Beitrags-Archiv für die Kategory 'Konflikte'

Paul und Anton: Konflikteskalation in der Gruppenarbeit

Donnerstag, 2. Februar 2012 7:35

Paul und Anton gehen beide in die siebte Klasse des Lietzenburger Gymnasiums. Schon bei ihrer ersten Begegnung haben die beiden festgestellt, dass sie nicht sonderlich gut miteinander auskommen: Beide haben starke Persönlichkeiten und sind gerne das Alpha-Tierchen der Klasse. Bisher konnten sie sich gut aus dem Weg gehen, aber für heute hat der Lehrer Gruppenarbeit vorgesehen und hat die beiden – ob absichtlich oder unabsichtlich, ist nicht klar – in eine Gruppe mit noch zwei anderen Jungen, die beide eher ruhig und schwach wirken, gesteckt. Gruppenarbeit war noch nie ein leichtes Thema, ein jeder von uns kennt sie aus der Schule und weiß sehr gut, dass der Idealfall – ein Gespräch, bei dem jeder seine Meinung und sein Wissen kundtun kann, an dem alle etwa gleich beteiligt sind und gleich viel bestimmen – so gut wie nie eintritt oder eintreffen wird. In unserer Situation ist klar: Am vorlautesten sind Anton und Paul. Es dauert nicht lange, und wie es schon beinahe abzusehen war, sind sich die beiden nicht einig, wer im eigentlichen Referat, das Ergebnis der Gruppenarbeit sein soll, die Gliederung vorstellen darf. Die anderen beiden ruhigen Jungen werden schon gar nicht mehr gefragt. Hier ist ganz klar: Das ist ein Kampf der Leithammel und hier soll ein für alle Mal festgestellt werden, WER jetzt hier sein Territorium abstecken wird. Nachdem klar ist, dass beide Jungen die Einführung in das Referat halten wollen, fangen sie heftig an zu debattieren. Anton ruft: “Du kannst doch nichtmal besonders gut formulieren. ICH bin derjenige, dessen Redegewandtheit hier gefragt ist!” und Paul antwortet ebenso laut und aufbrausen: “Das ist gar nicht wahr! Außerdem habe ICH die Gliederung entworfen, ich möchte sie also auch vorstellen. DU hast dabei nichts zu suchen!” Schon bald schaukeln sich die Gefühle der Jungen hoch. Jeder ist überzeugt davon, dass er der eigentlich besser Geeignete für diesen Job ist und greift den anderen an um dies noch deutlicher zu machen. Dazu wird alles verwendet, was den beiden Jungen einfällt, und sie laufen in große Gefahr, etwas wirklich Gemeines zu sagen, das aus dem Spiel Ernst macht. Paul weiß zum Beispiel, dass Anton oft dieselben Kleider trägt, und benutzt diese Information, um Anton zu verletzen. Er ruft: “Ich kann das Referat viel besser einleiten als du. Und außerdem, ich seh’ auch noch besser aus dabei! In einem frisch gebügelten Hemd steh’ ich dann da vorne, und DU, du hättest bestimmt dieselben Klamotten an wie immer, hast du denn etwa keine anderen?” Anton trifft es hart, was Paul gerade gesagt hat. Aber er ist stark, nein, er wird jetzt nicht vor der ganzen Klasse, die inzwischen zuschaut, das Gesicht verlieren! Er beißt die Zähne zusammen und schluckt alle Gedanken an seine Familie, die leider nicht so viel Geld hat, herunter, und konzentriert sich auf seinen Streit mit Paul. Dem wird er es zeigen. Die Gedanken rasen in seinem Kopf, und er ruft: “Dir werd ich es schon zeigen! Wenn du noch einmal so etwas sagst, dann…” – “Dann was!? HÄH?!” Paul ist auch nicht schlecht im Kontern. “Leere Drohungen sind das, was du da sagst…” Die beiden haben längst den tatsächlichen Bezug zu ihrem ursprünglichen Streitsubjekt verloren. Im Vordergrund steht jetzt nur noch, dieses Wortgefecht nicht zu verlieren. Der Lehrer, der eher zaghaft als erfolgreich in die Situation einzugreifen versucht (“eeehh, Kinder, jetzt werdet doch mal wieder ruhig…. hallo…. könnt ihr mir mal zuhören…. eeehh…”), hat schon längst keine Chance mehr gegen das Inferno, das die beiden Siebtklässler inzwischen entfesselt haben. Die ganze Klasse beginnt Partei zu übernehmen, feuert die beiden Streithähne an und liefert neue Ideen für immer härtere Inhalte, die die Beiden sich an den Kopf werfen. Die Situation wird erst unterbrochen, als der Direktor mit roten Kopf in die Klasse platzt. Ihm fallen beinahe die Augen aus dem Kopf – wie kann eine Klasse nur DERART außer Rand und Band geraten? Er donnert mit lauter Stimme über den Lärm hinweg: “RUUUUHEEE!!!!”. Schlagartig tritt Stille ein und alle Köpfe wenden sich zur Tür um. Nur der Lehrer schüttelt immer noch den Kopf über seine undisziplinierte Klasse.

Die beiden Streithähne werden schnell als Verantwortliche für den Tumult identifiziert und zum Direktor gebeten. Als sie zu zweit auf dem stillen Gang vor der schwarzen, bedrohlich hohen Tür darauf warten, hereingebeten zu werden, beruhigen sie sich langsam. Beklemmung macht sich breit. Alle beide wissen, dass sie gemein zueinander waren, und vor allem Paul erkennt jetzt, dass er mit seinem Kommentar über Antons alte Klamotten einen Nerv getroffen hat. Im Streit war das natürlich ein Volltreffer, aber jetzt schämt er sich, so etwas aufgeworfen zu haben. Eigentlich weiß er doch, dass Antons Familie nicht besonders reich ist. Die Kleider, die Anton trägt, haben bestimmt schon seine drei älteren Brüder getragen. Vorsichtig guckt Paul hoch. Anton starrt die gegenüberliegende Wand an. Vielleicht will er gerade nicht denken, oder gar reden. Trotzdem versucht Paul es einfach.
“Du, Anton? … Schon gut, ich will nichts Böses mehr sagen.”
“Ich auch nicht.”
“Jetzt sitzen wir wohl ganz schön in der Klemme, oder?”
“Ja, richtig. Beim Direktor war ich noch nie! Aber irgendwie sind wir wohl auch selbst schuld, hm?”
“Vermutlich. Aber das mit dem Referat war mir echt wichtig! Ich wollte mal meine Note verbessern.”
“Das verstehe ich. Dann will ich auch offen zu dir sein! Nicht meine Redegewandtheit war der Grund, dass ich die Gliederung vorstellen wollte. Ich bin nur bei Referaten immer so aufgeregt und hätte deswegen gern den leichten Einstieg gegeben. Bei einer Gliederung kann ich nicht so viel falsch machen, weißt du, Paul?”
“Ja, das kann ich auch gut verstehen. Außerdem….. wollte ich sagen, dass es gemein von mir war, das mit deinen Klamotten zu sagen. Das war nicht so gemeint.”
“Ist schon okay. Du bist nicht der erste, der das sagt!” So langsam fängt Anton schon fast wieder zu lächeln an. Es tut gut, dass Paul sich entschuldigt hat. “Wenn du möchtest, können wir uns ja ab jetzt bei dem Referat unter die Arme greifen. Ich kann gut formulieren, und du weißt besser über die Inhalte Bescheid.”
“Au ja!” – auch Paul findet es gut, dass sich die beiden nun nicht mehr bekriegen. “Ich glaube, wir wären ein gutes Team.”

“Hhhmm-hhhhmm!” Auf einmal erklingt ein Räuspern hinter den beiden. Erschrocken drehen sie sich um, und sehen Direktor Lange im Türrahmen stehen. Er guckt immer noch sehr streng. Er mustert die beiden Jungen von oben bis unten, die jetzt wieder ganz verschüchtert den Kopf zwischen ihre Schultern schieben und ganz schuldbewusst gucken. “Nun gut. Ich bin mit eurer Lösung einverstanden. Unter einer Bedingung.” Prüfend schaut Direktor Lange beiden Jungen in die Gesichter, die jetzt schon etwas fröhlicher dreinschauen. “Ihr werdet auch die beiden anderen Jungen aus eurer Gruppe akzeptieren und an dem Referat mitarbeiten lassen. Auch sie können eure Gruppe stark machen. Und ihr werdet vor der Klasse erklären, dass euer Verhalten falsch war. Den armen Herrn Grümpel habt ihr wirklich erschreckt.” Ist da etwa ein kleines Lächeln unter dem Rauschebart vom Direktor erkennbar? Die Jungen finden ihn jetzt gar nicht mehr so furchterregend. “Das machen wir!” entscheiden sie.

Nachdem der Direktor sie entlassen hat, gehen die beiden Jungen schweigend nebeneinander zur Klasse zurück. Als Anton die Klinke runterdrücken will, sagt Paul: “Warte!! Wer von uns beiden macht denn jetzt eigentlich die Gliederung?” – “Achja! … Ich glaube, das kann jemand anderes aus unserer Gruppe machen, findest du nicht?” – “Klasse Idee!” Und zufrieden lächelnd betreten die beiden das Klassenzimmer.

Text:
Irina Günther, UdK Berlin

 

Die Geschichte von Paul und Anton ist wahrlich ein Lehrstück zur Konflikteskalation und auch zur Konfliktdeeskalation. Ich habe mit Absicht den Text zur Eskalation in einen einzigen Absatz gesetzt, so kann jede und jeder selber versuchen herauszufinden, wo die nächste der neun Eskalationsstufen beginnt.

Die neun Stufen der Konflikteskalation von Friedrich Glasl:

  1. Verhärtung
    Die Standpunkte verhärten sich und prallen aufeinander. Das Bewusstsein bevorstehender Spannungen führt zu Verkrampfungen. Trotzdem besteht noch die Überzeugung, dass die Spannungen durch Gespräche lösbar sind. Noch keine starren Parteien oder Lager.
  2. Debatte
    Es findet eine Polarisation im Denken, Fühlen und Wollen statt. Es entsteht ein Schwarz-Weiß-Denken und eine Sichtweise von Überlegenheit und Unterlegenheit.
  3. Aktionen
    Die Überzeugung, dass „Reden nichts mehr hilft“, gewinnt an Bedeutung und man verfolgt eine Strategie der vollendeten Tatsachen. Die Empathie mit dem „Anderen“ geht verloren, die Gefahr von Fehlinterpretationen wächst.
  4. Koalitionen
    Die „Gerüchte-Küche“ kocht, Stereotypen und Klischees werden aufgebaut. Die Parteien manövrieren sich gegenseitig in negative Rollen und bekämpfen sich. Es findet eine Werbung um Anhänger statt.
  5. Gesichtsverlust
    Es kommt zu öffentlichen und direkten (verbotenen) Angriffen, die auf den Gesichtsverlust des Gegners abzielen.
  6. Drohstrategien
    Drohungen und Gegendrohungen nehmen zu. Durch das Aufstellen von Ultimaten wird die Konflikteskalation beschleunigt.
  7. Begrenzte Vernichtungsschläge
    Der Gegener wird nicht mehr als Mensch gesehen. Begrenzte Vernichtungsschläge werden als „passende“ Antwort durchgeführt. Umkehrung der Werte: ein relativ kleiner eigener Schaden wird bereits als Gewinn bewertet.
  8. Zersplitterung
    Die Zerstörung und Auflösung des feindlichen Systems wird als Ziel intensiv verfolgt.
  9. Gemeinsam in den Abgrund
    Es kommt zur totalen Konfrontation ohne einen Weg zurück. Die Vernichtung des Gegners zum Preis der Selbstvernichtung wird in Kauf genommen.

zitiert aus: Gugel, Günther: Praxisbox Streitkultur. Tübingen: Institut für Friedenspädagogik 2010. Vgl. dazu ausführlich: Glasl, Friedrich: Konfliktmanagement: Ein Handbuch zur Diagnose und Behandlung von Konflikten für Organisationen und ihre Berater. Bern u.a. 8. Aufl. 2004, S. 218 f.

 
Mein Vorschlag für die Bearbeitung des Themas Konflikteskalation / Konfliktdeeskalation in der Ausbildung von Streitschlichtern bzw. Konfliktlotsen in Schule: Kopieren Sie die Geschichte. Kopieren Sie Stufen der Konflikteskalation. Lassen Sie die SchülerInnen die Stufen der Konflikteskalation den verschiedenen Textpassagen zuordnen. Auf welcher Eskalationsstufe nimmt der Konflikt den Weg zur Deeskalation und warum? Falls Zeit ist, können anschließend Bilder zu den einzelnen Stufen gemalt werden.

Und ähnlich kann man natürlich auch mit der Konfliktdeeskalation im Text umgehen: Fragen Sie Ihre SchülerInnen, was zur Deeskalation in diesem Komflikt beigetragen hat und lassen Sie dies auf ein großes Plakat schreiben, das sie anschließend an die Wand hängen.

Zur Deeskalation finden Sie in diesem Blog bereits eine andere Geschichte, in der beschrieben wird, wie die Schülerin Sabine in einem Konflikt mit ihrem Lehrer deeskalierend kommuniziert …

Herzlichen Dank an Irina Günther zur Abdruckgenehmigung für diesen Text.
Christa D. Schäfer

Thema: Kommunikation, Konflikte | Kommentare (0) | Autor:

Unterrichtsstörung – Physik siebte Stunde

Mittwoch, 1. Februar 2012 10:12

Es ist an einem ganz normalen Donnerstag. Siebte Stunde Physik, 14.00 Uhr.

Die Schüler tummeln sich unruhig wartend auf dem Gang, stecken ihre Augen noch einmal schnell in die krakeligen Physikformeln und warten. Peng, die Tür springt auf. Der Physiklehrer steht am Anfang des Gangs zum Physiktrakt. „ACHTUNG ER IST DAAA, ER KOMMMT!“, ruft ein Schüler. Es wird mucksmäuschenstill. Geladen wie eine rollende Dampfwalze und mit hochrotem Kopf erreicht der dicke Alte schnaufend den Raum und schließt die Tür auf. Die Schüler stürmen herein, die hölzernen Stühle zerhacken den Boden, die Fenster werden geöffnet und von wütenden Mädchen, die immer frieren, wieder zugeknallt. Der Lehrer kneift seine Augen zusammen. Er denkt sich im Inneren „Na toll, die sehen aber wieder motiviert aus. Und diese drei kleinen blonden frechen Jungs lachen mich doch permanent aus. Ja, die machen sich über mich lustig. Da – da haben wir’s. Schon wieder lachen sie. Und diese Sabine. Wie sie schon wieder gelangweilt und träge da sitzt. Jede Stunde dieses fahle Gesicht. Für nichts zu begeistern. Die hat doch was gegen mich. Die guckt mich jede Stunde so an, als hätte sie was gegen mich. Die guckt mich angewidert an! Das ist kein Spaß. Ich seh’s doch genau, bin doch kein Blinder. Na woll’n wir doch mal sehn, der werd ich’s schon zeigen. Dann woll’n wir mal sehn, wer hier am längeren Hebel sitzt. (Insgeheim grinste Herr Schniedler in sich hinein.) Ohne eine Begrüßung geht der Unterricht auch schon los. „SO“, schreit er und führt mit gereizter und angespannter Stimme fort: „es gibt ja IMMER noch Leute unter euch, DIE MIR JETZT GERNE IHRE HAUSAUFGABEN VORTAGEN, SABINE, AN DIE TAFEL!“

Sabine hat ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Sie hat es versucht, aber nach zwei Sekunden aufgegeben. Sie hat einfach nichts verstanden. Sie ist ein schüchternes Pferdemädchen. Sie hat es nicht hinbekommen. Sie hat wahllos irgendwelche Formeln aufgeschrieben, um wenigstens etwas im Heft stehen zu haben. Aber, sie hat es wenigstens versucht.

„AUF WAS WARTEST DU, WIR WOLLEN ALLE AUCH IRGENDWANN NOCHMAL NACH HAUSE“. „Ääähm…. Herr.. Herr Schniedler… ich … hab’ das noch nicht so ganz verstanden …“ „WAS GIBT ES DENN DA NICHT ZU VERSTEHN?“, schallt es ungedulig aus ihm heraus, als hätte er durch ein viel zu lautes Mikrophon gesprochen. „Ehm naja …“

„FRECHHEIT, VERSUCH ES DOCH WENIGSTENS, AUF, MACH JETZT. AN DIE TAFEL. MENSCHENSKINDER, HERRGOTTNOCHMAL“ Seine Stimme wirkt mächtig wie ein Donnergrollen. Alle sind ernst, keiner wagt sich mehr zu lachen oder dem Lehrer in die Augen zu sehen. Denn: Anscheinend hatte niemand die Hausaufgaben so richtig verstanden. Und jeder wusste, ein falsches Wort und der Vulkan bricht aus! „ES KANN DOCH NICHT ANGEHN BEI SO EINER LEICHTEN AUFGABE EINFACH NICHTS ZU SAGEN ZU HABEN. MÄDCHEN“ Herr Schniedler stampft wütend mit seinem Bein auf den Boden und es tat einen Schlag! Jeder im Raum erschreckt sich. Die Schülerin, die Sabine, die fängt an zitternd, zu weinen. „DAS IST DOCH JETZT KEIN GRUND ZU WEINEN“, schrie er erboßt, „DU HAST ES EINFACH NICHT GEMACHT, JETZT SIEH ZU, DASS DU DEINEN MUND AUFMACHST“. Ein Schüler ist ergriffen vom Zorn und schreit wutentbrannt: „DAS KANN DOCH NICHT SEIN, DASS EIN LEHRER EINE SCHÜLERIN SO ANSCHREIT, WEIL SIE ETWAS NICHT VERSTANDEN HAT.“ Danach war der Schüler heiser und die Stunde, die Stunde war dahin. Dann meldete sich ein freiwilliger Streber, ein Physik-Ass und löste die Aufgabe.

Einen Tag später geht Sabine, nachdem sie sich mit einer Vertrauenslehrerin beraten hat, in Herrn Schniedlers Sprechstunde.

„Herr Schniedler, mir ist die gestrige Physikstunde nicht mehr aus dem Kopf gegangen, ich weiß nicht wie es Ihnen geht. Auf jeden Fall wollte ich mich entschuldigen, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe. Ich habe es ja versucht, aber habe keinen kompletten Lösungsweg gefunden.“

„Sabine, verstehe mich nicht falsch, aber du bist mir schon öfters aufgefallen, dass du Hausaufgaben offensichtlich nicht gemacht hast. Aber wenn du schon Lösungsansätze hast, warum hast du diese denn nicht einfach vorgeschlagen? Das ist doch schon mal ein gutes Zeichen wenn wenigstens jemand ein bisschen was hat.“

„Ganz ehrlich Herr Schniedler, ich hatte den Eindruck, dass sie so extrem gereizt gewesen waren, … da habe ich mich einfach nicht mehr getraut.“

„Jaa, da könntest du recht haben. Weißt du, ich bin immer ganz unterzuckert, weil es die 7. Stunde ist und ich wurde in der großen Pause davor gerade noch zu einem Pausenaufsichtsdienst verdonnert. Und ja, ich hätte nicht so rumbrüllen brauchen. Dafür möchte ich mich entschuldigen.“

„Dann machen wir doch ein Abkommen. Sie sorgen dafür, dass Sie nicht völlig ausgehungert zur Stunde erscheinen und wir versuchen die Hausaufgaben besser zu lösen, unter der Voraussetzung, dass Sie sich Mühe geben und nicht gleich an die Decke gehen, wenn jemand etwas nicht weiß.“

„Ja Sabine, so machen wir es. Ich danke dir, dass du das Thema angesprochen hast. Das zeigt mir, dass dir das Fach nicht ganz egal ist.“

Text:
Melanie Schaum, UdK Berlin

 

Dieser Text ist in meinem Seminar an der UdK zum Thema „Konflikte in und um Schule“ entstanden. Vollkommen realistisch wird im Text die Situation einer Unterrichtsstörung geschildert. Herr Brummig würde sagen: Sabine hat den Unterricht gestört. Die Schüler der siebten Klasse würden sagen: Herr Brummig ist mal wieder total mies drauf und macht scheiß Unterricht.

Der Vertrauenslehrerin aber kommt ein großer Verdienst in dieser Geschichte zu. Sie hat es geschafft, Sabine so aufzubauen, dass diese sich traut zu Herrn Brummig zu gehen und den entstandenen Konflikt gut zu lösen.

Dabei nutzt sie viele Möglichkeiten, die im Konfliktfall deeskalierend wirken:
Sie sucht den Kontakt und das Gespräch mit Herrn Brummig.
Sie verzichtet im Gespräch auf eine anklagende Haltung.
Sie macht ihr eigenes Verhalten transparent.
Sie zeigt Verantwortung für ihr Verhalten.
Sie interessiert sich für die Sichtweise von Herrn Brummig.
Sie nimmt die Interessen von Herrn Brummig ernst.
Sie schlägt eine Lösung vor, die sowohl ihr als auch Herrn Brummig entgegen kommt.

Ob Herr Brummig in der Realität allerdings so zugänglich wäre, wenn Sabine zu ihm kommt, das weiß man nicht. Dennoch könnten sich verschiedene real existierende Lehrer Brummig an Sabines deeskalierender Kommunikation und ihrem konstruktivem Konfliktlöseverhalten ein Beispiel nehmen …

Besten Dank an Melanie Schaum für dieses wunderbar Beispiel
sagt Christa Schäfer

 

Weitere Geschichten zum Thema Unterrichtsstörungen …

Und ein ganzes Buch über Unterrichtsstörungen …

Thema: Kommunikation, Konflikte, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Mediation am Landwehrkanal

Montag, 16. Januar 2012 7:02

Ende 2007 hat sie begonnen, die Mediation um den Berliner Landwehrkanal. Zuvor, im April 2007 ist eine gemauerte Kanalwand am Maybachufer abgesackt. Taucher stellten bei einer Begutachtung der Unglücksstelle fest, dass die gesamte Uferbefestigung des Kanals auf einer Länge von 11 Kilometern marode war. Das Wasser- und Schiffahrtsamt veranlasste daraufhin, 200 Bäume am Landwehrkanal zu fällen – das Gewicht der Bäume trage zum Absacken des Ufers bei. Proteste, Bürgerinitiativen und eine Baumpatrouille regten sich und wollte Bäume und Landwehrkanal schützen. 37 Bäume wurden dennoch im Juli 2007 gefällt, teilweise unter Polizeischutz.

Mittlerweile ist wissenschaftlich nachgewiesen, „dass das Wurzelwerk der Bäume eher gut ist für eine Stabilisierung des Ufers.“ – so der Tagesspiegel vom 15.01.2011 unter dem Titel „Wasserstraße ins Ungewisse“.

Die 2007 beginnende Mediation ist eine der längsten bisher in Berlin abgehaltenen. Zahlreiche Arbeitskreise und -gruppen tagen regelmäßig, das Forum hält im Februar seine 34. Sitzung ab. Verzögerungen im sich lange hinziehende Mediationsverfahren werden von der Verwaltung den Bürgern, und von den Bürgern der Verwaltung angelastet. Derzeit werden „Realisierungsvarianten“, danach „Zielvarianten“ entwickelt. Wir werden sehen, wie es weiter geht …

Fachlich gesehen ist diese Mediation eine Umweltmediation bzw. eine Mediation im öffentlichen Bereich.

Definitionen

Umweltmediation
wird hauptsächlich mit „Umwelt(schutz)mediation“ assoziiert

Mediation im öffentlichen Bereich
entwickelte sich geschichtlich gesehen aus dem Begriff der Umweltmediation, indem der Begriff der „Umwelt“ im Sinne von gesellschaftlichem Umfeld oder Lebensfeld konkretisiert wurde.

Eine erste Definition hierzu entstand im Umfeld von Horst Zillessen, einem der ersten Umweltmediatoren im deutschsprachigen Raum: „Gegenstand dieser Verfahren sind Konflikte im öffentlichen Raum, also im politisch-administrativen gestaltbaren gesellschaftlichen Bereich. Damit ist sowohl der physische Raum (bei konkreten baulichen Projekten und Vorhaben) als auch der soziale Raum (bei der Vorbereitung oder der Erstellung von Programmen und politischen/rechtlichen Normvorstellungen) gemeint. Weiter identifiziert sie in Abgrenzung zu anderen Mediationsfeldern als Haupterkennungsmerkmal die Beteiligung von Vertretern aus Politik und Verwaltung.“
Quelle: MEDIATOR – Zentrum für Konfliktmanagement und -forschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Mediation im öffentlichen Bereich. Oldenburg 2004. Nach: Schulz, Olaf: Gemeinwesenmediation als Methode partizipativer Gemeinwesenarbeit. GRIN Verlag 2004.

Die Konfliktaustragung findet im öffentlichen Raum statt – im Gegensatz zur Sphäre des Privaten oder der Arbeitswelt in anderen Bereichen der Mediation. „Die einer Mediation im öffentlichen Bereich zugrunde liegenden Konflikte werden in der Öffentlichkeit diskutiert, im gesamten Bereich der politischen Willensbildung: in Parteien genauso wie in Verwaltungen, betroffenen Unternehmen oder Bürgerinitiativen.“
Quelle: Rüssel, Ulrike: Grundlagen der Mediation im öffentlichen Bereich, in: Niedostadek, André: Praxishandbuch Mediation. Stuttgart, München u.a.: Boorberg 2010. S. 54.

Fachtag November 2011 zur „Mediation im öffentlichen Bereich“ in München

Am 18. November 2011 hat in München eine Fachtagung zum Thema „Mediation im öffentlichen Raum“ stattgefunden. Gut 150 MediatorInnen haben diesen spannenden und vielfältigen Fachtag der Stelle für Gemeinwesenmediation der Stadt München (SteG) besucht. SteG wird von Frau Dr. Eva Jüsten geleitet. Die zu SteG gehörigen MediatorInnen vermitteln bei Konflikten im gesamten Stadtgebiet, und natürlich auch bei Streitigkeiten im öffentlichen Raum. Wer den von mir auf dieser Tagung gehaltenen Eröffnungsvortrag zum Zusammenhang zwischen Mediation im öffentlichen Raum und Gemeinwesenmediation gerne nachlesen möchte, der kann sich das handout hier herunterladen

Infos zur Gemeinwesenmediation

Und wer Informationen zur Gemeinwesenmediation in Deutschland sucht, dem sei weiterhin das erste deutschsprachige Buch zum Thema Gemeinwesenmediation natürlich wärmstens empfohlen:

Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Umweltmediation | Kommentare (0) | Autor:

Traumatisierte Kinder,

Montag, 2. Mai 2011 7:43

das ist ein Thema, das auch in diesem Blog durchaus seinen Platz finden muss.

Berlin, April 2011

Zwei bislang unbekannte Halbwüchsige (Alter: ca. 11 bis 14 Jahre) rauben einem Elfjährigen auf einem Spielplatz am Halensee dessen Halskette. Anschließend sollen sie ihr Opfer mit einem Messer bedroht haben.

Ein Elfjähriger hat im Berliner Bezirk Wedding mit einer Soft-Air-Pistole auf andere Kinder geschossen, um Geld zu erpressen. Später steckt er dann sogar einem Jungen ein brennendes Streichholz in die Nase.

Im Berliner Bezirk Lichtenrade geht ein siebenjähriger Junge mit einem abgebrochenen Küchenmesser auf einen neunjährigen Jungen los und verletzt diesen im Gesicht. Die Wunde muss genäht werden.

Von 2005 bis 2009 stieg die Zahl der Gewalttaten, bei der unter 14-Jährige die Tatverdächtigen sind, von 1440 auf 1789 Fälle. Die meisten Fälle davon sind Körperverletzung aus, die sich von 1170 Taten auf 1480 erhöht haben. Laut Polizeistatistik 2010 ist die Gesamtzahl der von Kindern begangenen Straftaten im Vergleich zu 2009 gesunken. 2009 gab es 5730 tatverdächtige Kinder, 2010 waren es nur noch 5360, davon 273 unter acht Jahren.

Wie man sich leicht vorstellen kann, ist es gut möglich, dass Gewalt unter Kindern zu einer psychischen Traumatisierung führt.

„Eine traumatische Situation bedeutet für ein Kind eine extreme, existenzielle Bedrohung. Dabei kann das Kind entweder sich selbst sowie seine körperliche und seelische Einheit oder andere Menschen als bedroht erleben. Entscheidend ist, dass das Kind das Gefühl hat, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können, um sich oder den anderen aus der extremen Not herauszuhelfen.“ (Krüger, Andreas: Erste Hilfe für traumatisierte Kinder. Düsseldorf: Patmos Vlg., S. 19)

Das Buch “Erste Hilfe für traumatisierte Kinder”, dem ich diese Definition einer traumatischen Situation entnommen habe, bietet wichtige fachliche Grundlagen zum Thema, beleuchtet Auswirkungen von Traumatisierungen auf das soziale Umfeld und gibt Hinweise zum Umgang mit psychischen Traumatisierungen. Es ist als Einführungsliteratur für LehrerInnen und PädagogInnen absolut empfehlenswert.

In diesem Buch erfahren Sie alles Wissenswerte zum Thema „traumatisierte Kinder“. Sie erfahren, was in den ersten Momenten einer traumatisierenden Situation getan werden sollte und was in der unmittelbaren Folgezeit wichtig wird. Und natürlich können Sie auch über die Haltung lesen, mit der eine Erzieherin oder eine Lehrkraft einem schwer seelisch verletzten Kindern in oder kurz nach der Akutsituation begegnen sollte.

Ach ja, und dann möchte ich Ihnen noch vorstellen, wie einfühlsam und anschaulich Andreas Krüger Kindern den Begriff traumatische Situation erläutert:

„Stell dir mal ein Kaninchen vor, das gerade von einer Katze verfolgt wird. Das Kaninchen kann sich gerade noch in einen Winkel zwischen zwei Steinen retten. Die Katze kann nicht an das Kaninchen ran, aber die Tatze der Katze flitzt die ganze Zeit vor den Augen des Kaninchens hin und her. Das Kaninchen sitzt in einer Falle: Es kann weder weglaufen, noch kann es kämpfen und sich wehren. So eine Situation, die nennt man eine traumatische Situation – wenn ganz große Gefahr da ist ud man absolut gar nichts mehr machen kann und riesige Angst hat. Man könnte das auch „Nichts-geht-mehr Situation“ nennen. Menschen kann es auch so ergehen, wenn sie zuschauen müssen, wie anderen etwas Schlimmes passiert. Wir fühlen ja mit anderen mit, und da kann es Menschen manchmal genauso Angst machen, wenn sie mit zusehen müssen. Das wäre so, als müsste der Bruder von dem Kninchen vom Kaninchenbau aus zusehen und Angst um seinen Bruder haben, der gerade von der Katze gejagt wird. Da ist das kleine Herz vom Kaninchen und seinem Bruder wie schockgefroren: Nichts geht mehr, Wut und vor allem die Tränen sind dann wie eingefroren …“ (S. 120 f.)

Ich hoffe, dass Sie nicht in die Situation kommen, ein traumatisiertes Kind zu betreuen, aber ich hoffe, dass Sie, wenn Sie in diese Situation kommen, das Kind gut unterstützen können.
Christa D. Schäfer

Thema: Allgemein, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Zwei Mal Alice

Montag, 24. Januar 2011 7:04

Alice im Wunderland ist das Kinderbuch des britischen Schriftstellers Lewis Carroll, das 1865 erschienen ist. „Alice im Netz“ ist ein Jugendbuch der Kinder- und Jugendbuchautorin Antje Szillat, das 2010 erschienen ist. Die Alice von 1865 lebt in einer fiktionalen Welt, Alice im Netz bewegt sich in virtuellen Welten.

Die heutige Alice aus dem Roman von Antje Szillat schreibt einen privaten Schulblog, der sich im Laufe von zwei Jahren zu einem viel besuchten, öffentlichen Schultagebuch entwickelt hat. Über so ziemlich alles berichtet Alice darin, über Lehrerinnen und Lehrer, ihre Mitschülerinnen und Mitschüler. Natürlich kommen alle Figuren in ihrem Blog nur unter einem Tarnnamen vor. Dennoch erkennt man natürlich in ihren spöttischen, lustigen und mitunter vernichtenden Artikeln die Personen hinter den anonymisierten Namen.

Obwohl Alice unter dem Namen „Rasende Rita“ in Erscheinung tritt, wissen doch einige ihrer Mitschüler, wer hinter dem Blog steht. Und da sie allzu sorglos mit Informationen über sich und andere umgeht, lässt das Unheil nicht lange auf sich warten. Irgendwann meldet sich Jared bei ihr mit den Worten „Alice! Alles, was ich über dich weiß, hast du mir selbst verraten. Alles, was du über mich wissen musst, ist, dass ich dich liebe – und dass du mir nicht entkommen kannst …“ Damit nimmt das Schicksal seinen Lauf und Alice gerät in eine heftige Geschichte hinein. Erst wird sie in ihrem Zimmer nachts gefilmt und der Film landet im Netz, dann wird die Geschichte immer verworrener und Alice landet in einem lebensbedrohlichen Alptraum.

Ausgelöst durch die freizügige Art des Schreibens gerät Alice in eine Situation, die zwischen Cyber-Mobbing und Cyber-Stalking angesiedelt ist.

Mobbing bedeutet umgangssprachlich, dass jemand über einen längeren Zeitraum geärgert, schikaniert, in passiver Form als Kontaktverweigerung mehrheitlich gemieden oder in sonstiger Weise in seiner Würde verletzt wird. In der Form des Cyber-Mobbings passiert dieses Ärgern, Schikanieren usw. mit Hilfe elektronischer Kommunikationsmittel über das Internet, in Chatrooms oder per handy und Telefon.

Stalking meint nach M. Pathe und P.E. Mullen (1997) eine „Verhaltenskonstellation, in der eine Person der anderen wiederholt unerwünschte Kommunikation oder Annäherung erzwingt“. Den Begriff des Cyber-Stalkings gibt es meines Wissens nach als solchen bisher noch nicht. Meiner Ansicht nach müsste man darunter folgerichtig ein Stalking verstehen, das beispielsweise angeregt durch das Internet startet und sich dann auf reale Situation ausweitet. Genau damit haben wir es in dem Buch „Alice im Netz“ zu tun.

Die australischen Wissenschaftler P.E. Mullen, M. Pathe und Purcell haben in ihrem Buch „Stalkers and their victims“ (Cambridge University Press, Cambridge) eine psychologische Einteilung der Stalker in sechs Gruppen vorgenommen. Sie berichten von zurückgewiesenen Stalkern, intellektuell retardierten Stalkern, rachsüchtigen Stalkern, erotomanen morbiden krankhaften Stalker, sadistischen Stalkern und beziehungssuchenden Stalkern. Diese Klassifizierung zugrunde legend findet man in dem Buch „Alice im Netz“ den beziehungssuchenden Stalker. Eine Fehlwahrnehmungen des Stalkers in Bezug auf die Beziehungsbereitschaft des Opfers führt das Opfer in eine angstauslösende krisenhafte traumatische Situation.

Psychische Störungen sind meist die Folge für das Opfer von Stalkingsituationen, mitunter gehen sie sogar mit einer PTBS, einer Posttraumatischen Belastungsstörung aus derartigen Situationen heraus. Schülerinnen und Schülern aus den Schuljahren 7. bis 9., die dieses Buch gelesen haben, werden sich sicherlich nicht mehr unvoreingenommen und naiv in den sozialen Netzwerken im Internet bewegen. „Heilsam, aber knallhart“, so meine Empfehlung für dieses Buch. Damit reiht es sich wunderbar in die Liste meiner Empfehlungen für die Mobbingprävention in Schulklassen ein. Zu diesem Buch gibt es übrigens auch ausführliche Unterrichtsempfehlungen.

Christa D. Schäfer

 

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Thema: Konflikte, Literaturempfehlungen, Schulmediation | Kommentare (0) | Autor:

Halbmondwahrheiten und Konflikte

Montag, 22. November 2010 9:58

Halbmondwahrheiten, das ist ein Begriff, den Kemal geprägt hat. Kemal ist einer der 12 Männer, mit denen die Journalistin Isabella Kroth Interviews geführt und deren Geschichten sie aufgeschrieben hat. Halbmondwahrheiten, so heißt auch das Buch, über das ich hier berichten möchte.

„Türkische Männer in Deutschland. Innenansichten einer geschlossenen Gesellschaft“, so lautet der Untertitel dieses Buches und es ist ein bewegender Bericht über türkische Männer, über Probleme und Konflikte im Spannungsfeld eines türkisch-deutschen Lebensbildes. Das Buch schildert auch die Geschichte Kazim Erdogans, der vor vier Jahren eine Männergruppe in Berlin Neukölln gegründet hat. Dort können türkische Männer von 25 – 70 Jahren über ihre Probleme sprechen, über Schwierigkeiten in ihrer Familie, mit ihren Kindern und ihren Frauen, über Arbeitslosigkeit und das Leben in einem fremden Land. Viele der Männer schaffen es kaum, den Widerspruch zwischen ihrer traditionellen Männerrolle und der sie umgebenden Gesellschaft auszuhalten.

Ehrenmord, Zwangsheirat, Gewalt, das sind Begriffe, die oft mit muslimischen Männern in Verbindung gebracht werden. Dass Männer auch ganz schnell Opfer ihrer Situation werden und sein können, das zeigt uns Isabella Kroth in ihrem Buch „Halbmondwahrheiten“. Die Geschichten sind eindrucksvoll, spannend, erschütternd. Sowohl für PädagogInnen als auch für MediatorInnen ist dieses Buch ein absolutes Muss.

Kemal beispielsweise verbrachte seine Kindheit bei seinen Großeltern in der Türkei, in Ayvalik an der türkischen Ägäisküste. Im Alter von sieben Jahren wird er von seinen damals in Deutschland lebenden Eltern quasi nach Deutschland entführt. Sein Leben bleibt von Entwurzelung und Neuanfängen geprägt, mal in Deutschland, mal in der Türkei. Seit der Trennung von seiner Frau sind auch seine beiden Kinder getrennt, der eine Sohn wohnt bei ihm in Berlin, der andere bei seiner Frau in der Türkei.

Was dieses Leben für Probleme und Konflikte hervorruft, kann man ansatzweise ahnen; in Isabella Kroths Buch Halbmondwahrheiten kann man es nachlesen. Interkulturelle Kompetenz setzt auch Wissen voraus, und ein Stück davon kann man sich in diesem Buch erlesen. Hoffentlich habe ich Ihnen dieses Buch ans Herz legen können, denn ich wünsche ihm viele viele Leser. Viele Leser auch gerade aus Berlin, denn es schildert Geschichten, die uns in Berlin nahe sind, die uns aber verschlossen sind und von denen wir aber nichts wissen.

Passend dazu gibt es übrigens derzeit im Kreuzberg Museum in der Adalbertstr. 95A in Berlin noch bis zum 6. Februar eine Ausstellung, in der Lebensgeschichten von Migrantinnen aufgezeigt werden. Migrantinnen, das sind hier türkische Gastarbeiterinnen, die nach Deutschland gekommen sind, und es sind auch deutsche Frauen, die in der Türkei, in Istanbul leben.

„Die Geschichte einer Migration beginnt mit dem Abschied vom Leben in der alten Heimat, zurück bleiben Freunde und Familie. Wer diesen Schritt wagt, steht vor der Mammutaufgabe, sich in einem anderen Land zurechtzufinden, eine fremde Sprache zu lernen und den Alltag in einer Welt zu meistern, die auf völlig anderen Bräuchen und Sitten fußt.“ so der Tagesspiegel zu dieser Ausstellung.

„Die Männer wagen einen Tabubruch, indem sie offen über Schwächen, Fehler und manchen religiös oder traditionell begründeten Irrglauben sprechen. Polygamie, die Gedanken an einen Ehrenmord, Drogenhandel, Scheinehe – sie erklären, wie es dazu kommen kann. Ich will in den Geschichten nicht be- oder verurteilen, sie sollen ein Versuch sein, zu erklären; deshalb sind sie so wertneutral wie möglich aufgeschrieben. Wer nicht zuhört, wer zu schnell urteilt, dem bleibt jede Gesellschaft verschlossen. Die Männer geben Einblick in eine Gesellschaft, die wie von unsichtbaren Mauern umgeben zu sein scheint. Diese Männer haben sie durchbrochen.“ so Isabella Kroth in dem Vorwort zu ihrem Buch „Halbwahrheiten“. (S. 15)

Die hier angesprochene Form der Interkulturellen Kompetenz sollte für viele Menschen Vorbild sein: Im Umgang mit Menschen aus fremden Kulturen deren spezifische Konzepte der Wahrnehmung, des Denkens, Fühlens und Handelns erfassen und begreifen; frühere Erfahrungen frei von Vorurteilen mit einbeziehen und erweiteren. Das ist der Weg, den wir in einer interkulturell geprägten Gesellschaft gehen sollten.

Nicht nur MediatorInnen, die Interkulturelle Mediationen durchführen, dürfen dafür Experten sein.

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Konflikte, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Fortschritte in der Mediation zur Admiralbrücke

Montag, 13. September 2010 23:55

Seit Frühjahr gibt es, wie hier im Blog berichtet, eine Mediation zur Berliner Admiralbrücke. Zahlreiche Menschen treffen sich hier insbesondere bei gutem Wetter auf der Brücke, um zu feiern. Es sind Berliner, die dort feiern, und es sind Berlinbesucher, die in ihrem Reiseführer von der Brücke gelesen haben. Die Anwohner finden das gar nicht lustig.

Im August musste wegen einer Eskalation erneut eine Hundertschaft der Polizei im Konflikt eingreifen.

Wie der Berliner Tagesspiegel jetzt berichtete, hat der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich die Admiralbrücke besucht:

„Eigentlich wollte Klaus Wowereit auf der Admiralbrücke nur einen kleinen Scherz machen. Man solle doch die Verlage anschreiben und sie bitten, die Admiralbrücke in ihren Reiseführern nicht mehr als Geheimtipp und ultimativen Partyort zu bewerben, schlug der Regierende Bürgermeister (SPD) bei seinem Kiezbesuch in Friedrichshain-Kreuzberg augenzwinkernd vor. Alle lachten. Keiner der Anwesenden sah darin offenbar ernsthaft eine Möglichkeit, den seit drei Sommern bestehenden Konflikt zwischen genervten Anwohnern und feierfreudigen Brückengästen im Graefekiez zu lösen. Doch seitdem ist die Idee in der Welt – und tatsächlich wurden inzwischen Briefe ähnlichen Inhalts an Reiseführerverlage verschickt.“

Jetzt im September ist das Berliner Wetter wieder etwas kühler geworden und ich bin gespannt, wie die Mediation weiter geht. Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

6 billion others

Montag, 16. August 2010 7:36

- so heißt eine Ausstellung, die derzeit in Marseille gezeigt wird.

„It began with a helicopter breakdown in Mali. While I was waiting for the pilot to arrive, I spent an entire day talking with a villager. He told me about this everyday life, his hopes, his fears: his sole ambition was to feed his children. Taking a break from my work for a magazine, I found myself immersed in the most basic of concerns. The way he looked me straight in the eye contained no hint of complaint, demand or resentment. I had come here to work as a landscape photographer … but I had been captivated by his face, his words.“ (Yann Arthus Bertrand)

Das Projekt stammt von dem Fotografen Yann Arthus-Bertrand, den man durch seine Fotos und Fotoausstellungen „Die Welt von oben“ in der Zwischenzeit auch in Deutschland sehr gut kennt. 2003 haben Sibylle d’Orgeval und Baptiste Rouget-Luchaire die Projektarbeiten aufgenommen und 5.600 Interviewporträts in 78 Ländern von 6 Reportern drehen lassen. Ein brasilianer Fischer kam dabei genauso zu Wort wie ein australischer Rechtsanwalt, ein deutscher Künstler, ein Bauer aus Afghanistan und viele viele viele weiter. Alle haben dieselben 40 Fragen beantwortet: Was ist Ihre erste bewusste Erinnerung? Von was haben Sie als Kind geträumt? Was haben Sie von Ihren Eltern gelernt? Was möchten Sie gerne an Ihre Kinder weiter geben? Sind Sie glücklich und wie definieren Sie Glücklichsein? Was würden Sie in Ihrem Leben gerne ändern?

Äußerst interessant sind auch die Fragen zu Emotionen: Was ärgert Sie besonders und warum? Was war die schwierigeste Situation, die Sie in Ihrem Leben meistern mussten und was haben Sie daraus gelernt? Was würde Sie dazu bringen, jemanden umzubringen? Wie definieren Sie Liebe und denken Sie, dass Sie genug Liebe geben und empfangen?

Man muss sich vorstellen, dass es zu jeder der 40 Fragen 5.600 Antworten gibt von Frauen und Männern in 50 verschiedenen Sprachen aus 78 Ländern der Welt. Das ist wunderbar. Wer Menschen liebt, kann stundenlang zuhören und zuschauen. Da herrscht manchmal Verwunderung vor, manchmal Zustimmung oder Staunen. Es gibt Szenen, da möchte man mitweinen oder die Interviewten in den Arm nehmen, und es gibt andere Szenen, da muss man lächeln oder auch bei einigen Antworten richtig lachen.

Auf der englischsprachigen Webseite des Projektes „6 billion others“ kann man einige kurze Beispielsfilme mit Antworten zu Gefühlen wie Angst, Trauer, Ärger und Freude finde.

Über 6 Milliarden Menschen gibt es derzeit auf der Erde.
Wir sind alle unterschiedlich.
Wir alle haben unterschiedliche Erfahrungen und Geschichten.
Ist das nicht wunderbar?

Das Projekt passt so gut auch nach Berlin mit all seinen vielen unterschiedlichen Menschen, die natürlich auch ganz unterschiedliche Erfahrungen, Ansichten und Sichtweisen haben. Da heißt es stets, gut miteinander zu kommunizieren, Dinge auszuhandeln und Toleranz zu zeigen.

Christa D. Schäfer

Wenn Sie schauen wollen, wovor sich Kinder fürchten und was die tollsten Sachen sind, die ihnen passieren, dann finden Sie auch dazu Hinweise hier im blog.

Thema: Emotionale Intelligenz, Konflikte, Soziales Lernen, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Wieder Nachbarschaftsmediation im RTL

Montag, 9. August 2010 7:33

Letztes Jahr im Sommer kam Andreas Kolb und hat Nachbarschaftsstreit im Fernsehen durch Mediation gelöst, ich berichtete darüber. Dieses Jahr ist es Streitschlichter Franz Obst, der „im Einsatz“ ist.

Letzte Woche hatte er einen Konflikt zu bearbeiten, in dem ein Rentner in einer niedersächsischen Kleinstadt im Streit mit der gesamten Nachbarschaft lag. Er hat buchstäblich viele seiner Nachbarn terrorisiert und zwei Ehepaare haben in Folge dessen um eine Streitschichtung gebeten. Der Rentner selber war nicht an einem gemeinsamen Gespräch interessiert, eine Mediation (im Film wird von Schlichtung gesprochen) kam deshalb nicht zustande. Es gab stattdessen ein Konfliktcoaching bzw. eine Konfliktberatung zu sehen, bei der sogar zwei „Verhaltenstrainer“ zum Einsatz kamen, die den terrorisierten Ehepaaren gezeigt haben, wie sie sich deeskalierend und geschickt in den diesbezüglichen Krisensituationen verhalten können.

Diese Woche geht es um zwei befreundete Ehepaare, bei denen aus Freundschaft Feindschaft wird. Falls es Sie interessiert: Mittwoch Abend, den 11.8.2010 um 20:15 Uhr im RTL.

In Internet können Sie auf der Seite von RTL die Streitfälle jeweils 7 Tage lang nach der Sendung kostenfrei ansehen, danach sind sie für 0,99 € zum Anschauen herunterladbar.

An dieser Stelle möchte ich gerne meine Worte wiederholen, die in meinem Blogbeitrag zum Thema letztes Jahr den letzten Absatz bildeten:

Falls Sie in Berlin eine kostenfreie, auf Spendenbasis basierende Nachbarschaftsmediation suchen, so wenden Sie sich bitte an das MediationsZentrum Berlin. Und falls Sie ein Buch zum Thema Nachbarschaftsmediation suchen …, letztes Jahr ist das erste deutschsprachige Buch erschienen!

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Mediationsverfahren, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation | Kommentare (5) | Autor:

Konflikte und Schlägereien im Sommerbad

Montag, 19. Juli 2010 8:07

Sommer 2009

Der größte Polizeieinsatz 2009 in einem Berliner Sommerbad fand am Columbiadamm statt, 50 Störer arabischer und türkischer Herkunft wurden dort von Polizisten vom Gelände geführt.

Juni 2010

Der erste größere Konflikt des Jahres 2010 findet im Sommerbad Pankow statt, im Bad an der Wolfshagener Straße. Ein 13jähriges Mädchen wird dort von einer Gruppe Jugendlicher angegriffen.

10. Juli 2010

In Berlin Neukölln musste ein Sommerbad geräumt werden, weil sich zwei „konkurrierende Familienclans mit Migrationshintergrund“ dort im Freibad eine Schlägerei geliefert haben. Gegen 17 Uhr gingen zunächst einige Jugendliche aufeinander los. Ein Wachmann wollte schlichten und geriet zwischen dazwischen, er wurde verletzt. Daraufhin ließen die Berliner Bäderbetriebe das Bad vorsorglich räumen, weil eine Eskalation der Situation drohte, ca. 7.000 Besucher müssen das Bad verlassen. Als die Polizei kam, waren die meisten Menschen schon gegangen, wahrscheinlich auch die Jugendlichen, die die Schlägerei begonnen hatten, denn die waren nun nicht mehr auszumachen. Deshalb gab es auch keine größeren Verletzungen.

In der Folge dieses Vorfalls diskutiert Berlin heftig. Die Junge Union fordert eine Schließung des Neuköllner Sommerbads für eine Woche, damit ein „Lerneffekt“ eintreten kann. Die Neuköllner Partei Die Grünen fordert hingegen längere Öffnungszeiten, damit sich die Jugendlichen und deren Gemüter mehr abkühlen könnten. Das Sicherheitspersonal im Schwimmbad wurde jedenfalls erhöht. „Wir wollen nichts schönreden“, sagt M. Oloew (Sprecher der Berliner Bäderbetriebe), „bei der Hitze kommt es in vollen Bädern tatsächlich zu Aggressionen. Aber man soll auch nicht so tun, als befänden sich unsere Gäste mitten in Schützengräben.“

Die Aggressivität in Berliner Freibädern ist hoch: Pöbeleien, Drängeln, Provozieren, das ist keine Seltenheit. Oft, oder soll ich sagen meist, sind es Jugendliche arabischer oder türkischer Herkunft, die in den Streit verwickelt sind.

16. Juli 2010

Dieses Mal findet die Eskalation im Prinzenbad statt: Es gibt eine Schlägerei auf einer Liegewiese des Sommerbades Kreuzberg, das Wachpersonal versucht die Kontrahenten auseinander zu halten, ein vierjähriges Mädchen gerät zwischen die Fronten und erhält einen Schlag in den Bauch, die Sicherheitsbeamten sind im Anmarsch, die Kontrahenten fliehen, erneut muss ein Berliner Sommerbad gegen 19 Uhr geräumt werden, ca. 5.000 Besucher verlassen das Bad, die Tatbeteiligten sind weg.

Derzeit haben übrigens ca. 300 Berliner Hausverbot bei den Berliner Bäderbetrieben.

Interesse am Bericht eines Berliner Bademeisters, der sich vorzüglich mit Konflikten und „klaren Ansagen“ auskennt?

Mein Rat, auch wenn das Wetter derzeit wirklich drückend ist in Berlin … Erstens: Keep cool in der jeweiligen Situation und zweitens: Mehr Möglichkeiten für Schüler in Berliner Schulen auch alternative Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung zu lernen.

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Konfliktlösung | Kommentare (0) | Autor: