Verhaltensungewöhnliche Kinder

In vielen Gesprächen mit Eltern und Erzieherinnen bin ich in letzter Zeit über das Thema „Verhaltensauffällige Kinder in der Kita und im Kindergarten“ gestolpert. Stets machen sich Erzieherinnen in solch einem Fall viele Gedanken und suchen das Problem zu lösen. Auch Eltern sind oft verzweifelt und wissen gar nicht, wie das Problem angegangen werden könnte.

Als Pädagogin hat mich diese Thematik natürlich brennend interessiert und als Systemische Beraterin konnte ich stets mit den Betroffenen intensiv am Thema arbeiten. Jetzt habe ich zu diesem Thema ein Buch entdeckt, das ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Es handelt sich um das Buch „Verhaltensungewöhnliche Kinder in die Gruppe holen“ von Marianne Kleiner-Wuttke aus dem Beltz Verlag. Ähnlich meinem Buch zu den „Unterrichtsstörungen“ wird in diesem Buch auf mögliche Ursachenprofile hingewiesen und es werden Wege zu Falllösungen für „verhaltensungewöhnliche Kinder“ aufgezeigt. Marianne Kleiner-Wuttke ist in einer Kindertageseinrichtung im Süden Berlins tätig, in einem Austausch mit ihr konnte ich viele Verbindungen und wenige Unterschiede zwischen unseren beiden Ansätzen ausmachen.

Während ich den neutral gefassten Begriff der Unterrichtsstörung für schwierige Situationen in der Schule nutze, wählt Marianne Kleiner-Wuttke den Begriff der „Verhaltensungewöhnlichen Kinder“. Über diese Kinder schreibt sie folgendes:

Verhaltensungewöhnlich wird ein Kind in der Regel dann genannt, wenn es unerwünschte Verhaltensweisen zeigt. Dabei sind die Ursachen für das Verhalten möglicherweise noch völlig ungeklärt. Schwierigkeiten lassen sich oftmals weder auf ein individuelles Problem des jeweiligen Kindes noch auf einzelne Ursachen oder Auslöser zurückführen. Das Kind sendet seiner Umwelt Signale, die darauf hinweisen, dass in seinem Leben etwas nicht in Ordnung ist. Für alle Formen von Verhaltensauffälligkeiten gilt, dass sich betroffene Kinder damit selbst in ihrer Entwicklung beeinträchtigen oder ihre Verhaltensweisen zu umfangreichen Konflikten mit ihrer Umwelt führen. Die Symptome eines besonderen Verhaltens können so vielfältig sein, wie der Mensch eben einzigartig ist. Das Kind entwickelt aus seiner Not heraus Verhaltensstrategien, um auf sich aufmerksam zu machen. Viele Kinder sind dabei sehr originell und einfallsreich.

Kinder müssen erst noch lernen, Selbstverantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Sie sind nicht willentlich auffällig in ihrem Verhalten. Man kann sie zumeist, bedingt durch äußere Faktoren, verhaltensauffällig machen. Bei der Wahrnehmung und Einschätzung kindlichen Verhaltens sollten wir daher niemals von den Problemen ausgehen, die ein Kind macht, sondern immer nur von den Schwierigkeiten, die es hat. (Marianne Kleiner-Wuttke: Verhaltensungewöhnliche Kinder in die Gruppe holen. S. 9 f.)

Das Buch enthält viele wertvolle Informationen und berücksichtigt eine fundierte Systemische Theorie und die modernen Kommunikations- und Konflikttheorie. So gibt es beispielsweise Wissenswertes über die vier verschiedenen Bindungsqualitäten in der Eltern-Kind-Beziehung, über Erziehungsstile und über Kinder in schwierigen Familiensystemen; das Thema ADHS nicht zu vergessen. Besonders hervorheben möchte ich das Kapitel zum Thema „Emotionale Intelligenz“. Eigentlich sollten alle Kita-Erzieherinnen und -Erzieher die Hinweise dieses Kapitel in ihrer täglichen Arbeit berücksichtigen und das Thema auf einem Elternabend mit den Eltern aufgreifen. Das wäre der Entwicklung vieler Kleinkinder sehr zuträglich. Neben detaillierten Beschreibungen von Prozessbegleitenden Interventionen gibt es im Buch natürlich auch Interventionsstrategien für den alltäglichen Umgang mit verhaltensungewöhnlichen Kindern im Kita-Umfeld. Ich wünsche dem Buch jedenfalls viele aufmerksame Leserinnen und Leser …

Ich stelle mir gerade die Frage, ob auch Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer gut mit dem Thema „Emotionale Intelligenz“ im Grundschulunterricht umgehen ?!

In diesem Zusammenhang fällt mir ein, dass es in Berlin vor kurzem erstmals die Veröffentlichung einer Studie gab, die das Modell JÜL (Jahrgangsübergreifendes Lernen in den ersten Schuljahren) und die frühe Einschulung der Berliner GrundschülerInnen (ab 5 1/2 Jahren) untersucht hat. Im JÜL werden SchülerInnen der Klassenstufen 1 bis 3 gemeinsam unterrichtet. Nach dem Peergroup Ansatz sollen die älteren SchülerInnen die jüngeren SchülerInnen unterstützen. Die FU-Studie unter der Leitung von Hans Merkens hat jedoch herausgefunden, dass sich die Leistung der Grundschülerinnen und Grundschüler nach der Einführung dieser beiden Neuerungen in den Fächern Mathematik und Deutsch dramatisch verschlechtert hat. Merkens führt dies vorallem darauf zurück, dass das Einschulungsalter um ein halbes Jahr vorverlegt und die LehrerInnen schlecht auf das JÜL-Konzept vorbereitet wurden. Viele Eltern versuchten bereits dieses Schuljahr, ihr Kind zurückstellen und später einschulen zu lassen. Auch dies ist für viele Kinder ein überaus gelungener Start in ihre Schulkarriere. Die Studie wird übrigens derzeit heiß diskutiert, eine Stellungnahme der Bildungsverwaltung dazu habe ich noch nicht gelesen.

Und dann gibt es ganz neu einen Ländervergleich zwischen GrundschülerInnen verschiedener Bundesländer. Mehr als 27.000 SchülerInnen von vierten Jahrgangsstufen wurden im Lesen, Zuhören und in der Mathematik getestet. Berlin liegt bei dem Vergleich mit den anderen Stadtstaaten zusammen auf den hintersten Plätzen. Nirgendwo liegen die Leistungsunterschiede zwischen den besten und den schlechtesten SchülerInnen so weit auseinander wie in Berlin. Ach ja, ganz vorne im Ländervergleich ist übrigens Bayern.

Christa D. Schäfer

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Datum: Montag, 15. Oktober 2012 7:54
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