Kennen Sie schon Frau Freitag, eine unerschrockene Lehrerin, die in einer überdrehten und recht leistungsschwachen 9. Klasse einer deutschen Großstadt unterrichtet? Ich kenne sie leider nicht – oder halt, ich kenne viele Frau Freitags, denn das Synonym Frau Freitag könn(t)e für viele Lehrerinnen stehen.

Und diese Frau Freitag, von der ich spreche, die hat ein Buch geschrieben über ihren Alltag in der Schule: „Chill mal, Frau Freitag“, so heißt das Buch. Zwischen Rap und Ramadan battelt sich Frau Freitag durch den Schulalltag ihrer Brennpunktschule. Rat holt sie sich von ihrer Freundin, Frau Dienstag, die ebenfalls Lehrerin ist, oder von Fräulein Krise. Eine Realsatire ist es geworden, in der man Zeuge unfreiwillig komischer Situationen wird – Situationen, die dennoch beispielsweise täglich in Sekundarschulen Berlins zu erleben sind.

Schon öfters habe ich in diesem Blog Literaturauszüge veröffentlicht, in denen es um Unterrichtsstörungen ging, so beispielsweise aus:

Jugend ohne Gott (Ödön von Horváth)
Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot (Frank McCourt)
Föhn mich nicht zu (Stephan Serin)

Und natürlich habe ich auch beim Lesen des Buches von Frau Freitag nach Beschreibungen für Unterrichtsstörungen gesucht. Wie bereits erwähnt, ist das gesamte Buch damit gespickt, und so habe ich mich für eine Passage entschieden, in der es gerade nicht um störende SchülerInnen geht:

Vielleicht sollte man sich einfach mehr mit den unproblematischen Schülern beschäftigen. Die gibt es nämlich auch. Wenn wir über unseren Berufsalltag reden, dann erzählen wir doch immer von den Schwierigen, von den Nervtötern, von den Nixtuern, den Alles-kaputt-Machern. Von den Schülern, mit denen man am meisten Arbeit hat und die einem den Unterricht, den Tag und den Spaß am Beruf zerstören.
Konzentrieren wir uns deshalb einmal auf die netten Schülerinnen und Schüler. Die, deren Namen wir leider am Schuljahresende noch immer nicht kennen oder die wir ständig verwechseln – gerade weil sie nicht stören. Deren Eltern wir nicht kennen, weil wir sie nie anrufen oder zum Gespräch einladen müssen. Überhaupt reden wir nur selten mit den lieben, netten Schülern, weil sie ja immer da sind und alles tun, was man von ihnen verlangt. Sie machen ihre Hausaufgaben, lernen, schreiben gute Arbeiten – was sollte es also zu besprechen geben? Probleme scheinen die nicht zu haben, denn sie tanzen nie aus der Reihe Wenn sie mal eine Stunde oder in einer Miniphase des Unterrichts unkonzentriert sind, dann spreche ich sie schon mal an: „Das bin ich von dir aber nicht gewohnt. Mach nicht so, das ist doch gar nicht deine Art von dir erwarte ich aber mehr.“ Diese Schüler dürfen nicht negativ auffallen, denn sie bilden das wacklige Gerüst, auf dem ich so tue, als fände bei mir geregelter Unterricht statt. Sie müssen immer die perfekten Schüler sein. Sie dürfen sich nicht verändern, dürfen nicht in die Pubertät kommen, schlecht gelaunt sein oder faul oder unverschämt werden.
In meiner Klasse gibt es davon vielleicht sechs oder sieben. Sechs oder sieben Schülerinnen und Schüler, die einfach so funktionieren und um die ich mich so gut wie gar nicht kümmere. Wenn sie einmal mit irgendeinem Problem zu mir kommen, dann fordere ich von ihnen, es auf schnellstem Wege alleine zu lösen. Ich habe keine Zeit, keinen Nerv und keine Lust, mich auch noch intensiv um die lieben, netten Schüler zu kümmern.
Quelle: Frau Freitag: Chill mal, Frau Freitag. Berlin: Ullstein 2011. S. 100 f.

Da kommt man doch glatt wieder ins Reflektieren zur Theorie über Unterrichtsstörungen heute. Aber jetzt haben wir in Berlin ja erst einmal eine Woche Winterferien …
Christa D. Schäfer