Alles Kooperation oder was? –

Einführung eines Konfliktklärungssystems im Netzwerk TUSCH (Theater und Schule) Berlin.

Unter dem etwas sperrigen Titel “KooperationsKultur – Konfliktklärungssystem(e) für TUSCH-Partnerschaften” haben sich drei Studierende eines Weiterbildungs-Masters “Mediation, Konfliktforschung und Implementierung von konstruktiven Konfliktklärungssystemen” ein Masterprojekt mit TUSCH Berlin als Forschungsfeld vorgenommen. Das Kooperationsnetzwerk TUSCH bietet die angemessene Breite (40 Partnerschaften jährlich) sowie eine entsprechend etablierte Prozessbegleitung, durch die der Informationsfluss zwischen den Partnerschaftsprojekten und -Prozessen gefördert wird.

TUSCH Berlin wurde 1998 von der damaligen Referentin für Ästhetische Bildung und Theater in der Senatsverwaltung für Bildung als Kooperationsprojekt zur Stärkung der Kulturellen Bildung an Berliner Schulen gegründet. Dabei sollten Partnerschaften zwischen jeweils einem Theater und einer Schule deren SchülerInnen möglichst vielfältige Begegnungsformen eröffnen und so jenseits vom einmaligen Theater- und/oder Workshopbesuch eine nachhaltige Erfahrung im kulturellen Bereich vermitteln. Zurzeit verbinden sich im Netzwerk 40 Schulen und 36 Bühnen in einer aktiven Partnerschaft. Diese Partnerschaften dauern drei Jahre. Die Schule scheidet danach aus dem Netzwerk aus, dem Theater wird eine neue Schule vermittelt. Jedes Jahr entwickelt die Partnerschaft als Kern ihrer Kooperation ein Theaterprojekt. Dieses wird an der jährlich im Frühjahr stattfindenden TUSCH Festwoche aufgeführt, welche gleichzeitig der Höhepunkt des TUSCH Jahres ist.

Seit der Gründung von TUSCH sind 123 Schulen aller Formen und Stufen aktiv mit Theater in Berührung gekommen. 130 Künstlerinnen und Künstler sowie Pädagoginnen und Pädagogen sind jährlich mit den Schülerinnen und Schülern aktiv. Die Palette reicht von Regisseurinnen, Schauspielern, Choreografinnen, Dramaturgen, Musikerinnen und Theaterpädagoginnen der TUSCH Bühnen sowie ihren Partnerinnen und Partnern der Schulen (Lehrerinnen, Schulleitungen, Erzieher und Sozialarbeiterinnen). In der Spielzeit 2009/2010 waren rund 3500 Schülerinnen und Schüler aktiv beteiligt, jährlich besuchen rund 3000 Besucherinnen und Besucher die TUSCH Festwoche.

Das Team der drei Masterstudent/innen (Alessandro Mani, Thomas Lyssy und Ursula Jenni) haben sich zum Ziel gesetzt, Stolpersteine und Gelingensbedingungen des Zusammenarbeitens unter den speziellen Bedingungen einer TUSCH-Partnerschaft genauer zu untersuchen. Die leitenden Fragen waren: Wie kann die Kommunikation und Zusammenarbeit zwischen den Akteuren/innen aus so unterschiedlichen Systemen, wie sie Theater und Schule darstellen, im konkreten Partnerschaftsprozess gestärkt werden? Wie können sie ihre Interessen im Rahmen der Partnerschaft realisieren? Wodurch fühlen sie sich beflügelt oder gehemmt? Wie entsteht das berühmte 1+1=3, das schöpferisch Gemeinsame, das für die Schüler/innen die kreative Teilhabe an der Theaterkunst eröffnet?

Vom Mai 2010 bis Juni 2011 war das Projektteam im Netzwerk TUSCH Berlin tätig. Mit dem Ziel, im Dialog mit den Beteiligten – Lehrerinnen, Künstlern, Prozessbegleiterinnen und Projektleitung von TUSCH – ein für das Netzwerk TUSCH massgeschneidertes Konfliktklärungssystem (KKS) zu entwickeln und zu implementieren, mithilfe dessen die Kooperationskultur im Netzwerkprojekt gestützt und gefördert werden kann.

Um dieses Ziel zu erreichen, wurden im Mai und Juni 2010 fünfzehn Interviews mit Lehrerinnen, Künstlern, Prozessbegleiterinnen und der Ko-Leiterin von TUSCH geführt. Die Interviews wurden zuerst einzeln, danach im Team multiperspektivisch ausgewertet. Aus den auf diese Weise erhobenen Daten entschied sich das Projektteam zum Ende der Auswertungsphase für eine Rückspiegelung an alle TUSCH-Teilnehmerinnen, also an alle TUSCH-Partner und an die Prozessbegleiterinnen im Zuge der Auftakt-Treffen zum neuen Schuljahr im September 2010. Darüber hinaus entschied das Projektteam, der Entwicklungsarbeit ein „Label“ zu geben, das insbesondere auch für neue TUSCH-Partner attraktiv war und ihnen die Frage „What’s in it for me?“ leicht beantwortete. Mit dem Titel „KooperationsKultur – Konfliktklärungssystem(e) für TUSCH-Partnerschaften“ wurde einerseits der präventive Charakter des KKS verdeutlicht, andererseits auch mögliche unterschiedliche Bedürfnisse bezüglich Konfliktklärung und -bearbeitung abhängig von der Dauer der Partnerschaften benannt. Bei der Rückspiegelung der Daten arbeiteten die Projektpartner in durchaus kontroversen Diskussionen unter der Leitung des Projektteams die für sie bedeutenden Themen und Schwerpunkte heraus und erörterten, durch welche Methoden und Strukturen im partnerschaftlichen Alltag Konflikte bewältigt werden können. Die Auswertung der Rückspiegelungsworkshops unter Berücksichtigung der spezifischen Rahmenbedingungen im Netzwerk TUSCH führte das Projektteam zur Entscheidung, den Akzent auf Konfliktprävention und Kooperationsförderung zu setzen und gleichzeitig die Prozessbegleiterinnen in der Konfliktmoderation zu stärken. Die Idee und Grundstruktur eines „Pilotprojekts KooperationsKultur“ war geboren.

Im November 2010 und Januar 2011 trafen sich die Partnerinnen der Erstjahrespartnerschaften zu zwei Austausch-Tagen, an denen sie in theater- und kommunikationspraktischen Workshops neue Fertigkeiten erwarben und wertschätzende Gesprächsformate kennenlernten und erprobten. Das Programm schloss jeweils mit einem gemeinsamen Essen, das die Möglichkeit zum informellen Austausch bot. Parallel dazu erhielten die Prozessbegleiterinnen Weiterbildungen und Workshops in Kommunikations- und Gesprächstechniken mit dem Schwerpunkt Konfliktmoderation und tauschten sich über ihr Rollenverständnis aus.

Mit abschliessenden Befragungen in Form von Gruppendiskussionen evaluierte das Projektteam die Wirkung des Pilotprojekts KooperationsKultur und entwickelte eine Perspektive zur Weiterführung des Projektes. Diese Empfehlungen wurden im Juni 2011 anlässlich der Projektübergabe mit den beteiligten Partnerinnen diskutiert und gemeinsam mit den Ergebnissen der Diskussion der Leitung von TUSCH übergeben. Die nun vorliegende Projektdokumentation berichtet über Etappen und Verlauf des Pilotprojekts KooperationsKultur im Netzwerk TUSCH Berlin.

„There is a saying: „If you want peace, work for justice.“ Perhaps if we want peace, we should learn, create, build, practice, manage, teach, and design interest-based conflict management systems“ (Costantino/Merchant, 1996, S.227). Wurde das von Costantino/Merchant erwähnte Ziel des Friedens in den letzten 15 Monaten erreicht? Ziel des Projektteams war es ja, im Dialog mit den Partnerschaften (Lehrerinnen und Künstlerinnen) und den Prozessbegleiterinnen ein für das Netzwerk TUSCH massgeschneidertes Konfliktklärungssystem zu entwickeln und gemeinsam mit ihnen zu implementieren. Für das Projektteam stellte sich zum Abschluss die Frage, ob die gesteckten Ziele erreicht wurden, welche Strategien und Massnahmen erfolgreich waren und was in einem zukünftigen Projekt anders gemacht werden könnte.

Generell zog das Projektteam ein positives Fazit des Pilotprojekts „KooperationsKultur – Konfliktklärungssysteme für TUSCH-Partnerschaften“. Diese Aussage beruht auf den Rückmeldungen der Austauschtage mit den Partnerschaften, den Workshops und Weiterbildungen der Prozessbegleiterinnen, der Projektübergabe sowie den abschliessenden Befragungen. Das Konzept des Austauschs, respektive der Austauschformate zum besseren Verständnis der Partnerinnen und damit zur Prävention von Konflikteskalationen wurde von den Partnerinnen verstanden und gut aufgenommen.

Eine Evaluation der KooperationsKultur bei TUSCH in zwei Jahren, also nach Ablauf der dreijährigen TUSCH-Partnerschaft der ersten Projektgruppe, würde das Projekt abrunden und einen Entscheid über die weitere Fortführung ermöglichen.

Literatur:
COSTANTINO, C. A., MERCHANT, C. S. (1996). Designing Conflict Management Systems – A Guide to Creating Productive and Healthy Organizations. San Francisco: Jossey-Bass Publishers

Weitere Informationen:
www.tusch-berlin.de

Zum Autor:
Thomas Lyssy, Mediator SDM/BM, Partner der Lyssy & Lyssy Mediation und Inhaber des Büros für Medienarbeit in Basel. Arbeitet als Mediator/Moderator, KKS-Begleiter und Kommunikationsberater mit Schwerpunkt Non-Profit-Organisationen und Gesundheitswesen.
www.lyssy-mediation.ch

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Datum: Montag, 12. März 2012 7:38
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