Beitrags-Archiv für die Kategory 'Konfliktmanagement'

Gemeinwesenmediation im Bundesstaat Maryland / USA

Montag, 26. September 2011 9:39

Die USA hat 50 Bundesstaaten. Maryland ist einer der Bundesstaaten, der in der Nähe von Washington D.C. und Baltimore liegt. In Maryland gibt es 24 Countys (Bezirke). Einer davon ist Montgomery County mit 971.777 Einwohnern (2010).

Da Maryland der Mediation gegenüber sehr aufgeschlossen, gibt es in 18 dieser Countys ein Community Mediation Center, also ein Zentrum für Gemeinwesenmediation. Diese MediationsZentren werden von den Gerichten Marylands unterstützt, sie erhalten monitäre Förderung und bearbeiten dafür Fälle, die vom Gericht für eine Mediation benannt wurden.

Das Conflict Resolution Center of Montgomery County (CRCMC) befindet sich in Wheaton. „Strengthening our communities peace by peace“ – das ist der Slogan dieses MediationsZentrums. Es verhilft Personen im Konflikt:

to improve understanding
to open communication
to rebuild relationships
to create win-win solutions
to save time and money

Genau ist festgelegt, in welchen Fällen mediiert wird, nämlich zwischen Nachbarn, zwischen Hauseigentümer und Mieter, zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Betrieb und Kunde, zwischen Familienangehörigen, in Freundschaftsverhältnissen, zwischen Grundstückeigentümer und Mietern, bei geringfügiger Schadenshöhe, zwischen Eltern und deren jugendlichen Kindern sowie zwischen Senioren und deren Familien.

Jährlich gibt es eine Ausbildungsgruppe mit ca. 20 neuen MediatorInnen, die eine 50stündige Ausbildung genießen dürfen. Dafür stellen sie dem MediationsCenter im ersten Jahr 100 Arbeitsstunden zur Verfügung. Diese Arbeitsstunden können auf verschiedene Art und Weise „abgeleistet“ werden. Unter den TeilnehmerInnen der Ausbildung befinden sich auch immer wieder Richter oder Rechtsanwälte, die sich für diese Art der Konfliktbewältigung interessieren – die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass es diese Berufsgruppen nicht so einfach haben, Mediation zu erlernen und später im Mediationsprozess neutral zu bleiben.

Die neuen MediatorInnen werden von der Organisation „Community Mediation Maryland“ trainiert. Diese Organisation ist so etwas wie das „Dach“ der Community Mediation Zentren in Maryland, sie unterstützen die MediationsZentren Marylands durch verschiedene Serviceangebote und bieten jedem der in Maryland ansässigen MediationsZentren ein kostenfreies Training jährlich an.

Community Mediation Maryland hat Richtlinien für die Community Mediation herausgegeben, sie benennen 10 Punkte für die Gemeinwesenmediation:

1. Provide mediation services at no cost or on a sliding scale
2. Hold mediations in neighborhoods where disputes occur
3. Schedule mediations at a time and place convenient to the participants
4. Encourage early use of mediation to prevent violence or to reduce the need for court intervention, as well as provide mediation at any stage in a dispute
5. Mediate community-based disputes that come from referral sources including self-referrals, police, courts, community organizations, civic groups, religious institutions, government agencies and others
6. Educate community members about conflict resolution and mediation
7. Maintain high quality mediators by providing intensive, skills-based training, apprenticeships, continuing education and ongoing evaluation of volunteer mediators
8. Work with the community in governing community mediation programs in a manner that is based on collaborative problem solving among staff, volunteers and community members
9. Provide mediation, education, and potentially other conflict resolution processes to community members who reflect the community’s diversity with regard to age, race, gender, ethnicity, income, education, and geographic location

Aber zurück zum Conflict Resolution Center of Montgomery County (CRCMC): Derzeit stehen hier 76 MediatorInnen auf der Mediatorenliste, davon sind 25 sehr aktiv und 26 kaum aktiv. Zur Zeit wird ein volunteer mediation Standard ausgearbeitet. Danach sollen die MediatorInnen nur die Chance haben weiter zu mediieren, wenn sie mindestens 6 Mediationen pro Jahr mediiert haben und jährlich mindestens 35 Stunden für das MediationsCenter ehrenamtlich arbeiten. Sie unterstützen das Projekt durch ihre Mediationen, ihre Beratungen, ihre Fallorganisationen, als commitee members und vieles mehr. Neben Englisch wird auch in Spanisch mediiert.

Für die Annahme der Fälle sind die ehrenamtlich arbeitenden MediatorInnen selber zuständig. Montags bis Freitag zwischen 9 und 16 Uhr sitzen stets ein oder zwei MediatorInnen am Telefon, um die Fälle anzunehmen, um abzuklären ob sich ein Fall zur Mediation eignet oder um Wichtiges zu organisieren. Die meisten der eintreffenden Fälle können mit Mediation bearbeitet werden, in über 60 % der Fälle kann eine Einigung erzielt werden. Im MediationsZentrum arbeiten weiterhin neun Hauptamtliche, die verschiedene Aufgaben und Tätigkeitsbereiche haben.

Das Conflict Resolution Center of Montgomery County bearbeitete im letzten Jahr insgesamt 500 Fälle. Davon wurden 250 Fälle über das Gericht des Countys vermittelt, diese Mediationen wurden sogar im Gerichtsgebäude durchgeführt. Weitere 250 Fälle sind Fälle, die im Bereich der Community Mediation angefallen sind, vielfältige Konfliktthemen wurden bearbeitet.

Insgesamt hat das Conflict Resolution Center of Montgormery County viele Kooperationspartner, die mediationsgeeignete Fälle an das MeditionsZentrum „überweisen“. Mit manchen der Kooperationspartner wurde sogar vereinbart, dass eine Mediatorin / ein Mediator an einem festen Tag in der Woche in den Räumlichkeiten der „überweisenden Institution“ die Mediationen durchführt.

Wie beispielsweise auch das MediationsZentrum Berlin, so muss auch das Conflict Resolution Center of Montgomery County immer noch viele Aktionen starten, um Mediation bekannt zu machen. Die Vorgehensweisen sind ähnlich: Auf Festen und Festivals präsent sein, Präsentationen für andere Institutionen anbieten und durchführen, kleine zwei- oder sechsstündige Trainingseinheiten für Jedermann initiieren, den Kontakt zu den „überweisenden Institutionen“ ausbauen und halten, die im Gebiet ansässigen Schulen ansprechen und mit diesen zusammenarbeiten, Kirchen und religiöse Orte informieren und um Zusammenarbeit bitten, Broschüren und Flyer auslegen, Zettel im Supermarkt am schwarzen Brett ankleben, die Bücherei als Treff- und Informationsort nutzen, Werbung in öffentlichen Verkehrsmitteln schalten, usw. Auch in Maryland ist es noch so, dass manche Personen erst sechs bis sieben Mal das Wort Mediation gehört haben müssen, bis sie etwas damit verbinden und dann auch noch im Konfliktfall ein Zentrum für Gemeinwesenmediation aufsuchen.

Das CRCMC bietet folgendes an:

  • Mediation (stets kostenfrei)
  • Konfliktmoderation für Konflikte in und mit großen Gruppen (um eine Spende wird gebeten)
  • Community Conferencing und Dialogue Circles für Schulen (always free)
  • Konfliktkurse mit einer geringen Stundenanzahl (auf Spendenbasis von privat oder der jeweiligen Institution)

Viele Aspekte dieses Angebots sind sehr interessant und bemerkenswert. Es gibt beispielsweise ein extra Programm zur Mediation mit ehemaligen Häftlingen, genannt Re-Entry Mediation. Kurz vor und nach der Entlassung können die ehemaligen Häftlinge zusammen mit ihren Familien, Freuden, ehemaligen Freunden usw. Mediationen in Anspruch nehmen. Ein weiteres Programm nennt sich Senior-Mediation. Es soll Senioren und deren Familien helfen, die Zukunft zu planen. Sowohl die älteren Menschen als auch deren Familien besprechen gemeinsam Fragen nach der Pflege, einer Heimunterbringung und vielem anderen mehr. Die Parent-teen Mediationen sind speziell für Eltern und deren jugendliche Kinder gedacht. Die Pubertät der Kinder ist in viele Familien ein heftiger Einschnitt und die daraus erwachsenden Probleme fast nicht mehr in den Griff zu bekommen – hier wird mit Mediation eine Lösung geschaffen. Gerichte schicken beispielsweise auch bereits geschiedene Ehepaare zum CRCMC um Parenting plans zu machen, also Vereinbarungen zu treffen, wo das Kind bzw. die Kinder wann nach der Scheidung wohnen soll(en).

Die oben bereits angesprochenen Konfliktkurse laufen in Wheaton sehr erfolgreich, es sind meist sechsstündigen Konfliktkurse (drei Termine á zwei Stunden), die dort angeboten werden. Für Kooperationspartner und andere Interessierte aus der Community geht es dabei um folgende Inhalte: 1. Termin: Was ist ein Konflikt? Wie gehe ich mit einem Konflikt um? 2. Termin: Gefühle, Bedürfnisse, Grundlagen der Kommunikation 3. Termin: Creative problem solving. Zwischen 10 und 80 Personen nehmen je Kurs an diesen Terminen teil; ca. 80 derartiger Trainings gab es 2010.

Falls Sie sich nach diesem Ausflug in die Gemeinwesenmediation von Montgomery County nur für die Gemeinwesenmediation in Deutschland interessieren, empfehle ich Ihnen gerne folgendes Buch: “Mediation im Gemeinwesen“, das viele wertvolle Informationen enthält.

Ja, und über die Meeting Facilitations in Schools sowie die Dialogue Circles und die Methode des Community Conferencing gibt es demnächst in diesem blog einen eigenen Artikel, denn auch diese drei Themen sind natürlich höchst spannend !!

But now: I want to say Thank you to the three ladys from the Conflict Resolution Center of Montgomery county, who talked to me and explained all the facts I wanted to know about the Center. Thanks a lot !!

Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktmanagement, Konfliktprävention | Kommentare (1) | Autor:

Konfliktcoaching

Montag, 20. Juni 2011 9:22

Aus aktuellem Anlass habe ich in der letzten Zeit nach einem Buch gesucht, in dem die Methode des Konfliktcoachings gut beschrieben und erläutert wird. Jetzt habe ich es gefunden, ein Buch von Sonja Radatz zum Thema „Einführung in das systemische Coaching“ in der Reihe Carl-Auer compact.

Sonja Radatz schreibt, dass im klassischen Coaching an Problemen gearbeitet wird, die aus oder mit Situationen entstanden sind. Im Konfliktcoaching stehen hingegen „Probleme mit Menschen“ – also Konflikte – im Vordergrund. Das von ihr beschriebene Instrument des Konfliktcoachings baut auf der Grundlage des systemischen Coachings auf und ist einfach und leicht anwendbar.

Dieses Instrument funktioniert natürlich nur, wenn nicht der Coach, sondern der Coachee ein Interesse daran hat, dass der Konflikt gelöst wird. Nur in diesem Fall kann der Coach dieses Einzelgespräch quasi mit dem Coachee als einer Konfliktpartei führen. Aus systemischer Sicht gibt es dann für die Lösung dieses Konfliktes keine „richtige“ oder „falsche“ Lösung. Es gibt lediglich solche, die sich zu einem gegebenen Zeitpunkt für ein spezifisches System (Team, Unternehmen, Führungsbeziehung, Projektgruppe) als viabel (gangbar, passend) herausstellt oder eben nicht.

Wenn an einer möglichen Lösung eines Konfliktes gearbeitet wird, so hat man natürlich nie einen 100%igen Einfluss auf eine Situation, denn wir können natürlich nie die andere Konfliktpartei ändern und auch nicht ein bestimmtes Verhalten von ihr erzwingen, sondern nur unser eigenes Verhalten ändern. Sonja Radatz sagt, dass damit ein Konfliktcoaching zu einer „verhaltensoptimierenden Arbeit“ wird:

„Wir arbeiten daran, wie wir mit den anderen anders umgehen können – und nicht daran, wie wir sie verändern können. Wir begleiten Menschen im Konfliktcoaching, indem wir ihnen die passenden Fragen stellen und sie damit zum Denken anregen. Damit ermöglichen wir ihnen, innerhalb ihres Denkrahmens andere, aus ihrer Sicht passendere Handlungsalternativen zu entwickeln. Jede Frage, die wir stellen, hat dabei enorme Kraft – und daher sollten die Fragen jeweils sorgfältig ausgewählt und geprüft sein, bevor sie dem Coachee gestellt werden.“ (Buch, S. 96)

Die Methode des Konfliktcoachings vereint also Bausteine aus dem Bereich der Mediation und aus dem Bereich des Coachings. Die oben zitierte Textpassage gefällt mir als Mediatorin sehr gut, und ich möchte gerne das von Sonja Radatz vorgeschlagene Modell zum Konfliktcoaching hier folgend vorstellen. Es ist für MediatorInnen interessant, aber natürlich auch für alle diejenigen, die sich im Spannungsfeld zwischen Coaching und Mediation bewegen. Im Gegensatz zur Medation wird in diesem Modell bewusst sehr kurz an der Problemschilderung gearbeitet, da die Erfahrung gezeigt hat, dass eine lange Auseinandersetzung mit einem als problematisch erlebten Verhalten weniger Fortschritt bringt als die Fokussierung in Richtung einer Lösung.

  • Konflikt schildern (3 Min.)
    Worum geht’s?
    Wer tut was im Konflikt?
  • Skalenfrage (5 Min.)
    Aus einer Skala von 0 bis 10, wenn 0 den schlimmsten bisher in diesem Konflikt von Ihnen erlebten Zustand beschreibt und 10 Ihren Zielzustand – was machen Sie genau bei 10?
  • Derzeitige Einschätzung auf der Skala (1 Min.)
    Und wo stehen Sie gerade jetzt auf dieser gleichen Skala?
  • Angestreben Wert auf der Skala festlegen (10 Min.)
    Welchen Punkt auf der Skala wollen Sie denn heute erreichen?
    Und was tun Sie genau anders, wenn Sie diesen Wert erreicht haben?
    Und wenn sie das tun, was tut dann Ihr Konfliktpartner anders?
  • Verhaltensunterschiede bilden (5 Min.)
    Was – das Sie jetzt noch nicht tun – tun Sie, wenn Sie um einen Punkt höher stehen?
    Und wenn Sie das tun, wie anders verhält sich dann der andere?
    Und wenn der andere sich anders verhält, wo stehen Sie dann auf der Skala?
    Etc.
  • Entscheidung (10 Min.)
    für einen Wert unter Einbeziehung des dafür zu bezahlenden Preises
  • Maßnahmen (5 Min.)
    Was tun Sie (ab) morgen konkret (anders)? 

    (Buch S. 95)

Natürlich bildet das Konfliktcoaching nur ein kleines Unterkapitel in dem Buch „Einführung in das systemische Coaching“. Neben grundlegenden Aussagen zum Coaching gibt es dort weitere Kapitel zu Frageformen im Coaching, zum Ablauf des systemischen Coachings, zum Umgang mit unterschiedlichen situativen Verhaltensweisen des Coachees, zu Coachinginstrumenten in der Praxis, zu speziellen Coachingabläufen für spezielle Situationen, zur Verwendung von Coachingpartikeln im Alltagsgespräch sowie zu hilfreichen Selbstcoachingkonzepten. Und das alles kurz, knapp, kompetent und sehr lesbar in handlicher Form. Wer also aus der Mediation kommt und sich für das Coaching interessiert, dem sei dieses Buch als Einstieg ins Thema unbedingt zu empfehlen.

Christa D. Schäfer

Konfliktcoachings können Sie übrigens auch mit anderen Methoden und in anderen Settings gestalten, zum Beispiel mit den sechs Denkhüten von De Bono.

Thema: Konfliktberatung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Traumatisierte Kinder,

Montag, 2. Mai 2011 7:43

das ist ein Thema, das auch in diesem Blog durchaus seinen Platz finden muss.

Berlin, April 2011

Zwei bislang unbekannte Halbwüchsige (Alter: ca. 11 bis 14 Jahre) rauben einem Elfjährigen auf einem Spielplatz am Halensee dessen Halskette. Anschließend sollen sie ihr Opfer mit einem Messer bedroht haben.

Ein Elfjähriger hat im Berliner Bezirk Wedding mit einer Soft-Air-Pistole auf andere Kinder geschossen, um Geld zu erpressen. Später steckt er dann sogar einem Jungen ein brennendes Streichholz in die Nase.

Im Berliner Bezirk Lichtenrade geht ein siebenjähriger Junge mit einem abgebrochenen Küchenmesser auf einen neunjährigen Jungen los und verletzt diesen im Gesicht. Die Wunde muss genäht werden.

Von 2005 bis 2009 stieg die Zahl der Gewalttaten, bei der unter 14-Jährige die Tatverdächtigen sind, von 1440 auf 1789 Fälle. Die meisten Fälle davon sind Körperverletzung aus, die sich von 1170 Taten auf 1480 erhöht haben. Laut Polizeistatistik 2010 ist die Gesamtzahl der von Kindern begangenen Straftaten im Vergleich zu 2009 gesunken. 2009 gab es 5730 tatverdächtige Kinder, 2010 waren es nur noch 5360, davon 273 unter acht Jahren.

Wie man sich leicht vorstellen kann, ist es gut möglich, dass Gewalt unter Kindern zu einer psychischen Traumatisierung führt.

„Eine traumatische Situation bedeutet für ein Kind eine extreme, existenzielle Bedrohung. Dabei kann das Kind entweder sich selbst sowie seine körperliche und seelische Einheit oder andere Menschen als bedroht erleben. Entscheidend ist, dass das Kind das Gefühl hat, ohnmächtig zu sein und nichts tun zu können, um sich oder den anderen aus der extremen Not herauszuhelfen.“ (Krüger, Andreas: Erste Hilfe für traumatisierte Kinder. Düsseldorf: Patmos Vlg., S. 19)

Das Buch “Erste Hilfe für traumatisierte Kinder”, dem ich diese Definition einer traumatischen Situation entnommen habe, bietet wichtige fachliche Grundlagen zum Thema, beleuchtet Auswirkungen von Traumatisierungen auf das soziale Umfeld und gibt Hinweise zum Umgang mit psychischen Traumatisierungen. Es ist als Einführungsliteratur für LehrerInnen und PädagogInnen absolut empfehlenswert.

In diesem Buch erfahren Sie alles Wissenswerte zum Thema „traumatisierte Kinder“. Sie erfahren, was in den ersten Momenten einer traumatisierenden Situation getan werden sollte und was in der unmittelbaren Folgezeit wichtig wird. Und natürlich können Sie auch über die Haltung lesen, mit der eine Erzieherin oder eine Lehrkraft einem schwer seelisch verletzten Kindern in oder kurz nach der Akutsituation begegnen sollte.

Ach ja, und dann möchte ich Ihnen noch vorstellen, wie einfühlsam und anschaulich Andreas Krüger Kindern den Begriff traumatische Situation erläutert:

„Stell dir mal ein Kaninchen vor, das gerade von einer Katze verfolgt wird. Das Kaninchen kann sich gerade noch in einen Winkel zwischen zwei Steinen retten. Die Katze kann nicht an das Kaninchen ran, aber die Tatze der Katze flitzt die ganze Zeit vor den Augen des Kaninchens hin und her. Das Kaninchen sitzt in einer Falle: Es kann weder weglaufen, noch kann es kämpfen und sich wehren. So eine Situation, die nennt man eine traumatische Situation – wenn ganz große Gefahr da ist ud man absolut gar nichts mehr machen kann und riesige Angst hat. Man könnte das auch „Nichts-geht-mehr Situation“ nennen. Menschen kann es auch so ergehen, wenn sie zuschauen müssen, wie anderen etwas Schlimmes passiert. Wir fühlen ja mit anderen mit, und da kann es Menschen manchmal genauso Angst machen, wenn sie mit zusehen müssen. Das wäre so, als müsste der Bruder von dem Kninchen vom Kaninchenbau aus zusehen und Angst um seinen Bruder haben, der gerade von der Katze gejagt wird. Da ist das kleine Herz vom Kaninchen und seinem Bruder wie schockgefroren: Nichts geht mehr, Wut und vor allem die Tränen sind dann wie eingefroren …“ (S. 120 f.)

Ich hoffe, dass Sie nicht in die Situation kommen, ein traumatisiertes Kind zu betreuen, aber ich hoffe, dass Sie, wenn Sie in diese Situation kommen, das Kind gut unterstützen können.
Christa D. Schäfer

Thema: Allgemein, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (0) | Autor:

Die Stopp-Regel-BuddYs

Montag, 14. März 2011 7:10

Stopp-Regel BuddYsder Anne-Frank-Grundschule in Berlin wurden im Februar 2011 zu Gewinnern beim buddY-Projekt des Monats !!

Das buddY-Projekt dient der Suchtprophylaxe und Gewaltprävention an Schulen. Die Stopp-Regel wurde von Thomas Grüner und Franz Hilt (siehe deren Buch im AOL Verlag) konzipiert. Sie sichert in aktuellen Situationen eines Schülerkonfliktes die Forderung eines Konfliktpartners nach Unterbrechung der jeweilig unerwünschten Handlung und verhindert so in den meisten Fällen die Eskalation eines Streits.

Wie oft wird auf dem Schulhof aus Spaß schnell Ernst. Erst wird ein wenig geschubst und Spaßkampf gespielt, dann fängt einer der beiden Kampfhähne an zu weinen und liegt am Boden. Da kann die STOPP-Regel helfen, indem nämlich derjenige, der nicht mehr weiter und stattdessen eine Grenze ziehen möchte „Stopp“ sagt. Daraufhin hat der andere Schüler die Pflicht in seinem Tun aufzuhören.

Damit dies auch gut klappt, gibt es an der Anne-Frank-Grundschule in Berlin die STOPP-buddYs. Die BuddYs unterstützen ihre MitschülerInnen bei der Um- und Durchsetzung dieser Regel. Sie verhandeln Regelverstöße und regen ihre Mitschüler zum eigenständigen Lösen ihres Konfliktes an. Wenn dies nicht zufriedenstellend gelingt, leiten sie die Kontrahenten zur Mediation weiter bzw. sorgen dafür, dass die KlassenlehrerInnen den Konflikt weiter bearbeiten. Ein Film gibt einen kurzen Einblick in dieses buddY Praxisprojekt.

Das Projekt der Stopp-Regel-buddYs wurde von Christine Spies konzipiert und wird jetzt von Birgit Breithaupt und Birgit Neumann weitergeführt. Ein Mal jährlich bewerben sich Schülerinnen und Schüler, um buddYs zu werden. Dann werden sie in einem workshop auf ihre Rolle und Tätigkeit vorbereitet und dann schließlich beginnen sie ihre Arbeit.

Die Konfliktbearbeitung wird so auf dem Schulhof der Anne-Frank-Grundschule von den Stopp-Regel-BuddYs übernommen. Die meisten Konflikte gelangen dadurch gar nicht mehr zu den PädagogInnen der Schule, sondern werden mit Unterstützung der BuddYs gelöst. Als Hüter der Stopp-Regel erhalten sie deshalb im Februar den buddY-Preis für das Projekte des Monats. Ich freue mich sehr, dass ich als buddY-Trainerin den Preis an die buddYs überreichen durfte.

Interessant fand ich in der Anne-Frank-Grundschule auch die Sprüche auf den Türen und Fenstern der Schule, die während eines Projekttages entstanden sind. So haben die Schülerinnen und Schüler der Schule jetzt Ihre Regeln zum Umgang miteinander sogar vor Augen.
Regeln in Schule Regeln an Schule Regeln in Schule

Gratulieren möchte ich an dieser Stelle auch Christine Spies, die mit ihrem neu erschienenen Buch „Wir können auch anders! Gefährlichen Entwicklungen bei Schülern vorbeugen“ für die Gewaltfreiheit in Schule einsteht.

Hoffentlich gewinnt die Stopp-Regel weiterhin viele Anhänger,
das wünscht sich Christa D. Schäfer

Falls Sie sich für BuddYs in der Berliner Oberschule interessieren …

Thema: Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Schule in Berlin, Schulmediation | Kommentare (0) | Autor:

Wieder Nachbarschaftsmediation im RTL

Montag, 9. August 2010 7:33

Letztes Jahr im Sommer kam Andreas Kolb und hat Nachbarschaftsstreit im Fernsehen durch Mediation gelöst, ich berichtete darüber. Dieses Jahr ist es Streitschlichter Franz Obst, der „im Einsatz“ ist.

Letzte Woche hatte er einen Konflikt zu bearbeiten, in dem ein Rentner in einer niedersächsischen Kleinstadt im Streit mit der gesamten Nachbarschaft lag. Er hat buchstäblich viele seiner Nachbarn terrorisiert und zwei Ehepaare haben in Folge dessen um eine Streitschichtung gebeten. Der Rentner selber war nicht an einem gemeinsamen Gespräch interessiert, eine Mediation (im Film wird von Schlichtung gesprochen) kam deshalb nicht zustande. Es gab stattdessen ein Konfliktcoaching bzw. eine Konfliktberatung zu sehen, bei der sogar zwei „Verhaltenstrainer“ zum Einsatz kamen, die den terrorisierten Ehepaaren gezeigt haben, wie sie sich deeskalierend und geschickt in den diesbezüglichen Krisensituationen verhalten können.

Diese Woche geht es um zwei befreundete Ehepaare, bei denen aus Freundschaft Feindschaft wird. Falls es Sie interessiert: Mittwoch Abend, den 11.8.2010 um 20:15 Uhr im RTL.

In Internet können Sie auf der Seite von RTL die Streitfälle jeweils 7 Tage lang nach der Sendung kostenfrei ansehen, danach sind sie für 0,99 € zum Anschauen herunterladbar.

An dieser Stelle möchte ich gerne meine Worte wiederholen, die in meinem Blogbeitrag zum Thema letztes Jahr den letzten Absatz bildeten:

Falls Sie in Berlin eine kostenfreie, auf Spendenbasis basierende Nachbarschaftsmediation suchen, so wenden Sie sich bitte an das MediationsZentrum Berlin. Und falls Sie ein Buch zum Thema Nachbarschaftsmediation suchen …, letztes Jahr ist das erste deutschsprachige Buch erschienen!

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Mediationsverfahren, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation | Kommentare (5) | Autor:

PeaceJam

Montag, 7. Juni 2010 6:40

Schon mal was von PeaceJam gehört?

PeaceJam will ermöglichen, dass sich eine neue Generation von jungen Menschen für einen Wandel in ihnen selbst, in ihren Gemeinschaften und in der Welt einsetzt. Inspiriert werden soll bzw. wird dieser Wandel von Friedensnobelpreisträgern.

13 Friedensnobelpreisträger haben sich bisher für dieses Projekt engagiert: Desmond Tutu, Jody Williams, Der Dalai Lama, Shirin Ebadi, Adolfo Pérez Esquivel, Rigoberta Menchú Tum, Oscar Arias, Máiread Corrigan Maguire, José Ramos-Horta, Aung San Suu Kyi, Betty Williams, Wangari Maathai und Sir Joseph Rotblat (2005 verstorben).

Jetzt ist das 2006 erschienene Buch zum Projekt „We Speak as One“ endlich als deutschsprachiges Buch im Concadora Verlag erschienen. Das zum Projekt PeaceJam verfasste Buch stammt von von Arthur Zajonc (amerikanischer Physikprofessor und Spezialist für Quantenoptik) und hat den wunderbaren Titel „Frieden ist machbar!“

13 FriedensnobelpreisträgerInnen werden im Buch mit ihrem Anliegen vorgestellt. Unter harten Bedingungen und Opfern haben sie sich für die Vision einer friedfertigen Welt und für Freiheit, Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Solidarität eingesetzt. In einem knappen und dennoch berührenden Text erfährt man das Wesentlichste über jeden dieser „Friedenskämpfer“.

Stellvertretend für alle anderen Friedensnobelpreisträger möchte ich Aung San Suu Kyi vorstellen. Sie ist die Tochter des Revolutionsführers und Generals Aung San, der die Unabhängigkeit seines Landes Burma von Großbritannien erkämpfte, bevor er von den Militärs ermordet wurde. Suu fühlte bereits früh, dass ihr Land sie brauchte und sie schrieb bereits vor der Heirat an ihren zukünftigen Mann Michael Aris: „Alles, was ich verlange, ist, dass du mir hilfst, meine Pflicht zu erfüllen, wenn meine Landsleute mich rufen.“ Und tatsächlich errang 1990 bei demokratischen Wahlen in Burma die Nationale Liga für Demokratie (NLD) einen Erdrutschsieg. Aung San Suu Kyi war Vorsitzende der NLD. Die burmesische Militär-Junta erkannte jedoch den Sieg nicht an und inhaftierte die äußerlich zart wirkende Frau über zehn Jahre lang in ihrem eigenen Haus. Sie war eigentlich die neue Ministerpräsidentin Burmas. Dennoch wurde sie von der Außenwelt abgeschnitten und von ihren beiden Söhnen Alexander und Kim sowie ihrem Mann Michael Aris ferngehalten. 1999 starb ihr Mann in England an Krebs, während Aung San Suu Kyi in ihrem Haus in Burma festsaß. Daw Suu (Lady Suu), so wurde sie zu damaliger Zeit in Burma genannt, und „Eiserner Schmetterling“, so war ihr Spitzname. Aber auch wenn sie physisch abgetreten war von der politischen Bühne, so blieb sie in den Köpfen und Herzen ihrer Landleute stets präsent. Stets verband sie die politischen und materiellen Dimensionen revolutionärer Bewegungen mit einer spirituellen Dimension, buddhistisches Studium und Meditation wurden zu einem festen Bestandteil ihres Tagesablaufes während der Gefangenschaft. Im Interview mit PeaceJam wagte sie 1995 eine Erklärung für den schlechten Umgang der Menschen miteinander:

„Es mag daran liegen, dass sich die Menschen ihrer Moral nicht bewusst sind. Es gibt da eine bedeutende Stelle in dem berühmten altindischen Epos Mahabharata, die besagt, es sei doch erstaunlich, dass die meisten Menschen so handeln, als müssten sie niemals sterben – wo wir doch immer und überall vom Tod umgeben sind. Die meisten Menschen benehmen sich gerade so, als ob sie tun und lassen könnten, was sie wollten. Sie glauben, sie kämen mit allem ungeschoren davon und denken nicht an die Konsequenzen ihres Handelns. Da ist durchaus etwas Wahres dran.“ (S. 73 f.)

Die Geschichte von PeaceJam startete im Sommer 1994: Ivan Suvanjieff, amerikanischer Künstler und Musiker, hatte in dem Sommer Kontakt mit Mitgliedern einer Latino-Gang in Denver. Ihn faszinierte ungemein, dass diese jungen Menschen aus ärmlichen Verhältnissen, die harte Gewalt gewöhnt waren, ganz genau über Erzbischof Desmond Tutu Bescheid wussten und dessen Bemühungen um eine gewaltfreie Gesellschaft gut kannten. Suvanjieff entwickelte die Idee, Nobelpreisträger für die Arbeit mit Jugendlichen zu gewinnen, um diesen ein Gefühl für ein sinnorientiertes Leben und für Integrität in der Welt zu geben. Suvanjieff gewann Dawn Engle (Politikerin und Mitbegründerin der Colorado Friends of Tibet) als Partnerin für das Projekt und beide starteten im März 1996 mit dem ersten PeaceJam-Treffen.

Seit der Zeit haben über 150 PeaceJam-Treffen mit über 600.000 jugendlichen Teilnehmern stattgefunden, in Colorado, Costa Rica, Südafrika, Mexiko, Indien, Guatemala, Argentinien, Kenia und England.

Das Buch „Frieden ist machbar!“ sowie der zugehörige Film eignen sich hervorragend für die Arbeit in Schulen (z. B. den Ethikunterricht) und Universitäten (z.B. den Pädagogikfachbereich), und natürlich passt es auch wunderbar in Trainings zum Konfliktmanagement und zur Mediation! Aung San Suu Kyi hat in ihrem Land unglaubliche Zivilcourage bewiesen und sie gab den Jugendlichen bei den von ihr mitgestalteten PeaceJam-Treffen folgenden Rat:

„Stellt euch vor, ihr seid alt. Wie würdet ihr dann sein? Wenn ihr dann versucht, euer Leben aus Sicht eines alten Menschen rückwärts zu denken, dann werdet ihr eure heutigen Möglichkeiten besser zu schätzen wissen. Ihr werdet auch toleranter gegenüber alten Menschen sein, die euch jetzt engstirnig und beschränkt vorkommen mögen. Also denkt euer Leben rückwärts! Stellt euch euer eigenes Alter vor und versucht rückwärts zu leben, vom Alter bis zur Kindheit – wie der Zauberer Merlin es tun hätte sollen.“ (S. 74)

Bisher gab es noch keine PeaceJam-Veranstaltungen in Deutschland!
Berlin würde sich anbieten!
Wer hat Interesse und Energie, dieses Projekt nach Berlin zu holen?

fragt
Christa D. Schäfer

Frieden ist machbar!
Für jeden und überall!

Thema: Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen | Kommentare (12) | Autor:

Systemik und Mediation

Montag, 31. Mai 2010 5:28

Als systemische Beraterin habe ich stets auch den Blick auf die systemische Sichtweise in den verschiedensten Formaten zwischen Mediation, Supervision, Coaching und im Training. Oft werde ich gefragt, wie man die Grundlagen der verschiedenen systemischen Richtungen kurz und knapp beschreiben kann. Das fordert heraus, denn es ist wirklich nicht einfach …

Jetzt habe ich ein gutes Vorbild dazu gefunden und bin begeistert. András Wienands versteht es in seinem Buch „Einführung in die körperorientierte systemische Therapie“ in nur 18 Seiten die verschiedenen systemischen Perspektiven, von der zirkulären über die strukturelle, zur strategisch-lösungsorientierten, mehrgenerationalen, wachstumsorientierten, narrativen und phänomenologischen bis zur symbolisch-erfahrungsorientierten Perspektive verständlich und informativ darzustellen. Zu jeder dieser Perspektiven gibt es die wichtigsten theoretischen Hintergründe, einen Einblick in die Methoden und ein Beispiel. Das ist wunderbar.

Kurz möchte ich hier mit Wienands zusammen die strategisch-lösungsorientierte Perspektive darstellen, die in der Mediation die Grundlage unseres Tuns ist. Unter dem Begriff der Lösungsorientierung werden fünf verschiedene theoretische Ansätze subsumiert. Neben der Fokussierung auf Ausnahmen vom Problemerleben (Steve de Shazer und Insoo Kim Berg), der „Therapy as if“ (Paul Watzlawick), der „Fokused Problem Resolution Therapy“ (Palo-Alto-Gruppe um Richard Fisch, John Weakland usw.) und dem auf strategische Interventionen (Hausaufgaben) fokussierten Ansatz (Jay Haley) ist dies vorallem auch der ressourcenoriente Ansatz (Milton Erickson). Zusammenfassend lässt sich zu diesen Ansätzen mit Wiendands sagen:

„Der grundlegende Versuch der Lösungsorientierung besteht darin, den Fokus vom Problem zur Lösung zu verschieben. Statt die Ursachen für das Scheitern zu suchen, wird der Weg zur Lösung fokussiert. Angenommen, ein Klient möchte nach Italien fahren und kommt in die Beratung/Therapie, weil er bisher in Holland, Spanien und Rumänien gelandet ist, nicht jedoch in Italien. Ein lösungsorientierter Therapeut wird sich nicht darum bemühen, mit dem Klienten zu verstehen, wie das kommen konnte, dass er immer wieder am falschen Ziel angelangt ist. Er wird eine Landkarte ausbreiten und zusammen mit dem Klienten die Route nach Italien suchen. Übertragen bedeutet dies für die Therapie, dass der Aufmerksamkeitsfokus auf die Entwicklung, Stärkung und Förderung der Lösungmuster gerichtet wird.“ (S. 16 f.)

Und übertragen auf die Mediation bedeutet dies, dass wir auch hier zwar unter den „Eisberg“ schauen, dass jedoch die Vergangenheit ruhen kann und der Blick in die Zukunft geschärft wird. Die zwei (oder mehr) Streitparteien werden bei der Lösung eines sozialen Konfliktes in der Mediation auf ihre bisherigen Lösungsmuster schauen und darüber hinaus entdecken können, welche neu gedachte kreative und konstruktive Art von gelungenem Lösungsmuster ihnen gut tut. Eine gelungene Balance zwischen Problem- und Lösungsorientierung ist stets wichtig in einer gelingenden Mediationsarbeit. Und natürlich ist es immer wieder fantastisch zu erleben, wie ein Veränderungsprozess gelingt – da sind sich sicherlich alle MediatorInnen einig.

Empfehlen möchte ich Wienands Buch übrigens nicht nur wegen der hervorragenden Zusammenfassung der systemischen Perspektiven, sondern natürlich auch wegen den Darstellungen der innovativen Methoden der Körperpsychotherapie sowie den Ausführungen zur unterstützenden körperlichen Ebene in der Interaktion.

„Körperlichkeit“ in der Mediation, das haben manche MediatorInnen in Form von Standbildern, Aufstellungen oder ähnlichem für ihr Repertoire entdeckt. Dennoch ist dieser Aspekt noch sehr ungewohnt im Methodenrepertoire. Müssen wir den Platz dafür erst noch finden / suchen?! Oder ist das generell etwas, das in der Mediation nichts zu suchen hat?!

Ich jedenfalls arbeite gerne im Spannungsfeld zwischen Systemik und Mediation.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor:

Ombudsmann am Flughafen Berlin Brandenburg

Freitag, 7. Mai 2010 22:28

Im Rahmen der Tagesspiegel-Beilage zum Richtfest des Terminals am Airport Berlin Brandenburg „Willy Brandt“ (BBI, dem Hauptstadtflughafen“) wurde der Ombudsmann des Flughafens BBI („Der Mann von Zimmer 215“) vorgestellt.

Wolfgang Diedrich ist seit Januar 2010 Ombudsmann für den Dahme-Spreewald-Kreis. In seinem Büro im Rathaus Schönefeld bearbeitet er zwei Mal wöchentlich Anfragen aus dem Dahme-Spreewald-Kreis, aus Teltow-Fläming und dem südlichen Berlin. Mehr als 100 Beschwerden hat er seit Arbeitsbeginn in Schönefeld aufgenommen, viele der Anfragen betreffen den Schallschutz und die Lärmbelastung im Umfeld des Schönefelder Flughafens. Diedrichs Arbeit ist zunächst auf ein Jahr befristet.

Mit seiner Tätigkeit als Flughafen-Ombudsmann hat W. Diedrich bereits Erfahrung, denn er war schon in Düsseldorf für den dortigen Oberbürgermeister, den Flughafen und die betroffenen Anwohner der Ombudsmann für Auseinandersetzungen rund um den Flughafen. Derzeit ist er der einzige Ombudsmann für Flughafenangelegenheiten in Deutschland.

„Ein Ombudsmann erfüllt die Aufgabe eines unparteiischen Schiedsmannes.“ – so der Hinweis in der Internetenzyklopädie wikipedia.

Und auch in dem von mir mit herausgegebenen Buch zum Thema „Mediation im Gemeinwesen“ findet man einen Artikel zum Thema „Ombudsfrau, -mann, -rat und -stelle“, in dem es heißt:

„Ombudsfrauen und Ombudsmänner sind meist gut frequentierte Anlaufstellen für Beschwerden und Probleme in Institutionen und Dienstleistungsunternehmen. Wir begegnen Ombudsleuten aber auch in nationalen und internationalen Organisationen sowie auf politischer Ebene. Sie operieren ähnlich wie Schiedsstellen und Schlichter, ihre Dienst sind für die Rat und Vermittlung suchenden Personen kostenfrei.“

Die Ausgestaltung eines Ombudsamtes ist deutschlandweit nicht einheitlich geregelt. Erfahrene und kompetente Personen werden zum Ombudsamt berufen und gehen mit gewisser Unabhängigkeit und Autorität den eingehenden Beschwerden nach. Im Falle berechtiger Beschwerde versuchen Sie Abhilfe zu schaffen. In der Regel verpflichten sich die Einrichtungen, die die Ombudsstelle bestellt haben, den Schiedsspruch der Ombudsstelle anzunehmen.

Wußten Sie, dass es in Berlin einen Ombudsmann als „Sprachrohr für den Berliner Mittelstand“ gibt, dass das Wohnungsunternehmen GSW eine Ombudsfrau und die Ärztekammer Brandenburg eine Ombudsstelle eingesetzt hat, in Hamburg die Behörde für Bildung und Sport eine Ombudsfrau für SchülerInnenvertretung stellt und es sogar einen Internet Ombudsmann gibt?

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktlösung, Konfliktmanagement | Kommentare (0) | Autor:

Intervision / Kollegiale Fallberatung für MediatorInnen

Montag, 3. Mai 2010 10:30

Strebt ein Mediator eine Anerkennung beim Bundesverband Mediation (BM e.V.) an, so muss er oder sie mindestens 20 Stunden Intervision mit einbringen. Intervision meint hierbei die Arbeit in einer eigenverantwortlichen Lerngruppe über mediationsbezogene Themen, z.B. Rollenspiele, Konfliktanalyse, Fallbesprechung, Literaturstudium o.ä. Oft verläuft diese Intervision im Rahmen der Mediationsausbildung mehr schlecht als recht, meist steht keine Arbeitsform hinter dem Intervisionsformat der Arbeitsgruppe.

Dabei ist die Intervision eindeutig eine kollegiale Beratungsform, die der Supervision nahe steht, aber dennoch zur Supervision einige gravierende Unterschiede mitbringt. Günstigerweise läuft die Intervision bzw. Fallberatung über das Format der Kollegialen Fallberatung.

In Anlehnung an das Buch von Bernd Schmid, Thorsten Veith und Ingeborg Weidner möchte ich das Thema “Einführung in die Kollegiale Beratung“ so vorstellen, dass Sie als Leser dieses Blogs diese Methode leicht und einfach in Ihrer Intervisionsgruppe anwenden können.

Eine gute Beratungsgröße für die Bearbeitung eines Anliegens liegt dabei zwischen vier und sechs Teilnehmern, für größere Gruppen schlagen die Autoren beispielsweise das Setting des Beratermarkts vor. Das Verteilen von Rollen ist eine der Grundvoraussetzung für ein gutes Gelingen der Sitzungen, für Anfänger empfiehlt sich die Orientierung an einem Leitfaden für den Prozess.

Rollen in der Kollegialen Fallberatung

Jeder Teilnehmer an der Kollegialen Fallberatung übernimmt eine klar definierte Rolle. Dabei gibt es zunächst den Fallgeber (bzw. Ratsuchenden), also diejenige Person, die den Fall in die Beratung hineingibt. Er ist bereit, offen über sein Anliegen zu sprechen und dieses möglichst umfassend darzustellen.

Der Moderator leitet das Gespräch und achtet darauf, dass die verschiedenen Phasen des Beratungsprozesses eingehalten werden. Er kann zeitgleich die Rolle des Zeitwächters einnehmen, falls kein extra Zeitwächter in der Gruppe vorher ernannt wurde.

Die Berater treten dem Fallgeber in respektvoller Haltung und mit ehrlichem Interesse entgegen. Sie stellen sich zunächst auf die Sichtweise des Fallgebers ein und akzeptieren, dass das eingebrachte Thema ein Problem für den Fallgeber darstellt. Sie spiegeln offen, ehrlich und ressourcenorientiert Ihre Eindrücke und Wahrnehmungen. Ihre Aufgabe ist es, Ideen zu liefern und den Fallgeber zu unterstützten, eine für ihn passende Lösung zu finden.

Die Rolle eines Beobachters ist nicht zwingend notwendig, ist allerdings gut dazu geeignet, um Feedback zum Arbeitsprozess und zu den Teilnehmern einzuholen.

Grundform für einen Leitfaden im kollegialen Beratungsprozess

  1. Rollen- und Zeitvereinbarung: Ein Fallgeber, verschiedene Berater, ein Moderator und ein Beobachter werden ausgewählt. Die Dauer der kollegialen Beratung wird festgelegt. (5 Minuten)
  2. Anliegen: Der Fallgeber stellt sein Anliegen dar und formuliert zwei bis drei zentrale Fragestellungen. (10 Min.)
  3. Die Berater erfragen das Ziel der Beratung und wesentliche Perspektiven des Problemes. (20 Min.)
  4. Die Berater überlegen sich Hypothesen zur Klärung des Problems, der Fallgeber hört konzentriert zu. Hier geht es nicht darum Lösungen zu geben oder Ratschläge zu erteilen. (15 Min.)
  5. Der Fallgeber priorisiert die Hypothesen und entscheidet, welche er als für ihn weiterführend ansieht. (5 Min.)
  6. Es gibt ein Gruppenbrainstorming, bei dem Berater und Beobachter Lösungsideen formulieren, die dem Fallgeber helfen sollen, in Bezug auf die Herausforderung konkret etwas anderes tun zu können. Der Fallgeber hört auch in dieser Phase intensiv zu. (15 Min.)
  7. Der Fallgeber bewertet die Lösungsideen und entscheidet, welche für seine Fragestellung hilfreich sind. (10 Min.)
  8. Abschließend gibt es eine Prozessreflexion, zunächst vom Beobachter, dann von allen Anwesenden im Prozess. (5 Min.)

Beim nächsten Treffen wird der Fallgeber berichten, was er unternommen hat, was aus seiner Sicht gut gegangen ist bzw. was nicht und welche Folgefragen entstanden sind.

Diese vorgestellte Form der Kollegialen Fallberatung ist systemisch geprägt und enthält Hypothesenarbeit. Je nach Beratungsintention kann der Leitfaden variiert, abgewandelt oder ergänzt werden. Das von mir zugrunde gelegte Buch „Einführung in die kollegiale Beratung“ beschreibt die Thematik kompakt, griffig und lebensnah. Es gibt vielfältige Anregungen für Anfänger und Fortgeschrittene und die Ausführungen sind darum auch für MediatorInnen eine prima Lektüre. Fallbeispiele machen es leicht, den theoretischen Ausführungen zu folgen und die Methode anschließend auf die eigene Praxis zu übertragen.

In Berlin treffen sich beispielsweise aktive StadtteilmediatorInnen regelmäßig zur Intervision, auch hier liegt zur Fallbesprechung das Format der Kollegialen Fallberatung zugrunde. Hier wird unter MediatorInnen gemeinsam an der Lebenswelt und am Beispiel gelernt, hier wird Wissen gemanagt und es werden Kooperationsstrukturen aufgebaut. Hoffentlich wird es diese kollegiale Struktur im Bereich der Berliner Stadtteil- und Gemeinwesenmediation noch lange geben …

Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konfliktmanagement, Literaturempfehlungen, Stadtteilmediation | Kommentare (0) | Autor:

Die Schule als Problem- und Konfliktfeld

Montag, 12. April 2010 9:38

Probleme und Konflikte sind normal und es wird sie immer geben.
Wichtig ist hingegen, wie mit ihnen umgegangen wird.
Schön wäre ein konstruktiver und kreativer Umgang …

Das sind einige meiner Standardsätze in der Konfliktlotsen- und Mediationsausbildung sowie in den Kursen zum Runden Tisch in der Familie. Jetzt habe ich ein Buch in die Hände bekommen, das voll von Problemen und Konflikten zum Thema Schule ist. “Ungehorsam im Schuldienst“, so heißt das Buch von Reinhard Stähling und Barbara Wenders aus dem Schneider Verlag Hohengehren.

Gehorsam war bzw. ist in den meisten Schulen noch immer oberstes Erziehungsziel. Da klingt es paradox, von PädagogInnen als “ungehorsam” zu sprechen.

Die Autoren des Buches interessierte, was hinter den Kulissen von Schulen passiert, wo „ungehorsame“ Lehrerinnen und Lehrer bei der Veränderung von Schule erfolgreich waren. Und es ist ihnen gelungen zu zeigen, dass gute Pädagogik geradezu Ungehorsam herausfordert, so resümiert Astrid Kaiser in ihrem Vorwort zum Buch. Da müssen pädagogische Handlungsspielräume ausgeweitet werden und Zivilcourage gegen bürokratische unpädagogische Richtlinien stehen. Mut und der Wille, für Kinder und Jugendliche einzugestehen, wird so zur absoluten Voraussetzung für dieses Handeln. Ein wunderbares Buch ist daraus entstanden, dem ich viele Leser wünsche.

Über ein Kapitel, das mich besonders berührt hat, möchte ich hier berichten. Wenn Kinder nicht in die Norm passen, ein Exkurs über den Widerstand gegen gymnasiale Selbstverständlichkeiten – so heißt die Ausführung. Barbara Wenders erzählt von Nelly, die von Geburt an eine Spastik hat, dagegen aber meist schon mehrere Gedankengänge weiter ist, wenn die anderen Kinder und Jugendlichen ihrer Klasse gerade zu denken beginnen. Das hat ihr geholfen, eine „normale“ Schule besuchen zu können, doch hatte Nelly immer das Gefühl, besser sein zu müssen als alle anderen, um in der Schule bestehen zu können. Von den ganzen Schwierigkeiten eine Schule zu finden, in dieser Schule in Ruhe arbeiten zu können und sich dort mit ihrem Dreirad als Fortbewegungsmittel bewegen zu können, möchte ich gar nicht berichten. Ich möchte lediglich einige Sätze Nellys zitieren, die sie am Ende ihrer Schulzeit rückblickend sagt:

„Auf so einer Schule, wie meine Grundschule eine war, wäre ich gerne länger geblieben. Dort gab es den Klassenrat, da haben wir gelernt, dass wir alle die gleichen Rechte haben. Auch ich durfte mich, im Gegensatz zur weiterführenden Schule, über meine Lehrer beschweren. Im Klassenrat haben wir gelernt, dass niemand bloßgestellt werden darf, dass jeder, der Hilfe braucht, sie auch bekommt. Für mich war nach ganz kurzer Zeit klar, dass ich immer jemanden hatte, der mir die Türen aufhielt. Dieser Dienst war im Klassenrat geregelt worden, und er funktionierte so selbstverständlich wie jeder andere Dienst auch.

Dann gab es auch noch Treppen vor dem Eingang. Wie sollte ich mit meinem Dreirad dort hinauffahren können? Die Schulleiterin hat vermutlich gegen Bauvorschriften verstoßen, als sie einfach Holzbohlen dorthin legte. Ich kam jedenfalls barrierefrei in die Schule. Als eines Tages ein anderes Kind mir drohte, mich von der Rampe zu stürzen, wusste ich, das kann ich im Klassenrat klären. Und es wurde geklärt.“ (Buch S. 75)

Eine überzeugendere Empfehlung für den Klassenrat kann es meiner Meinung nach doch gar nicht geben! Ich habe eine Praxishilfe zum Thema Klassenrat geschrieben, die Sie kostenfrei herunterladen können und nach der Sie einfach und unkompliziert den Klassenrat einführen können. Falls Sie ein Trainingseinheit zum Klassenrat buchen möchten, auch dies biete ich in einer Ein-Tages und Drei-Tages-Variante in Ihrer Schule oder in meinen Berliner Räumlichkeiten an – hier ein Bericht zu meinem Klassenratstraining in Wolfsburg

Ich hoffe darauf, dass viele Klassen den Klassenrat ebenso wie Nelly als Klärungsort für ein friedlicheres Schulleben kennenlernen … Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen | Kommentare (0) | Autor: