Am 12.03.2010 hat der 4. Berliner Mediationstag mit 170 Teilnehmern im Harnackhaus stattgefunden. Referent war dieses Mal der norwegische Mathematiker, Soziologe, Politologe, Friedens- und Konfliktforscher Prof. Johan Galtung. Galtung ist in Mediationskreisen eine bekannte Persönlichkeit, 1987 wurde er mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet, 1993 mit dem Ghandhipreis. 1992 gründete er das international arbeitende TRANSCEND-Netzwerk für Frieden, Entwicklung und Umwelt, dem er als Direktor vorsteht.

Auf dem Berliner Mediationstag hat Galtung die TRANSCEND-Methode sowie seine praktische Arbeit mit dieser in mikro-, meso- und makropolitischen Konflikten vorgestellt. Auch Peter Knapp, einer der Veranstalter des Mediationstages hat über die Veranstaltung berichtet. Im Reader zum Tag ist zu lesen, dass die Methode mit drei Worttripeln gut beschrieben werden kann:

„Erstens besteht die Methode aus drei Phasen: den Konflikt erkennen und einordnen, legitimieren, Inkompatibilitäten überbrücken. Zweitens gibt es drei Aspekte in diesem Prozess: „One-on-one“, Dialog, Transzendenz. Drittens werden drei Eigenschaften vom Mediator verlangt: Empathie, Gewaltfreiheit, Kreativität.“

Die erste der drei Phasen sieht vor, den Konflikt zu analysieren, also zu schauen, wer die Akteure und Parteien sind, welches deren Ziele und Mittel sind und wo die Inkompatibilität zwischen Zielen und Mitteln liegt. Die zweite der drei Phasen meint eine Prüfung der Ziele und Mittel auf ihre Legitimität hin. Dies ist eine rechtlich-moralische Aufgabe, die dem (internationalen) Recht, den Menschenrechten und den menschlichen Grundbedürfnissen unterliegt. Die dritte der drei Phasen versucht eine Überbrückung der legitimen Ziele und Mittel. Dies ist eine intuitiv zu lösende Aufgabe und geschieht durch die Schaffung von Bedingungen, unter denen allen legitimen Zielsetzungen in vernünftiger Weise entsprochen werden kann.

Startend von einer gegenseitigen oder auch einseitigen Intoleranz verkürzt Galtung diese drei Schritte der Konfliktlösung in der TRANSCEND-Mediation auch mit folgenden Stichworte:

  • Toleranz
  • Dialog (Respekt und Neugier)
  • Gemeinsames Lernen

Am komplexen Beispiel eines möglichen Friedensprozessen in Afghanistan hat Galtung diese Methode in der Theorie mit den 170 Teilnehmern des Kongresses durchgespielt – eine großartige Leistung!

Die TRANSCEND-Mediation hat viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zur der Methode von Mediation, die üblicherweise in deutschen Mediationsausbildungen gelehrt wird. So führt Galtung mitunter lange ausführliche Einzelgespräche mit allen Konfliktbeteiligten, bis diese bereit sind, an einem gemeinsamen Gespräch teilzunehmen.

Desweiteren gibt er gegen Ende eines Prozesses, wenn es um die Überbrückung geht, den Konfliktparteien eine kreative Lösung an die Hand. Dabei kommen weder Lösungen in Frage, die mit einem „entweder-oder“ eine Partei in den Vordergrund stellen, noch Lösungen im Sinne von „weder-noch“. Die Lösung muss vielmehr einen gemeinsamen Lernprozess in Gang bringen und im Sinne eines „sowohl-als-auch“ gestaltet sein.

Bei Grenzstreitigkeiten zwischen zwei Staaten könnte beispielsweise die Einrichtung eines binationalen Gebietes, für das beide Staaten verantwortlich sind, eine Lösung im Konflikt bedeuten. In einem Schulkonflikt kann beispielsweise das gemeinsame Fußballspielen eine Art der Überbrückung sein, bei der beide ursprünglichen Konfliktpartner gemeinsam (den Umgang miteinander) lernen können …

Übrigens war Friedemann Schulz von Thun der Referent des ersten Berliner Mediationstages.

Christa D. Schäfer