Beitrags-Archiv für die Kategory 'Konfliktberatung'

Ein Stuhl ist (kein) Stuhl – und mehr …

Montag, 9. Januar 2012 6:43

Vor einiger Zeit habe ich über Antworten zur Frage „Wann ist eine Frage eine gute Frage?““ berichtet. Heute möchte ich darüber schreiben, dass ein Stuhl nicht nur ein Stuhl ist …

Vielleicht haben Sie von der Methode mit dem leeren Stuhl gehört, oder kennen diese Technik bereits? Die Methode kommt ursprünglich aus der Gestalttherapie. Dort kann ein leerer Stuhl stellvertretend für verschiedenen Rollen stehen. Ein Stuhl kann einen Teil des Ichs repräsentieren und wird in der Gestalttherapie dadurch zur Lösung innerpsychischer Probleme genutzt. Ein leerer Stuhl kann allerdings auch einen Gesprächspartner oder eine Wunschperson symbolisieren. In der Vorstellung nimmt eine andere Person auf diesem Stuhl Platz. Perspektivwechsel und imaginäre Unterhaltungen sind möglich. Zirkuläre Fragen bekommen mehr Prägnanz. Und manchmal bekommt der Klient auch den Auftrag, sich mit diesem anderen zu identifizieren, in diesem Fall tauscht er mit der vorgestellten Person den Platz und setzt sich selbst auf den leeren Stuhl, damit er sich besser in die abwesende Person hineinversetzen kann, um zu erfahren, wie der andere eine Situation erlebt.

Sowohl in der systemischen Beratung und Therapie, als auch natürlich im Konfliktcoaching und in der Mediation – die ja per se systemisch ist – kann die Methode des leeren Stuhls eingesetzt und genutzt werden.

Im Konfliktcoaching kann der leere Stuhl beispielsweise als „So-tun-als-ob-Stuhl“ genutzt werden. Hat jemand die Wahl zwischen verschiedenen Optionen und Reaktionsmöglichkeit im Konfliktfall, so können diese Wahloptionen als Stühle gestellt werden. Der sich im Konfliktcoaching befindende Coachee kann sich dann abwechselnd auf die Stühle setzen, Vor- und Nachteile der jeweiligen Wahl kognitiv abwägen und die Wahlmöglichkeit über das eigene Erleben auf den Stühlen „erfühlen“. „Mal angenommen, Sie hätten sich für diesen Weg entschieden, wie geht es Ihnen damit? Wie fühlt es sich an?“ – so würde man einen Coachee fragen, der einen der Stühle gewählt hat.

Auch das zirkuläre Fragen im Konfliktcoaching kann mit einem dazu gestellten leeren Stuhl verstärkt werden. „Wenn jetzt auf diesem Stuhl hier neben Ihnen Herr xy sitzen würde, was würde er dann wohl dazu sagen?“ Es gibt Situationen, da meint man fast, diesen imaginären Herrn xy im Coaching „spüren“ zu können.

In der Mediation kann die Methode des leeren Stuhls natürlich auch genutzt werden, wenn eine Konfliktpartei nicht mit dabei sein kann. In einer Mediation mit einer Gruppe oder einem Team kann es schon mal passieren, dass ein Mitglied nicht anwesend sein kann. Dann ist zu überlegen, ob die Mediation abgesagt wird oder ob es eine Möglichkeit ist, durch die Methode mit dem leeren Stuhl weiter zu arbeiten. In diesem Fall wird dann der leere Stuhl stellvertretend für das fehlende Team- oder Gruppenmitglied gestellt. Dadurch kann dieses Team- oder Gruppenmitglied mit in die Mediation, in die Darstellung der Sichtweisen und in die Diskussion um die Lösungsfindung eingebunden werden. Natürlich ist die Anwesenheit aller Konfliktparteien immer oberstes Ziel in einer Mediation und die Wahl der Methode mit dem leeren Stuhl stets die zweite Wahl.

In dem zweiten Teil des Buches “Die Psychotherapeutische Schatzkiste“ von Andrea und Filip Caby aus dem Borgmann Verlag werden verschiedene Anwendungsmöglichkeiten für die Methode des leeren Stuhls in systemischen Settings genauer beschrieben. Die Cabys haben die Methode des leeren Stuhls in verschiedensten Situationen mit Klienten und ihren Systemen erfolgreich eingesetzt: Einsatz von Stühlen beim zirkulären Fragen, in der Time-Line-Technik, bei Familienskulpturen sowie beim Rollentausch. Sie nutzen Stühle oder andere Gegenstände zur bildlichen Darstellung eines Problems (oder einer Lösung) und schätzen einen leeren Stuhl bei ungewohnten Interventionen.

Neben dieser Methode wird in der Psychotherapeutischen Schatzkiste ein großes Repertoire an systemisch-lösungsorientierten Interventionen für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien vorgestellt. Praxisgeleitete Ausführungen gibt es zu Frageformen, Metaphern, Gesprächsgestaltung, Ressourcenarbeit und vielem mehr. Damit eignet sich das Buch als Lektüre für alle diejenigen, die systemisch arbeiten oder arbeiten möchten – sei es im beraterischen oder therapeutischen Bereich oder in der Mediation.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (1) | Autor:

Die Schule der Tiere

Montag, 1. August 2011 7:20

 
Es war einmal eine Zeit, da hatten die Tiere eine eigene Schule. Der Unterricht bestand aus Rennen, Klettern, Fliegen und Schwimmen, und alle Tiere wurden in allen Fächern unterrichtet.

Die Ente war gut im Schwimmen, besser sogar als ihr Lehrer. Im Fliegen war sie durchschnittlich, aber im Rennen war sie ein ganz besonders hoffnungsloser Fall. Da sie in diesem Fach so schlechte Noten hatte, musste sie nachsitzen und den Schwimmunterricht ausfallen lassen, um das Rennen zu üben. Das tat sie lange, bis sie auch im Schwimmen nur noch durchschnittlich war. Durchschnittsnoten aber waren akzeptabel, darum machte sich niemand Gedanken darum – außer der Ente.

Der Adler wurde als schwieriger Schüler angesehen. Zwar schlug er in der Kletterstunde alle anderen darin, als Erster den Wipfel des Baumes zu erreichen. Jedoch wurde er unnachsichtig und streng gemaßregelt, da er darauf bestand, seine eigene Methode anzuwenden.

Das Kaninchen war anfänglich im Laufen an der Spitze der Klasse. Dann bekam es einen Nervenzusammenbruch und musste von der Schule abgehen wegen des vielen Nachhilfeunterrichts im Schwimmen.

Das Pferd gab sich beim Klettern besondere Mühe. Es war nämlich schon beim Flugunterricht unangenehm aufgefallen. Im Fliegen hätte es beinahe eine Fünf bekommen und sollte jetzt Nachhilfeunterricht nehmen.

Das Eichhörnchen war Klassenbester im Klettern, aber sein Fluglehrer ließ es seine Flugstunden am Boden beginnen, anstatt vom Baumwipfel herunter. Es bekam Muskelkater durch Überanstrengung bei den Startübungen und immer mehr „Dreier“ im Klettern und „Fünfer“ im Rennen.

Die Präriehunde waren der Meinung, dass man Buddeln auf jeden Fall in der Schule lernen müsse. Als die Schulbehörde es aber ablehnte, Buddeln zu einem neuen Unterrichtsfach zu machen, gaben sie ihre Jungen zum Dachs in die Lehre.

Am Ende des Schuljahres hielt ein anormaler Aal, der gut schwimmen konnte, etwas rennen, klettern und fliegen konnte, als bester Schüler die Abschlussrede.

Soweit zum Thema “Notwendigkeit von Individualisierung im Unterricht”. Diese Geschichte trägt den Namen “Die Schule der Tiere”. Sie wird mitsamt dem zugehörigen Bild immer wieder im deutschsprachigen Raum genutzt. Es war mir nicht möglich, die Ursprungsquelle herauszufinden. Vielleicht kann jemand helfen?!

Auch in meinem Buch “chicken soup for the soul“ ist sie zu finden – da natürlich in der englischen Version.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

„Good morning class!“

Montag, 18. Juli 2011 10:22

Der Englischlehrer betritt den Klassenraum der 9a. Bis auf einen Schüler erwidern alle die Begrüßung. Peter sitzt auf dem Lehrerstuhl mit einem Cappie auf dem Kopf und den Füßen auf dem Tisch. Die Aufforderung sich auf seinen Platz zu setzen, beantwortet er lustlos: „Vor 10 Minuten wollte ich anfangen, aber jetzt ist es zu spät. Geht´s mal los?“ Mit ruhigen Worten versucht der Lehrer Peter zu überreden die Mütze abzunehmen und den Platz zu wechseln. Doch Peter denkt gar nicht daran seine Position aufzugeben und provoziert immer weiter. Halb lustlos, halb provokant und latent aggressiv reagiert er auf die Bitten des Lehrers, der zunehmend – unter Beobachtung der ganzen Klasse – versagt.

Die Situation gerät außer Kontrolle. Der Lehrer ist ihr nicht gewachsen, gerät unter Stress, macht Fehler und eine Lösung will ihm schon erst Recht nicht einfallen.

In unserem Beispiel ist es nur ein Rollenspiel und unser Lehrer sagt einfach: „Stopp!“ und die Situation des Rollenspiels wird aufgelöst. Aber ähnliche Situationen gibt es jeden Tag in Berliner Klassenzimmern.

Werner Mattausch ist unser Peter und im wahren Leben ist er Experte im Bereich der Gewaltprävention, Anti-Gewalt-Trainer und Polizeibeamter vom „LKA Prä 4“, das im Rahmen der Prävention verschiedene Informationsveranstaltungen und Seminare zum Thema anbietet. Anhand solcher Rollenspiele erklärt er, wie – speziell in der Schule – Aggressionen begegnet werden kann.

Schwierig manchmal, schließlich kann man als Lehrer/-in in der Schule, dem Konflikt nicht einfach aus dem Weg gehen, wie es auf der Straße häufig angeraten wäre. Im Gegenteil wird man durch die Garantenstellung eventuell sogar zum Mittäter, wenn man zum Beispiel bei einer Prügelei nicht reagiert. Aber was macht man denn in als Lehrer in unserem Beispiel und was, wenn ein Schüler sagt, er hätte bei einem anderen eine Waffe gesehen?

Grundsätzlich gilt bei Konflikten mit Aggressionspotenzial:

Seinen eigenen Gefühlen vertrauen
80% der Opfer sagen nachher aus, dass sie vorher das Gefühl hatten, das etwas passieren wird.

Früh handeln
Je länger eine Situation, desto mehr gerät man in eine Spirale aus der man so schnell nicht wieder herauskommt.

Agieren statt reagieren
Täter haben einen „Tatplan“. Diesen gilt es zu durchbrechen, z.b. indem man etwas Unerwartetes tut oder sich Hilfe von außen holt.

Abstand halten / Stopp setzen
Es gibt einen definierten Bereich, die Distanzblase wie Herr Matausch sagt, den jeder zu schützen versucht. Sich diesen Bereich zu erhalten und auch in den Bereich des Anderen nicht ohne Erlaubnis einzudringen, ist einer der wichtigsten Punkte. Deshalb sollte frühzeitig ein „Stopp“ gesetzt werden.

Das alles gilt auch für unsere Situation mit Peter. Eine Lösung könnte sein, ihn sofort in den Fokus zu rücken und ihm das unterrichten zu überlassen; den Spieß umdrehen; sich selbst rausnehmen und den Schüler vor eine Wahl zu stellen. Mattausch sagt, das klappt fast immer. Er sagt aber auch, dass jede Situation anders ist und dass es nicht nur eine Lösung gibt. Jeder Konflikt ist abhängig von den beiden Streitpartnern und ihrer Art und Weise mit dem Konflikt in der speziellen Situation umzugehen. Was für den einen passt, lässt sich von einem zweiten vielleicht gar nicht ausführen. Deshalb sollten solche Situation geübt werden. Eine Möglichkeit sind die Präventionsseminare der „LKA Prä 4“.

Die zukünftigen Kunst- und Musiklehrer, die gerade ihre Ausbildung an der UdK absolvieren, haben jedenfalls durch das Seminar viele Anregungen und gute Verhaltensweisen zum Thema Gewalt für ihre zukünftige Arbeit an den Berliner Schulen mitgenommen.

Letzte Woche gab es in diesem Blog die Vorankündigung zu dieser Veranstaltung, diese Woche den vorliegenden Bericht. Eine schöne Ferienzeit sowie ein ruhiges nächstes Schuljahr ohne viel Gewalt in und um Schule
wünscht Ihnen Dominik Mühe

Thema: Konfliktberatung, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Gewaltprävention – Umgang mit Aggression und Gewalt im Schulbereich

Freitag, 8. Juli 2011 19:43

D.: Du studierst in Berlin und möchtest Lehrerin werden. Inwiefern verfolgst du Berichte über Gewalt in Schulen in den Medien?

F.: Also man kommt ja nicht dran vorbei, aber ich achte schon auch speziell darauf und beobachte ja auch in meiner lebensnahen Umgebung die Bereitschaft von Jugendlichen zu Gewalt. Ich bin teilweise leider nicht mehr so erschüttert, sondern halte das manchmal schon fast für Klischeeentsprechung, aber ich denke, es gibt in jeder Situation eigentlich einen anderen Weg dem zu begegnen oder damit umzugehen, als der, der da so beschritten wird. Einfach sofort so überzureagieren sowohl in Wortwahl und Tonfall. Da geht’s sofort um Respekt und Ehre und Rangfolge und wer da mit wem was machen darf. Das find ich dann schon grenzwertig und da müssen sich nicht erst zwei heftig verprügeln bis man von Gewalt spricht.

D: Kannst du dir vorstellen als Lehrerin Angst zu haben?

F.: Ich denke es gibt Grenzmomente zwischen „das könnt ihr so einfach nicht machen“ und „da fühl ich mich nicht mehr zuständig“, also Fälle in denen man mit zwischenmenschlichen und sozialen Fähigkeiten nicht mehr weiter kommt und vielleicht auch die Polizei holen muss. Ich setz nicht mein Leben aufs Spiel und ich kann sicher nicht zwei 18jährige ohne eigenen Schaden davon abhalten sich zu prügeln.

D.: Wirst du in deinem Studium auf solche Grenzsituationen vorbereitet?

F.: Es wird schon zunehmend thematisiert, besonders die Studierenden stellen häufig die Frage, wie sie sich in bestimmten Situationen verhalten sollen. Wobei meistens die Fragen zu Motivationsproblemen beantwortet werden. Aber was man jetzt in Situationen macht, in denen jemand aggressiv wird, darauf werden wir nicht explizit vorbereitet, würde ich sagen. Allerdings gibt es ein Seminar zum Thema „Unterrichtsstörungen“, das geht ja in die Richtung, aber wenn ich dann vor der Klasse steh, ist sicher alles wieder neu und darauf kann mich vielleicht auch kein Seminar vorbereiten.

Im Sommersemester 2011 fand an der Universität der Künste ein Seminar zum Thema “Gewalt und Gewaltprävention in Schule” statt. Das Seminar beschäftigte sich eingangs mit Definitionen und Erklärungsmodellen für Aggressionen und Gewalt, um dann vertiefend auf verbale Gewalt, Mobbing und der in letzter Zeit viel diskutierten neuen Form des Cyber-Mobbings einzugehen. Am Ende des Semesters standen nun noch die Themen „School-shooting“ und „Gewalt an Schulen“ und Möglichkeiten der Prävention.

Als Ergänzung nimmt das Seminar ein Angebot des Landeskriminalamts Berlin (LKA Präv 4 / Anti-Gewalt-Projekt) wahr. Dieses bietet im Rahmen der Prävention verschiedene Informationsveranstaltungen und Seminare zum Thema an, die für die Teilnehmer kostenlos sind. Ziel dieser Seminare ist es, Strategien zum deeskalierenden und gewaltfreien Verhalten in Konflikt- und Bedrohungssituationen zu vermitteln bzw. gemeinsam mit den Teilnehmern zu erarbeiten. Damit soll die Handlungskompetenz und das subjektive Sicherheitsgefühl der an der Veranstaltung Teilnehmenden verbessert werden.

Ein spezielles Seminar für Lehrer und Lehrerinnen und solche die es werden wollen, soll diesen helfen Gefahren in der schulischen Umgebung richtig einzuschätzen und sich in gewissen Situationen richtig zu verhalten, dabei ist die nonverbale Kommunikation genauso wichtig, wie ein „dazwischen gehen“. Mittels verschiedener Rollenspiele sollen Aufschaukelungsprozesse und das eigene Verhalten verdeutlicht werden. Ebenso wird auf rechtliche Fragen geantwortet: Welche Verpflichtungen habe ich als Lehrer? Wann muss ich eingreifen? Was tun bei Bedrohung, Mobbing oder bei einem Waffenfund?

Für die Studierenden eine wichtige Sache, schließlich kann man sich im 1. Semester manchmal nicht vorstellen irgendwann 30 Kinder gleichzeitig zu unterrichten, geschweige denn prügelnde Kinder auseinander zu halten oder gar mit einem Waffenfund zurecht zu kommen.

Wir freuen uns auf diese Möglichkeit der Fortbildung, und wenn Sie mögen, dann besuchen Sie doch ebenfalls ein Seminar! Das nächste Basisseminar zum Umgang mit Aggression und Gewalt im öffentlichen Raum findet übrigens am 24. August 2011 statt. Einen kurzen Bericht zu einer solchen Veranstaltung finden Sie übrigens auch auf diesem Blog …

Dominik Mühe

Thema: Konfliktberatung, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Konfliktcoaching

Montag, 20. Juni 2011 9:22

Aus aktuellem Anlass habe ich in der letzten Zeit nach einem Buch gesucht, in dem die Methode des Konfliktcoachings gut beschrieben und erläutert wird. Jetzt habe ich es gefunden, ein Buch von Sonja Radatz zum Thema „Einführung in das systemische Coaching“ in der Reihe Carl-Auer compact.

Sonja Radatz schreibt, dass im klassischen Coaching an Problemen gearbeitet wird, die aus oder mit Situationen entstanden sind. Im Konfliktcoaching stehen hingegen „Probleme mit Menschen“ – also Konflikte – im Vordergrund. Das von ihr beschriebene Instrument des Konfliktcoachings baut auf der Grundlage des systemischen Coachings auf und ist einfach und leicht anwendbar.

Dieses Instrument funktioniert natürlich nur, wenn nicht der Coach, sondern der Coachee ein Interesse daran hat, dass der Konflikt gelöst wird. Nur in diesem Fall kann der Coach dieses Einzelgespräch quasi mit dem Coachee als einer Konfliktpartei führen. Aus systemischer Sicht gibt es dann für die Lösung dieses Konfliktes keine „richtige“ oder „falsche“ Lösung. Es gibt lediglich solche, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt für ein spezifisches System (Team, Unternehmen, Führungsbeziehung, Projektgruppe) als viabel (gangbar, passend) herausstellt oder eben nicht.

Wenn an einer möglichen Lösung eines Konfliktes gearbeitet wird, so hat man natürlich nie einen 100%igen Einfluss auf eine Situation, denn wir können natürlich nie die andere Konfliktpartei ändern und auch nicht ein bestimmtes Verhalten von ihr erzwingen, sondern nur unser eigenes Verhalten ändern. Sonja Radatz sagt, dass damit ein Konfliktcoaching zu einer „verhaltensoptimierenden Arbeit“ wird:

„Wir arbeiten daran, wie wir mit den anderen anders umgehen können – und nicht daran, wie wir sie verändern können. Wir begleiten Menschen im Konfliktcoaching, indem wir ihnen die passenden Fragen stellen und sie damit zum Denken anregen. Damit ermöglichen wir ihnen, innerhalb ihres Denkrahmens andere, aus ihrer Sicht passendere Handlungsalternativen zu entwickeln. Jede Frage, die wir stellen, hat dabei enorme Kraft – und daher sollten die Fragen jeweils sorgfältig ausgewählt und geprüft sein, bevor sie dem Coachee gestellt werden.“ (Buch, S. 96)

Die Methode des Konfliktcoachings vereint also Bausteine aus dem Bereich der Mediation und aus dem Bereich des Coachings. Die oben zitierte Textpassage gefällt mir als Mediatorin sehr gut, und ich möchte gerne das von Sonja Radatz vorgeschlagene Modell zum Konfliktcoaching hier folgend vorstellen. Es ist für MediatorInnen interessant, aber natürlich auch für alle diejenigen, die sich im Spannungsfeld zwischen Coaching und Mediation bewegen. Im Gegensatz zur Medation wird in diesem Modell bewusst sehr kurz an der Problemschilderung gearbeitet, da die Erfahrung gezeigt hat, dass eine lange Auseinandersetzung mit einem als problematisch erlebten Verhalten weniger Fortschritt bringt als die Fokussierung in Richtung einer Lösung.

  • Konflikt schildern (3 Min.)
    Worum geht’s?
    Wer tut was im Konflikt?
  • Skalenfrage (5 Min.)
    Aus einer Skala von 0 bis 10, wenn 0 den schlimmsten bisher in diesem Konflikt von Ihnen erlebten Zustand beschreibt und 10 Ihren Zielzustand – was machen Sie genau bei 10?
  • Derzeitige Einschätzung auf der Skala (1 Min.)
    Und wo stehen Sie gerade jetzt auf dieser gleichen Skala?
  • Angestreben Wert auf der Skala festlegen (10 Min.)
    Welchen Punkt auf der Skala wollen Sie denn heute erreichen?
    Und was tun Sie genau anders, wenn Sie diesen Wert erreicht haben?
    Und wenn sie das tun, was tut dann Ihr Konfliktpartner anders?
  • Verhaltensunterschiede bilden (5 Min.)
    Was – das Sie jetzt noch nicht tun – tun Sie, wenn Sie um einen Punkt höher stehen?
    Und wenn Sie das tun, wie anders verhält sich dann der andere?
    Und wenn der andere sich anders verhält, wo stehen Sie dann auf der Skala?
    Etc.
  • Entscheidung (10 Min.)
    für einen Wert unter Einbeziehung des dafür zu bezahlenden Preises
  • Maßnahmen (5 Min.)
    Was tun Sie (ab) morgen konkret (anders)? 

    (Buch S. 95)

Natürlich bildet das Konfliktcoaching nur ein kleines Unterkapitel in dem Buch „Einführung in das systemische Coaching“. Neben grundlegenden Aussagen zum Coaching gibt es dort weitere Kapitel zu Frageformen im Coaching, zum Ablauf des systemischen Coachings, zum Umgang mit unterschiedlichen situativen Verhaltensweisen des Coachees, zu Coachinginstrumenten in der Praxis, zu speziellen Coachingabläufen für spezielle Situationen, zur Verwendung von Coachingpartikeln im Alltagsgespräch sowie zu hilfreichen Selbstcoachingkonzepten. Und das alles kurz, knapp, kompetent und sehr lesbar in handlicher Form. Wer also aus der Mediation kommt und sich für das Coaching interessiert, dem sei dieses Buch als Einstieg ins Thema unbedingt zu empfehlen.

Christa D. Schäfer

Konfliktcoachings können Sie übrigens auch mit anderen Methoden und in anderen Settings gestalten, zum Beispiel mit den sechs Denkhüten von De Bono.

Thema: Konfliktberatung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Traumatisierte Kinder,

Montag, 2. Mai 2011 7:43

das ist ein Thema, das auch in diesem Blog durchaus seinen Platz finden muss.

Berlin, April 2011

Zwei bislang unbekannte Halbwüchsige (Alter: ca. 11 bis 14 Jahre) rauben einem Elfjährigen auf einem Spielplatz am Halensee dessen Halskette. Anschließend sollen sie ihr Opfer mit einem Messer bedroht haben.

Ein Elfjähriger hat im Berliner Bezirk Wedding mit einer Soft-Air-Pistole auf andere Kinder geschossen, um Geld zu erpressen. Später steckt er dann sogar einem Jungen ein brennendes Streichholz in die Nase.

Im Berliner Bezirk Lichtenrade geht ein siebenjähriger Junge mit einem abgebrochenen Küchenmesser auf einen neunjährigen Jungen los und verletzt diesen im Gesicht. Die Wunde muss genäht werden.

Von 2005 bis 2009 stieg die Zahl der Gewalttaten, bei der unter 14-Jährige die Tatverdächtigen sind, von 1440 auf 1789 Fälle. Die meisten Fälle davon sind Körperverletzung aus, die sich von 1170 Taten auf 1480 erhöht haben. Laut Polizeistatistik 2010 ist die Gesamtzahl der von Kindern begangenen Straftaten im Vergleich zu 2009 gesunken. 2009 gab es 5730 tatverdächtige Kinder, 2010 waren es nur noch 5360, davon 273 unter acht Jahren.

Wie man sich leicht vorstellen kann, ist es gut möglich, dass Gewalt unter Kindern zu einer psychischen Traumatisierung führt.

„Eine traumatische Situation bedeutet für ein Kind eine extreme, existenzielle Bedrohung. Dabei kann das Kind entweder sich selbst sowie seine körperliche und seelische Einheit oder andere Menschen als bedroht erleben. Entscheidend ist, dass das Kind das Gefühl hat, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können, um sich oder den anderen aus der extremen Not herauszuhelfen.“ (Krüger, Andreas: Erste Hilfe für traumatisierte Kinder. Düsseldorf: Patmos Vlg., S. 19)

Das Buch “Erste Hilfe für traumatisierte Kinder”, dem ich diese Definition einer traumatischen Situation entnommen habe, bietet wichtige fachliche Grundlagen zum Thema, beleuchtet Auswirkungen von Traumatisierungen auf das soziale Umfeld und gibt Hinweise zum Umgang mit psychischen Traumatisierungen. Es ist als Einführungsliteratur für LehrerInnen und PädagogInnen absolut empfehlenswert.

In diesem Buch erfahren Sie alles Wissenswerte zum Thema „traumatisierte Kinder“. Sie erfahren, was in den ersten Momenten einer traumatisierenden Situation getan werden sollte und was in der unmittelbaren Folgezeit wichtig wird. Und natürlich können Sie auch über die Haltung lesen, mit der eine Erzieherin oder eine Lehrkraft einem schwer seelisch verletzten Kindern in oder kurz nach der Akutsituation begegnen sollte.

Ach ja, und dann möchte ich Ihnen noch vorstellen, wie einfühlsam und anschaulich Andreas Krüger Kindern den Begriff traumatische Situation erläutert:

„Stell dir mal ein Kaninchen vor, das gerade von einer Katze verfolgt wird. Das Kaninchen kann sich gerade noch in einen Winkel zwischen zwei Steinen retten. Die Katze kann nicht an das Kaninchen ran, aber die Tatze der Katze flitzt die ganze Zeit vor den Augen des Kaninchens hin und her. Das Kaninchen sitzt in einer Falle: Es kann weder weglaufen, noch kann es kämpfen und sich wehren. So eine Situation, die nennt man eine traumatische Situation – wenn ganz große Gefahr da ist ud man absolut gar nichts mehr machen kann und riesige Angst hat. Man könnte das auch „Nichts-geht-mehr Situation“ nennen. Menschen kann es auch so ergehen, wenn sie zuschauen müssen, wie anderen etwas Schlimmes passiert. Wir fühlen ja mit anderen mit, und da kann es Menschen manchmal genauso Angst machen, wenn sie mit zusehen müssen. Das wäre so, als müsste der Bruder von dem Kninchen vom Kaninchenbau aus zusehen und Angst um seinen Bruder haben, der gerade von der Katze gejagt wird. Da ist das kleine Herz vom Kaninchen und seinem Bruder wie schockgefroren: Nichts geht mehr, Wut und vor allem die Tränen sind dann wie eingefroren …“ (S. 120 f.)

Ich hoffe, dass Sie nicht in die Situation kommen, ein traumatisiertes Kind zu betreuen, aber ich hoffe, dass Sie, wenn Sie in diese Situation kommen, das Kind gut unterstützen können.
Christa D. Schäfer

Thema: Allgemein, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

„Es kostet viel Zeit und Energie, mich zu beseitigen. Ich bin oft …

Montag, 18. April 2011 7:00

ein Problem für den Lehrer oder den Referendar. Durch mich kommen manche Lehrer ungern in die Klasse. Ich schaffe es, sie zur Weißglut zu bringen und ich kann sie im schlimmsten Fall sogar von der Schule vertreiben. In den Medien wird viel über mich berichtet. Oft bin ich kaum sichtbar und manchmal ist Unterrichten wegen mir kaum möglich.
Wer bin ich?
Ich bin die Unterrichtsstörung!“

Das ist der Anfang einer Arbeit von Muriel Most, einer angehenden Kunstpädagogin, die sich mit den Möglichkeiten der Lehrer-Schüler-Konferenz von Thomas Gordon zur Bewältigung von Unterrichtsstörungen beschäftigt hat.

Die Lehrer-Schüler-Konferenz von Thomas Gordon,
was ist denn das?
wer kennt die denn heute noch?
ist die heute überhaupt noch aktuell?
was kann man damit in der Schule anfangen?
wie kann man das Gordon-Lehrertraining heute in Schule nutzen?

Das sind nur einige der Fragen, die sich Muriel Most gestellt und beantwortet hat.

Thomas Gordon (1918-2002), ein Psychologe aus Chicago, hat bereits 1977 sein Buch „Die Lehrer-Schüler-Konferenz“ in der ersten deutschen Ausgabe vorgelegt. Basierend auf wissenschaftlichen Grundlagen und der humanistischen Psychologie Carl Rogers beschäftigt sich dieses Buch mit der großen Bedeutung der Kommunikation und der gewaltfreien Konfliktlösung für Lehrer-Schüler-Beziehungen. Die Begrifflichkeiten: Sprache der Annahme, aktives Zuhören, Ich-Botschaften und die Konfliktlösung mit der Methode III sind heute im Bereich der Kommunikationstheorie nicht mehr wegzudenken.

In der Arbeit von M. Most wird zunächst das Konzept von Thomas Gordon vorgestellt, indem seine Zielsetzung und seine Methoden geschildert werden. Im nächsten Schritt wird das Konzept bewertet und vor allem daraufhin untersucht, inwieweit es dazu beitragen kann, Unterrichtsstörungen im zeitgemäßen Unterricht zu minimieren, zu lösen oder im Idealfall gar nicht erst auftreten zu lassen. Anschließend werden Überlegungen dazu angestellt, wie der Lehrer bzw. die Lehrerin Schülern das Konzept von Gordon ganz oder teilweise nahe bringen kann. Hierzu hat Muriel Most Signalkarten und weiteres Anschauungsmaterial erarbeitet, das LehrerInnen und SchülerInnen helfen soll, das Konzept von Gordon zu verstehen. Mit diesem Material können insbesondere die an Schule beteiligten Akteure die Problem- und Konfliktbewältigungsmethode Thomas Gordons kennen lernen. Sie haben mit diesen Signalkarten die genauen Schritte bildlich vor Augen, die nach Gordon benötigt werden, um einen Konflikt erfolgreich zu lösen.

Gerne können sie hier die gesamte Arbeit zum Thema „Das Gordon-Lehrertraining heute – Vorschläge für den Einsatz im zeitgemäßen Unterricht“ lesen oder herunterladen (bitte dazu auf die rote Schrift klicken). Und natürlich möchte ich Ihnen auch die wunderbaren Signalkarten zum aktiven Zuhören sowie zu den sechs Stufen der Konfliktlösung nach Gordon nicht vorenthalten:

Aktives Zuhören und Ich-Botschaften betonen Ohr und Sprache als Voraussetzung einer gewaltfreien Konfliktlösung.

Gordon: Aktives Zuhören

Die Signalkarten 1 bis 6 verdeutlichen die sechs Stufen der niederlagelosen Methode der Konfliktlösung nach Thomas Gordon.

Gordon Gordon ...
Gordon ... Gordon

 

Besten Dank an Muriel Most für die Genehmigung zum Abdruck des Materials
sagt Christa D. Schäfer

Thema: Kommunikation, Konfliktberatung, Literaturempfehlungen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Kiezväter

Montag, 8. November 2010 7:29

sind Wegweiser und Begleiter für Jungen.
sind Multiplikatoren und Vorbilder für andere Väter.
sind Vermittler zwischen ihrer Herkunftskultur und der deutschen Kultur.
sind Wegweiser für Unterstützungsmöglichkeiten durch das Schul-, Bildungs- und Sozialsystem.
sind Unterstützer bei der alltäglichen gesellschaftlichen Integration sowie bei unterschiedlichen Fragestellungen.

Und das Beste: Es gibt sie jetzt, die Kiezväter, in Berlin Neukölln.

Nachdem das Projekt der Stadtteil- und Kiezmütter in verschiedenen Bezirken Berlins sehr erfolgreich läuft, hatte Ilknur Gümüs die Idee zum Projekt „Kiezväter“. Gefördert vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge wird dieses Projekt in Kooperation der beiden Vereine IBBC (Interkulturelles Beratungs- und Begegnungs-Centrum) und Aufbruch Neukölln durchgeführt.

Die zukünftigen Kiezväter stammen aus unterschiedlichen Kulturkreisen, sie leben alle in Neukölln, kennen sich in ihrem Kiez aus und haben Freude daran, etwas in ihrer Nachbarschaft zu bewegen. Sie werden zur Zeit in verschiedenen Themenbereichen geschult und stehen danach für Gespräche anderen Vätern und Familien Neuköllns zur Verfügung.

Dieses Projekt dient der Gewaltprävention, denn die Kiezväter greifen Themen auf wie das Erziehungsverhalten von Eltern und die Gewalt in der Familie oder die Probleme von und mit Jugendlichen auf den Straßen von Neukölln. Sie beraten die Familien bei der Erziehung besonders von Jungs, und sie sind als Vermittler tätig zwischen Schule, Kindertagesstätte und Jugendamt. Ganz wunderbar finde ich, dass die Kiezväter im Bereich der Kommunikation sowie im Beratungs- und Konfliktmanagement geschult werden, denn damit sind sie dann gut ausgerüstet für die Praxis. Im folgenden ein Gespräch zwischen Christa Schäfer und Ilknur Gümüs.

Frau Gümüs, wie sind Sie auf die Idee gekommen, dieses Projekt „Kiezväter“ ins Leben zu rufen?

I.G.: Es gibt in Berlin viele Projekte, mit denen die Frauen, Mädchen und Mütter erreicht werden. Jedoch expilizit für Männer gibt es kaum Angebote. Auch sie brauchen Rat und Gesprächsmöglichkeiten. Auch sie haben Ängste und Fragen. Die Themen der Väter sind ja nicht immer identisch mit denen der Müttern und aufgrund von fehlenden oder abhandengekommenen Väter- bzw. Männerbild werden sie agressiv oder depressiv und haben keine Institution, die sie mit ihren Sorgen auffängt. In der deutschen Gesellschaft haben die türkischen und arabischen Väter leider ein sehr negatives Ansehen. Das Projekt wird die Erreichbarkeit der sogenannten bildungfernen Väter und deren Interesse an der Aufnahmegesellschaft und an ihren Familien unter Beweis stellen. Die Väter, die an dem Projekt teilnehmen, werden für ihre Communitis eine Vorbildfunktion übernehmen.

Wie wichtig finden Sie es, dass die zukünftigen Kiezväter ein solides Wissen in den Bereichen Kommunikation, Beratungs- und Konfliktmangement erhalten?

I.G.: Sehr wichtig, weil mit Kommunikation fällt und steht alles. Wir wissen, dass wir gerne Monologe durchführen und unserem Gegenüber oft nicht adäquat zuhören. Aber Kommunikation beginnt mit Zuhören und die zukünftigen Kiezväter lernen dies. Sie lernen auch zu überprüfen, ob das, was sie „gehört und verstanden“ haben, richtig ist. Dabei helfen natürlich die von Ihnen angebotenen Rollenspiele sehr.

Was sollen die Kiezväter in diesem Bereich später können?

I.G.: Sie sollen Gespräche gut und angenehm gestalten und führen können. Auch sollen sie zwischen den Zeilen lesen, und wenn Gefühle ausgesprochen werden, diese auch verstehen und den „Ratsuchenden“ das Gefühl geben können, verstanden zu werden. Hierdurch wird eine Vertrauensbasis hergestellt, die sehr wichtig für deren Arbeit ist. Ich gehe davon aus, dass die Kiezväter bei ihrer Tätigkeit mit „Familiengeheimnissen“ konfrontiert werden, und da wird die Vertrauensbasis als Grundlage für die Problemlösung besonders wichtig.

Was denken Sie, haben die Kiezväter später für Problem- und Konfliktfälle zu bearbeiten?

I.G.: Sie werden sehr viel mit Armut konfrontiert sein und Unwissenheit in der deutschen Gesellschaft. Insbesondere die Familien, die aufgrund eines Duldungsstatus sich in Berlin aufhalten bzw. als Kriegsflüchtlinge hier eingereist sind, sind in der Gesellschaft (ebenfalls aufgrund ihrer Status als Flüchtlinge) nicht integriert. Deren Kinder besuchen die Schule, jedoch ohne Perspektive. Denn diese Kinder mit Duldungsstatus dürfen keine Ausbildung absolvieren und keine Uni besuchen. Das entmutigt. Väter werden viel Mut machen müssen und für die „Ratsuchenden“ Möglichkeiten aufzeigen können. Auch die sogenannte 2. Generation der Gastarbeiter, d.h. die Gastarbeiterkinder, die keine oder geringe Qualifikation haben, leiden unter Perspektivlosigkeit. Aus dieser Mutlosigkeit bzw. Perspektivlosigkeit entsteht durchaus agressives Verhalten der Jungs bzw. der Väter. Ich stelle mir vor, diese Themen werden den Kiezvätern sehr oft begegnen.

Besten Dank Ihnen, sehr geehrte Frau Gümüs für das Interview. Ich freue mich, das Kommunikations- und Konflikttraining im Projekt durchführen zu dürfen und finde sowohl das Projekt als auch das Engagement der zukünftigen Kiezväter fantastisch. Mein Kompliment!

I.G.: Ich danke Ihnen ebenfalls, dass Sie sich der Aufgabe gestellt haben und keine Hemmungen haben, diese Gruppe zu schulen. Dabei bringen Sie eine hohe interkulturelle Kompetenz mit und Verständnis für die Belange der Gruppe.

Dem Projekt alles Gute wünscht
Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Konfliktprävention | Kommentare (1) | Autor:

Die neun Eskalationsstufen im Blick

Montag, 12. Juli 2010 8:56

  1. Acht Männer im Anzug sitzen zu einer Besprechung um einen Tisch herum.
  2. Vier Männer links, vier rechts, die Finger zunächst zögerlich auf die jeweilige andere Gruppe gerichtet.
  3. Die vier Männer links stellen sich auf ihre Stühle, so sind sie größer. Die vier Männer rechts strecken energisch ihre Zeigefinger und deuten auf die Gruppe Männer gegenüber. Gleichzeitig wird der Lautstärkepegel lauter und lauter.
  4. Die vier Männer links verschränken ihre Arme, sie wirken stur. Die vier Männer rechts wollen so langsam auch nichts mehr gemeinsam, einer hat die Hände in den Hosentaschen, er wird von einem anderen gestützt, die Nase ist hoch oben.
  5. Zeigefinger aus beiden Gruppen tippen an die Stirn, Arme sind zum Spott ausgestreckt, lächerlich machen ist angesagt.
  6. Jetzt steigen zwei Männer, aus jeder Gruppe einer, auf den Tisch. Die anderen bilden eine Front und stehen direkt dahinter. Die Gesichter sind rot, die Luft knistert.
  7. Der Herr aus der linken Gruppe tritt dem Herrn aus der rechten Gruppe auf den Fuß. Der Herr aus der rechten Gruppe hebt die Hand zum Schlag. Oder war’s genau umgekehrt und der Herr aus der rechten Gruppe hebt die Hand und der Herr aus der linken Gruppe folgt mit seinem Fuß? Das Geschirr, das bis jetzt auf dem Tisch stand, zerbricht, Regenschirme werden zur Drohung im Kampf gezückt.
  8. Jetzt ist ein Gewirr von mehreren Menschen auf dem Tisch, Regenschirme sind erhoben, Stühle sind zum Schlag erhoben, es fliegen die Fetzen.
  9. Die ersten Männer und Frauen haben ein blaues Auge, es wird am eigenen Tisch gesägt, Äxte zerschlagen die Tischbeine, bald werden wohl alle gemeinsam alles zerstört haben.

Das ist Eskalation und ganz deutlich sind die neun Eskalationsstufen nach Friedrich Glasl zu erkennen. Für Mediatorinnen und Mediatoren gehört das Wissen um die neun Eskalationsstufen eines Konflikts zum Grundhandwerkszeug. Jetzt gibt es genau neun Bildkarten zum Thema „Eskalationsstufen“, die das Thema fantastisch darstellen. Obige Beschreibung habe ich nach diesen Bildkarten erstellt und es ist daran leicht zu erkennen, was für Möglichkeiten in diesem Bildmaterial liegen.

Die Karten entstammen übrigens der Praxisbox „Streitkultur“ von Günther Gugel, herausgegeben vom Institut für Friedenspädagogik in Tübingen, gefördert von der Berghof Foundation for Conflict Studies. Neben den angesprochenen Bildkarten gibt es auch noch zwei Bildersets zu den Themen „Konfliktbearbeitung“ und „Versöhnung“; ein zugehöriges Booklet bietet Material zu den Themen und Anregungen zum Umgang mit dem Material.

Allein mit den Bildkarten zum Thema „Eskalationsstufen“ können vielfältige Übungen gemacht werden. Die obige Bilderfolge kann man beispielsweise psychodramatisch nachstellen, man kann eine Person aus der Bilderfolge suchen und sich empathisch in diese Person hineinversetzen, es kann Sprache zum Bild gesucht werden, die Bilderfolge kann in Reihenfolge gebracht und analysiert werden, Konflikte können in ihrer Ähnlichkeit zur Bildfolge interpretiert werden, die Eskalationsstufen können auf andere Konflikte bei gleicher Bildlichkeit zum Original angewandt werden, usw. usw. Für einen weiteren Höhepunkt in der Arbeit mit dem Thema Konflikteskalation ist im Booklet sogar eine Video-DVD enthalten, das u.a. ein Interview mit Friedrich Glasl enthält.

In der nächsten von mir geleiteten Mediationsausbildung werde ich die Bildkarten zur Konflikteskalation mit Sicherheit einsetzen und auch für die Arbeit mit Schülern bieten sich die Karten wunderbar an. Für alle, die die neun Eskalationsstufen noch nicht kennen, hier ein kurzer Einblick:

1. Verhärtung
Standpunkte verhärten sich, prallen aufeinander.

2. Debatte
Es gibt eine Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen, ein Schwarz-Weiß-Denken kommt auf, die Sichtweise ist von den Begriffen Über- und Unterlegenheit geprägt.

3. Stufe Aktionen
Die Empathie mit dem Streitpartner geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst, und es herrscht die Meinung, dass Reden nun nicht mehr viel hilft.

4. Stufe Images/Koalitionen
Es werden Klischess und Stereotypen aufgebaut, gegenseitig werden sich negative Rollen zugeschoben, und es werden Unterstützer und Anhänger für die eigene Meinung geworben.

5. Gesichtsverlust
Öffentliche und direkte Angriffe sollen zum Gesichtsverlust beim Konfliktgegner führen.

6. Drohstrategien
Es wird gedroht und die Gegendrohungen folgen direkt.

7. Begrenzte Vernichtungsschläge
Drohen reicht nicht mehr, Schädigungen müssen her, beim Gegner möglichst große Schäden, in den eigenen Reihen werden dafür auch kleinere Schäden in Kauf genommen.

8. Zersplitterung
Jetzt soll das feindliche System zerstört werden, koste es was es wolle.

9. Gemeinsam in den Abgrund
Auf keinen Fall darf der andere gewinnen, da nimmt man doch eher die Selbstvernichtung mit in Kauf, es gibt keinen Werg mehr zurück.

Wer meine Artikel zum Thema „Rockerkrieg“ verfolgt hat, kann übrigens auch hieran gut die verschiedenen Stufen einer Konflikteskalation nachvollziehen. Und falls Sie mögen, so können Sie natürlich auch einen ihrer Konflikte in die oben genannten Eskalationsstufen einordnen. Solange die Eskalationsstufe noch eine niedrige ist, können Sie mit geeigneter Kommunikation den Konflikt gut alleine angehen. Irgendwann dann ist jedoch eine Unterstützung durch eine neutrale dritte Person, also einen Mediator oder eine Mediatorin eine gute Wahl …

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Konflikte, Literaturempfehlungen | Kommentare deaktiviert | Autor:

Fragen, Fragen, Fragen

Montag, 5. Juli 2010 6:02

Es gibt Konflikte, die bekommt man alleine leicht in den Griff, weil sie sich noch auf einer geringen Eskalationsstufe bewegen. Dann gibt es Konflikt, da ist es ziemlich heikel, sie zu lösen. Ja, und dann gibt es Konflikte, da wird es ganz ganz schwierig. Laut Friedrich Glasl gibt es 9 Eskalationsstufen im Konflikt: 1. Verhärtung, 2. Debatte, Polemik, 3. Taten statt Worte, 4. Images und Koalitionen, 5. Gesichtsverlust, 6. Drohstrategien, 7. Begrenzte Vernichtungsschläge, 8. Zersplitterung, 9. Gemeinsam in den Abgrund.

Wenn sich soziale Konflikte auf einer der ersten drei Eskalationsstufen befinden, so kann dies nach Glasl leicht durch Selbsthilfe, Nachbarschaftshilfe oder auch externe professionelle Prozessbegleitung geregelt werden. Ab Stufe drei bis einschließlich Stufe acht setzen laut Glasl dann Methoden der externen professionellen Prozessbegleitung sowie die Methode der Mediation an. (Friedrich Glasl: Selbsthilfe in Konflikten. S. 130). Egal ob ein Konflikt in Selbsthilfe oder durch professionelle Konfliktmoderation bzw. Mediation bearbeitet wird, wichtig ist es Fragen zu stellen und Antworten herauszufordern.

„Wenn wir andere Fragen stellen, werden wir andere Antworten finden.“
(Werner Heisenberg, deutscher Physiker)

„Wenn es trifft, reicht ein Satz.“
(Wolfram Jokisch, Erfinder der Sinn-ier Karten)

Fragen regen zum Nachdenken an, bieten Perspektivwechsel und neue Anreize. Fragen berühren, inspirieren und animieren, sich mit sich selbst, seinen Lebenszielen, seinem Umfeld und all den damit verbundenen wesentlichen Fragestellungen auseinanderzusetzen. Fragen sind mal mehr, mal weniger einfach, manchmal frech, ungewohnt und überraschend. Fragen sollten stets wohlwollend und konstruktiv sein. Aber dennoch dreht sich das Denken auch trotz Fragen manchmal im Kreis und schicken in ein bekanntes Muster hinein.

Ich habe jetzt wunderbare Fragen entdeckt. Diese Fragen sind in Form der Sinn-ier Karten in Etuis zu verschiedenen Themen wie Entscheiden, Leben, Beruf, Herz, Beziehung, Genius usw. erhältlich. Sie können für private Zwecke, für Trainings/Coachings/Beratungen – sowie natürlich auch in der Arbeit mit Konflikten und im Mediationsbereich genutzt werden.

In meiner „Kostprobe“, einem Set mit 6 verschiedenen Etuis, gibt es beispielsweise Fragen zum Thema „Entscheiden“. Gerne möchte ich Sie an dieser Stelle mit Hilfe einiger dieser Fragen in einen Konflikt und dessen mögliche Lösung hineinführen, versuchen wir es.

Suchen Sie sich bitte zunächst einen Konflikt (oder eine Entscheidungssituation), für den bzw. die Sie gerne einen Impuls oder eine gute Lösung hätten. Lägen Ihnen die Karten vor, würden Sie aus dem Kartendeck „Entscheiden“ jetzt mehrere Fragen auswählen und mit Hilfe dieser Fragen beleuchten, was für Anregungen diese zum Konflikt geben, was durch die Karten in Gang kommt und wie das alles auf Sie wirkt. Da Ihnen die Karten (wahrscheinlich) nicht vorliegen, gebe ich Ihnen fünf Fragen vor, die Sie auf Ihren Konflikt anwenden können:

Bin ich Teil der Lösung oder des Problems?
Was fehlt, dass es gut wird?
Was hat dieses Problem mit mir zu tun?
Inwiefern habe ich die Lösung schon in mir?
Welche Entscheidung ist die zukunftsträchtigste?

Bitte setzen Sie sich in Ruhe mit einer Tasse Tee oder einem Kaffee und einem Blatt Papier oder einem Gesprächspartner und überdenken Sie die Fragen. Sie werden wahrscheinlich überrascht sein, was dadurch ausgelöst wird. Ich wünsche Ihnen übrigens alles Gute für Ihr Vorhaben, und falls Sie eine Supervisorin benötigen oder eine Mediatorin für Ihren Konflikt suchen, Sie wissen ja, wo Sie mich finden …

Die Sinn-ier Fragen und Impulse gibt es übrigens auch auf Postern. Fantastisch geeignet für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bietet sich das Sinn-ier Poster Genius an, das sich der Erforschung von Lebensmotiven und Zukunftsfragen widmet.

“Gut gefragt, ist halb gewonnen“
meint Christa D. Schäfer

Thema: Kommunikation, Konfliktberatung, Konfliktlösung, Literaturempfehlungen | Kommentare (1) | Autor: