„Mit dem Fetten verliern wa!“

„Wir spielen heute Basketball.“
Einige Jungen der 8a jubelten. Basketball hatte im Jahr 2011 unter Jugendlichen den gleichen Stellenwert wie zu meiner Zeit als Schüler.

so Stephan Serin in seinem neuen Buch „Musstu wissen, weiss Du“!

Ich hatte im März das Glück, an der Premierenfeier und der ersten Lesung zu diesem Buch teilzunehmen und war wieder ganz angetan von der „schnoddrigen Sprache“ Serins, das Berliner Schulwesen im Allgemeinen und seine Erfahrungen im Besonderen zu beschreiben. Hier passend zu diesem Blog ein kleiner Einblick, wie Serin als Vertretungslehrer im Fach Sport 2011 versuchte, seinen Achtklässlern Denkanstöße zum Sozialen Lernen zu geben:

„Die Kapitäne sind Ferdinand und Kevin.“ Nach einem Blick ins Notenbuch hatte ich mich für die beiden entschieden. Sie standen in Sport auf einer Fünf. Ich wollte ausbrechen aus der Gewohnheit, die Mannschaften von den besten Schülern zusammenstellen zu lassen. Nach dieser Tradition wären die Jungen, die am schlechtesten in diesem Fach waren, wieder als Letzte gewählt worden. Ich wusste das aus eigener Erfahrung. (…)
Die Mannschaftsführer Ferdinand und Kevin würden jetzt sicherlich vollkommen anders vorgehen – als Außenseiter würden sie weitere schlechte Sportler aus der Klasse nicht ausgrenzen. Im Gegenteil, sie würden darauf achten, dass jeder zum Zuge kommen würde. Gehässige Bemerkungen würden unterbleiben. Wahrscheinlich würden sie sogar als Erstes die schlechten Schüler in ihre jeweilige Mannschaft wählen, weil sie sich mit ihnen verbunden fühlten. Da würde die Leistungsspitze mal das Gefühl kennenlernen, nicht erwünscht zu sein!
Als ich ihre Namen gerufen hatte, lösten sich die zwei übergewichtigen Jungen aus der Schülertraube und trotteten schwerfällig zum Mittelkreis, wo ich mit dem Ball wartete. Ferdinand war klein, trug eine lange Hose und ein Trikot der deutschen Fußballnationalmannschaft. Kein war deutlich größer und mit Bermudashirts und einem weißen Nike-T-Shirt bekleidet. Beide hatten wie alle ihre Mitschüler kurze Haare.
„Ferdinand, du fängst an!“
„Ich nehm Jason“, murmelte er leise.
„Ich will aber nich mit dem Fetten. Da verlier ick!“ Jason stand in Sport auf einer Eins. Ich wies ihn an, sich Ferdinands Entscheidung nicht zu widersetzen. Dimitrij, der danach von Kevin gewählt wurde und auch ein Einserschüler war, brauchte ebenfalls Druck um sich seinem Schicksal zu fügen. Die nächsten Spieler wurden dann gleich von Jason und Dimitrij ausgesucht, in der Rangfolge ihrer Noten. Sie wollten sichergehen, dass Ferdinand und Kevin keine weiteren Loser ins Team holten. Übrig blieb schließlich Huan – es gab keine gerade Schülerzahl -, ein schmächtiger, scheuer Vietnamese mit Brille (einige Dioptrien stark), der immer gebückt und mit eingezogenem Kopf herumlief. „Also, dann kommt Huan zu euch!, erklärte ich Kevin, weil dessen Gruppe, was die Noten der Einzelnen betraf, etwas schlechter aufgestellt war. Der Protest kam umgehend.
„Äh!“, maulte Dimitrij. „Nich Huan! Den nehm wa nich!“
„Hör zu!“ Mahnend schaute ich meinen russischen Schüler an. „Du entscheidest hier überhaupt nichts. Und außerdem hab ich mit Kevin geredet, der ist euer Kapitän.“
Ich nickte dem übergewichtigen Jungen zu. Es musste toll für ihn sein, im Sport endlich die Anerkennung zu erfahren, die ihm sonst immer versagt blieb. Allerdings tat sich Kevin noch schwer damit, sich seiner gestiegenen Verantwortung als würdig zu erweisen: „Wir wollen den wirklich nich. Der ist wirklich voll schlecht. Da verliernma.“
Kevins Argumentation war ziemlich grotesk, denn mit seiner glatten Fünf stand er in Sport schlechter da als Huan, der wenigstens auf eine Fünf plus kam. Um letzteren weitere Herabwürdigungen zu ersparen, ernannte ich ihn schließlich zu meinem Schiedsrichterassistenten. So würde er den Ball sicher häufiger berühren, als wenn er selbst mitspielte …

Quelle: Serin, Stephan. Musstu wissen, weiss Du! Reinbeck: rororo 2012. S. 124 ff.

Das Buch ist übrigens eine prima Lektüre für die verbleibenden Tage der Osterferien. Und falls Sie wissen möchten, was Stephan Serin in seinem ersten Buch zu Unterrichtsstörungen sagt …

Christa D. Schäfer

 

 

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Datum: Montag, 9. April 2012 8:00
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4 Kommentare

  1. 1

    Das Buch hört sich doch sehr interessant an. Ich werde es mir aufjedenfall besorgen und wahrscheinlich meinem sohn auch vorschlagen, der sich vlt. damit besser identifizieren kann.
    Ich bin gespannt wie es weitergeht.
    Mfg

  2. 2

    Ihnen beiden viel Spaß beim Lesen.

  3. 3

    Das ist ein wirklich gut geschriebenes Buch, es hat mich ein bisschen wieder an meine schulzeit erinnert.^^
    Wünsche euch auch viel spaß dabei. ;)

  4. 4

    [...] Und weitere literarische Kostproben zum Thema Unterrichtsstörungen beispielsweise von Frau Freitag oder Stephan Serin [...]

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