Beitrags-Archiv für die Kategory 'Gemeinwesenmediation'

Mediation für Roma-Familien in Berlin

Dienstag, 9. Juni 2009 17:54

Vor einigen Wochen sind mehrere Roma-Familien aus Rumänien mit einem Touristenvisum nach Berlin eingereist. Zunächst haben sie ihre Nächte im Görlitzer Park unter freiem Himmel verbracht. Dann zogen sie in das Künstlerhaus Bethanien in Kreuzberg, campierten in den frisch renovierten Räumen einer demnächst öffnenden Kindertagesstätte und besetzten anschließend die Kreuzberger St. Marien-Liebfrauenkirche.

Am 30.05.09 stand im Berliner Tagesspiegel folgende Überschrift zur Kreuzberger Situation: „Im Bezirk regiert das Prinzip Runder Tisch: Statt Konflikte zu lösen, wird moderiert ohne Ende. Weshalb es manchmal etwas länger dauert, bis Probleme geklärt sind.“

Die Senatsverwaltung für Soziales sieht die Bezirke in der Pflicht zur Problemlösung, da diese für die Unterbringung ausländischer Obdachloser zuständig seien. Die Bezirke selber sehen keine Berührungspunkte mit ihren Zuständigkeiten und sehen den Senat in der Pflicht.

Die rumänischen Familien haben keinerlei Ansprüche auf Sozialleistungen, da sie weder eine Arbeitserlaubnis, noch einen festen Wohnsitz in Deutschland haben. Eine Rückkehrhilfe für die Rumänen könnte zur Verfügung gestellt werden. Eine Abschiebung könne es nicht geben, da die Familien ein Touristenvisum haben.

In der Zwischenzeit sind die 110 Roma in einem Asylbewerberheim in Spandau untergebracht. Das Landesamt für Gesundheit und Soziales hatte die Aufnahme dort veranlasst und das von der AWO geführte Heim bangte bei Aufnahme der Roma-Familien, ob Senat oder Bezirk für die Kosten der Unterbringung aufkommen. Das Unterbringungsangebot war befristet bis letztes Wochenende.

Gespräch mit Vertretern der rumänischen Botschaft endeten mit dem Hinweis der Diplomaten, man sehe sich gegenüber den Roma-Familien nicht in der Pflicht und sei auch nicht in der Lage, deren Aufenthalt zu finanzieren.

Bereits letzte Woche sind Mediatoren zum Einsatz gekommen. Zitat aus dem Tagesspiegel vom 04.06.09 dazu: „Das Angebot in Spandau sei bis zum Ende der Woche befristet (…) Morgen sollen Mediatoren zum Einsatz kommen, um den rumänischen Familien diesen Umstand noch einmal zu verdeutlichen.“ Mit der in diesem Blog genutzten Definition von Mediation kann dieses Vorhaben nur wenig zu tun haben.

Romani Rosi, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, forderte den Senat auf, für eine menschenwürdige Unterkunft der Roma-Familien zu sorgen. Demokratische Staaten hätten eine besondere Verantwortung gegenüber Minderheiten wie den Roma, die dem nationalsozialistischen Terror ausgesetzt gewesen seien.

Klaus Wowereit, der Berliner Bürgermeister, hat bisher zur Problematik geschwiegen, er vertraut darauf, dass die mit dem Problem befassten Stellen eine Lösung finden werden. Am Montag befasste sich der Innenausschuss mit dem Problem, Innensenator Körting forderte die Roma zur Rückkehr in ihr Heimatland auf.

In der Zwischenzeit verdienen sich die Roma-Familien Geld mit dem Scheibenwischen von Autoscheiben oder mit Betteln. Es gibt immer mehr Beschwerden gegen Mitglieder aus dem Roma-Clan, die bei diesen Arbeiten aggressiv vorgehen sollen. Die Roma selber äußern den Wunsch, in Deutschland dauerhaft bleiben zu können.

„Die Gespräche mit den Mediatoren – in Berlin lebende Roma – werden nach Angaben der Senatsverwaltung täglich weitergeführt, um den Familien klarzumachen, dass sie nur vorübergehend im Flüchtlingsheim bleiben können. Auf das Angebot, sich bei den zuständigen Bezirksämtern zu melden, um weitere Möglichkeiten zu klären, seien die Roma bisher nicht eingegangen.“ – so der neuste Stand, berichtet im Tagesspiegel vom 09.06.09.

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Konfliktmanagement, Mediationsverfahren | Kommentare (1) | Autor:

Medition beim Uferstreit in Potsdam

Donnerstag, 14. Mai 2009 13:10

Und wieder gibt es vielleicht demnächst eine spannende Mediation, den öffentlichen Raum bzw. das Gemeinwesen betreffend. Es geht um den Uferweg am Griebnitzsee in Potsdam-Babelsberg. Ist er öffentlich oder dürfen die Anrainer ihn für ihre Bedarfe sperren?

Dieser Streit eskalierte, als das Oberverwaltungsgericht kürzlich im Streit um die Nutzungsrechte acht Anrainern Recht gab, den Weg am See als ihr Eigentum für den Durchgang anderer zu sperren. Begründung: Es bestünde kein „naturschutzrechtliches Betretungsrecht für die Allgemeinheit“. Fast ein Dutzend Anrainer haben daraufhin ihren Weg am See entlang gesperrt.

Andere prominente See-Anrainer sprechen sich für den Weg am See als öffentlichen Weg aus. Dies will natürlich auch die Bürgerinitiative „Griebnitzsee für alle“. Heftige Emotionen werden teilweise frei, wenn Spaziergänger auf Grenzen und Absperrungen treffen. Am Griebnitzsee verlief übrigens früher die deutsch-deutsche Grenze.

Ob es zur Mediation kommt, hängt von den Griebnitzsee-Anrainern ab. Akzeptieren sie die Mediatoren, so kann es losgehen. Am 5. Juni wird über das Ja oder Nein zur Mediation entschieden.

Die Mediatoren werden sein:
Lothar de Maizière, CDU, war 1990 der erste und letzte demokratisch gewählte Ministerpräsident der DDR, später Bundesminister für besondere Aufgaben. De Maizière war einer der Hauptverhändler der deutsch-deutschen Wiedervereinigung.
Hans-Otto Bräutigam, war ständiger Vertreter der BRD in der DDR, Jurastudium, Auswärtiges Amt, Bundeskanzleramt, Justizminister in Brandenburg bis 1999

Christa Schäfer

Ausführlicher Berichte zum Thema im “Berliner Tagesspiegel“.

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte | Kommentare (0) | Autor:

Berlin: Myfest und 1.-Mai-Demo 2009

Montag, 4. Mai 2009 7:32

Erst gab es das Myfest in Berlin Kreuzberg, dann begann abends die so genannte „Revolutionäre 1.-Mai-Demo“ mit ca. 5000 Teilnehmern.

Auf dem Myfest halfen 200 Kreuzberger Jugendliche aus den Kreuzberger Jugendclubs der Polizei, die Stimmung ruhig zu halten und Krawalle nicht aufkommen zu lassen. Sie hatten zuvor in einige Seminare allgemeine Informationen zum 1. Mai erhalten und bei der Polizei in Rollenspielen gelernt, wie man Streit schlichtet. Mit Namensschildern und dem Hinweis auf ihre Security-Tätigkeit haben die jungen Wachleute stolz ihre Aufgaben versehen. Damit haben die Jugendlichen einen Teil der Verantwortung für ihren Kiez übernommen, sie haben als Experten in eigener Sache sicherlich die richtigen Worte bei ihnen bekannten Jugendlichen getroffen und so zur Deeskalation beigetragen. Wer weiß, vielleicht hätten einige ohne diese ihre Aufgabe sonst sogar selber bei den Krawallen mitgemacht …

Auf der Revolutionären 1.-Mai-Demo am Abend brach dann bereits zwei Minuten, nachdem sich diese Demo am Kottbusser Tor in Bewegung gesetzt hatte, Gewalt aus. Die Anti-Konflikt-Teams (AKT’s) der Polizei, die mit im Demonstrationszug gingen, wurden mit Flaschen beworfen. Die Stimmung war aggressiver als in den letzten Jahren, der Steinhagel extremer. Dennoch konnte verhindert werden, dass die Randale ausuferte, denn die Feiern auf dem Myfest gingen weiter …

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Systemischer Ansatz | Kommentare (3) | Autor:

Gemeinwesenmediation und Zivile Konfliktbearbeitung

Montag, 27. April 2009 8:19

„Vor gut 10 Jahren gründete sich die ‘Plattform Zivile Konfliktbearbeitung’, um im Gegensatz zur militärischen Ausrichtung Lobbyarbeit zu leisten für Konfliktbearbeitung, die aus der Zivilgesellschaft kommt. Mitglieder der Plattform sind: Kirchen, Friedensdienste, wissenschaftliche Institutionen und auch Einzelpersonen. Während vorwiegend die Konfliktbearbeitung im Ausland im Vordergrund stand und auch noch steht, entwickelt sich seit knapp 3 Jahren ein zweiter Strang, der sich mit der Zivilen Konfliktbearbeitung im Inland beschäftigt.“

„Seit ebenfalls 10 Jahren ist die Mediationsszene um eine Disziplin reicher – der Gemeinwesenmediation. Diese hat mit einer Adaption der angloamerikanischen ‘Community Mediation’ auf deutsche Verhältnisse angefangen und ist dabei, immer mehr ein eigenes Profil zu entwickeln.“

Diese beiden Zitate sind einem Artikel von Olaf Schulz und Nadja Gilbert entnommen, der im Spektrum der Mediation, der Fachzeitschrift des Bundesverbandes Mediation“, den Bogen zwischen beiden Gebieten schlägt (Heft Nr. 33).

Es gibt eine Vielzahl von Projekte der Gemeinwesenmediation in Deutschland. Leider haben die meisten der Projekte nicht die Relevanz in den sozialen Stadtteilentwicklungsprozessen, den sich sich gewünscht hätten. Ein Grund dafür wird von Schulz und Gilbert in der Bottom-up-Struktur der Projekte gesehen; ein weiterer im zivilgesellschaftlichen Selbstverständnis, dem in den seltensten Fällen ein formaler Auftrag oder ein Mandat von politisch-administrativer Seite zugrunde liegt.

MediatorInnen aus den Projekten fassen Gemeinwesen-Konflikte als Impuls zur Veränderung auf und müssen dann eventuell institutionelle Ebenen einschalten, die für den zu bearbeitenden Regelungsbereich die Verantwortung haben. Damit ist die Gleichberechtigung unter den an der Mediation teilnehmenden Parteien nicht mehr gegeben.

In dem Artikel wird deshalb ein spezielles Verfahrensdesign vorgeschlagen, das sowohl Bottom-up als auch Top-down arbeitet, und die Idee der Kooperation mit Ansätzen der Zivilen Konfliktbearbeitung im Inland wirkt geradezu bestechend. Der Definition der Zivilen Konfliktbearbeitung gemäß würde sogar die Gemeinwesenmediation unter diesen Begriff fallen.

Ich bin gespannt auf die weitere Entwicklung der Gemeinwesenmediation in Deutschland, die ihren festen Platz im Gefüge bisher noch nicht gefunden hat.

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation | Kommentare (0) | Autor:

Konfliktkultur Äthiopiens: Ein Stein für einen Konflikt

Montag, 23. Februar 2009 6:10

Zu meinem Artikel über die Konfliktkultur in Nigeria habe ich viele Rückmeldungen erhalten. Unter anderem schrieb mir die Schweizer Mediatorin Katalin Suter und berichtete von ihren neuesten Informationen bezüglich der Konfliktkultur in Äthiopien.

Mit ihrer Erlaubnis darf ich hier darüber berichten. Frau Suter kennt einige äthiopische Flüchtlinge, die der Äthiopischen Gruppe in Bern angehören. Guten Kontakt hat sie zu Daniel Hailu, dem 30jährigen Diakon der Glaubensgemeinschaft „Orthodox Tevahedo Church“, einer der ältesten christlichen Kirchen. Daniel Hailu spielt immer dann eine wichtige Rolle in Bern, wenn es Probleme unter den Äthiopiern dort oder um Konflikte zwischen Äthiopiern und Schweizern geht, denn immer dann wird er geholt, und: Sein Wort „gilt“. Hailu hat kürzlich sogar eine Ausbildung in interkultureller und interreligiöser Mediation abgeschlossen, um diese seine Aufgabe noch besser bewältigen zu können.

Die Äthiopier haben eine Essenstradition, bei der es weiche Fladenbrote und kleine Portionen verschiedenster Gerichte gibt, die mit dem Brot aufgenommen werden. Sitzt eine Gruppe Äthiopier „friedlich“ zusammen, dann stecken sie sich ab und zu gegenseitig Essen in den Mund. Dieses „Füttern“ geschieht von”oben nach unten”: Der Priester gibt den Gläubigern, der Vater den Kindern, Eheleute und Freunde geben sich gegenseitig.

Sowohl in den Städten als auch in ländlichen Gebieten Äthiopiens werden im Streitfall ältere Menschen konsultiert, deren Worte dann verbindlich den Streit regeln. Diese älteren Menschen sind “anerkannte Weise“, sie können aus der Familie sein oder sind in der Gemeinschaft als gute Vermittler bekannt. Dennoch gibt es bei der Austragung von Streitigkeiten große Unterschiede zwischen der Konfliktbehandlung in einer Stadt und in einer ländlichen Gebieten.

Beispielsweise gibt es in ländlichen Gegenden den alten Brauch, dass bei Streitigkeiten sogleich jemand gebeten wird, den “Schuldigen” zu suchen. Wenn das klar ist, geht der Schuldige und sucht einen großen Stein, diesen muss er herbeischaffen und dem Geschädigten überreichen. Der nimmt den Stein dann an sich, bedankt sich, geht damit hinaus und wirft den Stein weg – damit ist der Streit beendet. Meist essen dann die Streitpartner zusammen und füttern sich gegenseitig, wie oben beschrieben.

Interessanterweise fällt auf, dass in vielen Kulturen davon ausgegangen wird, dass es einen “Schuldigen” gibt. Dass etwas z.B. ein Missverständnis sein könnte oder es zwei verschiedene Sichtweisen gibt, die beide ihre Gültigkeit haben könnten (Gedankengänge der Mediation), wird nicht in Betracht gezogen. Frau Suter wagt an dieser Stelle die Hypothese, dass die Vermittler diese Sachverhalte durchaus in Betracht ziehen, sie aber nicht explizit benennen. Was meinen Sie dazu?

Besten Dank an Katalin Suter für Ihre wertvollen Informationen!
Christa Schäfer

Nochmals den Artikel zur Konfliktkultur in Nigeria nachlesen?

Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement | Kommentare (2) | Autor:

Mediation und Täter-Opfer-Ausgleich (TOA)

Montag, 9. Februar 2009 7:47

„Mit dem Täter-Opfer-Ausgleich auf dem Weg einer humaneren Strafrechtspflege“ – so lautete das Thema einer interessanten Tagung, die am 30. und 31. Januar in Berlin stattfand.

„Viele Opfer von Straftaten fühlen sich von der Justiz allein gelassen. Die Staatsanwaltschaft erhebt zwar im Namen des Staates Anklage, und das Strafverfahren dient der Wahrheitsfindung und der Bestrafung des Täters. An die Opfer jedoch wird in diesem Moment weniger gedacht.“ – so steht es in der Einladung, die die Friedrich-Ebert-Stiftung zusammen mit der Bundesarbeitsgemeinschaft TOA e.V. verfasst hat.

Nach den Grußworten von Brigitte Zypries, Bundesministerin der Justiz, und dem fantastischen Eröffnungvortrag „Täter – Opfer – Versöhnung“ von Prof. Dr. Horst Eberhard Richter gingen viele kompetente ReferentInnen mit spannenden Vorträgen auf das Thema des Sozialen Friedens durch außergerichtliche Konfliktschlichtung ein.

Der Täter-Opfer-Ausgleich ist eine besondere Art des Mediationsverfahrens, nämlich Mediation im Strafrecht. Er bemüht sich in Anlehnung an den englischsprachige Begriff „restorative justice“ um ausgleichende Gerechtigkeit. Für diejenigen, die mit diesem Thema nicht viel anfangen können, zunächst einige Zahlen bezüglich des TOAs in Deutschland: Laut einer bundesweiten Statistik gibt es in den letzten Jahren ca. 4.000 bearbeitete Fälle jährlich, wovon 40 % Jugendliche betreffen, 30 % Erwachsene und bei weiteren 30 % sowohl Erwachsene als auch Jugendliche involviert sind. Auf die Deliktstruktur schauend kann festgestellt werden, dass 47 % der bearbeiteten Fälle körperliche Schäden betreffen, 19 % nehmen Bezug auf psychische Schäden und 20 % behandeln Eigentumsdelikte. In 90 % aller Fälle gibt es eine Ausgleichsvereinbarung!

Diese Ausgleichsvereinbarung besteht beispielsweise darin, dass eine Entschuldigung ausgesprochen wird, Schadensersatz geleistet wird, gemeinsame Aktivitäten unternommen werden, Arbeitsleistungen erbracht werden oder Schmerzensgeld gezahlt wird. Sowohl Täter als auch Opfer sind mit dem Abschluss des Ausgleichs zufriedener als mit einem Strafrechtsverfahrens. Täter übernehmen durch den TOA Verantwortung für ihre Tat, sie erlangen durch das Verfahren eine Unrechtseinsicht, erweitern ihre soziale Kompetenz und können Reue zeigen; nur ein geringer Prozentsatz der Täter begeht eine weitere Straftat. Das Opfer kann sich artikulieren, Ärger loswerden, Ängste abbauen und letztlich Frieden finden.

Insgesamt also eine wunderbare Methode, die meiner Meinung nach auch der „Erziehung“ und dem Umgang mit Konflikten dient. Kürzlich gab es dazu übrigens einen interessanten Artikel im Spiegel unter dem Titel Vom Monster zum armen Würstchen.

Übrigens ist die Gemeinwesenmediation nach Überzeugung vieler TOA-Spezialisten eine präventive Methode, um Straftaten vorzubeugen. Das macht sie zu einem wichtigen und notwendigen Partner des TOA und einem Mediationsbereich, der schon in den letzten Jahren immer mehr an Gewicht in Deutschland zugenommen hat.

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Einblick in die Konfliktkulturen Afrikas

Montag, 26. Januar 2009 6:06

„Kulturen entwickeln Möglichkeiten der Konfliktbewältigung, die zu ihrer Gesellschaft und zu ihrem sozialen Gefüge passen.“ – so startet ein Aufsatz der Schweizer Mediatorin Katalin Suter, die einen kleinen Streifzug durch die Konfliktkulturen Afrikas unternommen und Afrikaner verschiedenster Länder zum Thema Konfliktbewältigung interviewt hat.

Nigeria ist ein Land mit etwa 70 Millionen Einwohnern, der Norden Nigerias ist muslimisch geprägt, der Süden christlich. Über islamische Gerichte, sogenannte Obere Scharia-Gerichte und die dort stattfindende Konfliktregelungsmethoden findet man manchmal Artikel in Zeitungen und Zeitschriften.

Über die eher „private“ Regelung im Konfliktfall im Südosten Nigerias gibt es ein spannendes Interview mit Chukwua Christian Aknemo, einem 52jährigen Nigerianer, der aus einem kleinen Nigerianischen Dorf kommt, in der Zwischenzeit jedoch seit über 20 Jahren in Europa lebt. Er berichtet, dass zwei Eigenheiten besonders wichtig sind, um die Konfliktkultur im Südosten Nigerias zu verstehen. Da ist erstens die Rollenverteilung zwischen Mann und Frau: Der Mann ist außerhalb des Hauses zuständig und den Kindern eher fern, die Mutter ist im Haus zuständig und den Kindern nahe. Die Frau wird durch ihre Rolle als Lebensspenderin sehr hoch geschätzt und dadurch sowie durch ihre Nähe zum Leben insgesamt als geborene Schlichterin bei Streitereien angesehen. Während sie bei Konflikten innerhalb der Familie als wichtig angesehen wird, ist der Mann für Konflikte außerhalb des Hauses zuständig. Die zweite Eigenheit besteht in der Rolle der Öffentlichkeit bei einem Konflikt: Im Südosten Nigerias werden Konflikte laut ausgetragen, man öffnet die Türen und geht durchaus in die Öffentlichkeit beim Streiten, Zeugen sind erwünscht. Im öffentlichen Raum kann dann jeder, der sich berufen fühlt, den Streitenden gut zureden, damit sie ihren Konflikt lösen können.

Bei einem Streit zwischen Mutter und Kind wird das Kind die Mutter zur Konfliktlösung ansprechen. Gelingt dies nicht, geht sie zu einer Tante oder guten Freundin der Mutter und bitte diese, zwischen ihr und der Mutter zu vermitteln. Der Sachaspekt wird im Streitgespräch verhandelt, die Mutter spricht eine Strafe aus. „Erledigt“ das Kind die Strafe, ist alles wieder in Ordnung. Ist ein Kind der Mutter gegenüber respektlos, kann es sein, dass die Mutter das Kind „verflucht“. Entschuldigt sich das Kind anschließend, trinkt die Mutter einen Schluck Wasser und besprüht mit einem Teil davon die Hand oder die Stirn des Kindes, um den Fluch zu lösen.

Bei einem großen Konflikt zwischen Ehepartnern geht die Frau zu ihrer Familie zurück oder wird zurückgeschickt. Danach werden die Eltern der Frau und / oder des Mannes zur Klärung eingeschaltet. Falls dies keine Lösung bringt, werden die Dorfältesten hinzugezogen.

Bei einem Konflikt zwischen zwei Männern werden diese eine Schlägerei beginnen oder laut in der Öffentlichkeit streiten und sich gegenseitig demütigen. Die Zuschauer werden die Streitenden versuchen zu beruhigen. Gibt es eine Einigung, geben sich beide Männer die Hand. Ist keine Einigung möglich, wird ein „höher stehender“ Dorfbewohner eingeschaltet. Dieser befragt zunächst beide Männer. Falls einer oder beide der Männer nicht sprechen mögen, wird ein Ältester aus dessen Familie oder Freundeskreis mit einbezogen. Misslingt auch dies, wird der „Ese“ eingeschaltet. Eine Gruppe, bestehend aus dem Ese und einem Mitglied von jeder Familie im Dorf nehmen sich des Streitfalles an. Es werden Streitende und Zeugen gehört, der Ese berät sich mit den Männern und verkündet sein Urteil und Strafmaß. Als Zeichen der Versöhnung essen anschließend alle gemeinsam aus einem Topf.

Dieser hier besprochene Aufsatz befindet sich in dem von Gerda Mehta und Klaus Rückert herausgegebene Buch „Mediation. Instrument der Konfliktregelung und Dienstleistung“. Der Sammelband zeigt mit seinen 30 unterschiedlichen Aufsätzen eine große Bandbreite an Themen, die von der Konfliktbewältigung in verschiedenen afrikanischen Ländern über China bis Russland reicht, von den Grundbegriffen der Mediation zu komplexen Verfahren wie beispielsweise der Metaphernbrücke von Ed Watzke. Das macht dieses Buch so spannend sowohl für Anfänger als auch für fortgeschrittene MediatorInnen.

Wer sich für generell für Streitvermittlung in anderen Kulturen interessiert, der kann sich auch gerne in dem von Monika Götz und mir herausgegebenen Buch “Mediation im Gemeinwesen“ zu Methoden wie Sulha, Ubuntu, Palaver, Mato Oput und Loya Jirga informieren.

Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Masterarbeit über „Interkulturelle Mediation in der Gemeinwesenmediation“

Montag, 17. November 2008 6:08

Oft hört man im Alltag den Begriff des „Interkulturellen Konflikts“. MediatorInnen berichten gerne von „Interkultureller Mediation“. In der Zwischenzeit gibt es viele Abhandlungen über diese beiden Themenfelder. Folgende Begriffsdefinitionen finde ich besonders schlüssig:

Christine Mattl hat in ihrem Buch „InterKULTURelle interpersonale Konflikte“ in Anlehnung an Friedrich Glasl definiert: „Interkulturelle interpersonale Konflikte sind Konflikte im Sinne einer Interaktion zwischen Personen, die verschiedene kulturelle Systeme repräsentieren, wobei wenigstens eine Person Unvereinbarkeiten im Denken / Vorstellen / Wahrnehmen / Fühlen / Wollen mit der anderen Person in der Art erlebt, dass im Realisieren eine Beeinträchtigung erfolgt und Kultur eine Rolle spielt.“ Kultur wird hier als ein System begriffen, das über geographische Einheiten hinausgeht.

Die Definition des Begriffes Interkulturelle Mediation ist nicht so einfach. Während für einige Theoretiker die Kultur keine große Rolle spielt und die Universalität des Problemlöseprozesses im Vordergrund steht, sehen andere kulturelle Differenzen als Hauptursache für das Scheitern von friedlichen Konfliktbearbeitungsprozessen. Ich schließe mich in meiner Auffassung Petra Haumersen und Frank Liebe an, die in ihrem Buch „Multikulti: Konflikte konstruktiv“ beschreiben, dass die Interkulturelle Mediation selbst einer Suchhaltung, einer Aufforderung zu einem Experiment entspricht. Man sollte darum versuchen, mit dem vermuteten Einfluss der kulturellen Unterschiede differenziert konstruktiv umzugehen.

Milena Manns hat auf dieser Basis ihre Masterarbeit im Fach Mediation zum Thema „Interkulturelle Mediation in Theorie und Praxis (Gemeinwesen) an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) geschrieben. Letzte Woche hat sie im MediationsZentrum Berlin einen Vortrag über ihre Forschungen gehalten. Am Ende der Arbeit stellt sie 10 Thesen auf, von denen ich einige Wesentliche hier zitieren möchte:

„Die Stadtteilmediatoren haben es im Gemeinwesen mit mikro- und makrosozialen Konflikten zu tun. Die Akteure stehen in verschiedenen Beziehungen zueinander und bewerten die Konflikte meist negativ. Es gibt Differenzen bei Interessen, im Verhalten und in seelischen Tätigkeiten. Alle 5 Qualitäten (nach Moore) finden Nennung.“ Bearbeitet werden sowohl Sachverhalts-Konflikte, als auch Interessen-Konflikte, Beziehungs-Konflikte, Werte-Konflikte und Struktur-Konflikte. „Die Konflikte äußern sich latent, manifest, gewaltlos und extrem und weisen unterschiedliche (meist hohe) Eskalationsstufen auf.“

„Die Mediatoren räumen der Kultur unterschiedlich starke Stellenwerte hinsichtlich der Anpassung des Verfahrens, der Techniken und der Anforderungen an den Mediator ein.“

„Die wichtigsten Erfolgskriterien einer interkulturellen Mediation sehen die Mediatoren in der Spiegelung der Parteien durch die Co-Mediatoren (auf kultureller und sprachlicher Ebene) und in der Erfassung des Individuums in seiner kulturellen Vielfalt und seinen individuellen Bedürfnissen.“

Die hier vorgestellt Arbeit ergänzt in idealer Art und Weise das neu erschienene Buch zur Gemeinwesenmediation. Besten Dank an Milena Manns, dass ich hier über ihre Arbeit berichten durfte. Wer sich für die weiteren Thesen interessiert oder die gesamte Arbeit lesen möchte, kann gerne mit mir Kontakt aufnehmen, ich vermittle dann weiter. Die Theoriebildung zur Gemeinwesenmediation hat mit dieser Arbeit einen großen Fortschritt erringen können.

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Stadtteilmediation | Kommentare (0) | Autor:

Buchvorstellung “Mediation im Gemeinwesen”

Mittwoch, 8. Oktober 2008 11:50

Nachbarschaftsmediation o Stadtteilmediation o Gemeinwesenmediation

Wer sich für diese Mediationsbereiche interessiert, der ist herzlich eingeladen zur Buchvorstellung des Werkes “Mediation im Gemeinwesen“. Diese findet am Dienstag, dem 14.10.08 ab 19:00 Uhr in den Räumen des MediationsZentrums Berlin in der Dennewitzstr. 34; 10783 Berlin statt. Sie werden mit einem Tee empfangen, die Autorinnen des Sammelbandes kennenlernen und über das Thema diskutieren können.

Die beiden Hauptautorinnen des Buches, Monika Götz und Christa D. Schäfer, wünschen mit dem Buch allen bestehenden Projekten zur Gemeinwesenmediation viel Erfolg beim Wachsen, bei der Arbeit und in kritischen Phasen des Projektes. Und weiterhin hoffen sie, dass es stets genügend MediatorInnen gibt, die in diesem Feld arbeiten wollen, dass es künftig in jedem Projekt hauptamtliche Mit­arbeiterInnen geben wird, dass es Begeisterte gibt, die neue Projekte gründen, und dass es natürlich auch Fördergeldgeber gibt, die die Wichtig­keit derartiger Projekte anerkennen.

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Mediation um die Bäume am Berliner Landwehrkanal

Montag, 21. Juli 2008 23:26

Seit gut 10 Monaten gibt es ein Mediationsverfahren um die Bäume am Landwehrkanal. Das Ufer des Kanals ist in 5 Berliner Bezirken marode, am Ufer stehende Bäume droh(t)en in den Kanal zu stürzen. Deshalb wurden letztes Jahr bereits viele Bäume gefällt und weitere gestützt, um der Gefahr vorzubeugen.

Ein Mediationsforum ist das zentrale Gremium dieses Mediationsverfahrens. Es ist zusammengesetzt aus Betroffenen und Entscheidungsträgern. Neben diesem Mediationsforum gibt es öffentliche Veranstaltungen und das Gläserne Büro im Foyer des Wasser- und Schifffahrtsamtes Berlin am Mehringdamm 129. Das Mediatorenteam besteht aus Beate Vosskamp und Stefan Kessen.

Am 19. November 2007 hat das erste Mediationsforum stattgefunden; hier sitzen unter anderem Baumschützer und das Wasser- und Schifffahrtsamt Berlin zusammen. Jetzt im Juli 2008 gab es die neunte Sitzung des Mediationsforums. Die Initiative zur Rettung des Grüns am Landwehrkanal hat gefordert, einen Masterplan für die Sanierung der maroden Ufer aufzustellen und das Bundesverkehrsministerium einzuschalten.

Der Tagesspiegel hat in einer kurzen Notiz am 21.07.2008 darüber berichtet. Wer weitere Informationen über diese Mediation einholen möchte, den verweise ich an die offizielle Webseite zur Landwehrkanal-Mediation.

Hoffentlich geht diese Umweltmediation gut aus – sowohl zugunsten der Sicherheit auf dem Kanal, als auch zugunsten der vielen Bäume an unserem schönen Berliner Landwehrkanal… Ein Spaziergang am Kanal unter Bäumen lohnt sich hier wirklich…

Christa Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Konfliktmanagement, Mediationsverfahren, Umweltmediation | Kommentare (1) | Autor: