Konfliktkultur Äthiopiens: Ein Stein für einen Konflikt
Montag, 23. Februar 2009 6:10
Zu meinem Artikel über die Konfliktkultur in Nigeria habe ich viele Rückmeldungen erhalten. Unter anderem schrieb mir die Schweizer Mediatorin Katalin Suter und berichtete von ihren neuesten Informationen bezüglich der Konfliktkultur in Äthiopien.
Mit ihrer Erlaubnis darf ich hier darüber berichten. Frau Suter kennt einige äthiopische Flüchtlinge, die der Äthiopischen Gruppe in Bern angehören. Guten Kontakt hat sie zu Daniel Hailu, dem 30jährigen Diakon der Glaubensgemeinschaft „Orthodox Tevahedo Church“, einer der ältesten christlichen Kirchen. Daniel Hailu spielt immer dann eine wichtige Rolle in Bern, wenn es Probleme unter den Äthiopiern dort oder um Konflikte zwischen Äthiopiern und Schweizern geht, denn immer dann wird er geholt, und: Sein Wort „gilt“. Hailu hat kürzlich sogar eine Ausbildung in interkultureller und interreligiöser Mediation abgeschlossen, um diese seine Aufgabe noch besser bewältigen zu können.
Die Äthiopier haben eine Essenstradition, bei der es weiche Fladenbrote und kleine Portionen verschiedenster Gerichte gibt, die mit dem Brot aufgenommen werden. Sitzt eine Gruppe Äthiopier „friedlich“ zusammen, dann stecken sie sich ab und zu gegenseitig Essen in den Mund. Dieses „Füttern“ geschieht von”oben nach unten”: Der Priester gibt den Gläubigern, der Vater den Kindern, Eheleute und Freunde geben sich gegenseitig.
Sowohl in den Städten als auch in ländlichen Gebieten Äthiopiens werden im Streitfall ältere Menschen konsultiert, deren Worte dann verbindlich den Streit regeln. Diese älteren Menschen sind “anerkannte Weise“, sie können aus der Familie sein oder sind in der Gemeinschaft als gute Vermittler bekannt. Dennoch gibt es bei der Austragung von Streitigkeiten große Unterschiede zwischen der Konfliktbehandlung in einer Stadt und in einer ländlichen Gebieten.
Beispielsweise gibt es in ländlichen Gegenden den alten Brauch, dass bei Streitigkeiten sogleich jemand gebeten wird, den “Schuldigen” zu suchen. Wenn das klar ist, geht der Schuldige und sucht einen großen Stein, diesen muss er herbeischaffen und dem Geschädigten überreichen. Der nimmt den Stein dann an sich, bedankt sich, geht damit hinaus und wirft den Stein weg – damit ist der Streit beendet. Meist essen dann die Streitpartner zusammen und füttern sich gegenseitig, wie oben beschrieben.
Interessanterweise fällt auf, dass in vielen Kulturen davon ausgegangen wird, dass es einen “Schuldigen” gibt. Dass etwas z.B. ein Missverständnis sein könnte oder es zwei verschiedene Sichtweisen gibt, die beide ihre Gültigkeit haben könnten (Gedankengänge der Mediation), wird nicht in Betracht gezogen. Frau Suter wagt an dieser Stelle die Hypothese, dass die Vermittler diese Sachverhalte durchaus in Betracht ziehen, sie aber nicht explizit benennen. Was meinen Sie dazu?
Besten Dank an Katalin Suter für Ihre wertvollen Informationen!
Christa Schäfer
Nochmals den Artikel zur Konfliktkultur in Nigeria nachlesen?
Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement | Kommentare (2) | Autor: Christa Schäfer

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