Beitrags-Archiv für die Kategory 'Gewalt, -prävention, -intervention'

Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Montag, 1. Dezember 2014 7:06

Vor einiger Zeit berichteten wir hier im blog über Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität.

Heute möchten wir das Buch Auffälliges Verhalten im Jugendalter von Wilhelm Rotthaus und Hilde Trapmann aus dem verlag modernes lernen und das Stichwort Jugendkriminalität vorstellen. Auch in diesem Buch werden viele Verhaltensauffälligkeiten benannt, es wird dargelegt wann man von Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen sprechen kann und muss, es wird erläutert welche bedingenden Faktoren eine Rolle spielen können und wie sie zu beeinflussen sind. Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen können dadurch ein gutes Verständnis für die im Buch besprochenen Verhaltensweisen erlangen. Die Ideen für konkrete Empfehlungen und Maßnahmen sind eine erste Anregung für die pädagogische Praxis im Umgang mit “schwierigen” Jugendlichen.

Kriminalität wird in diesem Buch als Verstoß gegen Gesetze definiert. Im Prozess der „Selbstfindung“ und Individualisierung erproben Jugendliche oft Grenzen normativer Vorgaben, welche schon zu leichten Gesetzesübertretungen führen können. Da sich Jugendliche in einer Entwicklungsphase befinden und in dieser Hinsicht stets ändernden gesellschaftlichen Lebens- und Problemlagen ausgesetzt sind, wurde das Jugendstrafrecht entwickelt, welches eine erzieherische Absicht verfolgt.

Bleibt es bei „Einzeltaten“ wird von einem normalen, temporären und episodenhaften Prozess gesprochen. Bei Mehrfachtäter_innen zeigt sich laut Untersuchungen häufig ein Nebeneinander von mehrfachen Belastungen und Benachteiligungen. Nach diesen Untersuchungen heißt es, dass kriminelles Verhalten nicht aus dem Nichts entsteht, sondern sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und ein Mangel an Schutzfaktoren vorhanden ist.

Als provozierende Bedingungen zu kriminellem Verhalten im Jugendalter stellt das Buch unter anderem vor:

  • familiäre Struktur: Wichtig ist, dass Kinder/Jugendliche in einem gefestigten Umfeld aufwachsen. Das heißt, dass sie stete Bezugspersonen haben, auf deren Unterstützung sie bauen können.
  • Wohnsituation: Das Wohnviertel, seine Gestaltung und die daraus resultierenden Beziehungsverhältnisse der Bewohner_innen sind als Faktor für eine kriminelle Entwicklung nachgewiesen.
  • Vorbildverhalten: Jegliche Bezugspersonen (Eltern,Geschwister,etc.) sind Vorbilder für Kinder. Sie identifizieren sich zum Beispiel mit ihren Eltern. Wenn ebendiese ein kriminelles und/oder aggressives Verhalten zeigen und das innerhalb der Familie positive Akzeptanz findet, neigt das Kind dazu, dieses Verhalten nicht differenziert betrachten zu können. Auch wird nicht die Erfahrung gemacht, dass gegensätzliches Verhalten will positivere gesellschaftliche Resonanz hat, als kriminelles Verhalten.
  • Medieneinfluss: Die Fülle an Darstellungen von Gewalt- und Aggressionsverhalten trägt ohne Zweifel zur Erhöhung der Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft von Kindern bei. Durch Medien wird die eigene Hemmschwelle zu kriminellen Taten gemindert.

Weiter heißt es dort: Um an der Kriminalität des Kindes zu arbeiten, ist es wichtig auf die Punkte der Entstehung und Aufrechterhaltung von Auffälligkeiten und Störungen zurückzugreifen. Es ist bedeutsam, das Kind ernst zu nehmen. Auch Einzeltaten sollten nicht leichthin als jugendlicher Leichtsinn abgewunken werden. Es ist wichtig die jeweiligen Situationen zu verstehen, um die Chance gering zu halten, dass Jugendliche zur Wiederholungstäter_innen werden. Die Beobachtung des sozialen Umfeld und der Familienstruktur sind die Grundlage. Auch hier ist es wichtig, dem_der Jugendlichen die eventuelle Angst vor der Zukunft zu nehmen und die Anerkennung der sozialen Umwelt durch andere Aktivitäten und Bestätigungen zu sichern. In der Zusammenarbeit mit Jugendlichen ist bedeutend, die Jugendlichen nach ihren Beweggründen zu fragen und diese gemeinsam zu hinterfragen. Gesellschaftliche Strukturen können so gemeinsam aufgebrochen werden und bieten den Jugendlichen eine Plattform der Kommunikation.

Laut Rotthaus und Trapmann unterstützt eine multisystemische Therapie, um ein erneutes straffällig Werden des_der Jugendlichen zu reduzieren und darüber hinaus das sozialverträgliche Verhalten zu fördern. Die multisystemische Therapie umfasst sechs Elemente, die flexibel angewandt werden können:

  1. Familientherapie, die sich auf eine effektive Kommunikation, systematische Belohnungs- und Bestrafungssysteme und das Problemlöseverhalten in alltäglichen Konflikten bezieht.
  2. Stärkung des_der Jugendlichen und der Eltern, um mit Problemen in Familie, Schule, Freundeskreis und Wohngebiet besser umgehen zu können. Besonders Gewicht wird darauf gelegt, die familiären Ressourcen und adäquates Problemlöseverhalten zu fördern, damit die Beteiligten nicht immer wieder auf alte, untaugliche Verhaltensmuster zurückgreifen.
  3. Den_die Jugendliche ermutigen, mehr Zeit mit solchen Altersgenoss_innen zu verbringen, die keine sozialen Probleme haben, und die Beziehung zu anderen Delinquenten abzubrechen.
  4. Förderung der individuellen Entwicklung einschließlich eines Selbstbehauptungstrainings zum Schutz gegenüber negativen Einflüssen von Altersgenoss_innen.
  5. Zusammenarbeit mit der Schule halten, um Lern- und Hausarbeitsverhalten zu verbessern, sowie die Zeit außerhalb der Schule gut zu strukturieren
  6. Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (z.B.: Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Sozialarbeit, Gesundheitsdienst, Erziehungswesen).

Gerne möchten wir diese Liste vervollständigen. Absolut empfehlenswert sind unserer Erfahrung nach die Denkzeit-Trainingsprogramme als psychoanalytisch fundierte, sozialkognitive Einzeltrainings für deviante Kinder und delinquente Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene. Diese Trainingsprogramme sind wissenschaftlich evaluiert und versprechen einen hohen Erfolg. Schauen Sie auf der Webseite der Denkzeit-Gesellschaft und informieren Sie sich …

Christa Schäfer und Atossa Nazeri

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Auffälliges Verhalten oder: Der Mensch ist keine Maschine

Montag, 13. Oktober 2014 8:41

Seit meiner Zeit als Lehrerin in einem Berliner Gymnasium beschäftige ich mich mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die „nicht der Norm“ entsprechen. By the way: Gibt es überhaupt jemanden, die oder der „der Norm“ entspricht? Ich habe über Unterrichtsstörungen promoviert und Methoden und Trainings zur Prävention und Intervention von Konflikten erfolgreich etabliert. Die Mediation habe ich im Schulbereich in Grund- und Oberschulen eingeführt. Gewaltprävention und Strategien für Notfallsituationen sind meine Stärke. Seit einiger Zeit sind auch die Demokratiepädagogik und die Inklusion in diesen Reigen mit eingestiegen.

Deshalb haben mich zwei Bücher sehr interessiert, die ich hier und in zwei weiteren Blogartikeln gerne vorstellen möchte. Es handelt sich um die Bücher:
Auffälliges Verhalten im Kindesalter
Auffälliges Verhalten im Jugendalter

In diesen zwei Bänden von Hilde Trapmann und Wilhelm Rotthaus zum auffälligen Verhalten im Kindes- bzw. Jugendalter werden die wichtigsten Verhaltensauffälligkeiten in diesen Altersgruppen behandelt. Wir haben uns in die Kapitel Aggressivität im Kindesalter und Kriminalität im Jugendalter eingelesen und möchte gerne die hervorstechendsten und generell grundlegenden Aspekte dieser Kapitel teilen.

Um ein besseres Verständnis für auffälliges, störendes oder krankes Verhalten zu entwickeln, ist es wichtig zu beachten, dass Menschen nicht wie Maschinen funktionieren. Eine Störung kann nicht einfach so gefunden und durch eine Reparatur oder Ersatzteile behoben werden. Der Mensch hat natürlich ein viel komplexeres System.

Jeder Mensch ist einzigartig und muss deswegen in jeglicher Hinsicht als Einzelfall betrachtet werden. Alle Menschen bilden sich durch die Wechselwirkung ihrer biologischen Voraussetzungen (Genetik) und ihrer Umwelt zu einem einmaligen Individuum. Auch bereits während der Schwangerschaft spielen Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, Medikamente, Stress und psychisches Wohlbefinden der Mutter eine Rolle. Nach der Geburt ist die sensitive Wahrnehmung der Eltern sehr wichtig. Die individuellen Bedürfnisse des Kindes müssen erkannt werden, um bestmöglichen Umgang und Verständnis für und mit dem Kind zu entwickeln.

Von Geburt an wird das Gehirn durch Reize geformt. Interessant dabei ist, dass nicht unmittelbar jeder Reiz das Gehirn alleine formt. Eher sind es mehrere Reize zusammen, die das Gehirn formen und strukturelle Veränderungen hervorrufen. Dieses Formen führt dazu, dass gleichartige Umwelteinflüsse im Laufe der Zeit vom selben Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden.

Im späteren Alter (ca. Vorschulalter) entwickelt der Mensch einen sogenannten „inneren Monolog“, ein inneres handlungsbegleitendes Sprechen. Dadurch beginnt das Kind, Handlungen der Menschen im Umfeld zu strukturieren und kann das eigene Verhalten darin einordnen. Hinzu kommt, dass sich die Kinder durch ihr eigenes Verhalten ihre Umwelt schaffen/formen.

Beispiel: Der Gesichtsausdruck eines depressiven Kindes, der als mürrisch gelesen werden kann, führt dazu, andere Mitmenschen abzuschrecken. Die Schlussfolgerung für das Kind wiederum ist: „Keine_r mag mich.“

Um die Wahrscheinlichkeiten einer Störung zu „berechnen“, wurde ein sogenanntes Risikokonzept entwickelt. Dieses Konzept dient dazu, zu ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Störung auftritt, wenn zuvor ein oder mehrere Risikofaktoren beobachtbar waren.

Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die Vulnerabilität des Menschen, d.h. die Anfälligkeit einer Person für die Entwicklung einer Störung. Meist entwickelt sich aus einzelnen Faktoren nicht sofort eine Störung. Vielmehr tragen mehrere Faktoren gleichzeitig dazu bei, Störungen zu entwickeln.

Risikofaktoren im Umfeld des Kindes sind Umstände, die in Kindern sogenannte Störungen hervorrufen. Hierbei ist sehr wichtig, dass ebendiese genauso entgegengesetzt wirken und das Kind stärken können. (z.B.: die Trennung zu einer Bezugsperson; Wohn-&Schulwechsel; ständiger Streit in der Familie)

Schutzfaktoren sind Faktoren, die die Risikofaktoren ausgleichen. Sie bewahren den Menschen davor, auffälliges oder gestörtes Verhalten zu entwickeln. (z.B.: eine positive Eltern-Kind-Beziehung; ein stabiles, strukturiertes Umfeld; enge Freundschaften zu Gleichaltrigen)

Verhaltensauffälligkeiten und -störungen können ebenfalls durch die Angst vor Veränderung entstehen. Ein gefestigtes Umfeld kann das Kind zum Beispiel davor bewahren, Angst vor der sich verändernden Zukunft, dem Ungewissen, zu haben.

Der positive Aspekt des auffälligen Verhaltens ist, dass das Kind auf seine Situation aufmerksam macht, was in diesem Sinne als sinnvoll bezeichnet wird. Wichtig hierbei ist jedoch, dass das ein kleiner Gewinn der Verhaltensauffälligkeiten oder -störungen ist.

In Zusammenarbeit mit einem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten ist es hilfreich, eine Zukunft auszumalen, in der das Problem geringer oder sogar gar nicht mehr vorhanden ist. Dazu ist es wichtig, Schutzfaktoren auszubauen und das Kind somit zu stärken.

Klar ist, dass sowohl Räume (wie Schule, Kindergarten, Ausbildungsstätte, etc), in denen das Kind sich bewegt, miteinbezogen werden müssen als auch das persönliche Umfeld und gesellschaftliche Strukturen eine große Rolle spielen und es professionelle Unterstützungs-, Beratungs- und Behandlungsangebote gibt, die in Anspruch genommen werden sollten.

Demnächst in diesem Blog mehr zu den Themen:

Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität
Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Schauen Sie wieder rein …
sagen Christa D. Schäfer und Atossa Nazeri

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Verhaltensungewöhnliche Kinder im Kita-Alter

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Gewalt und Therapie im Maßregelvollzug

Montag, 16. Juni 2014 7:42

Das Leben von Hans-Joachim Hermann ist schnell erzählt: Er war vierzehn Jahre alt, als er mit Nikotin und Alkohol in Berührung kam, mit sechzehn wurde er zur Entgiftung eingeliefert, nach vier Wochen trank er wieder. Mit zwanzig saß er das erste Mal in Untersuchungshaft, zwei Jahre später musste er erneut ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung verbrachte er drei Jahre in Freiheit, dann beging er eine schwere Vergewaltigung. Da war er neunundzwanzig. Er wurde zu acht Jahren Haft und zehn Jahren Sicherungsverwahrung verurteilt, die nachträglich verlängert wurden … Nach über elfjähriger Therapie in Verbindung mit aggressionshemmenden Medikamenten war es dann so weit: Hermann bekam den ersten Stadtausgang, ein halbes Jahr später durfte er sich eine eigene Wohnung suchen.

Das ist eine der Lebensgeschichten aus dem Buch Jenseits von Böse, geschrieben von der Gerichtsreporterin Uta Eisenhardt. Sie trug wirklich krasse Kriminalfälle zusammen, solche, die von Kannibalismus, Leichenschändung und anderem handeln. Dieses Buch kann man nicht an sich heranlassen, oder man schläft fortan nicht mehr ruhig. Uta Eisenhardt war im Maßregelvollzug und hat sich den Alltag in forensischen Kliniken angeschaut. Obwohl die meisten Insassen mit ungleich schlechteren Prognosen in die forensischen Kliniken (den Maßregelvollzug, also eine Klinik im Knast) eingeliefert werden, werden sie im Vergleich zu Gefängnisinsassen nur halb so oft rückfällig. Viele Fachleute sind dafür zuständig, dass die hier inhaftierten, man könnte auch Patienten sagen, Unterstützung erhalten. Und so schildert Eisenhardt nicht nur Hintergründe und Straftaten, sondern lässt auch Fachleute wie einen Rechtsanwalt, einen Pfleger, einen Psychiater, einen Richter, eine Psychotherapeutin zu Wort kommen.

Ich möchte hier gerne ein längeres Zitat eines Insassen einfügen, der über seine „Gewaltgeschichte“ berichtet. Der Text gibt zu denken und zeigt die Folgen von Gewalt bzw. die Wichtigkeit von Gewaltprävention auf.

Warum?
Mein Leben hat immer nur aus Gewalt bestanden: Als Kind habe ich Gewalt in meiner Familie erlebt, durch meinen Vater und meine älteren Geschwister. Später war es Gewalt in der Rockergang, Gewalt auf der Straße und dann im Gefängnis. Das legt man nicht so einfach ab. Das ist ein langer Lernprozess. Nach zwölf oder dreizehn Jahren liegt er nun endlich hinter mir.

Sie haben sich hier zum ersten Mal in einer gewaltfreien Zone befunden?
Es ist das größte Verdienst der Klinik (Forensische Psychiatrie), dass ich hier endlich gelernt habe, meine Probleme und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Natürlich nicht von Anfang an: Als ich acht Wochen hier war, hat mich in der Arbeitstherapie ein Mitpatient genervt und beleidigt. Ich habe ihn geschlagen, einfach mit der Faust ins Gesicht.

Mit welchem Ergebnis?
Ich bekam vier Wochen Arbeitsverbot und durfte mich nur im Tagessaal beziehungsweise abends im Schlafsaal aufhalten. Das war nicht so angenehm. Ich hockte den ganzen Tag da und langweilte mich. Es gab nichts zu tun, außer Rommé zu spielen.

Einem, der immer die Faust benutzt hat, fällt es schwer, über seine Gefühle zu reden. Wie wurden Sie dazu motiviert?
Wenn man es negativ ausdrücken will, kann man es Erpressung nennen: Entweder du arbeitest mit oder du kommst hier nicht weiter und kriegst keine Lockerung.

Aber man will doch nicht nachgeben?
Auf keinen Fall. Nach relativ kurzer Zeit bemerkt man aber, dass die Therapeuten die besseren Argumente haben. Ich erreiche mit Warten und Diskutieren viel mehr als mit der Faust.

Mit der Faust kann man sich Respekt verschaffen.
Das ist ein Respekt, den ich nicht will – nicht mehr will.

Eisenhardt, Uta: Jenseits von Böse. Kranke Verbreche – die krassesten Fälle einer Gerichtsreporterin. München: Heyne 2014. S. 203 ff.

Plakate zur Gewaltprävention
Deutscher Präventionstag

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (1) | Autor:

Deutscher Präventionstag

Dienstag, 13. Mai 2014 20:48

In den vergangenen Tagen hat er stattgefunden, der Deutsche Präventionstag, und zwar am 12. und 13. Mai 2014 in Karlsruhe. Der Schwerpunkt des diesjährigen Präventionstages lautete: Prävention braucht Praxis, Politik und Wissenschaft.

Präventionstag
Der Präventionstag wird seit 1995 jährlich von der gemeinnützigen „DPT-Deutsche Präventionstag“-Gesellschaft mbH organisiert. Jedes Jahr findet der Kongress in einer anderen Stadt statt. Beim Präventionstag wird hauptsächlich die Kriminalprävention untersucht und besprochen, jedoch werden auch die Suchtprävention, die Verkehrsprävention und weitere Präventionsbereiche im Gesundheitswesen thematisiert. Die Tagung richtet sich an Verantwortungsträger der Prävention z.B. bei der Polizei, in der Jugendhilfe, in der Justiz, in den Kirchen, in Schulen, Vereinen und Verbänden sowie an Politiker_innen und Wissenschaftler_innen. Es wird eine Plattform zur Diskussion aufgemacht, bei der Fragen zur Prävention und auch Erfahrungen untereinander ausgetauscht werden können.

Prävention / Kriminalprävention
Kriminalprävention dient der Vorbeugung rechtswidriger Straftaten. Im Vergleich zur Repression ist Prävention inhaltlich vorrangig und zeitlich vorgängig. Unterschieden wird sowohl zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention sowie täter-, situations- und opferbezogener Prävention. Die primäre Prävention zielt darauf ab, den allgemeinen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Die sekundäre Prävention versucht Tatgelegenheiten zu verändern. Die tertiäre Prävention beschäftigt sich mit Maßnahmen, die eine erneute Straffälligkeit verhindern können. Kriminalprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein von der Politik und der Justiz erfüllt werden kann. Organisationen und Institutionen erarbeiten Strategien, um in allen Ebenen der Gesellschaft kriminalpräventiv handeln zu können.

Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität durch die Kinder- und Jugendhilfe
In der Kriminalprävention spielt die Kinder- und Jugendhilfe eine zentrale Rolle. In der Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität ist die Pädagogik Basis, um Strategien aufzubauen. Es geht darum, Kindern und Jugendlichen von ersten kriminellen Handlungen abzuwenden und frühzeitig zu erklären, was kriminelle Handlungen zur Folge haben, sowohl für die Straftäter_innen selbst, als auch für ihre Umgebung und die Gesellschaft allgemein. Durch diesen pädagogischen Auftrag spielt die Kinder- und Jugendhilfe neben der Polizei, der Justiz und der Innenpolitik eine wichtige Rolle.
Oft werden heutzutage Kinder und Jugendliche generell als Täter_innen pauschalisiert. Laut wissenschaftlichem Gutachten des 19. Präventionstages ist dies jedoch nicht empirisch nachzuweisen und „widerspricht allen Prinzipien pädagogischer Praxis“, denn die sogenannte Unschuldsvermutung wird dadurch in den Hintergrund gedrängt. Durch eine grundsätzliche Beschuldigung wird die Kriminalprävention außer Acht gelassen und kann genau das Gegenteil hervorrufen. In der Kriminalitätsprävention ist die Kinder- und Jugendhilfe gefordert, im Interesse der betroffenen Kinder und Jugendlichen immer wieder die pädagogische Perspektive in den Fachdiskurs einzubringen, die gegenüber sicherheitspolitischen Überlegungen nicht an Gewicht verlieren darf. Eine wichtige Rolle in diesem Diskurs spielt die Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention beim Deutschen Jugendinstitut (DJI), welche seit 1997 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Sie informiert Praxis, Politik, Medien und Forschung über Konzepte und Handlungsstrategien der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention.

Kriminalprävention an Schulen
Kriminalprävention an Schulen bezieht sich nicht nur auf (Gewalt-)Kriminalität, die vor Ort in der Schule stattfindet, sondern auf die Kriminalität von Kindern und Jugendlichen generell. Die Schule trägt eine gewisse Zuständigkeit sowohl durch ihren grundsätzlichen Erziehungs- und Bildungsauftrag als auch dadurch, dass bisher entwickelte Strategien der Kriminalprävention durch ihren pädagogischen Charakter gekennzeichnet sind. Es wird davon ausgegangen, dass kriminelle Verhaltensweisen nicht nur von außen in die Schule hinein getragen werden, sondern teilweise innerhalb dieser entstehen. Die Institution Schule muss eng verknüpft mit der Kinder- und Jugendhilfe kriminalpräventiv arbeiten. Kriminalitätsprävention in der Schule meint die Durchführung von Projekten und Programmen für Schüler_innen, Lehrer_innen aber auch Eltern und Erziehungsberechtigte …

Wiebke Steffen hat das Wissenschaftliche Gutachten zum diesjährigen Präventionstag und zum Thema Kriminalprävention braucht Präventionspraxis, Präventionspolitik und Präventionswissenschaft geschrieben. Wenn Sie auf die rote Schrift klicken, kommen Sie zum Gutachten …

2010 hat der Deutsche Präventionstag übrigens im Berliner ICC getagt. Ich habe dort den Stand des MediationsZentrums Berlin betreut. Hier mein Blogartikel zum Thema Der 15. deutsche Präventionstag und die fünf Konflikttypen …

Jede Schule in Berlin und anderswo kann bzw. muss etwas tun !! Los geht’s sagt Christa Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention | Kommentare (0) | Autor:

Plakate zur Gewaltprävention

Donnerstag, 20. März 2014 23:09

Seit einigen Jahren bin ich an der KHSB (Katholischen Hochschule Berlin) als Lehrbeauftragte tätig. Im Rahmen des Seminars “Sozialpädagogisches Handeln im Gemeinwesen” haben meine Studierenden im letzte Semester Plakate entworfen, die der stadtteilbezogenen Gewaltprävention dienen sollen. Da viele Plakate super gut und aussagekräftig sind, möchte ich sie hier der Öffentlichkeit vorstellen. Gerne möchte ich die Vorstellung der Plakate auch mit dem Aufruf verbinden, in der Nachbarschaft und im Stadtteil aufeinander zu achten und Gewalt zu verhindern …

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Besten Dank an meine Studentinnen und Studenten aus dem letzten Semester für die wunderbaren Plakate und das interessante gemeinsame Seminar sagt Christa Schäfer

Gewaltprävention in Grundschulen durch Empathietraining mit Babys …

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention | Kommentare (0) | Autor:

Tim hat Geburtstag oder: Tim kriegt Geburtstagsschläge

Montag, 12. November 2012 6:57

Es ist Montag Morgen 6:30 Uhr. Tim hat Geburtstag, er steht frohgemut auf, zieht sich an, hüpft in die Küche und freut sich, dort eine große Geburtstagstorte und viele Geschenke zu sehen. Er beschließt zu frühstücken, packt eines der Geschenke aus und muss dann schon lossausen zur Schule. Er geht in die 5te Klasse einer Grundschule gleich um die Ecke in Berlin Mitte. Schon auf dem Weg zur Schule wird ihm mulmig, denn er kennt die nun folgende Prozedur schon aus den letzten Jahren: Geburtstagsschläge.

Geburtstagsschläge?
Ja, das gibt es tatsächlich.

Vor einigen Jahren hörte ich das erste Mal davon, als meine eigenen Kinder noch in eine Berliner Grundschule gingen. Jetzt habe ich das erste Mal gelesen, dass dies anscheinend ein in einigen Berliner Bezirken und sogar ein bundesweit verbreitetes Phänomen ist. In Neukölln wurde vor zwei Wochen sogar ein Sekundarschüler von Mitschülern so mit „Geburtstagsschlägen“ traktiert, dass er anschließend ambulant behandelt werden musste. Zum entsprechenden Tagesspiegel-Artikel …

Um bei Tims Geschichte zu bleiben, dort funktionierte die Sache folgendermaßen: Eine Gruppe von sechs Jungs schnappt sich Tim, der 10 Jahre alt wurde. Jeder der Jungs durfte 10 Mal zuschlagen, denn Tim wurde schließlich 10 Jahre alt. Das machte dann 60 Schläge für Tim. Tim fand das nicht toll, aber was sollt er machen? Er bekam zwar später in der Klasse dann auch noch ein Geburtstagsständchen vorgesungen (die Gruppe der sechs Jungs sang natürlich mit), aber irgendwie war der Tag doch nicht mehr ganz so super.

Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, ist dem Phänomen der Geburtstagsschläge auf den Grund gegangen. Er sieht Neid als eine Ursache des Phänomens. Laut Pfeiffer ist es in muslimischen Familien nicht Tradition, den Geburtstag so ausgiebig und mit vielen Geschenken zu feiern, wie das in Deutschland üblich sei. Aus dem hierdurch entstehenden Neid und Ärger entwickelt sich dann manchmal der Wunsch, den anderen, der Geburtstag hat, klein zu kriegen. Die Berliner Polizei hat mitunter sogar schon Anzeigen wegen Körperverletzungsgeburtstagsschlägen aufgenommen und bietet dazu auch Präventionsveranstaltungen in Schulen an.

Ist das alles nicht unglaublich?
Soweit also zum Thema „Gewaltprävention in Schulen“ …

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Schule in Berlin | Kommentare (0) | Autor:

Gewaltprävention an unserer Schule,

Montag, 5. November 2012 6:11

das ist ein Thema, das von Grundschulen, Sekundarschulen, Gymnasien, Haupt- und Realschulen öfters für einen Studientag bei mir angefragt wird.

Betrachtet man die Berliner Verhältnisse, so liest man in den einschlägigen Statistiken, dass jedes zweite Berliner Schulkind bereits einen Mobbingfall in der Schule erlebt hat, sei es als Täter oder als Opfer. Ein Viertel aller Berliner SchülerInnen zwischen 11 und 15 Jahren klagt über psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Einschlafstörungen. Jede Berliner Schulklasse hat durchschnittlich zwei bis drei psychisch auffällige SchülerInnen. Diese Zahlen gehen aus einer Untersuchung zum Gesundheitszustand der Berliner SchülerInnen hervor. Im Jahr 2006 waren für diese Untersuchung insgesamt 1.300 Mädchen und Jungen aus fünften, siebten und neunten Klassen befragt worden. Im Rahmen der KIGGS Studie und der Health Behaviour in School Aged Children (HBSC) gibt es demnächst wieder aktuelle Zahlen zum Thema. Ich werde berichten.

Aber nicht nur an diesen Statistiken sieht man, wie wichtig die Gewaltprävention in Berliner Schulen ist. Auch wenn man die Zeitung aufschlägt, so fliegt einem die Notwendigkeit zur Gewaltprävention zu. Und auch, wenn man mit SchülerInnen, LehrerInnen und Schulleitungen spricht, so erkennt man zweifelsfrei die Dringlichkeit dieses Themas.

In der Zwischenzeit gibt es eine Vielzahl von Programmen zur Gewaltprävention, aus denen die Schulen auswählen können. Betrachte ich einmal nur den Grundschulbereich, so sind dies:

buddY-Programm
Denkzeit-Programm
Faustlos
Die Friedensbrücke
Klassenrat / Demokratiepädagogik (hands for kids)
Kooperatives Lernen
Stopp-Regel
Streitschlichter- bzw. Konfliktlotsen
Das Trainingsraum-Konzept
Wolfs- und Giraffensprache (GfK)
Weitere Soziale Kompetenztrainings

Themen, die in den Programmen behandelt werden sind u.a.:
Emotionale Kompetenz
Gefühle und Bedürfnisse erkennen und ausdrücken
Perspektivübernahme üben
Empathiefähigkeit stärken
Impulskontrolle / Umgang mit Wut
Konfliktfähigkeit
Kooperationsfähigkeit
Nachdenken über Werte und Normen
Problemlösekompetenz
Reflexionsfähigkeit
Sprache geben / Gesprächsführung
Helfen / Begleiten / Beraten (Peer-Ansatz)

Letztlich steht auch immer die Förderung und Stabilisierung des Selbstwertgefühls im Zentrum der Programme. Jede Schule muss sehen, welches das für sie geeignete Programm ist. Verschiedene Schulen haben verschiedene Vorlieben, ein unterschiedliches Schülerklientel und natürlich auch verschiedene Voraussetzungen, die unterschiedliche Programme erfordern.

Schön, dass es jetzt ein Buch zum Thema „Gewaltprävention an Schulen“ aus dem Beltz Verlag gibt, das den Prozess der Planung, Umsetzung und Verankerung von Strategien zur Gewaltprävention und Gewaltintervention in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Das Buch von Mustafa Jannan beschäftigt sich mit schulischer Intervention und Prävention:

Als Intervention verstehe ich die personenbezogene Reaktion auf einen Gewaltfall in der Schule, die zu einer zeitnahen Lösung des Problems führt. (Jannan: Gewaltprävention … S. 16)

Als Prävention verstehe ich Handlungskonzepte, die vorbeugend eingesetzt werden, um Gewalt langfristig zu minimieren. (ebenda, S. 22)

Als systemisch denkende Pädagogin und Mediatorin hat es mir die Grafik zur Mehrebenenprävention besonders angetan. Diese besagt, dass die Präventionsarbeit einer Schule nicht bei einzelnen SchülerInnen oder Klassen ansetzen, sondern das gesamte System Schule umfassen sollte. Wie dies gut funktionieren kann, dazu gibt Jannan vielfältige Hinweise und Übersichten, und natürlich werden im Buch auch ausgewählte Präventionsprogramme vorgestellt

 

Ich merke, dass sich immer mehr Schulen auf den intensiven Weg der Gewaltprävention machen, das freut mich sehr.

Kennen Sie übrigens schon die Initiative Schule im Aufbruch? Wenn irgendwann einmal alle Schulen so aufgestellt sind, dann brauchen wir höchstwahrscheinlich weniger Gewaltprävention, weil die Schulen per se schon gewaltpräventiv arbeiten …

Interessant auch ein Interview mit Mustafa Jannan zum Thema „Mobbing an Schulen“.

Ebenfalls ein super Buch zum Thema Gewalt und Mobbing an Schulen ist von Wilfried Schubarth …

Und interessant ist sicherlich auch für Sie ein Überblick über die Programme, die die Berliner Schulen zur Gewaltprävention nutzen.

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen, Schule in Berlin, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor:

4 Jahre Mediationsblog

Samstag, 2. Juni 2012 20:46

Am 30. Mai 2008 erschien der erste Artikel in diesem Blog.
Seit der Zeit sind genau 232 Artikel entstanden.
Das will gefeiert werden !

Deshalb freuen Sie sich bitte mit mir auf das Buch zum Blog, das in Kürze erscheinen wird. Es fasst verschiedene Artikel dieses Buches zusammen und behandelt Themen von der Konfliktbearbeitung in Berlin über Emotionale Kompetenz, Gewaltprävention, Kommunikation, Mediation, Mobbingprävention, Soziales Lernen, Soziale Trainingsprogramme und Unterrichtsstörungen.

Demnächst können Sie Ihr Buchexemplar hier bestellen.

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Gewalt, -prävention, -intervention, Kommunikation, Konflikte, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Mobbingbearbeitung, Schulmediation, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Kampfzone Straße

Montag, 14. Mai 2012 6:19

„Fast drei- bis vier Mal täglich werden im Neuköllner Kiez Kinder, Jugendliche und Heranwachsende Opfer von Raubtaten oder Körperverletzungen, in denen ein Messer als Tatmittel eingesetzt wird. Dabei wird mit dem Messer, je größer, umso besser, nicht nur gedroht, um die Opfer einzuschüchtern und sie so leichter zur Herausgabe der Beute zu veranlassen, nein, erschreckenderweise wird auch genauso schnell zugestochen. Dabei spielen, wie bei vielen Vernehmungen festgenommener Täter festgestellt, Motive eine Rolle, die zusätzlich betroffen machen. Da wird schon mal im „Rausch“ des Machtgefühls auf den sich wehrlos Ergebenden eingestochen, obwohl man bereits im Besitz der Beute ist. Das Erniedrigen des Opfers, einhergehend mit gruppendynamischen Prozessen, ist eine weitere abscheuliche Art, zusätzlich Gewalt im Übermaß anzuwenden. Meist will sich der Einzelnde in der Gruppe als Überlegener darstellen, um so eine Machtpositition zu erreichen oder zu festigen.“ (Kampfzone Straße, S. 18)

Das ist eine der vielen vielen Stellen aus dem Buch „Kampfzone Straße“ von Fadi Saad und Karlheinz Gaertner, die betroffen macht.

Im April diesen Jahres wurde in Neukölln ein 22jähriger junger Mann erschossen, der sich gerade mit seinen Freunden auf der Straße unterhielt. Vom Täter fehlt bis jetzt jede Spur.

Was ist los?

Bereits 2007 gab es die Idee an einigen Schulen in Neukölln einen Wachschutz zu beauftragten, der das Eingangstor und den Pausenhof der Schulen bewachen sollte. Privater Sicherheitsschutz wurde engagiert, um schulfremde Personen draußen zu halten und um Gewalt vorzubeugen. 16 Schulen aus Neukölln machten gute Erfahrungen mit diesem Programm. Ende letzen Jahres dann trauerten die Neuköllner Schulen um ihre Wachschützer, aber eine Weiterfinanzierung war nicht in Sicht. Der Bezirk Neukölln konnte sich die Finanzierung des Wachpersonals nicht mehr leisten.

Der Wachschutz wurde als Gewaltprävention angesehen. Die Leiterin der Röntgen-Realschule sah das damals so: „Es werden ja keine Schlägertypen aus der Türsteher-Szene engagiert“, betonte sie. Wichtig sei, dass die ausgewählten Sicherheitsfirmen über Personal verfügen, das in Deeskalation und kommunikativem Verhalten geschult ist. Die Wachleute müssten „höflich, aber bestimmt auftreten“.

Ist Wachschutz eine gute Methode zur Gewaltprävention?

Laut Statistik ist die Zahl der gemeldeten Gewaltvorfälle in Schulen im letzten Schuljahr erneut zurück gegangen. 38 % aller Berliner Schulen waren von Gewaltvorfällen betroffen. 1468 Vorfälle waren es im Schuljahr 2010/2011. Der Bezirk Mitte musste die meisten Gewaltvorfälle verzeichnen, gefolgt von Neukölln, Steglitz-Zehlendorf und Friedrichshain-Kreuzberg.

Mit dem Brandbrief der Rütli-Schule fing in Neukölln alles an. Jetzt ist die Rütli-Schule aufgrund der vielfältigen Maßnahmen wieder beliebt bei Eltern und SchülerInnen.

Gerade die Schulen sind ein guter Ort zur Gewaltprävention. Es gibt vielfältige Programme. Packen wir’s an!! Wilfried Schubarth gibt beispielsweise in seinem Buch Gewalt und Mobbing an Schulen einen guten Überblick über die Programme zur Gewaltprävention an Schulen.

Karlheinz Gaertner ist als Polizeihauptkommissar in Neuköllner Schulen und zur Bekämpfung der Straßenkriminalität unterwegs. Fadi Saad arbeitet als Quartiersmanager in Moabit-Ost, kennt aber Neukölln gut. Beide berichten in ihrem Buch „Kampfzone Straße“ von Kindern und Jugendlichen in Neukölln. Gerade für Lehrerinnen und Lehrer ist dieses Buch interessant, um einen Perspektivwechsel vorzunehmen und zu erfahren, was die Lebenswirklichkeit mancher Schüler in Neukölln ist. Interessant ist das Buch natürlich auch im Hinblick auf die von Gaertner und Saad durchgeführte Gewaltprävention … es müsste mehr solcher Menschen in allen Berliner Bezirken geben …

Haben sie übrigens schon mal vom Denkzeit-Programm gehört?
Dazu demnächst mehr …

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention | Kommentare (0) | Autor:

Kränkungen, Konflikten und Krisen vorbeugen – keine Katastrophen zulassen

Montag, 19. März 2012 6:23

Als Prävention (vom lateinischen praevenire für „zuvorkommen, verhüten“) bezeichnet man vorbeugende Maßnahmen, um ein unerwünschtes Ereignis oder eine unerwünschte Entwicklung zu vermeiden. Ganz allgemein kann der Begriff mit „vorausschauender Problemvermeidung“ übersetzt werden. (wikipedia)

Es gibt Gewaltprävention, Suchtprävention, Mobbingprävention, Kriminalprävention und viele viele weitere Arten von Prävention. Gewaltprävention ist der Oberbegriff für Initiativen und Maßnahmen, die Menschen bei der Vermeidung gewalttätiger Auseinandersetzungen helfen bzw. den richtigen Umgang mit Konflikten schulen soll. Sucht- bzw. Drogenprävention bezeichnet zum einen Maßnahmen zur Verhinderung des Konsums, zum anderen Maßnahmen, die Gesundheitsschäden durch den Konsum legaler (Alkohol, Nikotin, Koffein und einige Medikamente) und illegaler Drogen vorbeugen.

Die Sozialwissenschaften unterscheiden drei verschiedenen Stufen von Prävention, und da der Präventionsbegriff ursprünglich aus der Medizin kommt, ist bei den folgenden Definitionen auch stets von einer Störung (psychischen Störung) die Rede. Diese „Störung“ kann in Bezug auf die verschiedenen Arten von Prävention der erste Drogenkonsum, der erste Alkoholkonsum, der erste Gewaltvorfall oder anderes sein. Primäre Prävention bedeutet die Vorbeugung zur Verhinderung des (ersten) Auftretens einer Störung. Unter sekundärer Prävention werden alle Maßnahmen zur Therapie und Eindämmung der Störungen im Verlauf ihres Auftretens verstanden. Durch die tertiäre Prävention soll ein weiteres Fortschreiten einer ausgebrochenen Störung verhindert werden. Die tertiäre Prävention umfasst schließlich alle Bemühungen, die in der Folge einer Störung der Rehabilitation dienen und der Gefahr entgegenwirken sollen, dass die Störungen wieder auftreten oder chronisch werden könnte.

Schülerinnen und Schüler können heute in verschiedene „gefährliche Entwicklungen“ hineingeraten oder diese Entwicklungen bei anderen beobachten: innerpsychische Krisen, Mobbing, Cyber-Mobbing, Drogen, Aggression, Gewalt, aber auch Suizid oder ein School Shooting.

Christine Spies hat zu bedrohlichen Entwicklungen im Jugendalter ein Präventionskonzept erarbeitet und dieses in ihrem Buch „Wir können auch anders!“ im Beltz Verlag vorgestellt. Sie spricht davon, dass die drei K’s angenommen werden müssen: Kränkungen, Konflikte und Krisen – dass aber Katastrophen natürlich zu vermeiden sind.

„Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.“ (Max Frisch)

„Bemühe dich, deiner Krise zu begegnen, bevor sie dich überfällt.“ ( Pavel Kosorin)

Das Buch umfasst Erkenntnisse aus Erziehungswissenschaft, Sozialpsychologie, Schulpsychologie für Gewaltprävention und Krisenintervention, Kriminologie, Forensischer Psychologie, Jugendgewaltforschung, Suchtprophylaxe, Kinder- und Jugendpsychiatrie (Suizidforschung) sowie der Medienwirkungsforschung und deckt die primäre und sekundäre Präventionsebene ab. Es ist für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren gedacht, enthält 154 Arbeitsblätter und kann ohne große Vorarbeit direkt in Schule im Unterricht oder in Projekten eingesetzt werden.

Exemplarisch möchte ich Sie hier zum Denken darüber anregen, welcher Verarbeitungstyp in Reaktion auf eine Krise Sie sind. Es gibt acht von Christine Spies benannte Muster, mit denen Jugendliche auf eine Krise reagieren. Das gilt natürlich nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene. Nehmen Sie sich bitte 10 Minuten Ruhe, setzen Sie sich mit einer Tasse Kaffee oder Saft auf den Balkon in die Sonne und überlegen Sie, welcher Verarbeitungstyp Sie selber sind. Dazu ein Zitat von S. 161 des hier vorgestellten Buches:

Typ 1 – Verdränger
Probleme und unangenehme Gefühle schiebst du weg: „Ich zieh mir doch nicht jeden Mist rein!“ Lieber stürzt du dich in andere Beschäftigungen und lenkst dich ab. Vielleicht betäubst du dich auch mit Alkohol oder anderen Drogen. Manchmal verkriechst du dich auch im Bett und pennst endlos lange, oder du dröhnst dich stundenlang mit Fernsehen oder Computerspielen zu. Auf alle Fälle vermeidest du erst mal alles, was dich an das Unangenehme erinnern könnte …

Typ 2 – Dampfkessel
Du lässt Probleme und negative Gefühle gar nicht an dich rankommen. Nach außen hin wirkst du ruhig und beherrscht. Auf andere bist du nicht angewiesen, was sie von dir denken, interessiert dich nicht. Du gehst deinen eigenen Weg. Ab und zu fällt dir auf, dass du immer weniger Kontakt zu anderen hast und oft wie in einer eigenen Welt lebst. Du hast deine Hobbys, in denen du deine Fantasien ausleben kannst. Das hilft dir, wenn andere dich runtermachen, bloßstellen und ihre Macht ausspielen …

Typ 3 – Schluckspezialist
Du gehst Problemsituationen lieber aus dem Weg. Du möchtest nicht anecken und dich unbeliebt machen, deswegen schluckst du ungerechtes und unfaires Benehmen von anderen. Streit ist dir unangenehm, du magst es, wenn Beziehungen harmonisch sind. Dich zu wehren hältst du nicht für sinnvoll, denn es bringt ja doch nichts. Oft sagst du dann lieber gar nichts und ziehst dich zurück. Dann grübelst du lange darüber nach, was zwischen den Menschen falsch läuft …

Typ 4 – Showmaster
Du bist kontaktfreudig und stehst am liebsten im Mittelpunkt. Anerkennung und Bewunderung saugst du auf: du brauchst sie wie die Luft zum Atmen. Wehe, wenn du dich zurückgewiesen oder abgelehnt fühlst. Dann steigerst du dich so in die Sache hinein, bis jedem klar ist, dass du eine wahre Katastrophe erlebst. Deine Gefühle kannst du gar nicht für dich behalten …

Typ 5 – Lonesome Cowboy
Du warst schon immer eher ein Einzelgänger und teilst anderen selten mit, was in dir vorgeht. Wozu auch? Jeder muss doch versuchen, mit seinen Problemen alleine klar zu kommen – so siehst du das. Deshalb verlässt du dich lieber nur auf dich. Manchmal gelingt es dir, eine Person ins Vertrauen zu ziehen und dich zu öffenen, aber dafür kommen nur wenige infrage …

Typ 6 – Manager
Bei einem Problem versuchst du dir erst einmal darüber klar zu werden, was gerade abgeht. Du entspannst dich und überlegst. Wenn du nicht weiterkommst, sprichst du eine Vertrauensperson an. Freunde hat man doch, damit sie einem helfen, oder?

Typ 7 – Ausraster
Wer dich beleidigt, entwürdigt oder in deiner Ehre verletzt, muss damit rechnen, „eine zu fangen“. PP: Persönliches Pech! Weil du dich ständig von anderen provoziert fühlst, rastest du oft aus. Du brauchst das Gefühl von Macht und den Nervenkitzel: Alles ist besser als Langeweile und das Gefühl, unterlegen zu sein …

Typ 8 – Nullchecker
Probleme haben andere – du hast alles im Griff!

Welcher Typ sind Sie?
Was sind die Vor- und Nachteile, so zu sein?
Was müsste der Typ lernen, um Krisen besser bewältigen zu können?

Besten Dank an Christine Spies für diese interessante Übung und auch für das dicke wunderbare Buch mit den vielen Übungen, mit denen man gefährlichen Entwicklungen im Kindes- und Jugendalter vorbeugen kann. Christine Spies hat übrigens auch an der Anne-Frank-Grundschule das Projekt mit den Stopp-Regel-BuddYs ins Lebens aufgebaut.

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Soziales Lernen | Kommentare (1) | Autor: