Beitrags-Archiv für die Kategory 'Mediationsverfahren'

Die Mediation in Gruppen und Teams …

Montag, 23. Januar 2012 4:09

… stellt die Mediatorin bzw. den Mediator bzw. meist das MediatorInnenteam vor besondere Herausforderungen. Da sind es nämlich „nicht nur“ zwei Konfliktparteien, sondern gleich mehrere Personen, die an der Mediation teilnehmen, und das erfordert natürlich spezielles Wissen und spezielle Methoden, um die Mediation gut gelingen zu lassen.

Ein Team meint dabei einen Zusammenschluss von mehreren Personen zur Lösung einer bestimmten Aufgabe oder zur Erreichung eines bestimmten Zieles. In einem Unternehmen meint ein Team eine für einen bestimmten Zweck aus Mitarbeitern zusammengesetzte Arbeitsgruppe.

Eine Gruppe kann definiert werden als Ansammlung von Individuen, die sich selber als Mitglieder derselben sozialen Kategorie wahrnehmen, die ein gewisses Maß an emotionaler Bindung an diese Kategorie aufweisen und die einen gewissen sozialen Konsens über die Beurteilung und ihre Mitgliedschaft in dieser Gruppe aufweisen.

2011 erschien im Junfermann Verlag das Buch “Praxis der Gruppen- und Teammediation“, das Methoden und Visualisierungsvorschläge zur Team- und Gruppenmediation praxisnah vorstellt. In diesem Buch von Al Weckert, Christian Bähner, Monika Oboth und Jörg Schmidt werden die dargestellten Methode zunächst ausführlich beschrieben, dann folgt die Beantwortung der FAQs (Frequent Answered Questions), also der häufigsten Teilnehmerfragen aus Mediationsausbildungen zu dieser Methode, und es schließt sich eine Visualisierung durch ein abgebildetes Flip-Chart-Blatt an, das die wichtigsten Kernmerkmale der Methode zeigt. Die dem Buch beiliegende DVD veranschaulicht die Methoden am Beispiel von drei gespielten Mediationsfällen. Damit wird das Buch für all diejenigen, die sich in dem Bereich der Gruppen- und Teammediation spezialisieren wollen, ein unbedingtes Muss …

Weckert, Bähner, Oboth und Schmidt zeigen Besonderheiten auf, die die Mediationsarbeit mit Teams und Gruppen ausmachen, da heißt es beispielsweise:

„Gruppen und Teams brauchen Struktur, um Sicherheit und Orientierung in der Konfliktklärung zu erleben. Diskussionen mit vielen Beteiligten erfordern eine hohe Konzentrationsleistung. Lässt die Konzentration nach oder ist viel Pfeffer in der Debatte, nehmen automatisch die Seitengespräche zu. Der Schallpegel erhöht sich durch Papiergeraschel, Hüsteln und Getränkegeklapper. Was um 9.15 Uhr noch kein Problem darstellt, wird um 16.15 Uhr leicht zum Auslöser von Kopfschmerzen. Das Mediationsteam achtet deshalb darauf, durch regelmäßige Methodenwechsel Körper und Geist arbeitsfähig zu halten. …“ (Buch S. 19)

Sowohl in der Wirtschaftsmediation als auch in der Umwelt- und Gemeinwesenmediation warten Team- und Gruppenmediationen. Wer in diesen Mediationsbereichen tätig ist, wird also sein Mediationswissen und sein Methodenrepertoire vergrößern müssen. Ich denke da beispielsweise an das Phasenmodell der Mediation.

Kennt man in den meisten Bereichen der Mediation das klassische Fünf-Phasen-Modell der Mediation:

  1. Den sicheren Rahmen schaffen
  2. Die Themen erheben
  3. Sichtweisen erhellen
  4. Lösungen entwickeln
  5. Vereinbarungen treffen

so muss dieses in der Arbeit mit Gruppen und Teams auf ein Sieben-Phasen-Modell erweitert werden:

  1. Den sicheren Rahmen schaffen
  2. Die Themen erheben
  3. Die Themen priorisieren
  4. Die Sichtweisen darstellen
  5. Die Sichtweisen erhellen
  6. Lösungen entwickeln
  7. Vereinbarungen treffen

Natürlich ist es im Zusammenhang zur Arbeit mit Gruppen und Teams auch hochinteressant und wichtig, Grundkenntnisse zu den Gruppenphasen und Einblick in die Gruppendynamik zu besitzen – aber dazu gibt es bereits einen anderen Artikel in diesem Mediationsblog …

Gutes Gelingen für Ihre nächsten Mediationen
wünscht Christa D. Schäfer

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Ein Stuhl ist (kein) Stuhl – und mehr …

Montag, 9. Januar 2012 6:43

Vor einiger Zeit habe ich über Antworten zur Frage „Wann ist eine Frage eine gute Frage?““ berichtet. Heute möchte ich darüber schreiben, dass ein Stuhl nicht nur ein Stuhl ist …

Vielleicht haben Sie von der Methode mit dem leeren Stuhl gehört, oder kennen diese Technik bereits? Die Methode kommt ursprünglich aus der Gestalttherapie. Dort kann ein leerer Stuhl stellvertretend für verschiedenen Rollen stehen. Ein Stuhl kann einen Teil des Ichs repräsentieren und wird in der Gestalttherapie dadurch zur Lösung innerpsychischer Probleme genutzt. Ein leerer Stuhl kann allerdings auch einen Gesprächspartner oder eine Wunschperson symbolisieren. In der Vorstellung nimmt eine andere Person auf diesem Stuhl Platz. Perspektivwechsel und imaginäre Unterhaltungen sind möglich. Zirkuläre Fragen bekommen mehr Prägnanz. Und manchmal bekommt der Klient auch den Auftrag, sich mit diesem anderen zu identifizieren, in diesem Fall tauscht er mit der vorgestellten Person den Platz und setzt sich selbst auf den leeren Stuhl, damit er sich besser in die abwesende Person hineinversetzen kann, um zu erfahren, wie der andere eine Situation erlebt.

Sowohl in der systemischen Beratung und Therapie, als auch natürlich im Konfliktcoaching und in der Mediation – die ja per se systemisch ist – kann die Methode des leeren Stuhls eingesetzt und genutzt werden.

Im Konfliktcoaching kann der leere Stuhl beispielsweise als „So-tun-als-ob-Stuhl“ genutzt werden. Hat jemand die Wahl zwischen verschiedenen Optionen und Reaktionsmöglichkeit im Konfliktfall, so können diese Wahloptionen als Stühle gestellt werden. Der sich im Konfliktcoaching befindende Coachee kann sich dann abwechselnd auf die Stühle setzen, Vor- und Nachteile der jeweiligen Wahl kognitiv abwägen und die Wahlmöglichkeit über das eigene Erleben auf den Stühlen „erfühlen“. „Mal angenommen, Sie hätten sich für diesen Weg entschieden, wie geht es Ihnen damit? Wie fühlt es sich an?“ – so würde man einen Coachee fragen, der einen der Stühle gewählt hat.

Auch das zirkuläre Fragen im Konfliktcoaching kann mit einem dazu gestellten leeren Stuhl verstärkt werden. „Wenn jetzt auf diesem Stuhl hier neben Ihnen Herr xy sitzen würde, was würde er dann wohl dazu sagen?“ Es gibt Situationen, da meint man fast, diesen imaginären Herrn xy im Coaching „spüren“ zu können.

In der Mediation kann die Methode des leeren Stuhls natürlich auch genutzt werden, wenn eine Konfliktpartei nicht mit dabei sein kann. In einer Mediation mit einer Gruppe oder einem Team kann es schon mal passieren, dass ein Mitglied nicht anwesend sein kann. Dann ist zu überlegen, ob die Mediation abgesagt wird oder ob es eine Möglichkeit ist, durch die Methode mit dem leeren Stuhl weiter zu arbeiten. In diesem Fall wird dann der leere Stuhl stellvertretend für das fehlende Team- oder Gruppenmitglied gestellt. Dadurch kann dieses Team- oder Gruppenmitglied mit in die Mediation, in die Darstellung der Sichtweisen und in die Diskussion um die Lösungsfindung eingebunden werden. Natürlich ist die Anwesenheit aller Konfliktparteien immer oberstes Ziel in einer Mediation und die Wahl der Methode mit dem leeren Stuhl stets die zweite Wahl.

In dem zweiten Teil des Buches “Die Psychotherapeutische Schatzkiste“ von Andrea und Filip Caby aus dem Borgmann Verlag werden verschiedene Anwendungsmöglichkeiten für die Methode des leeren Stuhls in systemischen Settings genauer beschrieben. Die Cabys haben die Methode des leeren Stuhls in verschiedensten Situationen mit Klienten und ihren Systemen erfolgreich eingesetzt: Einsatz von Stühlen beim zirkulären Fragen, in der Time-Line-Technik, bei Familienskulpturen sowie beim Rollentausch. Sie nutzen Stühle oder andere Gegenstände zur bildlichen Darstellung eines Problems (oder einer Lösung) und schätzen einen leeren Stuhl bei ungewohnten Interventionen.

Neben dieser Methode wird in der Psychotherapeutischen Schatzkiste ein großes Repertoire an systemisch-lösungsorientierten Interventionen für die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, Erwachsenen und Familien vorgestellt. Praxisgeleitete Ausführungen gibt es zu Frageformen, Metaphern, Gesprächsgestaltung, Ressourcenarbeit und vielem mehr. Damit eignet sich das Buch als Lektüre für alle diejenigen, die systemisch arbeiten oder arbeiten möchten – sei es im beraterischen oder therapeutischen Bereich oder in der Mediation.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (1) | Autor:

Ein Buch über die Mediation als systemisch orientierten Prozess …

Montag, 16. Mai 2011 6:48

Für systemisch orientierte Beratungsprozessen lässt sich u.a. folgender Sprachgebrauch finden:

Die Interventionsarchitektur eines Beratungsprozesses bestimmt den Rahmen und die Struktur des Prozesses. Sie beeinflusst, dass etwas geschieht und was passiert. Eine Mediation ist in diesem Sinne eine Interventionsarchitektur.

Mit dem Interventionsdesign wird entschieden, wie das architektonische Gebäude im Inneren ausgestattet ist: Wie ist der Zeitrahmen für die Mediation, wie die Räume, worum geht es …

Mit dem Begriff der Tools sind die vielfältigen Werkzeuge gemeint, die im jeweiligen Kontext des Designs und der Architektur eingesetzt werden. Je mehr Werkzeuge und Wissen über Werkzeuge für den Bereich der Mediation zur Verfügung stehen, desto flexibler können die Tools genutzt werden und desto besser können die Mediationssitzungen gelingen.

„Mediation als Wendepunkt in Beziehungen“, das ist ein Buch von Ernst Feistauer und Marcella Zauner-Grois, das sowohl für Mediationsanfänger interessant ist, als auch für erfahrene MediatorInnen selber viele spannende Aspekte bietet. Neben Hinweisen zur Mediations als Interventionsarchitektur sowie zum Design von Mediation stehen vorallem viele Interventionen und Tools selber im Zentrum dieses Buches aus dem Facultas Verlag. Da das Buch einem humanistischen Weltbild verpflichtet ist und die kybernetische Systemtheorie sowie die konstruktivisische Erkenntnistheorie als wichtig anerkennt, werden vorallem systemische Techniken mit ihrer Nutzung im Mediationsbereich beschrieben.

Neben der Sprache als Universalintervention für alle Phasen reichen die Themen dabei bis zur Methode der Musterunterbrechung und bis zu Kapiteln über Hindernisse, Fokussierung, Ressourcen und Optionen. Eine gelungene Intervention bildet nach Feistauer und Zauner-Grois die Brücke zwischen der Selbstorganisation von Menschen und der Unterstützung bzw. Hilfestellung von außen.

Mit einigen der vorgestellten Interventionen arbeite ich oft und gerne in der Mediation, mit einigen anderen bisher weniger. Von der Intervention: „Die besten aller Welten“ hatte ich bisher sogar noch nie etwas gehört. Sie ist an ein Modell von Johan Galtung angelehnt, und nach Galtung ist ein Kopromiss eine recht fantasielose Regelung für einen Konflikt, denn eine wirkliche Lösung sollte die Elemente Konsens und Versöhnung beinhalten – erst dann kann diese Lösung auch nachhaltig zu etwas Neuem führen.

So anregend die Beschreibungen der in der Mediation einsetzbaren systemischen Tools sind, so spannend ist auch das Ende des Buches, denn neben einigen Fallbeispielen wird im Ausklang auch die Frage beleuchtet, was eine „gelungene Mediation“ ist. Bislang habe ich ich eine Antwort auf diese Frage so klar und deutlich noch nirgendwo lesen können, deshalb möchte ich sie hier vollständig zitieren:

„Eine Mediation ist gelungen, wenn die Beteiligten einen Weg gefunden haben, ihre Beziehungsgestaltung neu zu ordnen oder neu zu definieren. Diese Veränderung findet auf allen Ebenen statt: im Denken, im Fühlen und im Handeln. Eine bisher schwierige Beziehung erfährt einen Wendepunkt dahingehend, dass sich die Beteiligten von bisher kämpferischen oder destruktiven Mustern verabschieden können und sich gemeinsam um eine Lösung bemühen, die möglichst den Bedürfnissen und Wünschen aller gerecht werden kann.“ (Buch S. 178)

In diesem Sinne wünsche ich allen MediatorInnen viele gelingende Mediationen …
Christa D. Schäfer

Thema: Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor:

Piktogramme zu den fünf Phasen der Mediation

Montag, 28. Februar 2011 6:32

Eine Mediation läuft in fünf Phasen ab:

  1. Das Gespräch einleiten
  2. Sichtweisen nacheinander klären: Wie sieht die Sache aus der Sicht der jeweiligen Konfliktpartner aus?
  3. Konflikterhellung: Die persönliche Bedeutung des Konflikts verstehen
  4. Gemeinsam nach Lösungen suchen: Wer bietet was an?
  5. Einigung und Abschluss

Der Mediator Udo Pracht hat in seinem Blog Menschen und IT dazu Piktogramme veröffentlicht. Diese zeigen bildhaft und klar, was sich in den verschiedenen Phasen abspielt. Sie stehen zur freien Nutzung zur Verfügung!

Besten Dank dafür
sagt Christa D. Schäfer

Mehr zur Definition von Mediation …

Thema: Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte …

Montag, 31. Januar 2011 7:23

oder man könnte auch sagen:
Wenn zwei sich streiten, mediiert die Dritte …

Das Thema „Aphorismen und Sprüche in der Mediation“ ist ein Thema, das bisher keine große Rolle im Mediationsgeschehen spielt. Lediglich Ed Watzke verweist in seinem Buch „Wahrscheinlich hat diese Geschichte gar nichts mit ihnen zu tun …“ auf den interessanten Umgang mit diesen Methoden in der Mediation.

Das Thema Fragen in der Mediation war schon öfters Thema in diesem Blog, das Thema Aphorismen weniger. Dabei können Aphorismen wertvolle Denkanstöße geben und gezielt zum Weiterkommen in einem Prozess verwendet werden. Sie müssen stets so prägnant formuliert sein, dass sie im Gedächtnis bleiben und eine „Langzeitwirkung“ entfalten können.

Jetzt habe ich “Das Aha!-Handbuch“ entdeckt, das der Psychotherapeut Bernhard Trenkle für Therapie, Beratung und die Hängematte geschrieben hat. Viele der dort zusammengetragenen Aphorismen können in Mediationssitzungen als Gedankenanstoß dienen, aber auch einfach zur Entspannung und zum Reflektieren nach einem anstrengenden Mediationsalltag genutzt werden.

„Du kannst nicht in die Zukunft gehen und dabei mit dem Kopf nach hinten schauen.“ (Jeffrey Zeig)

„Bitter ist es, das heute tun zu müssen, was man gestern noch wollen konnte.“ (Karl Gutzkow)

„Wer heute den Kopf in den Sand steckt, knirscht morgen mit den Zähnen.“ (Iris Blaschzok)

„Wo wir heute stehen, wüssten wir, wenn wir gestern erkannt hätten, wo wir morgen fallen werden.” (Hans Kudszus)

„Alt ist man dann, wenn man an der Vergangenheit mehr Freude hat als an der Zukunft.“ (John Knittel)

„Die Vergangenheit kann uns nicht sagen, was wir tun, wohl aber, was wir lassen müssen.“ (José Ortega y Gasset)

„Kein Mensch ist reich genug, sich die eigene Vergangenheit zurück zu kaufen.“ (Oscar Wilde)

„Heute ist immer der Tag, an dem die Zukunft beginnt.“ (Hans Kudszus)

Viel Spaß beim Nachdenken
wünscht Christa D. Schäfer

Thema: Kommunikation, Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Allparteilichkeit und Neutralität

Montag, 29. November 2010 2:48

Im Frühjahr diesen Jahres schrieb ich einen Artikel zum Thema Allparteilichkeit in Mediation und Supervision, in dem ich berichtete, dass der Begriff der Allparteilichkeit heutzutage den Begriff der Neutralität abgelöst habe. Jetzt ist mir in einem Buch zur Systemischen Therapie und Beratung der Begriff der Neutralität wieder in den Blick gekommen.

In meinem Artikel vom Frühjahr heißt es:

„Allparteilichkeit kann sowohl Neutralität als auch Pluralität bedeuteten. Allparteilichkeit im Sinne einer neutralen Haltung heißt, dass ich als Mediatorin bzw. Supervisorin in einer Auseinandersetzung, die sich innerhalb einer Person oder zwischen zwei Personen abspielt, keine Partei ergreife. Allparteilichkeit im Sinne einer pluralen Haltung meint, dass ich mich gegenüber der einen Seite als auch der anderen Seite gegenüber offen zeige. Allparteilichkeit ist deshalb derzeit so etwas wie ein Überbegriff geworden, der die Begriffe Neutralität und Pluralität einschließt.“

Das Buch Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung von Rudolf Klein und Andreas Kannicht vereint wie viele Bücher der Reihe „Carl-Auer Compact“ Einblicke in Theorie und Praxis. Es ist informativ und regt sowohl zur Reflexion als auch zum Tun an. Ebenso wie systemische BeraterInnen oder TherapeutInnen müssen MediatorInnen parallel äußeren und inneren Dialogen folgen. Im äußeren Dialog sind sie damit beschäftigt, das Gespräch aufrecht zu erhalten und zu verstehen. Im Inneren Dialog müssen sie stets die Steuerung des Prozesses überdenken und Entscheidungen dazu treffen. Die Ausführungen zu den Techniken des Zuhörens, Fokussierens und Positionierens sind daher äußerst spannend auch für die Berufsgruppe der MediatorInnen.

Für die systemische Therapie und Beratung unterscheiden Rudolf Klein und Andreas Kannicht drei Ebenen der Neutralität. Die Konstruktneutralität meint, eine Parteinahme für oder gegen irgendwelche Sichtweisen der Klienten zu unterlassen. Die Beziehungs- oder soziale Neutralität bedeutet, dass der systemische Therapeut / Berater Koalitionsangebote vonseiten der Klienten für oder gegen andere Mitglieder der Familie oder sonstiger relevanter Personen nicht annehmen darf. Und unter Veränderungsneutralität wird verstanden, negative oder positive Bewertungen einer Symptombildung gegenüber genauso zu unterlassen wie Einladungen zum Kontrollieren bzw. Bekämpfen eines präsentierten Symptoms. (Klein; Kannicht S. 25).

Alle drei Neutralitäten sind auch für die Mediation zutreffen: Die Konstruktneutralität meint, nicht für eine Sichtweise der Konfliktparteien Partei zu ergreifen. Beziehungs- oder soziale Neutralität bedeutet, bezüglich der Medianden allparteilich zu bleiben. Und unter Veränderungsneutralität verstehen wir in der Mediation weder den mitgebrachten Konflikt noch die von den Medianden erarbeitete Konfliktlösung zu bewerten. Unter diesem Blickwinkel erscheint mir der Begriff der Neutralität dann doch wieder aufgrund seiner Variabilität adäquat auch für die Mediation.

Übrigens genieße ich es immer wieder, über die Mediation hinaus in die Nachbardisziplinen zu schauen. Und wie ich an dieser Stelle bereits mehrmals betont habe, so bin ich der Meinung, dass Mediation per se systemisch ist …

Christa D. Schäfer

Thema: Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren, Systemischer Ansatz | Kommentare (1) | Autor:

Selbstmanagement für MediatorInnen

Montag, 15. November 2010 6:54

Selbstmanagement ist ein in der Mediationsszene bisher wenig beachtetes, aber zunehmend wichtiges Thema.

„Der Begriff Selbstmanagement bezeichnet die Kompetenz, die eigene persönliche und berufliche Entwicklung weitgehend unabhängig von äußeren Einflüssen zu gestalten. Dazu gehören Teilkompetenzen wie zum Beispiel selbstständige Motivation, Zielsetzung, Planung, Organisation, Lernfähigkeit und Erfolgskontrolle durch Feedback.“

In der Mediation wird unter Selbstmanagement auch der Umgang mit den äußeren und inneren Spannungen bezeichnet, die zwangsläufig in diesem Beruf entstehen. Der Bundesverband Mediation (BM) gibt neuerdings in Zusammenarbeit mit dem Concadora Verlag die Buchreihe „Mediation in der Praxis“ heraus. Mit dem Selbstmanagement von MediatorInnen befasst sich der erste Band dieser Buchreihe.

Die Arbeit als Mediatiorin bzw. Mediator kann Druck und Stress erzeugen:

„Es gibt durchaus solche Situationen, dass man überfordert ist mit einer Mediations-Last. Dass man da ganz durch den Wind ist und irgendwie machtlos gegenüber der Verzweifelung der Parteien. Also gibt es durchaus so etwas wie Stress, in so einer schwierigen Situation schon.“ (Rudi Ballreich)

„Mediationen sind ja meist etwas sehr Anstrengendes. Die ‘Vibrations’ tun auf Dauer nicht gut, dieser geballte Aggressionsstau, der da manchmal auftauchen kann. Diese tiefen Verstrickungen zwischen den Konfliktparteien zu sehen, ist sehr belastend.“ (Lisa Waas)

„Ich muss sagen, ich kenne eigentlich keine Tätigkeit, die mich annähernd so viel Seins-Kraft oder Energie kostet wie eine Mediations-Sitzung. Und ich kenne dabei zwei Arten von Erschöpft-sein oder Angegriffen-sein nach einer schwierigen Sitzung. Das Eine ist ein Erschöpft-sein, welches dann auch wieder vergeht. (…) Aber dann gibt es auch ein Erschöpft-sein – von dem etwas hängen bleibt. Auch dann, wenn sich der Körper schon längst wieder erholt hat. Da passiert glaube ich mit uns etwas, was wir nur sehr begrenzt bewusst wahrnehmen und steuern können.“ (Stefan Wiesinger)

Kennen Sie als Mediatorin oder Mediator auch solche Gefühle und solchen Druck?

Das Buch „Wie managen MediatorInnen sich selbst? Im Spannungsfeld innerer und äußerer Konflikte“ bleibt jedoch nicht dabei stehen Fragen aufzuwerfen, vielmehr gibt es MediatorInnen auch Hinweise dazu, wie sie ihre innere Balance finden und dem Stress und den emotionalen Belastungen gut begegnen können. Exemplarisch möchte ich in aller Kürze einen körperorientierten meditativen Prozess der Selbsterforschung von Rudi Ballreich vorstellen, mit dem Verkrampfungen, durch Konflikte hervorgerufen, losgelassen werden können.

Als MediatorInnen haben wir die Aufgabe, die Konfliktparteien dazu anzuregen, dass sie ihre Verkrampfungen loslassen können und wieder in Kontakt kommen mit sich und mit einander. Dazu ist der Kontakt der Konfliktparteien zur Erde, zum Himmel, zu sich selbst und zum Anderen notwendig. An spirituelle Traditionen anknüpfend meint dieser Prozess jedoch auch für die MediatorInnen selbst, diese vier Kontakte stark zu knüpfen:

Kontakt zur Erde: Die Realitäten einer Situation sehen, den „Nebel der Emotionen“ sowie das eigene innere Getrieben-Sein im Willen überwinden. Kontakt zum Himmel: Einen freien Kopf haben, um Weitblick und gute Ideen zu finden. Kontakt zu sich selbst: Die eigene Sichtweise, Gefühle, Bedürfnisse spüren und verstehen. Kontakt zum Anderen: Empathie und Verstehen, um Versöhnungsprozesse zu ermöglichen und verschlossene Herzen füreinander zu öffnen.

Das Buch regt MediatorInnen einerseits zur Selbstreflektion an und bietet andererseits handfeste Unterstützung für den Bereich des Selbstmanagements dieses Berufsstandes. MediatorInnen werden im Sinne einer Psychohygiene fit für ihren Beruf und können stark und klärend in ihren Mediationen wirken. Hervorragend gelingt es damit diesem Buch, einen wichtigen Grundstein für den Berufsstand der Mediation zu legen.

Neben einer Selbstklärung und einem guten Selbstmanagement ist natürlich auch die Intervision oder Supervision für MediatorInnen ein wichtiger Baustein zur Psychohygiene und zum Berufserfolg. Interesse an Supervision?

Christa D. Schäfer

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Fortschritte in der Mediation zur Admiralbrücke

Montag, 13. September 2010 23:55

Seit Frühjahr gibt es, wie hier im Blog berichtet, eine Mediation zur Berliner Admiralbrücke. Zahlreiche Menschen treffen sich hier insbesondere bei gutem Wetter auf der Brücke, um zu feiern. Es sind Berliner, die dort feiern, und es sind Berlinbesucher, die in ihrem Reiseführer von der Brücke gelesen haben. Die Anwohner finden das gar nicht lustig.

Im August musste wegen einer Eskalation erneut eine Hundertschaft der Polizei im Konflikt eingreifen.

Wie der Berliner Tagesspiegel jetzt berichtete, hat der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit kürzlich die Admiralbrücke besucht:

„Eigentlich wollte Klaus Wowereit auf der Admiralbrücke nur einen kleinen Scherz machen. Man solle doch die Verlage anschreiben und sie bitten, die Admiralbrücke in ihren Reiseführern nicht mehr als Geheimtipp und ultimativen Partyort zu bewerben, schlug der Regierende Bürgermeister (SPD) bei seinem Kiezbesuch in Friedrichshain-Kreuzberg augenzwinkernd vor. Alle lachten. Keiner der Anwesenden sah darin offenbar ernsthaft eine Möglichkeit, den seit drei Sommern bestehenden Konflikt zwischen genervten Anwohnern und feierfreudigen Brückengästen im Graefekiez zu lösen. Doch seitdem ist die Idee in der Welt – und tatsächlich wurden inzwischen Briefe ähnlichen Inhalts an Reiseführerverlage verschickt.“

Jetzt im September ist das Berliner Wetter wieder etwas kühler geworden und ich bin gespannt, wie die Mediation weiter geht. Christa D. Schäfer

Thema: Gemeinwesenmediation, Konflikte, Mediationsverfahren | Kommentare (0) | Autor:

Wieder Nachbarschaftsmediation im RTL

Montag, 9. August 2010 7:33

Letztes Jahr im Sommer kam Andreas Kolb und hat Nachbarschaftsstreit im Fernsehen durch Mediation gelöst, ich berichtete darüber. Dieses Jahr ist es Streitschlichter Franz Obst, der „im Einsatz“ ist.

Letzte Woche hatte er einen Konflikt zu bearbeiten, in dem ein Rentner in einer niedersächsischen Kleinstadt im Streit mit der gesamten Nachbarschaft lag. Er hat buchstäblich viele seiner Nachbarn terrorisiert und zwei Ehepaare haben in Folge dessen um eine Streitschichtung gebeten. Der Rentner selber war nicht an einem gemeinsamen Gespräch interessiert, eine Mediation (im Film wird von Schlichtung gesprochen) kam deshalb nicht zustande. Es gab stattdessen ein Konfliktcoaching bzw. eine Konfliktberatung zu sehen, bei der sogar zwei „Verhaltenstrainer“ zum Einsatz kamen, die den terrorisierten Ehepaaren gezeigt haben, wie sie sich deeskalierend und geschickt in den diesbezüglichen Krisensituationen verhalten können.

Diese Woche geht es um zwei befreundete Ehepaare, bei denen aus Freundschaft Feindschaft wird. Falls es Sie interessiert: Mittwoch Abend, den 11.8.2010 um 20:15 Uhr im RTL.

In Internet können Sie auf der Seite von RTL die Streitfälle jeweils 7 Tage lang nach der Sendung kostenfrei ansehen, danach sind sie für 0,99 € zum Anschauen herunterladbar.

An dieser Stelle möchte ich gerne meine Worte wiederholen, die in meinem Blogbeitrag zum Thema letztes Jahr den letzten Absatz bildeten:

Falls Sie in Berlin eine kostenfreie, auf Spendenbasis basierende Nachbarschaftsmediation suchen, so wenden Sie sich bitte an das MediationsZentrum Berlin. Und falls Sie ein Buch zum Thema Nachbarschaftsmediation suchen …, letztes Jahr ist das erste deutschsprachige Buch erschienen!

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Mediationsverfahren, Nachbarschaftsmediation, Stadtteilmediation | Kommentare (5) | Autor:

Mediationsgesetz

Sonntag, 8. August 2010 8:48

Bisher war hier im mediation-berlin-blog noch nichts über das zukünftige Mediationsgesetz zu lesen, das soll nun mit diesem Artikel dringend nachgeholt werden.

Seit langem schon ist ein, nein ist das Mediationsgesetz im Gespräch. Am 19.07.2010 wurde der Referentenentwurf des Mediationsgesetzes an die Resorts versandt. Das Gesetz soll die außergerichtliche Streitbeilegung stärken, so Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

Auf der Internet seite des Bundesministeriums der Justiz ist zu lesen:

„Der vorgelegte Referentenentwurf sieht die Förderung des Mediationsverfahrens vor. Die Regelung soll grenzüberschreitende und nationale Sachverhalte auf eine einheitliche Grundlage stellen, um eine Rechtszersplitterung zu vermeiden.

Im Referentenentwurf werden die Aufgaben der Mediatorinnen und Mediatoren beschrieben und Offenbarungspflichten und Tätigkeitsbeschränkungen festgelegt, die ihre Neutralität und Unabhängigkeit sicherstellen sollen.

Die vorgesehenen Änderungen erleichtern darüber hinaus die Vollstreckbarkeit von Mediationsvereinbarungen und regeln eine Verschwiegenheitspflicht für alle Mediatorinnen und Mediatoren. Aus der Verschwiegenheitspflicht folgt zugleich ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Zivilprozessordnung und allen auf sie verweisenden Verfahrensordnungen. Der Referentenentwurf schützt so die Vertraulichkeit der Mediation.“

Am 05.08.2010 dann versandte das Bundesjustizministerium den Referentenentwurf an Länder und Verbände. Damit ist der Referentenentwurf zur Förderung der Mediation und anderer Verfahren der außergerichtlichen Konfliktbeilegung auch öffentlich einsehbar.

„Der Referentenentwurf sieht neben Regeln zur Neutralität und Unabhängigkeit der Mediatorinnen und Mediatoren unter anderem vor, dass Mediationsvereinbarungen künftig leichter vollstreckt werden können. Zudem soll eine Verschwiegenheitspflicht für alle Mediatoren eingeführt werden. Aus einer solchen Verschwiegenheitspflicht folgt ein Zeugnisverweigerungsrecht in der Zivilprozessordnung und allen auf sie verweisenden Verfahrensordnungen. Dadurch kann die Vertraulichkeit der Mediation geschützt werden.“

so eine kurze Zusammenfassung des Bundesministeriums zum Referentenentwurf. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht.
Christa D. Schäfer

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