Das Systembrett in Mediation, Supervision und Coaching

Eine Abteilungsleiterin kommt in meine Praxis und klagt über schlechte Disziplin und forderndes Auftreten ihrer Mitarbeiter. Nachdem sie die Missstände in der Abteilung ausführlich geschildert hat, bitte ich sie, Ihr Ziel zu formulieren, so, als ob es schon erreicht sei. Sie denkt eine Weile nach. „Ich möchte sagen können: Meine Mitarbeiter arbeiten selbstständig, eigenverantwortlich und motiviert im Sinne der Firma, ohne dass ich sie dauernd kontrollieren muss“.

Ich schlage ihr vor, ihre Situation auf dem Systembrett aufzustellen. Sie willigt ein. Ich zeige ihr das Brett und ein Kästchen mit kleinen Gegenständen, bunten Steinen, Klötzchen, Holzfiguren, die sie als Stellvertreter für die Beteiligten wählen kann. Sie blickt in den Korb, schaut sich dann im Raum um und nimmt eine dicke Mandarine von einem Fruchtkorb. Die platziert genau ins Zentrum des Bretts. „Die Kollegin X, die ist das eigentliche Problem, die ist schrill und macht sich breit und will immer im Mittelpunkt stehen.“

Jetzt nimmt sie ein kleines Figürchen aus dem Korb und stellt es als Stellvertreter für sich gegenüber der X auf.

Dann, sehr rasch, wählt sie aus dem Kästchen Stellvertreter für die anderen Kollegen und baut sie rundherum auf. „Genau so ist es, alle stehen um mich herum, und alle schauen mich an. Jeder will etwas von mir. Ich habe das Gefühl, alle machen mir Arbeit mit ihren Forderungen, anstatt selber etwas zu tun. Von allen Seiten nichts als Forderungen. „Wo ist jetzt für Sie der Mittelpunkt?“ frage ich. Sie schaut auf ihren Aufbau. „Da bin ja ich selbst im Zentrum!“ ruft sie überrascht.

In schwierigen Situationen ist es oft hilfreich, innezuhalten, zurückzutreten und sich Übersicht zu verschaffen über das Arbeitsumfeld, über die Familie, die Partnerschaft, über innere Widersprüche, kurz, über ein System, als dessen Teil man sich begreift, und in dem man sich hilflos, ausgeliefert oder orientierungslos fühlt.

Das Systembrett bietet in der systemischen Beratung – ob Mediation, Supervision oder Coaching – eine hilfreiche Methode in der Arbeit mit Einzelnen, Paaren oder Gruppen, sich Überblick zu verschaffen über das, was ist. Und es bietet zugleich die Gelegenheit, schöpferisch tätig zu werden, nämlich das, was sein soll, neu zu komponieren.

Das Systembrett kann als die „kleine Schwester“ der Aufstellung beschrieben werden; es ist eine Art Miniaturbühne und ähnelt einem Brettspiel. Auf der quadratischen Brettoberfläche befindet sich ca. 5 cm vom Brettrand eine innere Rahmung in Form einer eingebrannten oder aufgezeichneten Linie, welche die Fläche des Bretts in einen Innen- und einen Außenraum gliedert. Das gibt dem Klienten die Möglichkeit zu visualisieren, wer oder was zum Problemsystem dazugehört bzw. außerhalb steht. Die Konfliktbeteiligten werden durch kleine Figuren oder Objekte repräsentiert. Je nach Bedarf kann man neutrale Figuren oder Objekte mit Symbolgehalt wählen – dabei ist die Wahl sowohl vom Kontext als auch von der individuellen Arbeitsweise und Neigung des Beraters abhängig, und der Phantasie der Benutzer sind letzten Endes keine Grenzen gesetzt

Unter Zuhilfenahme von Figuren erschaffen die Klienten ein Abbild ihres thematisierten Beziehungsgefüges und verändern es (einzeln oder gemeinsam, je nach Setting) durch Umgruppierung. Sie sind aktiv und schöpferisch von Anfang an; indem sie die Umstände ihrer Situation aus ihrer Sicht formulieren und bestimmte Beziehungen, Aspekte, Anschauungen, Überzeugungen aus der inneren Vorstellung nach außen holen und konkret sichtbar machen, bewegen sie sich aus Passivität, Duldung und Opferhaltung heraus. Jeder einzelne exploriert und erweitert seine Handlungskompetenz, indem er sich zum Beispiel mit den Repräsentanten der Konfliktpartner assoziiert und deren Perspektive exploriert. Es kann auch Adler- oder Ameisenperspektive eingenommen werden. Dabei eröffnen sich jedem Individuum andere und neue Blickwinkel; eigene, vergessene Ressourcen werden neu entdeckt, Zielkonstellationen ge- und ver-setzt und im gegebenen Rahmen erprobt. Ist die Wunschkomposition gefunden, können die Klienten konkrete Schritte formulieren, die für sie im Alltag zielführend sind: „Was bedeutet diese Umstellung für Ihre konkrete Situation in der Familie?“

Das Systembrett ist für mich ein faszinierendes Werkzeug für jedermann, um innere Bilder nach außen zu transportieren, sie zu manifestieren, zu deuten und umzugestalten, um Perspektiven zu wechseln, Ressourcen zu entdecken, Handlungsspielräume zu erweitern und Optionen zu erproben. Es bietet die Möglichkeit, die Gestaltung des eigenen Systems im Wortsinn „in die Hand zu nehmen“, indem ich die Stellvertreterfiguren wähle, setze und ver-setze. Das Systembrett – ernst genommen – ist eine lebendige Werkstatt für persönliche Weltentwürfe. Dabei ist sein Einsatz unaufwändig und raumsparend.

Gerade auch für Klienten, deren verbale Ausdrucksmöglichkeiten begrenzt sind, bietet das Systembrett einen Raum, in dem sie ihre Welt, ihr System ganz konkret aufbauen, von allen Seiten betrachten und verändern können. Und dabei braucht es möglicherweise nicht viele Worte.

Literatur:
Eine empfehlenswerte Einführung in die Arbeit mit dem Systembrett ist im Ökotopia-Verlag erschienen: „Aufstellungen mit dem Systembrett“ von Wolfgang Polt und Markus Rimser (Münster 2006)

Autorin dieses Artikels:
Dr. Heidrun Kaletsch, Trainerin, Coach und Supervisorin mit dem Schwerpunkt Gesundheitswesen. Sie arbeite häufig in Arztpraxen als Beraterin. Da geht es um Verbesserung der Kommunikation, Klärung von Konflikten, Team- und Leitungssupervision. Gern nutzt sie dabei das Systembrett, um Situationen sichtbar zu machen und auf ihre Veränderbarkeit hin zu untersuchen. Und immer wieder ist sie erstaunt über die unerwarteten Erkenntnisse und kreativen Lösungsperspektiven, die ihre Klienten bei der Arbeit mit dem Systembrett gewinnen. www.praxiskommunikation-berlin.de

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Datum: Montag, 26. März 2012 7:43
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3 Kommentare

  1. 1

    [...] Das Systembrett in Mediation, Supervision und Coaching [...]

  2. 2

    Das ist ne tolle Idee und so simpel…

  3. 3

    [...] In Berlin kann ich für diesen Mediationsbereich Dr. Heidrun Kaletsch empfehlen: Trainerin, Coach, Supervisorin und Konfliktbearbeiterin mit dem Schwerpunkt Gesundheitswesen. In diesem Blog hat sie vor einiger Zeit einen Artikel geschrieben zum Thema “Das Systembrett in Mediation, Supervision und Coaching”. [...]

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