Beiträge vom Oktober, 2009

Polizeibeamte werden in Berlin immer häufiger angegriffen

Freitag, 30. Oktober 2009 12:38

„Mittlerweile müssen Polizeibeamte überall damit rechnen, angegriffen zu werden.“ – so Bodo Pfalzgraf von der Deutschen Polizeigewerkschaft. Im September 2009 haben sich beispielsweise in dem eher bürgerlichen Bezirk Mariendorf 60 Migranten zusammengetan, um 30 Polizeibeamten zu bedrängen. Am 23.10.09 haben zwei 14- und 16jährige Jugendliche versucht einen Freund zu befreien, der zuvor Scheiben in einer U-Bahn zerkratzt hat und von einem Polizisten festgenommen wurde. Laut Angaben im Tagesspiegel, wehrte der Kriminalpolizist den Angriff ab, verhinderte die Befreiung und nahm mit Unterstützung der eintreffenden Funkwagenbesatzung auch die beiden Freunde des Scheibenkratzers fest.

Statistisch gesehen werden täglich 9 Beamten angegriffen, in Berlin ist die Zahl der verletzten Polizisten im Jahr 2008 auf 924 angestiegen. Manchmal werden dabei per Massen-SMS in Minutenschnelle Leute zusammengerufen, meist Migranten oder Linksautonome (Angaben im Tagesspiegel vom 13.09.09).

Der Kriminologe Christian Pfeiffer mutmaßt, woher diese eindeutige Stimmung gegen Polizisten kommen könnte: „Das ist eindeutig ein berlintypisches Phänomen, in keiner anderen Stadt sind derartige Angriffe so ausgeprägt.“ Er sieht die Ursache für die Angriffe von Migranten in den Nachwirkungen des 11. Septembers: „Viele Migranten, zumeist Islamgläubige, fühlen sich einem großen Misstrauen in der Bevölkerung ausgesetzt, sie igeln sich ein und fühlen sich ausgegrenzt. Uniformierte stellen für sie den Staat dar und damit die Repräsentanten dieser Welt, in der man sie unfair behandelt und ihnen misstraut.“

Da kann man sich doch nur Berliner auf dem Weg zu mehr Respekt wünschen …

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte | Kommentare (0) | Autor:

„Frieden statt Fronten“ – Ein Artikel zum MediationsZentrum Berlin im Tagesspiegel

Mittwoch, 28. Oktober 2009 11:23

Der Berliner Tagesspiegel stellt derzeit engagierte Berlinerinnen und Berliner vor. Das MediationsZentrum Berlin e.V. ist bei der Aktion Ehrensache dabei. Eine Jury, bestehend aus Unternehmer Daniel Wall, Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner und Tagesspiegel-Chefredakteur Lorenz Maroldt, wählten sieben Menschen aus, die nun in einer Sereie im Tagesspiegel vorgestellt werden. Die im MediationsZentrum geleistete Arbeit wird mit dem Artikel Frieden statt Fronten prima dargestellt. Wir freuen uns sehr über die Anerkennung! Besten Dank.

Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation | Kommentare (0) | Autor:

Wovor sich Kinder fürchten und was die tollsten Sachen sind, die ihnen passieren …

Montag, 26. Oktober 2009 7:21

Vor einiger Zeit gab es in Berlin die Ausstellung „Auf Augenhöhe“, in der Vertretung des Landes Baden-Württemberg beim Bund.

Im Auftrag der Stiftung Kinderland hatten die Künstlerin Katharin Haller-Kaiser und der Fotograf Andree Kaiser fünf Monate lang über 300 Kinder zwischen 8 und 10 Jahren in ganz Baden-Württemberg befragt und porträtiert. Die Kinder gaben Auskunft über ihre Lebenswelten, Träume und Hoffnungen. Daraus wurde dann eine Ausstellung konzipiert, in der sowohl die Bilder der Kinder, als auch ihre Ansichten Platz hatten.

Einige Antworten dazu, wovor sich Kinder fürchteten:

„Wenn ganz viele Leute kommen und mich angucken. Ich denk, dass die mir was machen können, weil ich sie nicht kenne. Es können gefährlichen Sachen passieren. Kleinen Kindern passiert das öfters. Hier in der Nähe hat mal einer fünf Kinder geklaut. Aber jetzt ist er im Gefängnis.“ Eda (9 Jahre alt)

„Vor schlechten Noten. Wenn schlechte Noten kommen, dann bin ich enttäuscht und davor hab ich Angst. Sonst hab ich nicht viel Angst.“ Marei (8 Jahre alt)

„Vor ‘ner dunklen Höhle, wenn ich da rein geh und so rote oder gelbe Augen seh. Vor sonst eigentlich nichts.“ Luisa (8 Jahre alt)

„Vor so bösen Menschen, die einem weh tun wollen. Hier in der Schule ist auch so jemand, der mir immer hinterherläuft. Der ist viel älter als ich. Ich renn dann immer in mein Klassenzimmer.“ Eric (8 Jahre alt)

Und einige Antworten dazu, was für einige Kinder das Tollste war, was ihnen je passiert ist:

„Einen schönen Tag haben, kein Streit haben.“ Daniele (10 Jahre alt)

„Dass ich meine Freundin kennen gelernt hab. Weil ich früher ja woanders gewohnt hab, da hab ich ja meine alten Freunde verlassen. Dann war ich auf einer ganz anderen Schule und hatte hier noch keine Freunde. Dann hab ich sie kennen gelernt und hatte endlich mal’ne richtige Freundin.“ Tamara (9 Jahre alt)

„Wo ich zum ersten Mal nach Italien kam. Ich habe mich so gefreut, es ist einfach schön.“ Mario (9 Jahre alt)

„Nichts. Es ist immer das Gleiche eigentlich: immer zur Schule gehen und dann nach Hause gehen. Im Kindergarten war das auch schon so.“ Miguel (9 Jahre alt)

Interessant auch die Antwort eines Jungen auf die Frage „Was stört dich am Kindsein?“

„Dass meine Eltern meine Vorgesetzten sind. Irgendwie finde ich das blöd.“ Mario (9 Jahre alt)

Interessante Ansicht,
finden Sie nicht auch?!

Wollen Sie ein weiteres Projekt kennen lernen, in dem es um die Ansichten von Kindern geht, so schauen Sie nach den Stimmen unserer Kinder.

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz | Kommentare (0) | Autor:

Roter Zorn – Können Emotionen Farben zugeordnet werden?

Montag, 19. Oktober 2009 11:14

Rot besitzt, wenn man die symbolische Wirkung betrachtet, sowohl positive als auch negative Eigenschaften. Positiv verbindet man mit der Farbe Rot das Glück, die Lebensfreude, die Energie, die Aktivität, die Liebe, die Sexualität, die Erotik, die Verführung, die Kraft, das Feuer, die Hitze, die Wärme, die Begierde, das Blut – negativ verbindet man den Hass, die Wut, den Zorn, die Aufregung, die Aggressivität, das Laute, den Lärm, die Unmoral, die Gefahr und das Verbotene.

Damit verbindet sich die Farbe Rot einerseits mit positiven Emotionen wie dem Verliebtsein und andererseits mit negativen Emotionen wie dem Zorn.

Farben lösen Emotionen aus!
Man empfindet sie als warm oder kalt.
Sie können glücklich machen, munter, traurig, aggressiv …

Emotionen lösen Farben aus!
Wenn man depressiv ist, sieht man schwarz.
Wenn man zornig ist, sieht man rot.
Wenn ich ausgeglichen bin, bevorzuge ich gelb oder grün.

Im September 2009 war ich zu einer Performance zum Thema „Rot“ und zur Vernissage einer Ausstellung mit Bildern ausschließlich zum Thema Rot. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?! Die Vielfalt und Eindrücklichkeit in den Ausstellungsräumen war einfach unglaublich!

Wikipedia weiß zu berichten, dass Rot der Farbreiz ist, der wahrgenommen wird, wenn Licht mit einer spektralen Verteilung ins Auge fällt, dessen Maximum im Wellenlängenintervall oberhalb 600 nm liegt.

In einer Untersuchung der Universität Mannheim wurde die Hypothese aufgestellt, dass emotionale Reaktionen nicht so sehr von der Farbe selber hervorgerufen werden, sondern eher von Sättigung und Helligkeit einer Farbe. Auf die Bewertungsdimensionen Erregung und Dominanz bezogen konnte diese Hypothese bestätigt werden, auf die Bewertungsdimension Stimmung bezogen allerdings nicht.

Das Buch “Der Rote Zorn“ ist in vielerlei Hinsicht interessant. Dieses von Brigitte Blobel geschriebene Buch aus dem cbt Verlag richtet sich an Jugendliche ab 12 Jahren – ist aber meiner Meinung nach für Lehrerinnen und Lehrer ein unbedingtes Muss an Leselektüre. Das Buch erzählt von Mara, die in einem ziemlich „kaputten Elternhaus“ aufwächst. Um es auf den Punkt zu bringen: Der Vater ist Alkoholiker, gewalttätig zu seiner Frau und wird dann auch noch arbeitslos. Die ältere Schwester ist vor langer Zeit schon „abgehauen“ und hat die Verbindungen zur Familie abgebrochen. Die Mutter ist tablettensüchtig, depressiv und hat eine Angstneurose. Ja, und Mara muss mit all diesen Dingen umgehen … Da ist es doch selbstverständlich, dass für Mara nicht alles „gerade“ läuft:

„In dem Augenblick hat Mara zum ersten Mal den Feuerball in ihrem Kopf gespürt und den Wunsch, irgendwas kaputtzumachen. Aus Angst, sonst selber kaputtzugehen …“ (S. 111)

so merkt sie schon früh, und später:

„Sie dachte an ihre Mutter und an ihren Vater. An Simone. Sie dachte an das Leben, das sie geführt hatte, an die Familie, in die sie hineingeboren worden war. Man kann sich seine Familie nicht aussuchen, hatte mal jemand gesagt. Es stimmte. Auch die Familie hatte sich sie nicht aussuchen können. Ein Mädchen, das seinen Zorn nicht unter Kontrolle hat, ein Mädchen, das mit Wut nicht umgehen kann. Ein Mädchen, das zuschlägt, bevor es denkt. Das hatte man immer von den Schlägern gesagt, dass sie ihre Fäuste benutzten, weil in ihrem Kopf nur Stroh war. Aber sie, Mara, konnte doch auch ihren Kopf benutzen. War doch nicht nur Stroh …“ (S. 217)

Die Farbe Rot in Form von Blut spielt in diesem Jugendroman eine wichtige Rolle. Und nicht nur das, man kann die Wohnung von Maras Familie fast riechen, man kann die Erziehungsmethoden der Eltern nicht glauben, man erinnert sich als Lehrerin an einige typisch bekannte Schulsituationen und man kann Maras Angst und Verzweiflung förmlich spüren. Wie gut, dass ihre Klassenlehrerin Susanne Schümann nicht aufgibt!

Gerade für den Schulkontext und die Arbeit mit extrem schwierigen Kindern und Jugendlichen ist es wichtig, auch den Hintergrund solcher Schülerinnen zumindest ein Mal empathisch mitfühlend gelesen zu haben. Und wer im Laufe des Buches viel Empathie aufbringen konnte, der wird am Buchende dann sogar Taschentücher benötigen … Sie werden das verstehen, wenn Sie das Buch lesen …

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Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Konflikte, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor:

Respekt können auch schon die Kleinsten lernen

Samstag, 17. Oktober 2009 10:29

Sind Kinder klein, so schauen Sie gerne, was andere Kinder tun und wie sie es tun – sie staunen und staunen und nehmen alles in sich auf. Sind sie dann älter, so hört man in den Schulen oft Sätze wie „Du spinnst ja.“ „Der ist aber komisch.“ „Die ist ja nicht normal.“ Da scheinen die Kinder einen Weg weg vom Staunen hin zu Normen für „normal“ und „nicht normal“ genommen zu haben. Gruppenzugehörigkeiten werden wichtig und die Identifikation über Gruppenzugehörigkeiten und Gruppennormen spielt eine große Rolle.

Manche Kinder (und Jugendliche und Erwachsene) leben diese Ausgrenzung von Anderen ganz intensiv, andere weniger bis gar nicht. Durch Anregungen von Erwachsenen, KitaerziehrerInnen, LehrerInnen, SozialpädagogInnen und anderen können Kinder ins Nachdenken über das Ausgegrenztsein kommen.

In Berlin gibt es dazu noch bis zum 28.11.2009 die Ausstellung Alle anders anders im Labyrinth Kindermuseum Berlin. Dort können Kinder viel zum Thema Anderssein entdecken, sie können hinschauen, fühlen, hinhören und sich auf Neues einlassen. Ob sie mit geschlossenen Augen einen Tisch decken, in Gebärdensprache einkaufen gehen, im Sprachlabor ungewöhnliche Schriften kennen lernen oder in der Fußgängerzone die unterschiedlichsten Menschen begrüßen können – Spaß ist nach dem Motto „Endlich anders anders sein!“ garantiert.

Und hoffentlich gehen alle Kinder nach Hause mit der Entscheidung:

Jeder ist ganz besonders und hat etwas, das für ihn typisch ist und ihn einzigartig macht. Alle sind nämlich anders anders.

Prima, hier gibt es also schon eine Respektkampagne in Berlin für die Kleinsten.

Christa D. Schäfer

Thema: Allgemein | Kommentare (0) | Autor:

Umgang bei Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum

Mittwoch, 14. Oktober 2009 11:00

Im September haben in München zwei vorbestrafte Jugendliche in der S-Bahn eine Gruppe von Kindern und jüngeren Jugendlichen angepöbelt und bedroht. Sie wollten Geld erpressen und die Jüngeren „abziehen“. Ein 50jähriger Mann hat eingegriffen und die Kinder und jüngeren Jugendlichen beschützt. Dafür wurde er von den zwei älteren Jugendlichen später auf dem S-Bahnhof zu Tode geprügelt.

Das ist massive Gewalt im öffentlichen Raum, die zum Tode geführt hat. Nicht immer ist die Gewalt im öffentlichen Raum so massiv, aber immer ist es wichtig zu wissen, wie verhalte ich mich am Besten …

Damit Menschen schon im voraus über Gefahrensituationen nachdenken können, bietet das Landeskriminalamt Berlin (LKA Präv 4 / Anti-Gewalt-Projekt) Veranstaltungen und Seminare zum Thema an. Ziel dieser Seminare ist es, Strategien zum deeskalierenden und gewaltfreien Verhalten in Konflikt- und Bedrohungssituationen zu vermitteln bzw. gemeinsam mit den Teilnehmern zu erarbeiten. Damit soll die Handlungskompetenz und das subjektive Sicherheitsgefühl der an der Veranstaltung Teilnehmenden verbessert werden.

In der Veranstaltung werden Fragen beantwortet wie: Was mache ich, wenn abends jemand beim nach Hause gehen hinter mir her schleicht und ich ein mulmiges Gefühl habe? Was mache ich, wenn ich in der U-Bahn angepöbelt werde? Wie kann ich einem Opfer von Gewalt helfen? Die Kurse sind für Erwachsene konzipiert und die Teilnahme ist kostenfrei. Die behandelten Stichworte im Fachjargon heißen: Gefahrenwahrnehmung, Abwehrstrategien gegen Gewalt, Sicher fahren in öffentlichen Verkehrsmitteln und gefahrlos Hilfe leisten.

Wussten Sie, dass die typischen Opfer bei Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum junge Männer im Alter zwischen 20 und 25 Jahren sind? Kennen Sie den „Opferklau“? Oder schon mal was von Prinzipienkette zur Deeskalation bzw. zum Eingreifen bei Gewalt gehört?

Ich habe übrigens letzte Woche einen solchen Kurs im MediationsZentrum Berlin mitgemacht. Besten Dank an Timo Hartmann für die gute Kursleitung!

Eine Broschüre gibt einen ersten Einblick in das Thema.

Mein Wunsch: Melden Sie sich beim LKA Berlin für einen Kurs an und helfen Sie bei Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum, wo Hilfe notwendig ist.

Übrigens wird in speziellen Kursen für LehrerInnen und ErzieherInnen über die Gewalt unter Schülern gesprochen, über den Umgang mit konkreten Bedrohungsssituationen in der Schule, Maßnahmen beim Waffenfund und der Zusammenarbeit mit der Polizei. Schulische Mitarbeiter haben heute einen besonderen Bedarf an derartigen Seminaren, wenn man an die täglichen schulischen Gewaltvorfälle und auch die sich häufenden großen Gewaltattacken an Schulen in letzter Zeit denkt.

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Konfliktmanagement, Konfliktprävention | Kommentare (0) | Autor:

Die Schule neu machen, Teil 2 …

Montag, 12. Oktober 2009 9:10

… schreibt die Geschichte des ersten Band einer Schulgründung weiter und führt den Leser in die Ausgestaltungs- und Konsolidierungsphase der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (EGG). Und wieder versteht es Rainer Winkel sowohl die Arbeit der Schulgründung als auch das Miteinander in der neuen Schule spannend in diesem Buch darzustellen.

Der Umgang mit Unterrichtsstörungen und mit schwierigen Kindern hat in der Zwischenzeit eine feste Form gefunden: „Wer etwas Schlimmes oder gar Böses getan hat, dem muten wir eine dreifache Erziehungsmaßnahme zu: Durch Aufschreiben des Sachverhaltes Distanz gewinnen; durch Zugeben Verantwortung übernehmen; und durch eine gute Tat Wiedergutmachung leisten.“ Notfalls werden die Störenden konsequent vom Unterricht suspendiert, in die Parallelklasse versetzt oder der Schule verwiesen.

Drei Wege zum Verstehen und zur Bearbeitung der Probleme, die viele Schüler mitbringen, haben sich für Winkel bereits im zweiten Jahr der Schulgründung herauskristallisiert: Erstens der Weg der Selbst-Besinnung, der mit dem oben genannten Dreischritt einhergeht. Zweitens der Weg der Selbst-Regulierung. Er setzt Einsichten voraus, wendet sich an diejenige, die schon wissen, was notwendig ist, hat feste Verabredungen vor Augen und bevorzugt das Abschließen eines Vertrages, der präzise festhält, was der jeweilige Schüler verspricht, was die Lehrer sich vornehmen und was die Eltern unterstützen werden. Und schließlich der dritte Weg zur Selbst-Heilung. Dieser bekennt sich zur Therapie und mobilisiert im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe die Selbsthilfepotentiale des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen.

Auch Patenschaften im Sinne eines Buddy-Systems werden an der neuen Schule eingeführt und dienen dem sozialen Lernen: „Alle Klassen und alle Schüler sind durch Patenschaften verbunden – ähnlich wie die einzelnen Schulgebäude mit dem Stadtteil.“ Der Apothekerverein wird Pate für den Biologietrakt, Schalke wird Pate für die Sporthalle. Sogar die Jugendlichen, die Silvester auf dem Schulgelände „herumlungern“, werden eingebunden und drei von Ihnen bekommen die Verantwortung für die Unversehrtheit des Geländes übertragen.

In Gelsenkirchen-Bismarck gibt es genauso viele schwierige Schülerinnen und Schüler wie in Berlin. Dennoch hatte die EGG in der Phase, in der Winkel Gründungsdirektor war, den Berliner Schulen einiges voraus: Sie hatte einen Schulleiter, der reformpädagogisch orientiert konsequent mit dem Kollegium, den Eltern, dem Umfeld sowie natürlich den Schülerinnen und Schülern kommuniziert hat.

Konfliktlösungen sollten in der Schule nicht im Sinne von „Entweder-oder-Entscheidungen“ vorgeschrieben, sondern stets im Sinne des antinomischen „Sowohl-als-auch“ betrachtet werden. Wer sich für Menschen, für Schulgründungen, menschliche Verwicklungen in einem frischen Schulunternehmen oder für Unterrichtsstörungen interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Nochmals nachlesen, welche Schwerpunkte der ersten Band der Buchtriologie gelegt hat?

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Kommunikation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Kevin und die Unterrichtsstörungen

Mittwoch, 7. Oktober 2009 19:51

Manchmal entscheidet wohl schon der Vorname darüber, ob ein Schüler den Unterricht stört oder nicht – so lautet grob gesagt das Resümée einer Untersuchung von Julia Kube.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer bestimmte Vornamen mit Vorurteilen belegt haben. Kevin gilt demnach als Prototyp eines verhaltensauffälligen Kindes. Auch bei Justin, Mandy und Chantal haben die LehrerInnen gleich ein besonderes Bild vom Kind im Kopf.

Aus dem angloamerikanischen oder französischen Sprachraum stammende Vornamen (Marcel, Yves oder eben Yustin) werden vielfach mit Lernschwäche, mangelndem Interesse und schlechtem Sozialverhalten verbunden. Klassische deutsche Vornamen (Agnes, Sophie, Anna, Charlotte) wecken bei LehrerInnen dagegen meist positive Assoziationen wie Intelligenz, Lernbereitschaft und gutes Sozialverhalten.

Die Untersuchung wurde an der Oldenburger Arbeitsstelle für Kinderforschung durchgeführt und von der Pädagogik-Professorin Astrid Kaiser betreut. In einem Interview mit Spiegel Online berichtet Kaiser: „Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen – und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit.“ … Da muss doch dann sofort das Stichwort der self fulfilling prophecy fallen …

Wie türkische und arabische Namen in der Klassenliste auf GrundschullehrerInnen wirken, wurde leider nicht untersucht. In Berlin sind es beispielsweise die Namen Mohammed und Hamudi, die für die Vorstellung massiver Unterrichtsstörungen stehen.

Interessant nachzulesen ist sowohl der Bericht zur Forschung von der Uni Oldenburg, als auch natürlich die ausführlichen Ergebnisse der gesamten Studie.

In Oldenburg wird in der Lehreraus- und -weiterbildung das Anti-Bias-Training eingesetzt. PädagogInnen können hier lernen, eigene Vorurteile zu überwinden. Das sollte Schule in weiteren Universitäten – und natürlich auch in Schulen – machen.

Und natürlich sollten LehramtsstudentInnen und ReferendarInnen vor der Praxisphase über das Thema Unterrichtsstörungen informiert werden, immer mehr Hochschulen und Universitäten gehen dazu über, das Thema Unterrichtsstörungen systemisch zu betrachten und in den Lehrplan mit aufzunehmen.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Konflikte, Systemischer Ansatz, Unterrichtsstörungen | Kommentare (1) | Autor:

Liebesaffären zwischen Problem und Lösung

Montag, 5. Oktober 2009 7:07

„Wer einigermaßen der Gleiche bleiben will, muss sich ständig verändern.“
Gunther Schmidt 2007

Leider gibt es immer mal wieder Medianten, die zwar einen Konflikt “gelöst haben möchten”, aber nicht bereit sind, sich zu verändern. Dann passiert es natürlich allzu oft, dass die Mediation “misslingt”.

Aus systemischer Sicht ist jedes Phänomen, jedes menschliche Erleben (und damit auch jeder Konflikt) nur dann sinnvoll verstehbar und konstruktiv be(ver-)handelbar, wenn es in seinem Kontext (seinem Situationszusammenhang) beschrieben wird, in den es eingebettet ist.

Mediation ist also per se systemisch. Individuelle Erlebens- und Verhaltensprozesse müssen als Phänomene aufgefasst werden, die sich in Interaktionsnetzwerken zwischen Menschen ereignen. Alle an einer Interaktion Beteiligten üben wechselseitig (oft synchron) Einfluss aufeinander aus, und sie bestimmen auch immer wechselseitig die jeweiligen Bedingungen der anderen im Interaktionsfeld. Permanent wirken sie mit all ihren Beiträgen als intensives Feedback füreinander. Man spricht diesbezüglich von zirkulären Prozessen, denn jedes Verhalten jedes Beteiligten ist gleichzeitig Ursache und Wirkung des Verhaltens der anderen Beteiligten. Das „Sosein“ eines Verhaltens wird als Teil eines Wechselwirkungsprozesses verstanden.

Gunther Schmidt, von dem obiges Anfangszitat stammt, plädiert dafür, dass Prozesse, die bisher ein „Problem“ oder „Symptom“ beschrieben und bezeichnet haben, auf eine andere Ebene zu holen sind und in einer kompetenzfokussierenden Perspektive beleuchtet werden sollten. Ähnlich ist in der Mediation der Gedankengang, die Konflikte nicht als etwas Schweres, Beladenes und damit als Defizit zu sehen, sondern sie als (oft unterbewusste) Interventionen im Dienste bestimmter Bedürfnisse zu verstehen.

Schmidt will in seinem Bereich der Beratung und Therapie weg von der Problemtrance. Gerade, wenn man etwas schon länger als Problem erlebt, zeigt die hypnotherapeutische Erfahrung, engt sich der Wahrnehmungsprozess der Betroffenen besonders ein und ihre Erlebnisprozesse sind intensiv mit den Problemmustern assoziiert. Man kreist um das Problem und es fallen einem meist nur Lösungsstrategien ein, die das Problem geradezu stabilisieren.

Wir Menschen existieren jedoch nicht als statische Wesen, sondern wir er-finden und er-zeugen uns permanent Sekunde für Sekunde wieder neu, unsere Aufmerksamkeitsfokussierung bestimmt dafür den Weg. Darum ist es nach Schmidt auch ganz wichtig, als Therapeut (in unserem Zusammenhang als Mediatorin oder Mediator) die Klienten (Medianten) als komptenzfokussierendes, zieldienlich wirksames Kooperationssystem aufzubauen. Dies fordert eine unbedingte Orientierung auf Kompetenzen, Ressourcen und Lösungen und es können so „neue Realitäten“ geschaffen werden.

Die Aufgabe lautet (im Sprachgebrauch Gunther Schmidts) den gesamten Prozess der Arbeit so zu gestalten, dass er zu einem Kontext der Wertschätzung, Sicherheit, von Wohlgefühl und von optimalem Flow-Erleben wird. Auch das ist ein Satz, den die meisten MediatorInnen sicherlich bedenkenlos unterschreiben würden.

Wer hätte also gedacht, dass die hypnosystemische Arbeite von Gunther Schmidt so viele Ähnlichkeiten zur systemischen Medition aufweist?!

Hypnosystemisches Arbeiten meint dabei eine von Schmidt entwickelte spezifische Form der Integration systemisch-konstruktivistischer Konzepte mit dem ericksonschen Hypnosetherapiekonzept. Die Anwendungsfelder liegen zwischen dem Feld der Psychotherapie und der Beratung von Individuen, Teams und Organisationen – und ähneln dem mediativen Verfahrensprozess. Es ist hoch spannend, das von Schmidt geschriebene Buch Liebesaffären zwischen Problem und Lösung aus dem Carl-Auer Verlag mit den Augen einer Mediatorin, eines Mediators oder unter dem Blickwinkel des mediativen Arbeitens zu lesen und dabei Parallelen sowie Unterschiede auszumachen.

Eigentlich müsste sich die Mediation auf den Weg begeben und sich mit den Vertretern des systemischen Ansatzes stärker vertraut machen, austauschen und verbinden. Der Gewinn läge sicherlich auf beiden Seiten. Aber wer übernimmt die Aufgabe? Sie wäre hervorragend für eine Master- oder sogar eine Doktorarbeit geschaffen!

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren, Systemischer Ansatz | Kommentare (3) | Autor:

Knut und Gianna

Freitag, 2. Oktober 2009 9:15

Vier Artikel gibt es bereits über unseren Berliner Eisbären Knut in diesem Blog. Alle beschäftigen sich bisher mit der Möglichkeit einer Mediation um Knut, der ja eigentlich dem Zoo in Neumünster gehörte, aber in Berlin wohnt. Nach einem gerichtlichen Vergleich zwischen den beiden Tierparks im Juli diesen Jahres gehört Knut jetzt fest nach Berlin.

Seit einiger Zeit hat er eine Weggefährtin, die ihm Gesellschaft leisten soll. Giovanna, so heißt die Eisbärendame. Nachdem Gianna, so ihr Rufname, zunächst das Gehege neben Knut bewohnt hat, können sich beide seit drei Tagen jetzt gegenseitig besuchen. Nachts wird noch die Türe zwischen den beiden Gehegen herunter gelassen, doch tagsüber können sich beide “beschnuppern”.

Die erste Begegnung endete damit, dass am Dienstag vormittag Gianna dem Knut erst einmal eine „gewischt“ hat. Und nach dem zweiten Frühstück, als Knut in der Nähe des Wassergrabenfelsens stand und Gianna sich anschickte, auf ihn zuzukommen, da flüchtete Knut schnell und suchte „das Weite“. Bärenkurator Klös sagt dazu: „Das war uns schon klar, wer von den beiden die Hosen an hat. Aber die Tiere sind jung, sie werden sich aneinander gewöhnen, Knut lernt dazu.“ Ja, von Gianna wird gesagt, sie sei sehr temperamentvoll und Knut ist ja in Berlin für seinen sanften Charakter bekannt.

Der erste Satz in einem Artikel vom Tagesspiegel über Knut und Gianna lautet demnach auch: „Knut geht es nicht wirklich gut.“ Na, die beiden werden sich hoffentlich schon „z’sammenraufen“ …, einen Bärenmediator haben wir jedenfalls noch nicht in Be(ä)rlin.

In der Zwischenzeit kann man das Wichtigste über Knut sogar bei wikipedia nachlesen. Wenn man bei youtube das Stichwort Knut eingibt, so findet man Dutzende von Knut-Videos. Und mehr als 5 Lieder sind bereits über Knut komponiert worden.

Mal sehen, wie es weiter geht …
Christa D. Schäfer

Möchten Sie die bisherigen Artikel über Knut aus diesem Mediationsblog nachlesen?

Thema: Familienmediation, Konflikte, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor: