktlich zum neuen Schuljahr neue Konfliktlotsen- und Streitschlichtergruppen. Woran liegt es, ob ein Mediationsprojekt an einer Schule Erfolg hat oder träge vor sich hin läuft bzw. eingestellt werden muss?

S. Behn, N. Kügler, H.-J. Lembeck, D. Pleiger, D. Schaffranke, M. Schroer und S. Wink haben im Rahmen der Institute „Camino – Werkstatt für Fortbildung, Praxisbegleitung und Forschung im sozialen Bereich“, „Institut für Sozialpädagogische Forschung Mainz“ (ism) und „Institut des Rauhen Hauses für Soziale Praxis in Hamburg“ (isp) eine bundesweite Evaluation von Schulmediationsprojekten vorgenommen. Die Ergebnisse können in dem Buch „Mediation an Schulen“ nachgelesen werden.

Besonders spannend sind dabei die Kapitel, die aus der Evaluation Schlüsse ziehen und von „Strategien zur erfolgreichen Umsetzung eines Mediationsprojektes“ sowie den zugehörigen „Handlungsempfehlungen“ berichten. Für eine Schule, die sich im Hinblick auf Ihr Konfliktlotsenprogramm weiterentwickeln bzw. ein derartiges Projekt starten möchte, sind diese Kapitel von großer Bedeutung.

Hier im folgenden die acht Gelingensbedingungen und Erfolgsfaktoren für ein Mediationsprojekt an einer Schule: 1. Mediation sollte nicht das einzige Projekt im Bereich der Gewaltprävention und Demokratieerziehung an der Schule sein und zudem unbedingt in das Schulprogramm eingebunden werden. 2. In Konferenzen sollte oft an die Mediation erinnert werden und es sollte Modelle geben, bei denen ein persönlicher Kontakt zwischen Streitschlichtern und bestimmten Klassen in Form einer Patenschaft gefördert wird. 3. Es ist wichtig, dass die MediationslehrerInnen Supervision oder kollegiale Beratung erhalten und weitere LehrerInnen als MediatorInnen ausgebildet werden. 4. Nicht nur die SchülermediatorInnen sollten wissen, wie man mit Konflikten umgeht, vielmehr sind vielfältige Trainings für möglichst viele SchülerInnen im Bereich der Erweiterung der sozialen Handlungskompetenzen wichtig. 5. Die Einbindung von SchulsozialarbeiterInnen in das Projekt bietet vielfältige Unterstützung und trägt zum Gelingen des Mediationsprojektes bei. 6. Breit angelegte Informationsveranstaltungen für Eltern, LehrerInnen und SchülerInnen vor Projektstart sowie eine gemeinschaftliche Entscheidung für das Projekt und der Startschuss durch die Schulkonferenz haben einen positiven Einfluss auf den Projektverlauf. 7. Die Reflektion des vorhandenen institutionellen Umgangs mit Konflikten sowie die Einführung eines systematischen, verbindlichen und transparenten neuen Konfliktmanagementsystems an der Schule bei klaren und nicht überfordernden Ziele für das Mediationsprojekt bringt einen großen Gewinn. 8. Zentrale Rahmenbedingungen sind u.a. die Freistellung der Lehrkräfte, die Begleitung der SchülermediatorInnen, die Freistellung der SchülerInnen für Mediationen auch innerhalb der Unterrichtszeit sowie die Einrichtung eines Mediationsraumes.

Wer mehr zum Thema „Gelingensbedingungen und Erfolgsfaktoren von Mediationsprojekten an Schulen erfahren möchte, dem empfehle ich das oben beschriebene Buch bzw. die zugehörige Webseite des Evaluationsvorhabens.

In einem anderen meiner Blogartikel gibts mehr zum Thema Konfliktbearbeitung an Berliner Schulen.

Christa Schäfer

Thema: Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Schulmediation, Soziales Lernen, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor: