Beitrags-Archiv für die Kategory 'Gewalt, -prävention, -intervention'

Warum wir aus Angst nicht handeln

Dienstag, 26. April 2016 12:17

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Immer wieder gibt es Schlagzeilen über Gewalt im öffentlichen Raum in Berlin. Gerade heute ist wieder in den Nachrichten zu hören und zu lesen, dass ein 26jähriger junger Mann mit seinem 18jährigen Begleiter vor einem Supermarkt in Neukölln von einer 15köpfigen Gruppe junger Männer angegriffen und niedergestochen wurde.

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Nicht selten haben mir schon Menschen aus anderen Städten gesagt, dass sie durch solche Nachrichten Angst davor hätten, Berlin zu besuchen oder sich nicht vorstellen können, dort zu leben. Berlin ist laut Kriminalstatistik 2014 hinter Frankfurt/M. und Köln die drittgefährlichste Stadt Deutschlands. Andererseits erzählen mir Bekannte auch immer wieder von massiver Gewalt in kleineren Städten oder Dörfern – nur kommt dies seltener in die bundesweiten Nachrichten …

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Gewalt ist also leider alltäglich. Sie ist nicht unbedingt zufällig, und es sind keine individuellen Ausraster von besonders gewalttätigen Einzelpersonen, wie es medial oft suggeriert wird. Rassistische Gewalt beispielsweise ist massiv, und seit Jahresbeginn verging fast kein Tag, an welchem kein Geflüchtetenheim angegriffen wurde. Darüber hinaus gab es im Jahr 2015 320 rechte und/oder rechtsextrem motivierte Angriffe auf Angehörige von Minderheiten und politische GegnerInnen – das ist ein Anstieg von 80 % zum Vorjahr …

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Häusliche Gewalt betrifft jede dritte Frau in Deutschland mindestens einmal in ihrem Leben, schwere sexualisierte Gewalt jede fünfte bis siebte Frau in Deutschland. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit größer, dass sie von einer ihr bekannten Person angegriffen werden (meist von Partner, Ex-Partner usw – und zu Hause), während bei Männern die Wahrscheinlichkeit größer ist, im öffentlichen Bereich von einer/mehreren unbekannten Person(en) angegriffen zu werden. Und oftmals verhält es sich so, dass es Menschen gibt, welche die Gewalttat mitbekommen, aber nicht eingreifen (sowohl im öffentlichen Bereich wie auch NachbarInnen in Bezug auf häusliche Gewalt). Es gibt zahlreiche Beispiele aus dem Leben und auch viele soziale Experimente dazu. Hier der Link zu einem Experiment, die mangelnde Unterstützung für angegriffene Frauen betreffend …

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Meistens haben die Umstehenden laut eigener Aussage Angst, dass ihnen selbst etwas zustoßen könnte. Und diese Angst ist nicht ganz unberechtigt. Der Tod der Studentin Tuğçe Albayrak im November 2014 ist nur ein Beispiel von vielen, wie solidarische Menschen oftmals selbst Gewalt erfahren, wenn sie andere vor eben dieser beschützen wollen.

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Wie also Zivilcourage zeigen, ohne selbst zum Opfer zu werden?
Vor kurzem las ich ein Buch, das sich genau mit diesem Thema beschäftigt. Es heißt „Nutze deine Angst. Wie wir in Gewaltsituationen richtig reagieren“, von Ralf Bongartz geschrieben, erschienen 2013 bei Fischer.

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Das Buch greift viele wichtige Themen auf: Wie eine Situation richtig erkannt werden kann; welche Handlungsstrategien es gibt; sexuelle Gewalt und andere extreme Gewalt, sowie Selbstbilder. Im ersten Kapitel beschäftigt sich Bongartz ausführlich mit der Frage, weshalb Menschen nichts unternehmen, wenn sie erleben, wie jemand anderem Gewalt zugefügt wird. Darauf werde ich hier näher eingehen, weil dies in so vielen Momenten Betroffenen Unterstützung gegeben hätte – denn viele Menschen, die zu Opfer wurden, sagen, dass nicht die Tat an sich das Schlimmste gewesen sei, sondern dass niemand der Umstehenden eingegriffen und ihnen geholfen habe.

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Bongartz‘ These lautet, dass es nicht allein Angst sei, die am Eingreifen hindere, da Menschen sich in kontrollierte Gefahrensituationen begeben wie Bungee-Jumping, die Besteigung von Mont Blanc, das Lesen eines Thrillers, oder sich den „Tatort“ anzusehen. Vielmehr seien es die unkontrollierten Reaktionen, welche die Angst in Menschen auslöse, so dass es schwerfalle, in Grenzsituationen dem Impuls zu folgen, Hilfe zu leisten. Diese Reaktionen werden von Bongartz „Fallstricke“ genannt, und er stellt die vier folgenden vor: Territorium und Stammesbewusstsein; Abgabe von Verantwortung; die Angst vor Fehlern; die Angst, verletzt zu werden.

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Zu territorialem Verhalten schreibt er:
„Territoriales Verhaten […] führt dazu, dass wir nur das zu verteidigen bereit sind, was wir als mein bezeichnen. Es bezieht sich nicht nur auf Orte, sondern auf alle Menschen und Dinge, die wir als uns zugehörig begreifen: Mein Haus, mein Auto, meine Frau, meine Kinder, meine Familie, meine Schule, meine Mannschaft, mein Berufsstand, aber auch: mein Glaube, mein Ansehen etc. Aber meine Mitmenschen? Das sagt fast niemand. Es sei denn, man ist durch eine bestimmte Rolle oder eine politische oder religiöse Überzeugung dazu verpflichtet […]“ (Bongartz, Ralf: Nutze deine Angst, S. 27)

Eine Kernaussage zu „Abgabe von Verantwortung“ ist folgende:
„Werden Menschen Zeugen von Gewaltsituationen, denken sie häufig: Andere sind näher dran als ich selbst. Dahinter steckt die Vorstellung, dass diejenigen, die näher am Geschehen sind, auch über bessere Informationen verfügen. Daraus ziehen erstere den Schluss, dass die Situation nicht so schlimm sein kann. Denn sonst würden die anderen ja einschreiten. Das Nichthandeln, Wegsehen oder Weitergehen der Person vor mir ist dann meine Legitimation, selbst auch untätig zu bleiben. Oft entsteht so eine Kettenreaktion: Wenn der, der am nächsten dran ist, nicht handelt, wird der, der amzweitnächsten dran ist, auch nicht handeln. Und so fort. Die kollektive für Situationen sinkt deutlich, und die Täter haben freie Bahn.“ (Ebenda, S. 32)

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Auch die Angst vor Fehlern wird von Bongartz beleuchtet als Grund des Nicht-Eingreifens. Er konstatiert:
„Die Angst, Fehler zu machen, spielt […] in Grenzsituationen eine Rolle, vor allem dann, wenn sie, wie in der U-Bahn, zunächst uneindeutig erscheinen. Sie führt dazu, dass Menschen zögern einzugreifen, weil sie sich nicht lächerlich machen wollen. Sie fürchen Scham, Niederlagen, Kontrollverlust. […] Um die Angst vor Fehlern zu überwinden, brauchen wir eine Veränderung der inneren Haltung. Sich lächerlich zu machen oder Fehler zu machen ist menschlich. Es bedeutet nichts anderes, als dass man gerade dabei ist, etwas zu lernen. […] Fast alles ist besser, als nichts zu tun!“ (Ebenda, S. 33-34)

Zuletzt schreibt Bongartz über die Angst verletzt zu werden:
„In einer Atmosphäre von Angst und Unsicherheit ist die größte Hürde, die wir überwinden müssen, bevor wir konstruktiv handeln können, die Angst, verletzt oder getötet zu werden. In Grenzsituationen wird sie schlagartig in uns präsent und aktiviert all jene negativen Phantasien, die wir aus der Presse oder der Unterhaltungsindustrie kennen. Dass Gewalttaten mit Todesfolge die absolute Ausnahme sind, die Anzahl gefährlicher Körperverletzungen statistisch gesehen abnimmt und der Täteranteil an jungen Männern ebenfalls jedes Jahr sinkt, ist so gut wie unbekannt. […]
Nichtsdestotrotz können wir auch in Grenzsituationen unterscheiden zwischen der Angst, die uns wachsam macht und körperlich aktiviert, und jener Angst, die uns lähmt und ‚klein werden lässt‘. Letztere ist gefährlich und kann zu Panik führen, erstere zu gesteigerter Aufmerksamkeit, präziserer Wahrnehmung und erhöhter körperlicher Leistungsfähigkeit. Daher verstehe ich die Angst in erster Linie als Energie, die man zum Vorteil nutzen kann. (Ebenda, S. 34-35)

Würden Sie die Polizei rufen, wenn Sie eine eskalierende Situation miterleben? Wenn ja, ist das prima. Doch was ist, wenn die Polizei selbst der Angreifer ist? Auch diese Erfahrung gibt es, insbesondere für schwarze Menschen und People of Color, und auch in Berlin. Am Morgen des 2. September 2013 Nähe des Görlitzer Parks in Berlin sahen PassantInnen, wie zwei schwer betrunkene weiße Männer einen schwarzen Mann körperlich angriffen. Sie gingen von einem rassistischen Angriff aus und wollten die Polizei rufen. Daraufhin zückten die weißen betrunkenen Männer ihre Dienstmarken und gaben sich als Polizisten zu erkennen – und schlugen weiter auf den Mann ein. So der Bericht einer Berliner Zeitung. In den USA erschießt die Polizei im Durchschnitt alle 28 Stunden eine schwarze Person.

Zum Abschluss bleibt zu sagen:
Ralf Bongartz hat einen wichtigen Ratgeber zum Thema Gewalt im öffentlichen Raum geschrieben. Das Buch „Nutze deine Angst“ gibt gute Tipps und bleibt aufgrund des Thema lange in Erinnerung. Es enthält viele praktische Vorschläge dafür, wie es möglich ist, dass Gewaltsituationen gar nicht erst entstehen können, oder dass sie zumindest nicht eskalieren bzw. glimpflich ablaufen. Realistische Situationen aus dem Alltag werden beschrieben und analysiert. Und vor allem: Einige Personen berichteten bereits, dass ihnen dieses Buch Angst vor bedrohlichen Situationen nahm – und das ist doch schon viel wert!

Wenn Sie mehr darüber lesen wollen, wie Sie Zivilcourage zeigen können, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben, lesen Sie hier weiter zu Tipps zur Zivilcourage …

Und der Hinweis zu einem Film über Zivilcourage …

Auf dass Sie immer sicher an Ihr Ziel kommen …
Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Wenn Lukas haut

Montag, 8. Februar 2016 7:04

Was tun bei Kindern, die zuschlagen? Was tun bei aggressiven Kindern? Schon lange beschäftige ich mich intensiv mit Fragestellungen dieser Art. Und ich bin natürlich bei weitem nicht die einzige Person, die diese Fragen stellt. Privatpersonen, Erziehungsratgeber, die großen Medien etc. haben viele Meinungen dazu, durchaus auch oft sehr widersprüchliche. Viele Eltern, ErzieherInnen und SozialpädagogInnen werden jeden Tag vor diese Frage gestellt und überlegen sich Handlungsstrategien, probieren aus, scheitern, versuchen andere.

Ein wirklich hervorragendes Buch ist 2011 zu genau dieser Problematik im Carl-Auer Verlag erschienen: „Wenn Lukas haut. Systemisches Coaching mit Eltern aggressiver Kinder“ von Anton Hergenhan. Zunächst erläutert der Autor, was „systemisch“ bedeutet (u.a. nicht Schuldfragen stellen, sondern darauf achten, was geschieht und des Kindes Ziel mit seinem Verhalten ist). Er widerspricht der gängigen Ansicht, dass das Elternhaus allein für das aggressive Verhalten der Kinder verantwortlich sei. An konkreten Beispielen legt er dar, wie Arbeit mit aggressiven Kindern und ihren Familien aussehen kann.

Ein Schlüssel für die Arbeit mit aggressiven Kindern und Jugendlichen sowie den Umgang miteinander sind Beziehungen.

Im gleichnamigen Kapitel, welches gewissermaßen das Herz des Buches darstellt, nimmt Hergenhan die Biographie von aggressiven Menschen unter die Lupe und schaut, welche Konsequenzen sich daraus u.U. für ihr gegenwärtiges Handeln ergeben können:

„Menschen, die sich aggressiv verhalten, fühlen sich in ihren Beziehungen wahrscheinlich hilflos und unglücklich. Nicht selten hat diese Hilflosigkeit in der Vergangenheit ihre Wurzeln. Aggressionen sind sehr oft Hilflosigkeitsakte und resultieren aus Lernerfahrungen, nach welchen der Aggressor von heute das Opfer von gestern verkörpert. Es ist wahr: Viele Schläger sind Geschlagene, ohne Zweifel. Eltern, die ihre Kinder ohrfeigen, erzählen mir durchweg, dass sie selbst von ihren Eltern Ohrfeigen erhielten. Und nicht selten höre ich den stereotyp wiederkehrenden Satz: ‚Eine Ohrfeige hat noch niemandem geschadet!‘
Oft habe ich den Eindruck, dass diese Satz die Aggressionen von früher bagatellisiert, um die von heute zu rechtfertigen: Wenn mir selbst keine Ohrfeige geschadet hat, dann darf ich meinen Kindern auch hin und wieder eine klatschen, so mutet mich diese moralische Entlastungslogik an. Wie dem auch sei: An Menschen, die sich aggressiv verhalten, ist sehr oft selbst aggressives Unrecht begangen worden.
Meine Praxiserfahrung informiert mich noch über ein anderes Phänomen: Nicht nur die Aggressionsopfer von gestern verhalten sich heute aggressiv. Auch Nichtgeschlagene können zu Schlägern werden.“ (Hergenhan: Wenn Lukas haut. S.86)

Hergenhan reflektiert auch das Dilemma mit dem pädagogischen Umgehen der von Kindern ausgehenden Gewalt:

„Als ich meine Arbeit vor fast 20 Jahren aufnahm, war ich unsicher. Sollte ich Attacken von Kindern hinnehmen angesichts der Tatsache, dass es ihnen seelisch nicht gut ging? Ich kannte ja die Akte eines jeden Jungen sehr genau und wusste, was Kinder-und Jugendpsychiater in ihren Biographien als ‚pathogen‘ (Leid verursachend) diagnostiziert hatten. ‚Verständnisvolle‘ Toleranz also angesichts kindlicher Gewalt?“   (ebenda, S.90)

In diesem Zusammenhang schildert der Autor eine Situation in der Vergangenheit mit Kurt (9 Jahre), der ihm mit der Faust in die Nieren schlug. Hergenhan hatte damals die Überzeugung, dass „auszurasten“ keine Option sei für einen Psychologen und bemühte sich um „Souveränität“. Heute ist seine Reaktion auf kindliche Aggression anders:

„Ich habe in den Jahren meiner Arbeitspraxis mit der scheinbar fachmännisch abgeklärten Bereitschaft, ‚über‘ den Gewaltakten der Kinder zu stehen, ganz schlechte Erfahrungen gemacht. […] Von fachlicher Bedeutung ist die Tatsache, dass ich mich mit meiner unechten Souveränität an meinem Arbeitsauftrag vorbeimogelte. Und der hieß wie die Überschrift unseres Kapitels ‚Beziehungen lernen‘. Das Delikate: Der Lernende war zuerst und vor allem ich selbst! Ich musste lernen, wie Beziehung mit Kindern gelingen konnte, die sich aggressiv verhielten.“   (ebenda, S.90 f)

Praktisch sieht das folgendermaßen aus:

„Ich habe Schmerzen, ich bin wütend. Laut schreie ich:
A.H.: Du hast mir wehgetan! Dazu hast du kein Recht. Ab zu den Hausaufgaben!
Laut bin ich geworden. Das idealisiere ich an dieser Stelle nicht. Meine Wut und der Schmerz in der Nierengegend bestimmen den massiven Stil meiner Reaktion. So wenig ich daraus eine Empfehlung konstruiere (‚Werden Sie laut!‘), so wenig kritisiere ich mich dafür. Ich bin wütend und haben Schmerzen, mir kommt die Galle hoch. Das darf Kurt gern miterleben. […] Schmerz und Wut sind wichtige Reaktionsfaktoren – kein Nachteil, sondern authentische Botschaftler akuter Wirklichkeit, die auch der Junge detailliert zur Kenntnis nimmt.“   (ebenda, S.91 f)

Es geht also darum, Grenzen zu setzen, da diese ein elementarer Teil von Beziehungen darstellen:

„Beziehungen lernen wir mit den Kindern gemeinsam, wenn wir sie, die Beziehung, für etwas Wertvolles halten. Genau das vermitteln wir den Kindern, indem wir zeigen, wann und wie eine gute Beziehung in Gefahr gerät.“   (ebenda, S.92)

und:
„Kurt will, so unterstelle ich jedem Kind, eine Beziehung, die wertvoll ist, und in der darum nicht jeder machen kann, was er will. Eine wertvolle Beziehung dultet keine Niveaulosigkeit, wenn sich die aufeinander beziehenden Personen einander wertschätzen! Und das wird Kurt unmissverständlich mitgeteilt.“   (ebenda, S.94 f)

Auch wenn ich noch mehr zu diesem und den anderen Kapiteln schreiben könnte – ich belasse es nun erst einmal dabei und hoffe, ich habe Sie neugierig machen können, so dass Sie Sich selbst von der Praxisnähe, den Erkenntnissen und der lösungsorientierten Sprache überzeugen! Wer mit aggressiven Kindern systemisch arbeitet, für den wird dieses Buch eine wahre Fundgrube sein. Ein ideales Buch, um sich noch weiteres Wissen zu Aggressivität bei Kindern und vorallem Jugendlichen anzueignen und Verhaltensweisen besser zu verstehen und ihnen vor allem besser begegnen zu können.

Zusammenfassend: Was macht dieses Buch so besonders? In den Worten des Autors:

„Wenn jemand liest, man muss mit Eltern, die sich gegen die Beratung wehren, wertschätzend umgehen, man muss den Widerstand mit hineinnehmen in die kooperative Atmosphäre, in die kooperative Klimatik, dann ist das recht und schön. Aber was das nun heißt … Was sagt man denn da, das ist die entscheidende Frage. Was sagen Sie zu einem Vater, der sagt ‚Lassen Sie mir doch meine Ruh mit Ihren Psychosprüchen, ich hab Sie satt‘ – Was sagt man denn darauf? Und vor allem: Wie nimmt man diesen Widerstand auf, um ihn fruchtbar zu nutzen? Das präzise konkretisierende in diesem Dialog habe ich noch nie gelesen.“

Hier können Sie ein kurzes Video zu „Wenn Lukas haut“ sehen, in dem Hergenhan sein Buch vorstellt, und aus dem die eben genannten Worte kommen.

Mehr zum Umgang mit Aggressionen im Schulbereich …
und zum Zusammenhang von sozialer Akzeptanz, Angst und Aggression …

Alles Gute und einen gelingenden, zugleich wertschätzenden als auch grenzsetzenden Umgang mit Aggressionen wünscht Ihnen Christa Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor:

Wahlrecht für Kinder?

Montag, 26. Januar 2015 7:20

Ich bin der festen Überzeugung, dass Kinder und Jugendliche das Recht zur Partizipation haben. Partizipation in der Familie, Partizipation in der Kita, Partizipation in der Schule. Auch das Wahlrecht?

Beteiligung/Partizipation beschreibt wohl eines der grundlegendsten Prinzipien der Demokratie. Ähnlich wie mit dem Begriff der Demokratie verbinden sich allerdings auch mit dem Terminus „Partizipation“ vielfältigste Verständnisse und Verwendungsweisen, die auf ganz unterschiedliche, teilweise konkurrierende Erklärungsansätze zurückgehen.
In dem wohl allgemeinsten Verständnis wird Partizipation als die Beteiligung von Einzelnen und Gruppen an Meinungsbildungs- und Entscheidungsprozessen verstanden – die ganz unterschiedliche Formen und Ausmaße annehmen kann.
Besonders in der Kinder- und Jugendhilfe wurden in den vergangenen Jahrzehnten Stufenmodelle von Partizipation zitiert und weiterentwickelt. Um zu unterscheiden, wann in welchem Ausmaß von echter Partizipation die Rede sein kann, finden sich hier verschiedene Stufen der Partizipation, die bei Nicht-Beteiligungsformen wie z.B. „Dekoration“, bloße „Information“ oder „Alibi-Teilnahme“ ansetzen und über aufbauende Stufen von „Teilhabe“, „Mitarbeit, „Mitwirkung“ oder „Mitbestimmung“ bis hin zur Selbstbestimmung und Selbstverwaltung ein höchst mögliches Maß an Partizipation beschreiben.“
(DeGeDe: ABC der Demokratiepädagogik)

Mein neues Buch, das demnächst erscheint, heißt „Die partizipative Schule“. Es wird das Thema Partizipation im schulischen Umfeld näher beleuchten, zeigt die Voraussetzungen für den Partizipationsprozess auf und gibt Hinweise zu vielfältigen Möglichkeiten und Methoden der Partizipation. Es ist übrigens schon jetzt bestellbar, einfach auf den Buchtitel klicken …

Deutschland ist 1992 der Konvention der Vereinten Nationen zu den Rechten der Kinder beigetreten. In der Konvention ist festgeschrieben, dass Kinder von Geburt an in allen sie betreffenden Belangen angehört werden müssen und ein Recht auf Beteiligung haben. Super. In der Konsequenz auf mein neues Buch und die Kinderrechte habe ich mich gefragt, wie es dann mit dem Wahlrecht für Kinder aussieht.

In meinen Recherchen bin ich dabei auf das Buch „Wahlrecht für Kinder? Politische Bildung und die Mobilisierung der Jugend“ von Klaus Hurrelmann und Tanjev Schultz gekommen, das ich daraufhin mit großem Interesse gelesen habe.

Im Buch gibt es neun Artikel, die sich für ein Wahlrecht für Kinder einsetzen, und neun Artikel, die sich gegen ein Wahlrecht für Kinder aussprechen. Die beteiligten AutorInnen kommen großteils aus dem wissenschaftlichen Bereich, von PädagogInnen über Psychiater bis zum Rechtswissenschaftler; in der politischen, rechtlichen oder verbandlichen Arbeit tätig; oder sind direkt betroffene Schülerinnen und Schüler. Auch die Buchherausgeber Hurrelmann und Schultz ordnen sich diesen beiden Polen „für oder gegen Wahlrecht für Kinder“ zu, Hurrelmann für die Absenkung des derzeitigen Wahlalters, Schultz für die Beibehaltung.

Ja, ich bin noch dabei mir meine Meinung zum Thema zu bilden und bin mir noch nicht ganz schlüssig …
Was ich jedoch sagen kann, ist, dass mir das Buch sehr geholfen hat, die verschiedenen Positionen zu verstehen und zu durchdenken. Darum sei es all denjenigen empfohlen, die sich auch mit dieser Frage beschäftigen, oder die sich zum Thema interessieren wollen. Jedenfalls ist das Buch spannend zu lesen und regt zu eigenen Gedanken an.

Und damit Sie als Leserinnen und Leser meines Blogs auch einen kleinen Einblick in die Diskussion erhalten, seien hier im folgenden einige Gedanken aus dem Anfang des Streitgesprächs wiedergegeben.

Schultz: Du beschäftigst dich schon recht lange mit dem Wahlalter und setzt dich dafür ein, es abzusenken. Warum ist dir das so wichtig?
Hurrelmann: Seit den 1990er Jahren plädiere ich dafür, das Mindestwahlalter um mindestens zwei Jahre abzusenken. Ich bin auf das Thema durch die Kinder- und Jugendforschung gekommen, auch durch Befragungen von Kindern und Jugendlichen. Dabei habe ich den Eindruck gewonnen, dass sich schon Kinder im Grundschulalter heute mit allen gesellschaftlich relevanten Fragen und Problemen auseinandersetzen müssen. Sie sind durch die Medien mit sämtlichen Themen konfrontiert, nehmen sie auch wahr. Sie sind schon sehr früh gezwungen, sich zurechtzufinden, sich eine eigene Meinung zu bilden. Sie sagen, wenn wir uns schon so viel auseinandersetzen müssen, möchten wir auch Einfluss nehmen und möchten ernst genommen werden.
Schultz: Wirklich? Kein Desinteresse, keine Apathie?
Hurrelmann: Das wird ja den Jüngeren oft unterstellt. Aber ich habe in vielen Studien den Eindruck gewonnen, dass es ein Anliegen vieler junger Leute ist, mitzureden, mitzugestalten – wenn man sie lässt. Natürlich gibt es da viele verschiedene Möglichkeiten, unterschiedliche Kanäle und Foren. Aber was ist mit dem vornehmsten Bürgerrecht: dem Wahlrecht? Da liegt die Altersschwelle zu weit hinten im Leben. (…)
Schultz: Demokratische Rechte auszuweiten, klingt sympathisch. Mehr Demokratie wagen, die Jüngeren beteiligten – prima. Dennoch habe ich große Vorbehalte gegen eine Absenkung des Wahlalters. Wenn ich ehrlich bin, ist es zunächst ein Gefühl und eine Intuition – und die Argumente kommen hinterher. (…) Wir muten Kindern viel zu, mitunter zu viel. Bei den Gegnern des Kinderwahlrechts taucht in unserem Buch – wie ich finde zu Recht – öfter das Argument auf: Gebt den Kindern zwar den Raum, sich auszuprobieren, sich politisch zu engagieren, aber gebt ihnen auch Schutz! Lasst sie langsam hineinwachsen in die komplizierte und harte Welt der Politik und der Verantwortung. Zwingt sie nicht zu früh in Entscheidungen hinein!
Hurrelmann: Es gibt ja – was ich bemerkenswert finde – einen breiten Konsens unter den Autorinnen und Autoren in diesem Buch, dass es eine stärkere politische Beteiligung der Jüngeren geben kann und geben sollte, und das schon vom Kindesalter an. Da sind sich alle einig: Mehr Partizipation und politische Bildung sind möglich und nötig. Auch jenseits des Wahlrechts können wir viel und noch mehr dafür tun, die Ansprüche, Meinungen und Ideen von Kindern ernst zu nehmen und Kinder zu beteiligen an Entscheidungen, die sie und ihre Umwelt betreffen.“
(Hurrelmann, Schultz: Wahlrecht für Kinder. S. 254 ff)

Genau !!

Was denken Sie zur Absenkung des Wahlalters?
fragt sich Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Montag, 1. Dezember 2014 7:06

Vor einiger Zeit berichteten wir hier im blog über Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität.

Heute möchten wir das Buch Auffälliges Verhalten im Jugendalter von Wilhelm Rotthaus und Hilde Trapmann aus dem verlag modernes lernen und das Stichwort Jugendkriminalität vorstellen. Auch in diesem Buch werden viele Verhaltensauffälligkeiten benannt, es wird dargelegt wann man von Verhaltensauffälligkeiten und Verhaltensstörungen sprechen kann und muss, es wird erläutert welche bedingenden Faktoren eine Rolle spielen können und wie sie zu beeinflussen sind. Lehrkräfte, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen können dadurch ein gutes Verständnis für die im Buch besprochenen Verhaltensweisen erlangen. Die Ideen für konkrete Empfehlungen und Maßnahmen sind eine erste Anregung für die pädagogische Praxis im Umgang mit „schwierigen“ Jugendlichen.

Kriminalität wird in diesem Buch als Verstoß gegen Gesetze definiert. Im Prozess der „Selbstfindung“ und Individualisierung erproben Jugendliche oft Grenzen normativer Vorgaben, welche schon zu leichten Gesetzesübertretungen führen können. Da sich Jugendliche in einer Entwicklungsphase befinden und in dieser Hinsicht stets ändernden gesellschaftlichen Lebens- und Problemlagen ausgesetzt sind, wurde das Jugendstrafrecht entwickelt, welches eine erzieherische Absicht verfolgt.

Bleibt es bei „Einzeltaten“ wird von einem normalen, temporären und episodenhaften Prozess gesprochen. Bei Mehrfachtäter_innen zeigt sich laut Untersuchungen häufig ein Nebeneinander von mehrfachen Belastungen und Benachteiligungen. Nach diesen Untersuchungen heißt es, dass kriminelles Verhalten nicht aus dem Nichts entsteht, sondern sich über einen längeren Zeitraum entwickelt und ein Mangel an Schutzfaktoren vorhanden ist.

Als provozierende Bedingungen zu kriminellem Verhalten im Jugendalter stellt das Buch unter anderem vor:

  • familiäre Struktur: Wichtig ist, dass Kinder/Jugendliche in einem gefestigten Umfeld aufwachsen. Das heißt, dass sie stete Bezugspersonen haben, auf deren Unterstützung sie bauen können.
  • Wohnsituation: Das Wohnviertel, seine Gestaltung und die daraus resultierenden Beziehungsverhältnisse der Bewohner_innen sind als Faktor für eine kriminelle Entwicklung nachgewiesen.
  • Vorbildverhalten: Jegliche Bezugspersonen (Eltern,Geschwister,etc.) sind Vorbilder für Kinder. Sie identifizieren sich zum Beispiel mit ihren Eltern. Wenn ebendiese ein kriminelles und/oder aggressives Verhalten zeigen und das innerhalb der Familie positive Akzeptanz findet, neigt das Kind dazu, dieses Verhalten nicht differenziert betrachten zu können. Auch wird nicht die Erfahrung gemacht, dass gegensätzliches Verhalten will positivere gesellschaftliche Resonanz hat, als kriminelles Verhalten.
  • Medieneinfluss: Die Fülle an Darstellungen von Gewalt- und Aggressionsverhalten trägt ohne Zweifel zur Erhöhung der Gewalt- und Kriminalitätsbereitschaft von Kindern bei. Durch Medien wird die eigene Hemmschwelle zu kriminellen Taten gemindert.

Weiter heißt es dort: Um an der Kriminalität des Kindes zu arbeiten, ist es wichtig auf die Punkte der Entstehung und Aufrechterhaltung von Auffälligkeiten und Störungen zurückzugreifen. Es ist bedeutsam, das Kind ernst zu nehmen. Auch Einzeltaten sollten nicht leichthin als jugendlicher Leichtsinn abgewunken werden. Es ist wichtig die jeweiligen Situationen zu verstehen, um die Chance gering zu halten, dass Jugendliche zur Wiederholungstäter_innen werden. Die Beobachtung des sozialen Umfeld und der Familienstruktur sind die Grundlage. Auch hier ist es wichtig, dem_der Jugendlichen die eventuelle Angst vor der Zukunft zu nehmen und die Anerkennung der sozialen Umwelt durch andere Aktivitäten und Bestätigungen zu sichern. In der Zusammenarbeit mit Jugendlichen ist bedeutend, die Jugendlichen nach ihren Beweggründen zu fragen und diese gemeinsam zu hinterfragen. Gesellschaftliche Strukturen können so gemeinsam aufgebrochen werden und bieten den Jugendlichen eine Plattform der Kommunikation.

Laut Rotthaus und Trapmann unterstützt eine multisystemische Therapie, um ein erneutes straffällig Werden des_der Jugendlichen zu reduzieren und darüber hinaus das sozialverträgliche Verhalten zu fördern. Die multisystemische Therapie umfasst sechs Elemente, die flexibel angewandt werden können:

  1. Familientherapie, die sich auf eine effektive Kommunikation, systematische Belohnungs- und Bestrafungssysteme und das Problemlöseverhalten in alltäglichen Konflikten bezieht.
  2. Stärkung des_der Jugendlichen und der Eltern, um mit Problemen in Familie, Schule, Freundeskreis und Wohngebiet besser umgehen zu können. Besonders Gewicht wird darauf gelegt, die familiären Ressourcen und adäquates Problemlöseverhalten zu fördern, damit die Beteiligten nicht immer wieder auf alte, untaugliche Verhaltensmuster zurückgreifen.
  3. Den_die Jugendliche ermutigen, mehr Zeit mit solchen Altersgenoss_innen zu verbringen, die keine sozialen Probleme haben, und die Beziehung zu anderen Delinquenten abzubrechen.
  4. Förderung der individuellen Entwicklung einschließlich eines Selbstbehauptungstrainings zum Schutz gegenüber negativen Einflüssen von Altersgenoss_innen.
  5. Zusammenarbeit mit der Schule halten, um Lern- und Hausarbeitsverhalten zu verbessern, sowie die Zeit außerhalb der Schule gut zu strukturieren
  6. Zusammenarbeit mit anderen Institutionen (z.B.: Jugendhilfe, Jugendgerichtshilfe, Sozialarbeit, Gesundheitsdienst, Erziehungswesen).

Gerne möchten wir diese Liste vervollständigen. Absolut empfehlenswert sind unserer Erfahrung nach die Denkzeit-Trainingsprogramme als psychoanalytisch fundierte, sozialkognitive Einzeltrainings für deviante Kinder und delinquente Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene. Diese Trainingsprogramme sind wissenschaftlich evaluiert und versprechen einen hohen Erfolg. Schauen Sie auf der Webseite der Denkzeit-Gesellschaft und informieren Sie sich …

Christa Schäfer und Atossa Nazeri

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Auffälliges Verhalten oder: Der Mensch ist keine Maschine

Montag, 13. Oktober 2014 8:41

Seit meiner Zeit als Lehrerin in einem Berliner Gymnasium beschäftige ich mich mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die „nicht der Norm“ entsprechen. By the way: Gibt es überhaupt jemanden, die oder der „der Norm“ entspricht? Ich habe über Unterrichtsstörungen promoviert und Methoden und Trainings zur Prävention und Intervention von Konflikten erfolgreich etabliert. Die Mediation habe ich im Schulbereich in Grund- und Oberschulen eingeführt. Gewaltprävention und Strategien für Notfallsituationen sind meine Stärke. Seit einiger Zeit sind auch die Demokratiepädagogik und die Inklusion in diesen Reigen mit eingestiegen.

Deshalb haben mich zwei Bücher sehr interessiert, die ich hier und in zwei weiteren Blogartikeln gerne vorstellen möchte. Es handelt sich um die Bücher:
Auffälliges Verhalten im Kindesalter
Auffälliges Verhalten im Jugendalter

In diesen zwei Bänden von Hilde Trapmann und Wilhelm Rotthaus zum auffälligen Verhalten im Kindes- bzw. Jugendalter werden die wichtigsten Verhaltensauffälligkeiten in diesen Altersgruppen behandelt. Wir haben uns in die Kapitel Aggressivität im Kindesalter und Kriminalität im Jugendalter eingelesen und möchte gerne die hervorstechendsten und generell grundlegenden Aspekte dieser Kapitel teilen.

Um ein besseres Verständnis für auffälliges, störendes oder krankes Verhalten zu entwickeln, ist es wichtig zu beachten, dass Menschen nicht wie Maschinen funktionieren. Eine Störung kann nicht einfach so gefunden und durch eine Reparatur oder Ersatzteile behoben werden. Der Mensch hat natürlich ein viel komplexeres System.

Jeder Mensch ist einzigartig und muss deswegen in jeglicher Hinsicht als Einzelfall betrachtet werden. Alle Menschen bilden sich durch die Wechselwirkung ihrer biologischen Voraussetzungen (Genetik) und ihrer Umwelt zu einem einmaligen Individuum. Auch bereits während der Schwangerschaft spielen Ernährung, Alkohol- und Nikotinkonsum, Medikamente, Stress und psychisches Wohlbefinden der Mutter eine Rolle. Nach der Geburt ist die sensitive Wahrnehmung der Eltern sehr wichtig. Die individuellen Bedürfnisse des Kindes müssen erkannt werden, um bestmöglichen Umgang und Verständnis für und mit dem Kind zu entwickeln.

Von Geburt an wird das Gehirn durch Reize geformt. Interessant dabei ist, dass nicht unmittelbar jeder Reiz das Gehirn alleine formt. Eher sind es mehrere Reize zusammen, die das Gehirn formen und strukturelle Veränderungen hervorrufen. Dieses Formen führt dazu, dass gleichartige Umwelteinflüsse im Laufe der Zeit vom selben Menschen unterschiedlich wahrgenommen werden.

Im späteren Alter (ca. Vorschulalter) entwickelt der Mensch einen sogenannten „inneren Monolog“, ein inneres handlungsbegleitendes Sprechen. Dadurch beginnt das Kind, Handlungen der Menschen im Umfeld zu strukturieren und kann das eigene Verhalten darin einordnen. Hinzu kommt, dass sich die Kinder durch ihr eigenes Verhalten ihre Umwelt schaffen/formen.

Beispiel: Der Gesichtsausdruck eines depressiven Kindes, der als mürrisch gelesen werden kann, führt dazu, andere Mitmenschen abzuschrecken. Die Schlussfolgerung für das Kind wiederum ist: „Keine_r mag mich.“

Um die Wahrscheinlichkeiten einer Störung zu „berechnen“, wurde ein sogenanntes Risikokonzept entwickelt. Dieses Konzept dient dazu, zu ermitteln, mit welcher Wahrscheinlichkeit eine Störung auftritt, wenn zuvor ein oder mehrere Risikofaktoren beobachtbar waren.

Ausgangspunkt dieses Konzepts ist die Vulnerabilität des Menschen, d.h. die Anfälligkeit einer Person für die Entwicklung einer Störung. Meist entwickelt sich aus einzelnen Faktoren nicht sofort eine Störung. Vielmehr tragen mehrere Faktoren gleichzeitig dazu bei, Störungen zu entwickeln.

Risikofaktoren im Umfeld des Kindes sind Umstände, die in Kindern sogenannte Störungen hervorrufen. Hierbei ist sehr wichtig, dass ebendiese genauso entgegengesetzt wirken und das Kind stärken können. (z.B.: die Trennung zu einer Bezugsperson; Wohn-&Schulwechsel; ständiger Streit in der Familie)

Schutzfaktoren sind Faktoren, die die Risikofaktoren ausgleichen. Sie bewahren den Menschen davor, auffälliges oder gestörtes Verhalten zu entwickeln. (z.B.: eine positive Eltern-Kind-Beziehung; ein stabiles, strukturiertes Umfeld; enge Freundschaften zu Gleichaltrigen)

Verhaltensauffälligkeiten und -störungen können ebenfalls durch die Angst vor Veränderung entstehen. Ein gefestigtes Umfeld kann das Kind zum Beispiel davor bewahren, Angst vor der sich verändernden Zukunft, dem Ungewissen, zu haben.

Der positive Aspekt des auffälligen Verhaltens ist, dass das Kind auf seine Situation aufmerksam macht, was in diesem Sinne als sinnvoll bezeichnet wird. Wichtig hierbei ist jedoch, dass das ein kleiner Gewinn der Verhaltensauffälligkeiten oder -störungen ist.

In Zusammenarbeit mit einem Kind mit Verhaltensauffälligkeiten ist es hilfreich, eine Zukunft auszumalen, in der das Problem geringer oder sogar gar nicht mehr vorhanden ist. Dazu ist es wichtig, Schutzfaktoren auszubauen und das Kind somit zu stärken.

Klar ist, dass sowohl Räume (wie Schule, Kindergarten, Ausbildungsstätte, etc), in denen das Kind sich bewegt, miteinbezogen werden müssen als auch das persönliche Umfeld und gesellschaftliche Strukturen eine große Rolle spielen und es professionelle Unterstützungs-, Beratungs- und Behandlungsangebote gibt, die in Anspruch genommen werden sollten.

Demnächst in diesem Blog mehr zu den Themen:

Auffälliges Verhalten im Kindesalter – Schwerpunkt Aggressivität
Auffälliges Verhalten im Jugendalter – Schwerpunkt Jugendkriminalität

Schauen Sie wieder rein …
sagen Christa D. Schäfer und Atossa Nazeri

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Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (2) | Autor:

Gewalt und Therapie im Maßregelvollzug

Montag, 16. Juni 2014 7:42

Das Leben von Hans-Joachim Hermann ist schnell erzählt: Er war vierzehn Jahre alt, als er mit Nikotin und Alkohol in Berührung kam, mit sechzehn wurde er zur Entgiftung eingeliefert, nach vier Wochen trank er wieder. Mit zwanzig saß er das erste Mal in Untersuchungshaft, zwei Jahre später musste er erneut ins Gefängnis. Nach seiner Entlassung verbrachte er drei Jahre in Freiheit, dann beging er eine schwere Vergewaltigung. Da war er neunundzwanzig. Er wurde zu acht Jahren Haft und zehn Jahren Sicherungsverwahrung verurteilt, die nachträglich verlängert wurden … Nach über elfjähriger Therapie in Verbindung mit aggressionshemmenden Medikamenten war es dann so weit: Hermann bekam den ersten Stadtausgang, ein halbes Jahr später durfte er sich eine eigene Wohnung suchen.

Das ist eine der Lebensgeschichten aus dem Buch Jenseits von Böse, geschrieben von der Gerichtsreporterin Uta Eisenhardt. Sie trug wirklich krasse Kriminalfälle zusammen, solche, die von Kannibalismus, Leichenschändung und anderem handeln. Dieses Buch kann man nicht an sich heranlassen, oder man schläft fortan nicht mehr ruhig. Uta Eisenhardt war im Maßregelvollzug und hat sich den Alltag in forensischen Kliniken angeschaut. Obwohl die meisten Insassen mit ungleich schlechteren Prognosen in die forensischen Kliniken (den Maßregelvollzug, also eine Klinik im Knast) eingeliefert werden, werden sie im Vergleich zu Gefängnisinsassen nur halb so oft rückfällig. Viele Fachleute sind dafür zuständig, dass die hier inhaftierten, man könnte auch Patienten sagen, Unterstützung erhalten. Und so schildert Eisenhardt nicht nur Hintergründe und Straftaten, sondern lässt auch Fachleute wie einen Rechtsanwalt, einen Pfleger, einen Psychiater, einen Richter, eine Psychotherapeutin zu Wort kommen.

Ich möchte hier gerne ein längeres Zitat eines Insassen einfügen, der über seine „Gewaltgeschichte“ berichtet. Der Text gibt zu denken und zeigt die Folgen von Gewalt bzw. die Wichtigkeit von Gewaltprävention auf.

Warum?
Mein Leben hat immer nur aus Gewalt bestanden: Als Kind habe ich Gewalt in meiner Familie erlebt, durch meinen Vater und meine älteren Geschwister. Später war es Gewalt in der Rockergang, Gewalt auf der Straße und dann im Gefängnis. Das legt man nicht so einfach ab. Das ist ein langer Lernprozess. Nach zwölf oder dreizehn Jahren liegt er nun endlich hinter mir.

Sie haben sich hier zum ersten Mal in einer gewaltfreien Zone befunden?
Es ist das größte Verdienst der Klinik (Forensische Psychiatrie), dass ich hier endlich gelernt habe, meine Probleme und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Natürlich nicht von Anfang an: Als ich acht Wochen hier war, hat mich in der Arbeitstherapie ein Mitpatient genervt und beleidigt. Ich habe ihn geschlagen, einfach mit der Faust ins Gesicht.

Mit welchem Ergebnis?
Ich bekam vier Wochen Arbeitsverbot und durfte mich nur im Tagessaal beziehungsweise abends im Schlafsaal aufhalten. Das war nicht so angenehm. Ich hockte den ganzen Tag da und langweilte mich. Es gab nichts zu tun, außer Rommé zu spielen.

Einem, der immer die Faust benutzt hat, fällt es schwer, über seine Gefühle zu reden. Wie wurden Sie dazu motiviert?
Wenn man es negativ ausdrücken will, kann man es Erpressung nennen: Entweder du arbeitest mit oder du kommst hier nicht weiter und kriegst keine Lockerung.

Aber man will doch nicht nachgeben?
Auf keinen Fall. Nach relativ kurzer Zeit bemerkt man aber, dass die Therapeuten die besseren Argumente haben. Ich erreiche mit Warten und Diskutieren viel mehr als mit der Faust.

Mit der Faust kann man sich Respekt verschaffen.
Das ist ein Respekt, den ich nicht will – nicht mehr will.

Eisenhardt, Uta: Jenseits von Böse. Kranke Verbreche – die krassesten Fälle einer Gerichtsreporterin. München: Heyne 2014. S. 203 ff.

Plakate zur Gewaltprävention
Deutscher Präventionstag

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen | Kommentare (1) | Autor:

Deutscher Präventionstag

Dienstag, 13. Mai 2014 20:48

In den vergangenen Tagen hat er stattgefunden, der Deutsche Präventionstag, und zwar am 12. und 13. Mai 2014 in Karlsruhe. Der Schwerpunkt des diesjährigen Präventionstages lautete: Prävention braucht Praxis, Politik und Wissenschaft.

Präventionstag
Der Präventionstag wird seit 1995 jährlich von der gemeinnützigen „DPT-Deutsche Präventionstag“-Gesellschaft mbH organisiert. Jedes Jahr findet der Kongress in einer anderen Stadt statt. Beim Präventionstag wird hauptsächlich die Kriminalprävention untersucht und besprochen, jedoch werden auch die Suchtprävention, die Verkehrsprävention und weitere Präventionsbereiche im Gesundheitswesen thematisiert. Die Tagung richtet sich an Verantwortungsträger der Prävention z.B. bei der Polizei, in der Jugendhilfe, in der Justiz, in den Kirchen, in Schulen, Vereinen und Verbänden sowie an Politiker_innen und Wissenschaftler_innen. Es wird eine Plattform zur Diskussion aufgemacht, bei der Fragen zur Prävention und auch Erfahrungen untereinander ausgetauscht werden können.

Prävention / Kriminalprävention
Kriminalprävention dient der Vorbeugung rechtswidriger Straftaten. Im Vergleich zur Repression ist Prävention inhaltlich vorrangig und zeitlich vorgängig. Unterschieden wird sowohl zwischen primärer, sekundärer und tertiärer Prävention sowie täter-, situations- und opferbezogener Prävention. Die primäre Prävention zielt darauf ab, den allgemeinen Entstehungsbedingungen von Kriminalität in der Gesellschaft entgegenzuwirken. Die sekundäre Prävention versucht Tatgelegenheiten zu verändern. Die tertiäre Prävention beschäftigt sich mit Maßnahmen, die eine erneute Straffälligkeit verhindern können. Kriminalprävention ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die nicht allein von der Politik und der Justiz erfüllt werden kann. Organisationen und Institutionen erarbeiten Strategien, um in allen Ebenen der Gesellschaft kriminalpräventiv handeln zu können.

Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität durch die Kinder- und Jugendhilfe
In der Kriminalprävention spielt die Kinder- und Jugendhilfe eine zentrale Rolle. In der Prävention von Kinder- und Jugendkriminalität ist die Pädagogik Basis, um Strategien aufzubauen. Es geht darum, Kindern und Jugendlichen von ersten kriminellen Handlungen abzuwenden und frühzeitig zu erklären, was kriminelle Handlungen zur Folge haben, sowohl für die Straftäter_innen selbst, als auch für ihre Umgebung und die Gesellschaft allgemein. Durch diesen pädagogischen Auftrag spielt die Kinder- und Jugendhilfe neben der Polizei, der Justiz und der Innenpolitik eine wichtige Rolle.
Oft werden heutzutage Kinder und Jugendliche generell als Täter_innen pauschalisiert. Laut wissenschaftlichem Gutachten des 19. Präventionstages ist dies jedoch nicht empirisch nachzuweisen und „widerspricht allen Prinzipien pädagogischer Praxis“, denn die sogenannte Unschuldsvermutung wird dadurch in den Hintergrund gedrängt. Durch eine grundsätzliche Beschuldigung wird die Kriminalprävention außer Acht gelassen und kann genau das Gegenteil hervorrufen. In der Kriminalitätsprävention ist die Kinder- und Jugendhilfe gefordert, im Interesse der betroffenen Kinder und Jugendlichen immer wieder die pädagogische Perspektive in den Fachdiskurs einzubringen, die gegenüber sicherheitspolitischen Überlegungen nicht an Gewicht verlieren darf. Eine wichtige Rolle in diesem Diskurs spielt die Arbeitsstelle für Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention beim Deutschen Jugendinstitut (DJI), welche seit 1997 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert wird. Sie informiert Praxis, Politik, Medien und Forschung über Konzepte und Handlungsstrategien der Kinder- und Jugendkriminalitätsprävention.

Kriminalprävention an Schulen
Kriminalprävention an Schulen bezieht sich nicht nur auf (Gewalt-)Kriminalität, die vor Ort in der Schule stattfindet, sondern auf die Kriminalität von Kindern und Jugendlichen generell. Die Schule trägt eine gewisse Zuständigkeit sowohl durch ihren grundsätzlichen Erziehungs- und Bildungsauftrag als auch dadurch, dass bisher entwickelte Strategien der Kriminalprävention durch ihren pädagogischen Charakter gekennzeichnet sind. Es wird davon ausgegangen, dass kriminelle Verhaltensweisen nicht nur von außen in die Schule hinein getragen werden, sondern teilweise innerhalb dieser entstehen. Die Institution Schule muss eng verknüpft mit der Kinder- und Jugendhilfe kriminalpräventiv arbeiten. Kriminalitätsprävention in der Schule meint die Durchführung von Projekten und Programmen für Schüler_innen, Lehrer_innen aber auch Eltern und Erziehungsberechtigte …

Wiebke Steffen hat das Wissenschaftliche Gutachten zum diesjährigen Präventionstag und zum Thema Kriminalprävention braucht Präventionspraxis, Präventionspolitik und Präventionswissenschaft geschrieben. Wenn Sie auf die rote Schrift klicken, kommen Sie zum Gutachten …

2010 hat der Deutsche Präventionstag übrigens im Berliner ICC getagt. Ich habe dort den Stand des MediationsZentrums Berlin betreut. Hier mein Blogartikel zum Thema Der 15. deutsche Präventionstag und die fünf Konflikttypen …

Jede Schule in Berlin und anderswo kann bzw. muss etwas tun !! Los geht’s sagt Christa Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention | Kommentare (0) | Autor:

Plakate zur Gewaltprävention

Donnerstag, 20. März 2014 23:09

Seit einigen Jahren bin ich an der KHSB (Katholischen Hochschule Berlin) als Lehrbeauftragte tätig. Im Rahmen des Seminars „Sozialpädagogisches Handeln im Gemeinwesen“ haben meine Studierenden im letzte Semester Plakate entworfen, die der stadtteilbezogenen Gewaltprävention dienen sollen. Da viele Plakate super gut und aussagekräftig sind, möchte ich sie hier der Öffentlichkeit vorstellen. Gerne möchte ich die Vorstellung der Plakate auch mit dem Aufruf verbinden, in der Nachbarschaft und im Stadtteil aufeinander zu achten und Gewalt zu verhindern …

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Besten Dank an meine Studentinnen und Studenten aus dem letzten Semester für die wunderbaren Plakate und das interessante gemeinsame Seminar sagt Christa Schäfer

Gewaltprävention in Grundschulen durch Empathietraining mit Babys …

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention | Kommentare (0) | Autor:

Tim hat Geburtstag oder: Tim kriegt Geburtstagsschläge

Montag, 12. November 2012 6:57

Es ist Montag Morgen 6:30 Uhr. Tim hat Geburtstag, er steht frohgemut auf, zieht sich an, hüpft in die Küche und freut sich, dort eine große Geburtstagstorte und viele Geschenke zu sehen. Er beschließt zu frühstücken, packt eines der Geschenke aus und muss dann schon lossausen zur Schule. Er geht in die 5te Klasse einer Grundschule gleich um die Ecke in Berlin Mitte. Schon auf dem Weg zur Schule wird ihm mulmig, denn er kennt die nun folgende Prozedur schon aus den letzten Jahren: Geburtstagsschläge.

Geburtstagsschläge?
Ja, das gibt es tatsächlich.

Vor einigen Jahren hörte ich das erste Mal davon, als meine eigenen Kinder noch in eine Berliner Grundschule gingen. Jetzt habe ich das erste Mal gelesen, dass dies anscheinend ein in einigen Berliner Bezirken und sogar ein bundesweit verbreitetes Phänomen ist. In Neukölln wurde vor zwei Wochen sogar ein Sekundarschüler von Mitschülern so mit „Geburtstagsschlägen“ traktiert, dass er anschließend ambulant behandelt werden musste. Zum entsprechenden Tagesspiegel-Artikel …

Um bei Tims Geschichte zu bleiben, dort funktionierte die Sache folgendermaßen: Eine Gruppe von sechs Jungs schnappt sich Tim, der 10 Jahre alt wurde. Jeder der Jungs durfte 10 Mal zuschlagen, denn Tim wurde schließlich 10 Jahre alt. Das machte dann 60 Schläge für Tim. Tim fand das nicht toll, aber was sollt er machen? Er bekam zwar später in der Klasse dann auch noch ein Geburtstagsständchen vorgesungen (die Gruppe der sechs Jungs sang natürlich mit), aber irgendwie war der Tag doch nicht mehr ganz so super.

Christian Pfeiffer, der Leiter des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, ist dem Phänomen der Geburtstagsschläge auf den Grund gegangen. Er sieht Neid als eine Ursache des Phänomens. Laut Pfeiffer ist es in muslimischen Familien nicht Tradition, den Geburtstag so ausgiebig und mit vielen Geschenken zu feiern, wie das in Deutschland üblich sei. Aus dem hierdurch entstehenden Neid und Ärger entwickelt sich dann manchmal der Wunsch, den anderen, der Geburtstag hat, klein zu kriegen. Die Berliner Polizei hat mitunter sogar schon Anzeigen wegen Körperverletzungsgeburtstagsschlägen aufgenommen und bietet dazu auch Präventionsveranstaltungen in Schulen an.

Ist das alles nicht unglaublich?
Soweit also zum Thema „Gewaltprävention in Schulen“ …

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Schule in Berlin | Kommentare (0) | Autor:

Gewaltprävention an unserer Schule,

Montag, 5. November 2012 6:11

das ist ein Thema, das von Grundschulen, Sekundarschulen, Gymnasien, Haupt- und Realschulen öfters für einen Studientag bei mir angefragt wird.

Betrachtet man die Berliner Verhältnisse, so liest man in den einschlägigen Statistiken, dass jedes zweite Berliner Schulkind bereits einen Mobbingfall in der Schule erlebt hat, sei es als Täter oder als Opfer. Ein Viertel aller Berliner SchülerInnen zwischen 11 und 15 Jahren klagt über psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Bauchschmerzen oder Einschlafstörungen. Jede Berliner Schulklasse hat durchschnittlich zwei bis drei psychisch auffällige SchülerInnen. Diese Zahlen gehen aus einer Untersuchung zum Gesundheitszustand der Berliner SchülerInnen hervor. Im Jahr 2006 waren für diese Untersuchung insgesamt 1.300 Mädchen und Jungen aus fünften, siebten und neunten Klassen befragt worden. Im Rahmen der KIGGS Studie und der Health Behaviour in School Aged Children (HBSC) gibt es demnächst wieder aktuelle Zahlen zum Thema. Ich werde berichten.

Aber nicht nur an diesen Statistiken sieht man, wie wichtig die Gewaltprävention in Berliner Schulen ist. Auch wenn man die Zeitung aufschlägt, so fliegt einem die Notwendigkeit zur Gewaltprävention zu. Und auch, wenn man mit SchülerInnen, LehrerInnen und Schulleitungen spricht, so erkennt man zweifelsfrei die Dringlichkeit dieses Themas.

In der Zwischenzeit gibt es eine Vielzahl von Programmen zur Gewaltprävention, aus denen die Schulen auswählen können. Betrachte ich einmal nur den Grundschulbereich, so sind dies:

buddY-Programm
Denkzeit-Programm
Faustlos
Die Friedensbrücke
Klassenrat / Demokratiepädagogik (hands for kids)
Kooperatives Lernen
Stopp-Regel
Streitschlichter- bzw. Konfliktlotsen
Das Trainingsraum-Konzept
Wolfs- und Giraffensprache (GfK)
Weitere Soziale Kompetenztrainings

Themen, die in den Programmen behandelt werden sind u.a.:
Emotionale Kompetenz
Gefühle und Bedürfnisse erkennen und ausdrücken
Perspektivübernahme üben
Empathiefähigkeit stärken
Impulskontrolle / Umgang mit Wut
Konfliktfähigkeit
Kooperationsfähigkeit
Nachdenken über Werte und Normen
Problemlösekompetenz
Reflexionsfähigkeit
Sprache geben / Gesprächsführung
Helfen / Begleiten / Beraten (Peer-Ansatz)

Letztlich steht auch immer die Förderung und Stabilisierung des Selbstwertgefühls im Zentrum der Programme. Jede Schule muss sehen, welches das für sie geeignete Programm ist. Verschiedene Schulen haben verschiedene Vorlieben, ein unterschiedliches Schülerklientel und natürlich auch verschiedene Voraussetzungen, die unterschiedliche Programme erfordern.

Schön, dass es jetzt ein Buch zum Thema „Gewaltprävention an Schulen“ aus dem Beltz Verlag gibt, das den Prozess der Planung, Umsetzung und Verankerung von Strategien zur Gewaltprävention und Gewaltintervention in den Mittelpunkt der Betrachtung rückt. Das Buch von Mustafa Jannan beschäftigt sich mit schulischer Intervention und Prävention:

Als Intervention verstehe ich die personenbezogene Reaktion auf einen Gewaltfall in der Schule, die zu einer zeitnahen Lösung des Problems führt. (Jannan: Gewaltprävention … S. 16)

Als Prävention verstehe ich Handlungskonzepte, die vorbeugend eingesetzt werden, um Gewalt langfristig zu minimieren. (ebenda, S. 22)

Als systemisch denkende Pädagogin und Mediatorin hat es mir die Grafik zur Mehrebenenprävention besonders angetan. Diese besagt, dass die Präventionsarbeit einer Schule nicht bei einzelnen SchülerInnen oder Klassen ansetzen, sondern das gesamte System Schule umfassen sollte. Wie dies gut funktionieren kann, dazu gibt Jannan vielfältige Hinweise und Übersichten, und natürlich werden im Buch auch ausgewählte Präventionsprogramme vorgestellt

 

Ich merke, dass sich immer mehr Schulen auf den intensiven Weg der Gewaltprävention machen, das freut mich sehr.

Kennen Sie übrigens schon die Initiative Schule im Aufbruch? Wenn irgendwann einmal alle Schulen so aufgestellt sind, dann brauchen wir höchstwahrscheinlich weniger Gewaltprävention, weil die Schulen per se schon gewaltpräventiv arbeiten …

Interessant auch ein Interview mit Mustafa Jannan zum Thema „Mobbing an Schulen“.

Ebenfalls ein super Buch zum Thema Gewalt und Mobbing an Schulen ist von Wilfried Schubarth …

Und interessant ist sicherlich auch für Sie ein Überblick über die Programme, die die Berliner Schulen zur Gewaltprävention nutzen.

Christa D. Schäfer

Thema: Gewalt, -prävention, -intervention, Literaturempfehlungen, Schule in Berlin, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor: