Beiträge vom August, 2011

Gewalt und Mobbing an Schulen – Möglichkeiten der Prävention und Intervention

Montag, 15. August 2011 7:51

Die Schulmediation dient der Gewaltprävention, kann aber auch dann eingesetzt werden, wenn „leichte“ Gewalt bereits geschehen ist. Wilfried Schubarth hat ein sehr informatives Buch zum Thema „Gewalt und Mobbing an Schulen“ geschrieben, das ich an dieser Stelle gerne vorstellen möchte.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dieses im Grundgesetz verbriefte Grundrecht gilt auch für die Institution Schule und zwar für Schüler und Lehrer. Gleichwohl weiß jeder aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, diesem Recht Geltung zu verschaffen – auch und gerade in der Schule. Neben eigenen Erfahrungen stammt das meiste, was wir über die Schule zu wissen glauben, aus den Medien. Und diese sind beim Thema ‚Jugend und Gewalt‘ wahrlich nicht zimperlich, versprechen doch groß aufgemachte Berichte über extreme Gewaltvorfälle, z.B. Amokläufe, erhöhte Aufmerksamkeit und ökonomischen Gewinn. Sich über die Situation an Schulen selbst ein realistisches Bild zu machen, ist deshalb praktisch unmöglich. So bleiben die Fragen, die solche Medienberichte provozieren, weitgehend offen: Wie sicher sind unsere Schulen? Wie viel Gewalt, wie viel Mobbing gibt es an Schulen? Hat die Gewalt zugenommen? Haben wir bald amerikanische Verhältnisse? Was sind Ursachen für Gewalt und Mobbing? Und vor allem: Was kann gegen Gewalt und Mobbing getan werden? Welche Präventionsansätze gibt es und welche haben sich besonders bewährt?“ (Schubarth 2010, S. 7)

So eröffnet Wilfried Schubarth sein Vorwort zum Buch, und er geht schnell zu den quälenden Fragen über, die uns nach den bekannten Schlagzeilen der letzten Zeit immer wieder beschäftigen. Ich erinnere hier etwa an den Vorfall, als ein Schüler eines Berliner Gymnasiums am Bahnhof Friedrichstraße einen anderen Menschen brutal zusammenschlug oder an die Diskussion in den Medien über das immer verbreitetere Mobbing und Cybermobbing an Berliner Schulen.

Schubarth steht diesen Medienberichten kritisch gegenüber. Anhand einer Grafik zeigt er, wie schnell das öffentliche Interesse für das Thema durch die Medien ansteigt, wie auch die Politik oberflächlich reagiert und dann alles genauso schnell wieder im Sand verläuft. Er stellt auch kritisch dar, dass der Medienboom, der die Täter so sehr ins Rampenlicht stellt, Nachahmungstäter dazu animiert, ähnliche Verbrechen auszuführen. Fazit: Für Außenstehende sind die Fragen zu eventuellem Gewaltanstieg oder der aktuellen Situation nicht zu beurteilen.

In seinem Buch möchte Wilfried Schubarth dem ein wenig Abhilfe schaffen und beschreibt in der ersten Hälfte seines Buchs „Gewalt und Mobbing an Schulen“ die aktuellen Definitionen zu Aggression und Gewalt. Psychologische und soziologische Theorien und integrative Ansätze werden ausführlich zusammengefasst und schaffen ein Verständnis für die Vielschichtigkeit von Aggressionen, die in den allermeisten Fällen nicht nur einen Auslöser haben.

So beschreibt die Psychologie Aggression z.B. als Trieb oder als Reaktion auf Frustration, als erlerntes Verhalten oder als Persönlichkeitsstörung. Die Soziologie stellt Aggression mehr als abweichendes Verhalten dar, etwa als Folge von Anpassung an widersprüchliche kulturelle Ziel und sozialstrukturelle Verhältnisse oder als Anpassung an Anforderungen der Gesamt- oder Subkultur. Es entsteht auch aus zugeschriebenem Rollenverhalten oder mangelnder Selbstkontrolle und Verunsicherung. (Vgl. Schubarth 2010, S. 52f.)

Auf dieser Grundlage beschreibt Schubarth anhand von empirischen Forschungen ein Täter- und Opferprofil für den Schulbereich. Täter sind meist älter als ihre Opfer, sie sind dominant, meist selbstbewusst und eher beliebt bei ihren Mitschülern. Sie sind eher leistungsschwach, haben eine geringe Empathiefähigkeit und eingeschränkte Konfliktlösungskompetenzen. Dagegen sind typische passive Opfer im Gegenteil körperlich schwächer, unsicher, still. Sie wehren sich nicht, haben ein negatives Selbstbild, sind Außenseiter und haben mangelnde soziale Kompetenzen. Daneben gibt es auch noch die Gruppe der provozierenden Opfer, die sowohl Opfer wie Täter sind. Sie charakterisiert eine Kombination aus ängstlichem und aggressivem Verhalten. Sie sind leicht reizbar und in ihrer Altersgruppe eher unbeliebt. Während Täter und passive Opfer jeweils 5 % der Schüler ausmachen, sind etwa 2/3 der Opfer auch Täter und viele Täter sind auch schon Opfer gewesen. Dabei gelten die Zahlen sowohl für den Bereich der Aggression wie auch für Mobbing und Cybermobbing (vgl. Schubarth 2010, S. 67f. und 81f.).

Der zweite große Teil des Buches beschäftigt sich mit der Gewaltprävention und -intervention. Bereits bei der Definition von Aggression und Gewaltverständnis wurde im ersten Teil auf Folgen für die Prävention eingegangen. Nun fasst der zweite Teil ausführlich auf jeweils 2 bis 3 Seiten einzelne Programme zusammen aus dem Bereich der Gewaltprävention (z.B. „FAUSTLOS“) und –intervention (z.B. Coolness-Training), Programme gegen Mobbing (allen voran das Interventionsprogramm nach Dan Olweus), gewaltunspezifische Programme (z.B. das buddY-Programm) und weitere Konzepte, die das Zusammenleben in der Schule betreffen (z.B. Demokratie- und Menschenrechtserziehung). Jedes Projekt ist dabei übersichtlich gegliedert nach Zielen, Inhalt und Methoden, einer Gesamtbewertung und einer Zusammenfassung der Stärken und Schwächen des jeweiligen Programms.

Wilfried Schubarth hat mit seinem Buch eine Übersicht über den aktuellen Wissensstand im Bereich der Gewaltforschung geschaffen. Die Beschreibung der Präventionsprogramme ist knapp, aber mit ausreichend Literaturempfehlungen versehen, so dass ein vertiefendes Arbeiten damit ohne weiteres möglich ist. Das Buch eignet sich deshalb sehr gut als Grundlagenlektüre für Lehrer und Studierende und alle diejenigen, die mit Jugendlichen arbeiten, Gewalt und Aggression verstehen lernen und präventiv dagegen vorgehen wollen.

Ein gewaltfreies neues Schuljahr wünscht
Dominik Mühe

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Gute Schule gibt’s auch in Berlin !!

Montag, 8. August 2011 8:22

Deutscher Schulpreis 2011

Den Deutschen Schulpreis gibt es seit 2006. Er zeichnet jährlich seit die besten deutschen Schulen aus und wird von der Robert-Bosch Stiftung, der Heidehof Stiftung sowie dem Magazin stern und der ARD verleihen.

Es gibt sechs Qualitätsbereiche, in denen die teilnehmenden Schulen beurteilt werden:

Leistung
Schulen, die – gemessen an ihrer Ausgangslage – besondere Schülerleistung in den Kernfächern (Mathematik, Sprachen, Naturwissenschaften), im künstlerischen Bereich (z.B. Theater, Kunst, Musik oder Tanz), im Sport oder in anderen wichtigen Bereichen (z.B. Projektarbeit, Wettbewerbe) erzielen.

Umgang mit Vielfalt
Schulen, die Mittel und Wege gefunden haben, um produktiv mit den unterschiedlichen Bildungsvoraussetzungen, Interessen und Leistungsmöglichkeiten ihrer Schülerinnen und Schüler umzugehen, mit kultureller und nationaler Herkunft, Bildungshintergrund der Familie, Geschlecht; Schulen, die wirksam zum Ausgleich von Benachteiligungen beitragen; Schulen, die das individuelle Lernen planvoll und kontinuierlich fördern.

Unterrichtsqualität
Schulen, die dafür sorgen, dass die Schüler ihr Lernen selbst in die Hand nehmen; Schulen, die ein verständnisintensives und praxisorientiertes Lernen auch an außerschulischen Lernorten ermöglichen; Schulen, die den Unterricht und die Arbeit von Lehrern mit Hilfe neuer Erkenntnisse kontinuierlich verbessern.

Verantwortung
Schulen, in denen achtungsvoller Umgang miteinander, gewaltfreie Konfliktlösung und der sorgsame Umgang mit Sachen nicht nur postuliert, sondern gemeinsam vertreten und im Alltag verwirklicht werden; Schulen, die Mitwirkung und demokratisches Engagement, Eigeninitiative und Gemeinsinn im Unterricht, in der Schule und über die Schule hinaus tatsächlich fordern und umsetzen.

Schulklima, Schulleben und außerschulische Partner
Schulen mit einem guten Klima und anregungsreichen Schulleben; Schulen, in die Schüler, Lehrer und Eltern gern gehen; Schulen, die pädagogisch fruchtbare Beziehungen zu außerschulischen Personen und Institutionen sowie zur Öffentlichkeit pflegen.

Schule als lernende Institution
Schulen, die neue und ergebnisorientierte Formen der Zusammenarbeit des Kollegiums, der Führung und des demokratischen Managements praktizieren und die Motivation und Professionalität ihrer Lehrer planvoll fördern; Schulen, die in der Bewältigung der Stofffülle, der Verbesserung des Lehrplans, der Organisation und Evaluation des Schulgeschehens eigene Aufgaben für sich erkennen und daran selbständig und nachhaltig arbeiten.

Quelle: Auswahlkriterien für die Schulen

15 Schulen aus dem gesamten Bundesgebiet wurden für den Deutschen Schulpreis nominiert, sieben davon wurden beim Deutschen Schulpreis im Juni 2011 ausgezeichnet. Die Georg-Christoph-Lichtenberg-Gesamtschule aus Göttingen, eine Integrierte Gesamtschule wurde Hauptpreisträger des Preises, Bundespräsident Christian Wulff hat den Preis überreicht.

Die Heinz-Brandt-Schule aus Berlin-Weißensee hat den „Preis der Akademie“ erhalten. Auch diese Schule ist eine integrierte Sekundarschule. In dieser Schule hilft man sich – so steht es im Schulportrait – hier gibt es Lernbüros, persönliche Logbücher und individualisierten Unterricht. Wunderbar!!!

Gute Schulen in Berlin zum Stichwort “Individualisierung”

Aber es gibt natürlich noch mehr gute Schulen in und um Berlin. Unter dem Stichwort „Individualisierung – das Geheimnis guter Schulen“ werden einige davon in einer Filmdokumentation durch Reinhard Kahl vorgestellt. In einem booklet und in 25 Filmclips gibt es „gute Schulen“ hautpsächlich aus Skandinavien, der Schweiz, Finnland und aus Deutschland zu sehen.

Schule in der Großstadt, so heißt der 22. Filmclip. Man sieht Bilder aus der Spreewald-Grundschule (Berlin-Schöneberg). Hier hat das Theaterprofil der Schule dazu beigetragen, dass Schule wieder gelingt. Theater wird an dieser Schule zum Hauptfach für Sprache und das Leben. Kinder dieser Schule lernen, sich zu exponieren, sich zu zeigen und gesehen zu werden. Das ist eine gute Schulung für das Leben …

Die Erika-Mann Grundschule (Berlin-Wedding) hat ein wunderbares Schulgebäude, das von Architekturstudenten zusammen mit den Kindern der Schule zusammen geplant und gebaut wurde. Im Treppenhaus der Erika-Mann Schule sind Harfen gespannt, es gibt Höhlen auf den Gängen und Arbeitsplätze für individualisiertes Lernen. Vor einigen Jahren habe ich an dieser Schule ein Projekt gemacht und es war wundervoll zu hören, wenn Kinder vorsichtig oder weniger vorsichtig die Harfen angeschlagen haben …

Im Bereich der Oberschule wird die Ferdinand-Freiligrath-Schule (Berlin-Kreuzberg) vorgestellt. Das war vor einigen Jahren eine Schule, an der es viel Gewalt gab. Irgendwann hat die Schule „Dritte“ geholt, also „außerschulische Personen“, die mit den SchülerInnen Projekte machen. Andrej Patler, ehemaliger Nationaltrainer der polnischen Turner, war beispielsweise an der Schule und hat mit den Schülern Akrobatik gemacht. Mithilfe der „Dritten“ – Künstlern, Sportlern, Handwerkern und anderen – hat sich die Berliner Schule zu einer beliebten Schule weiter entwickelt.

Der Montessori-Gesamtschule (Potsdam) werden gleich zwei Filmclips gewidmet. Für diese Schule ziehen sogar Berliner Eltern nach Potsdam, um ihr Kind dort unterbringen zu können. „Schüler dürfen nicht beschämt werden“, sagt Ulrike Kegler, die Schulleiterin der Montessori-Gesamtschule. „Wir müssen erst mal eine respektvolle Lernumgebung schaffen, sonst können sie gar nichts lernen.“ Und diese Lernumgebung gibt es tatsächlich an dieser Potsdamer Schule. Da wird sogar die Inklusion vorgelebt, die im Moment in Berliner Schulkreisen das große neue Stichwort ist. „Wir brauchen Kinder und Jugendliche, die gehandicapt sind, weil wir alle mit ihnen lernen, dass jeder Mensch wirklich anders ist“, so die Schulleiterin. Und was besonders interessant ist: Untersuchungen an der Schule haben ergeben, dass zwar alle Kinder und Jugendliche von diesem Inklusionsmodell profitieren, am meisten jedoch die leistungsstarken SchülerInnen.

Damit hat Reinhard Kahl wieder eine wunderbare Dokumention geschaffen, von der viele Schulen, Lehrerinnen und Lehrer, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen lernen können. Meine Empfehlung: „Individualisierung – das Geheinmis guter Schulen“ unbedingt anschauen, Anregungen holen, darüber nachdenken und einige Hinweise gleich zum neuen Schuljahr umsetzen !!!

Das Archiv der Zukunft sammelt und verbreitet übrigens Bilder des Gelingens rund um das Thema Lernen. Die Publikationsreihe „Archiv der Zukunft“ wurde mit dem Film „Treibhäuser der Zukunft – Wie in Deutschland Schulen gelingen“ eröffnet, der in der Zwischenzeit einen großen Bekanntheitsgrad erreicht hat. Im Oktober gibt’s den nächsten Kongress „Arche Nova – Die Bildung kultivieren!“ vom Archiv der Zukunft in Bregenz am Bodensee.

Christa D. Schäfer

PS: Eine Geschichte zur absoluten Notwendigkeit von Individualisierung des Unterrichts in einer Tierschule finden Sie übrigens auch hier im blog – im Artikel der letzten Woche oder indem Sie hier klicken …

Thema: Schule in Berlin | Kommentare (1) | Autor:

Die Schule der Tiere

Montag, 1. August 2011 7:20

 
Es war einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine eigene Schule. Der Unterricht bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.

Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als ihr Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein ganz besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittsnoten aber waren akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum – außer der Ente.

Der Adler wurde als schwieriger Schüler angesehen. Zwar schlug er in der Kletterstunde alle anderen darin, als Erster den Wipfel des Baumes zu erreichen. Jedoch wurde er unnachsichtig und streng gemaßregelt, da er darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.

Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse. Dann bekam es einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.

Das Pferd gab sich beim Klettern besondere Mühe. Es war nämlich schon beim Flugunterricht unangenehm aufgefallen. Im Fliegen hätte es beinahe eine Fünf bekommen und sollte jetzt Nachhilfeunterricht nehmen.

Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ es seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreier“ im Klettern und „Fünfer“ im Rennen.

Die Präriehunde waren der Meinung, dass man Buddeln auf jeden Fall in der Schule lernen müsse. Als die Schulbehörde es aber ablehnte, Buddeln zu einem neuen Unterrichtsfach zu machen, gaben sie ihre Jungen zum Dachs in die Lehre.

Am Ende des Schuljahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen konnte, etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als bester Schüler die Abschlussrede.

Soweit zum Thema “Notwendigkeit von Individualisierung im Unterricht”. Diese Geschichte trägt den Namen “Die Schule der Tiere”. Sie wird mitsamt dem zugehörigen Bild immer wieder im deutschsprachigen Raum genutzt. Es war mir nicht möglich, die Ursprungsquelle herauszufinden. Vielleicht kann jemand helfen?!

Auch in meinem Buch “chicken soup for the soul“ ist sie zu finden – da natürlich in der englischen Version.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor: