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Mediation und Konfliktberatung in Berlin

Category: Gewalt, -prävention, -intervention (Page 1 of 3)

Warum wir aus Angst nicht handeln

Immer wieder gibt es Schlagzeilen über Gewalt im öffentlichen Raum in Berlin. Gerade heute ist wieder in den Nachrichten zu hören und zu lesen, dass ein 26jähriger junger Mann mit seinem 18jährigen Begleiter vor einem Supermarkt in Neukölln von einer 15köpfigen Gruppe junger Männer angegriffen und niedergestochen wurde.

Nicht selten haben mir schon Menschen aus anderen Städten gesagt, dass sie durch solche Nachrichten Angst davor hätten, Berlin zu besuchen oder sich nicht vorstellen können, dort zu leben. Berlin ist laut Kriminalstatistik 2014 hinter Frankfurt/M. und Köln die drittgefährlichste Stadt Deutschlands. Andererseits erzählen mir Bekannte auch immer wieder von massiver Gewalt in kleineren Städten oder Dörfern – nur kommt dies seltener in die bundesweiten Nachrichten …

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Wenn Lukas haut

Was tun bei Kindern, die zuschlagen? Was tun bei aggressiven Kindern? Schon lange beschäftige ich mich intensiv mit Fragestellungen dieser Art. Und ich bin natürlich bei weitem nicht die einzige Person, die diese Fragen stellt. Privatpersonen, Erziehungsratgeber, die großen Medien etc. haben viele Meinungen dazu, durchaus auch oft sehr widersprüchliche. Viele Eltern, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen werden jeden Tag vor diese Frage gestellt und überlegen sich Handlungsstrategien, probieren aus, scheitern, versuchen andere.

Ein wirklich hervorragendes Buch ist 2011 zu genau dieser Problematik im Carl-Auer Verlag erschienen: “Wenn Lukas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder” von Anton Hergenhan. Zunächst erläutert der Autor, was “systemisch” bedeutet (u.a. nicht Schuldfragen stellen, sondern darauf achten, was geschieht und des Kindes Ziel mit seinem Verhalten ist). Er widerspricht der gängigen Ansicht, dass das Elternhaus allein für das aggressive Verhalten der Kinder verantwortlich sei. An konkreten Beispielen legt er dar, wie Arbeit mit aggressiven Kindern und ihren Familien aussehen kann.

Ein Schlüssel für die Arbeit mit aggressiven Kindern und Jugendlichen sowie den Umgang miteinander sind Beziehungen.

Im gleichnamigen Kapitel, welches gewissermaßen das Herz des Buches darstellt, nimmt Hergenhan die Biographie von aggressiven Menschen unter die Lupe und schaut, welche Konsequenzen sich daraus u.U. für ihr gegenwärtiges Handeln ergeben können:

“Menschen, die sich aggressiv verhalten, fühlen sich in ihren Beziehungen wahrscheinlich hilflos und unglücklich. Nicht selten hat diese Hilflosigkeit in der Vergangenheit ihre Wurzeln. Aggressionen sind sehr oft Hilflosigkeitsakte und resultieren aus Lernerfahrungen, nach welchen der Aggressor von heute das Opfer von gestern verkörpert. Es ist wahr: Viele Schläger sind Geschlagene, ohne Zweifel. Eltern, die ihre Kinder ohrfeigen, erzählen mir durchweg, dass sie selbst von ihren Eltern Ohrfeigen erhielten. Und nicht selten höre ich den stereotyp wiederkehrenden Satz: ‘Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet!’
Oft habe ich den Eindruck, dass diese Satz die Aggressionen von früher bagatellisiert, um die von heute zu rechtfertigen: Wenn mir selbst keine Ohrfeige geschadet hat, dann darf ich meinen Kindern auch hin und wieder eine klatschen, so mutet mich diese moralische Entlastungslogik an. Wie dem auch sei: An Menschen, die sich aggressiv verhalten, ist sehr oft selbst aggressives Unrecht begangen worden.
Meine Praxiserfahrung informiert mich noch über ein anderes Phänomen: Nicht nur die Aggressionsopfer von gestern verhalten sich heute aggressiv. Auch Nichtgeschlagene können zu Schlägern werden.” (Hergenhan: Wenn Lukas haut. S.86)

Hergenhan reflektiert auch das Dilemma mit dem pädagogischen Umgehen der von Kindern ausgehenden Gewalt:

“Als ich meine Arbeit vor fast 20 Jahren aufnahm, war ich unsicher. Sollte ich Attacken von Kindern hinnehmen angesichts der Tatsache, dass es ihnen seelisch nicht gut ging? Ich kannte ja die Akte eines jeden Jungen sehr genau und wusste, was Kinder-und Jugendpsychiater in ihren Biographien als ‘pathogen’ (Leid verursachend) diagnostiziert hatten. ‘Verständnisvolle’ Toleranz also angesichts kindlicher Gewalt?”   (ebenda, S.90)

In diesem Zusammenhang schildert der Autor eine Situation in der Vergangenheit mit Kurt (9 Jahre), der ihm mit der Faust in die Nieren schlug. Hergenhan hatte damals die Überzeugung, dass “auszurasten” keine Option sei für einen Psychologen und bemühte sich um “Souveränität”. Heute ist seine Reaktion auf kindliche Aggression anders:

“Ich habe in den Jahren meiner Arbeitspraxis mit der scheinbar fachmännisch abgeklärten Bereitschaft, ‘über’ den Gewaltakten der Kinder zu stehen, ganz schlechte Erfahrungen gemacht. […] Von fachlicher Bedeutung ist die Tatsache, dass ich mich mit meiner unechten Souveränität an meinem Arbeitsauftrag vorbeimogelte. Und der hieß wie die Überschrift unseres Kapitels ‘Beziehungen lernen’. Das Delikate: Der Lernende war zuerst und vor allem ich selbst! Ich musste lernen, wie Beziehung mit Kindern gelingen konnte, die sich aggressiv verhielten.”   (ebenda, S.90 f)

Praktisch sieht das folgendermaßen aus:

“Ich habe Schmerzen, ich bin wütend. Laut schreie ich:
A.H.: Du hast mir wehgetan! Dazu hast du kein Recht. Ab zu den Hausaufgaben!
Laut bin ich geworden. Das idealisiere ich an dieser Stelle nicht. Meine Wut und der Schmerz in der Nierengegend bestimmen den massiven Stil meiner Reaktion. So wenig ich daraus eine Empfehlung konstruiere (‘Werden Sie laut!’), so wenig kritisiere ich mich dafür. Ich bin wütend und haben Schmerzen, mir kommt die Galle hoch. Das darf Kurt gern miterleben. […] Schmerz und Wut sind wichtige Reaktionsfaktoren – kein Nachteil, sondern authentische Botschaftler akuter Wirklichkeit, die auch der Junge detailliert zur Kenntnis nimmt.”   (ebenda, S.91 f)

Es geht also darum, Grenzen zu setzen, da diese ein elementarer Teil von Beziehungen darstellen:

“Beziehungen lernen wir mit den Kindern gemeinsam, wenn wir sie, die Beziehung, für etwas Wertvolles halten. Genau das vermitteln wir den Kindern, indem wir zeigen, wann und wie eine gute Beziehung in Gefahr gerät.”   (ebenda, S.92)

und:
“Kurt will, so unterstelle ich jedem Kind, eine Beziehung, die wertvoll ist, und in der darum nicht jeder machen kann, was er will. Eine wertvolle Beziehung dultet keine Niveaulosigkeit, wenn sich die aufeinander beziehenden Personen einander wertschätzen! Und das wird Kurt unmissverständlich mitgeteilt.”   (ebenda, S.94 f)

Auch wenn ich noch mehr zu diesem und den anderen Kapiteln schreiben könnte – ich belasse es nun erst einmal dabei und hoffe, ich habe Sie neugierig machen können, so dass Sie Sich selbst von der Praxisnähe, den Erkenntnissen und der lösungsorientierten Sprache überzeugen! Wer mit aggressiven Kindern systemisch arbeitet, für den wird dieses Buch eine wahre Fundgrube sein. Ein ideales Buch, um sich noch weiteres Wissen zu Aggressivität bei Kindern und vorallem Jugendlichen anzueignen und Verhaltensweisen besser zu verstehen und ihnen vor allem besser begegnen zu können.

Zusammenfassend: Was macht dieses Buch so besonders? In den Worten des Autors:

“Wenn jemand liest, man muss mit Eltern, die sich gegen die Beratung wehren, wertschätzend umgehen, man muss den Widerstand mit hineinnehmen in die kooperative Atmosphäre, in die kooperative Klimatik, dann ist das recht und schön. Aber was das nun heißt … Was sagt man denn da, das ist die entscheidende Frage. Was sagen Sie zu einem Vater, der sagt ‘Lassen Sie mir doch meine Ruh mit Ihren Psychosprüchen, ich hab Sie satt’ – Was sagt man denn darauf? Und vor allem: Wie nimmt man diesen Widerstand auf, um ihn fruchtbar zu nutzen? Das präzise konkretisierende in diesem Dialog habe ich noch nie gelesen.“

Hier können Sie ein kurzes Video zu „Wenn Lukas haut“ sehen, in dem Hergenhan sein Buch vorstellt, und aus dem die eben genannten Worte kommen.

Mehr zum Umgang mit Aggressionen im Schulbereich …
und zum Zusammenhang von sozialer Akzeptanz, Angst und Aggression …

Alles Gute und einen gelingenden, zugleich wertschätzenden als auch grenzsetzenden Umgang mit Aggressionen wünscht Ihnen Christa Schäfer

Wahlrecht für Kinder?

Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche das Recht zur Partizipation haben. Partizipation in der Familie, Partizipation in der Kita, Partizipation in der Schule. Auch das Wahlrecht?

Beteiligung/Partizipation beschreibt wohl eines der grundlegendsten Prinzipien der Demokratie. Ähnlich wie mit dem Begriff der Demokratie verbinden sich allerdings auch mit dem Terminus „Partizipation“ vielfältigste Verständnisse und Verwendungsweisen, die auf ganz unterschiedliche, teilweise konkurrierende Erklärungsansätze zurückgehen.
In dem wohl allgemeinsten Verständnis wird Partizipation als die Beteiligung von Einzelnen und Gruppen an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen verstanden – die ganz unterschiedliche Formen und Ausmaße annehmen kann.
Besonders in der Kinder- und Jugendhilfe wurden in den vergangenen Jahrzehnten Stufenmodelle von Partizipation zitiert und weiterentwickelt. Um zu unterscheiden, wann in welchem Ausmaß von echter Partizipation die Rede sein kann, finden sich hier verschiedene Stufen der Partizipation, die bei Nicht-Beteiligungsformen wie z.B. „Dekoration“, bloße „Information“ oder „Alibi-Teilnahme“ ansetzen und über aufbauende Stufen von „Teilhabe“, „Mitarbeit, „Mitwirkung“ oder „Mitbestimmung“ bis hin zur Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ein höchst mögliches Maß an Partizipation beschreiben.“
(DeGeDe: ABC der Demokratiepädagogik)

Mein neues Buch, das demnächst erscheint, heißt „Die partizipative Schule”. Es wird das Thema Partizipation im schulischen Umfeld näher beleuchten, zeigt die Voraussetzungen für den Partizipationsprozess auf und gibt Hinweise zu vielfältigen Möglichkeiten und Methoden der Partizipation. Es ist übrigens schon jetzt bestellbar, einfach auf den Buchtitel klicken …

Deutschland ist 1992 der Konvention der Vereinten Nationen zu den Rechten der Kinder beigetreten. In der Konvention ist festgeschrieben, dass Kinder von Geburt an in allen sie betreffenden Belangen angehört werden müssen und ein Recht auf Beteiligung haben. Super. In der Konsequenz auf mein neues Buch und die Kinderrechte habe ich mich gefragt, wie es dann mit dem Wahlrecht für Kinder aussieht.

In meinen Recherchen bin ich dabei auf das Buch „Wahlrecht für Kinder? Politische Bildung und die Mobilisierung der Jugend“ von Klaus Hurrelmann und Tanjev Schultz gekommen, das ich daraufhin mit großem Interesse gelesen habe.

Im Buch gibt es neun Artikel, die sich für ein Wahlrecht für Kinder einsetzen, und neun Artikel, die sich gegen ein Wahlrecht für Kinder aussprechen. Die beteiligten AutorInnen kommen großteils aus dem wissenschaftlichen Bereich, von PädagogInnen über Psychiater bis zum Rechtswissenschaftler; in der politischen, rechtlichen oder verbandlichen Arbeit tätig; oder sind direkt betroffene Schülerinnen und Schüler. Auch die Buchherausgeber Hurrelmann und Schultz ordnen sich diesen beiden Polen „für oder gegen Wahlrecht für Kinder“ zu, Hurrelmann für die Absenkung des derzeitigen Wahlalters, Schultz für die Beibehaltung.

Ja, ich bin noch dabei mir meine Meinung zum Thema zu bilden und bin mir noch nicht ganz schlüssig …
Was ich jedoch sagen kann, ist, dass mir das Buch sehr geholfen hat, die verschiedenen Positionen zu verstehen und zu durchdenken. Darum sei es all denjenigen empfohlen, die sich auch mit dieser Frage beschäftigen, oder die sich zum Thema interessieren wollen. Jedenfalls ist das Buch spannend zu lesen und regt zu eigenen Gedanken an.

Und damit Sie als Leserinnen und Leser meines Blogs auch einen kleinen Einblick in die Diskussion erhalten, seien hier im folgenden einige Gedanken aus dem Anfang des Streitgesprächs wiedergegeben.

Schultz: Du beschäftigst dich schon recht lange mit dem Wahlalter und setzt dich dafür ein, es abzusenken. Warum ist dir das so wichtig?
Hurrelmann: Seit den 1990er Jahren plädiere ich dafür, das Mindestwahlalter um mindestens zwei Jahre abzusenken. Ich bin auf das Thema durch die Kinder- und Jugendforschung gekommen, auch durch Befragungen von Kindern und Jugendlichen. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich schon Kinder im Grundschulalter heute mit allen gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen auseinandersetzen müssen. Sie sind durch die Medien mit sämtlichen Themen konfrontiert, nehmen sie auch wahr. Sie sind schon sehr früh gezwungen, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Sie sagen, wenn wir uns schon so viel auseinandersetzen müssen, möchten wir auch Einfluss nehmen und möchten ernst genommen werden.
Schultz: Wirklich? Kein Desinteresse, keine Apathie?
Hurrelmann: Das wird ja den Jüngeren oft unterstellt. Aber ich habe in vielen Studien den Eindruck gewonnen, dass es ein Anliegen vieler junger Leute ist, mitzureden, mitzugestalten – wenn man sie lässt. Natürlich gibt es da viele verschiedene Möglichkeiten, unterschiedliche Kanäle und Foren. Aber was ist mit dem vornehmsten Bürgerrecht: dem Wahlrecht? Da liegt die Altersschwelle zu weit hinten im Leben. (…)
Schultz: Demokratische Rechte auszuweiten, klingt sympathisch. Mehr Demokratie wagen, die Jüngeren beteiligten – prima. Dennoch habe ich große Vorbehalte gegen eine Absenkung des Wahlalters. Wenn ich ehrlich bin, ist es zunächst ein Gefühl und eine Intuition – und die Argumente kommen hinterher. (…) Wir muten Kindern viel zu, mitunter zu viel. Bei den Gegnern des Kinderwahlrechts taucht in unserem Buch – wie ich finde zu Recht – öfter das Argument auf: Gebt den Kindern zwar den Raum, sich auszuprobieren, sich politisch zu engagieren, aber gebt ihnen auch Schutz! Lasst sie langsam hineinwachsen in die komplizierte und harte Welt der Politik und der Verantwortung. Zwingt sie nicht zu früh in Entscheidungen hinein!
Hurrelmann: Es gibt ja – was ich bemerkenswert finde – einen breiten Konsens unter den Autorinnen und Autoren in diesem Buch, dass es eine stärkere politische Beteiligung der Jüngeren geben kann und geben sollte, und das schon vom Kindesalter an. Da sind sich alle einig: Mehr Partizipation und politische Bildung sind möglich und nötig. Auch jenseits des Wahlrechts können wir viel und noch mehr dafür tun, die Ansprüche, Meinungen und Ideen von Kindern ernst zu nehmen und Kinder zu beteiligen an Entscheidungen, die sie und ihre Umwelt betreffen.“
(Hurrelmann, Schultz: Wahlrecht für Kinder. S. 254 ff)

Genau !!

Was denken Sie zur Absenkung des Wahlalters?
fragt sich Christa D. Schäfer

Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Vor einiger Zeit berichteten wir hier im blog über Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität.

Heute möchten wir das Buch Auffälliges Verhalten im Jugendalter von Wilhelm Rotthaus und Hilde Trapmann aus dem verlag modernes lernen und das Stichwort Jugendkriminalität vorstellen. Auch in diesem Buch werden viele Verhaltensauffälligkeiten benannt, es wird dargelegt wann man von Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen sprechen kann und muss, es wird erläutert welche bedingenden Faktoren eine Rolle spielen können und wie sie zu beeinflussen sind. Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen können dadurch ein gutes Verständnis für die im Buch besprochenen Verhaltensweisen erlangen. Die Ideen für konkrete Empfehlungen und Maßnahmen sind eine erste Anregung für die pädagogische Praxis im Umgang mit “schwierigen” Jugendlichen.

Kriminalität wird in diesem Buch als Verstoß gegen Gesetze definiert. Im Prozess der „Selbstfindung“ und Individualisierung erproben Jugendliche oft Grenzen normativer Vorgaben, welche schon zu leichten Gesetzesübertretungen führen können. Da sich Jugendliche in einer Entwicklungsphase befinden und in dieser Hinsicht stets ändernden gesellschaftlichen Lebens- und Problemlagen ausgesetzt sind, wurde das Jugendstrafrecht entwickelt, welches eine erzieherische Absicht verfolgt.

Bleibt es bei „Einzeltaten“ wird von einem normalen, temporären und episodenhaften Prozess gesprochen. Bei Mehrfachtäter_innen zeigt sich laut Untersuchungen häufig ein Nebeneinander von mehrfachen Belastungen und Benachteiligungen. Nach diesen Untersuchungen heißt es, dass kriminelles Verhalten nicht aus dem Nichts entsteht, sondern sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und ein Mangel an Schutzfaktoren vorhanden ist.

Als provozierende Bedingungen zu kriminellem Verhalten im Jugendalter stellt das Buch unter anderem vor:

  • familiäre Struktur: Wichtig ist, dass Kinder/Jugendliche in einem gefestigten Umfeld aufwachsen. Das heißt, dass sie stete Bezugspersonen haben, auf deren Unterstützung sie bauen können.
  • Wohnsituation: Das Wohnviertel, seine Gestaltung und die daraus resultierenden Beziehungsverhältnisse der Bewohner_innen sind als Faktor für eine kriminelle Entwicklung nachgewiesen.
  • Vorbildverhalten: Jegliche Bezugspersonen (Eltern,Geschwister,etc.) sind Vorbilder für Kinder. Sie identifizieren sich zum Beispiel mit ihren Eltern. Wenn ebendiese ein kriminelles und/oder aggressives Verhalten zeigen und das innerhalb der Familie positive Akzeptanz findet, neigt das Kind dazu, dieses Verhalten nicht differenziert betrachten zu können. Auch wird nicht die Erfahrung gemacht, dass gegensätzliches Verhalten will positivere gesellschaftliche Resonanz hat, als kriminelles Verhalten.
  • Medieneinfluss: Die Fülle an Darstellungen von Gewalt- und Aggressionsverhalten trägt ohne Zweifel zur Erhöhung der Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft von Kindern bei. Durch Medien wird die eigene Hemmschwelle zu kriminellen Taten gemindert.

Weiter heißt es dort: Um an der Kriminalität des Kindes zu arbeiten, ist es wichtig auf die Punkte der Entstehung und Aufrechterhaltung von Auffälligkeiten und Störungen zurückzugreifen. Es ist bedeutsam, das Kind ernst zu nehmen. Auch Einzeltaten sollten nicht leichthin als jugendlicher Leichtsinn abgewunken werden. Es ist wichtig die jeweiligen Situationen zu verstehen, um die Chance gering zu halten, dass Jugendliche zur Wiederholungstäter_innen werden. Die Beobachtung des sozialen Umfeld und der Familienstruktur sind die Grundlage. Auch hier ist es wichtig, dem_der Jugendlichen die eventuelle Angst vor der Zukunft zu nehmen und die Anerkennung der sozialen Umwelt durch andere Aktivitäten und Bestätigungen zu sichern. In der Zusammenarbeit mit Jugendlichen ist bedeutend, die Jugendlichen nach ihren Beweggründen zu fragen und diese gemeinsam zu hinterfragen. Gesellschaftliche Strukturen können so gemeinsam aufgebrochen werden und bieten den Jugendlichen eine Plattform der Kommunikation.

Laut Rotthaus und Trapmann unterstützt eine multisystemische Therapie, um ein erneutes straffällig Werden des_der Jugendlichen zu reduzieren und darüber hinaus das sozialverträgliche Verhalten zu fördern. Die multisystemische Therapie umfasst sechs Elemente, die flexibel angewandt werden können:

  1. Familientherapie, die sich auf eine effektive Kommunikation, systematische Belohnungs- und Bestrafungssysteme und das Problemlöseverhalten in alltäglichen Konflikten bezieht.
  2. Stärkung des_der Jugendlichen und der Eltern, um mit Problemen in Familie, Schule, Freundeskreis und Wohngebiet besser umgehen zu können. Besonders Gewicht wird darauf gelegt, die familiären Ressourcen und adäquates Problemlöseverhalten zu fördern, damit die Beteiligten nicht immer wieder auf alte, untaugliche Verhaltensmuster zurückgreifen.
  3. Den_die Jugendliche ermutigen, mehr Zeit mit solchen Altersgenoss_innen zu verbringen, die keine sozialen Probleme haben, und die Beziehung zu anderen Delinquenten abzubrechen.
  4. Förderung der individuellen Entwicklung einschließlich eines Selbstbehauptungstrainings zum Schutz gegenüber negativen Einflüssen von Altersgenoss_innen.
  5. Zusammenarbeit mit der Schule halten, um Lern- und Hausarbeitsverhalten zu verbessern, sowie die Zeit außerhalb der Schule gut zu strukturieren
  6. Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (z.B.: Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Sozialarbeit, Gesundheitsdienst, Erziehungswesen).

Gerne möchten wir diese Liste vervollständigen. Absolut empfehlenswert sind unserer Erfahrung nach die Denkzeit-Trainingsprogramme als psychoanalytisch fundierte, sozialkognitive Einzeltrainings für deviante Kinder und delinquente Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene. Diese Trainingsprogramme sind wissenschaftlich evaluiert und versprechen einen hohen Erfolg. Schauen Sie auf der Webseite der Denkzeit-Gesellschaft und informieren Sie sich …

Christa Schäfer und Atossa Nazeri

Auffälliges Verhalten oder: Der Mensch ist keine Maschine

Seit meiner Zeit als Lehrerin in einem Berliner Gymnasium beschäftige ich mich mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die „nicht der Norm“ entsprechen. By the way: Gibt es überhaupt jemanden, die oder der „der Norm“ entspricht? Ich habe über Unterrichtsstörungen promoviert und Methoden und Trainings zur Prävention und Intervention von Konflikten erfolgreich etabliert. Die Mediation habe ich im Schulbereich in Grund- und Oberschulen eingeführt. Gewaltprävention und Strategien für Notfallsituationen sind meine Stärke. Seit einiger Zeit sind auch die Demokratiepädagogik und die Inklusion in diesen Reigen mit eingestiegen.

Deshalb haben mich zwei Bücher sehr interessiert, die ich hier und in zwei weiteren Blogartikeln gerne vorstellen möchte. Es handelt sich um die Bücher:
Auffälliges Verhalten im Kindesalter
Auffälliges Verhalten im Jugendalter

In diesen zwei Bänden von Hilde Trapmann und Wilhelm Rotthaus zum auffälligen Verhalten im Kindes- bzw. Jugendalter werden die wichtigsten Verhaltensauffälligkeiten in diesen Altersgruppen behandelt. Wir haben uns in die Kapitel Aggressivität im Kindesalter und Kriminalität im Jugendalter eingelesen und möchte gerne die hervorstechendsten und generell grundlegenden Aspekte dieser Kapitel teilen.

Um ein besseres Verständnis für auffälliges, störendes oder krankes Verhalten zu entwickeln, ist es wichtig zu beachten, dass Menschen nicht wie Maschinen funktionieren. Eine Störung kann nicht einfach so gefunden und durch eine Reparatur oder Ersatzteile behoben werden. Der Mensch hat natürlich ein viel komplexeres System.

Jeder Mensch ist einzigartig und muss deswegen in jeglicher Hinsicht als Einzelfall betrachtet werden. Alle Menschen bilden sich durch die Wechselwirkung ihrer biologischen Voraussetzungen (Genetik) und ihrer Umwelt zu einem einmaligen Individuum. Auch bereits während der Schwangerschaft spielen Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, Medikamente, Stress und psychisches Wohlbefinden der Mutter eine Rolle. Nach der Geburt ist die sensitive Wahrnehmung der Eltern sehr wichtig. Die individuellen Bedürfnisse des Kindes müssen erkannt werden, um bestmöglichen Umgang und Verständnis für und mit dem Kind zu entwickeln.

Von Geburt an wird das Gehirn durch Reize geformt. Interessant dabei ist, dass nicht unmittelbar jeder Reiz das Gehirn alleine formt. Eher sind es mehrere Reize zusammen, die das Gehirn formen und strukturelle Veränderungen hervorrufen. Dieses Formen führt dazu, dass gleichartige Umwelteinflüsse im Laufe der Zeit vom selben Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden.

Im späteren Alter (ca. Vorschulalter) entwickelt der Mensch einen sogenannten „inneren Monolog“, ein inneres handlungsbegleitendes Sprechen. Dadurch beginnt das Kind, Handlungen der Menschen im Umfeld zu strukturieren und kann das eigene Verhalten darin einordnen. Hinzu kommt, dass sich die Kinder durch ihr eigenes Verhalten ihre Umwelt schaffen/formen.

Beispiel: Der Gesichtsausdruck eines depressiven Kindes, der als mürrisch gelesen werden kann, führt dazu, andere Mitmenschen abzuschrecken. Die Schlussfolgerung für das Kind wiederum ist: „Keine_r mag mich.“

Um die Wahrscheinlichkeiten einer Störung zu „berechnen“, wurde ein sogenanntes Risikokonzept entwickelt. Dieses Konzept dient dazu, zu ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Störung auftritt, wenn zuvor ein oder mehrere Risikofaktoren beobachtbar waren.

Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die Vulnerabilität des Menschen, d.h. die Anfälligkeit einer Person für die Entwicklung einer Störung. Meist entwickelt sich aus einzelnen Faktoren nicht sofort eine Störung. Vielmehr tragen mehrere Faktoren gleichzeitig dazu bei, Störungen zu entwickeln.

Risikofaktoren im Umfeld des Kindes sind Umstände, die in Kindern sogenannte Störungen hervorrufen. Hierbei ist sehr wichtig, dass ebendiese genauso entgegengesetzt wirken und das Kind stärken können. (z.B.: die Trennung zu einer Bezugsperson; Wohn-&Schulwechsel; ständiger Streit in der Familie)

Schutzfaktoren sind Faktoren, die die Risikofaktoren ausgleichen. Sie bewahren den Menschen davor, auffälliges oder gestörtes Verhalten zu entwickeln. (z.B.: eine positive Eltern-Kind-Beziehung; ein stabiles, strukturiertes Umfeld; enge Freundschaften zu Gleichaltrigen)

Verhaltensauffälligkeiten und -störungen können ebenfalls durch die Angst vor Veränderung entstehen. Ein gefestigtes Umfeld kann das Kind zum Beispiel davor bewahren, Angst vor der sich verändernden Zukunft, dem Ungewissen, zu haben.

Der positive Aspekt des auffälligen Verhaltens ist, dass das Kind auf seine Situation aufmerksam macht, was in diesem Sinne als sinnvoll bezeichnet wird. Wichtig hierbei ist jedoch, dass das ein kleiner Gewinn der Verhaltensauffälligkeiten oder -störungen ist.

In Zusammenarbeit mit einem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten ist es hilfreich, eine Zukunft auszumalen, in der das Problem geringer oder sogar gar nicht mehr vorhanden ist. Dazu ist es wichtig, Schutzfaktoren auszubauen und das Kind somit zu stärken.

Klar ist, dass sowohl Räume (wie Schule, Kindergarten, Ausbildungsstätte, etc), in denen das Kind sich bewegt, miteinbezogen werden müssen als auch das persönliche Umfeld und gesellschaftliche Strukturen eine große Rolle spielen und es professionelle Unterstützungs-, Beratungs- und Behandlungsangebote gibt, die in Anspruch genommen werden sollten.

Demnächst in diesem Blog mehr zu den Themen:

Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität
Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Schauen Sie wieder rein …
sagen Christa D. Schäfer und Atossa Nazeri

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