Wenn Kinder den Kontakt abbrechen …
Montag, 6. Juni 2011 8:18
Gibt es das?
Angelika Kindt hat ein Buch darüber geschrieben. Sie wurde von ihrer Tochter ohne Vorwarnung verlassen – warum, weiß sie bis heute nicht. Auf der Suche nach Antworten und Hilfe stellte sie fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist. Das Phänomen „verlassene Eltern“ zieht sich durch alle sozialen Schichten, wird von der Gesellschaft jedoch tabuisiert. – so heißt es auf der Rückseite dieses spannenden Buches.
Das Phänomen „Verlassene Eltern“ ist in zweierlei Hinsicht interessant für mich und diesen blog.
Zum einen ist natürlich die Systemische Sicht auf dieses Phänomen höchst faszinierend. Was passiert oder auch was muss bereits passiert sein, wenn eine 30jährige Tochter ihrer Mutter den Kontakt aufkündigt, sich nicht mehr meldet und keine Verbindung mehr existiert?! Obwohl – eine Verbindung existiert ja schon, von beiden Seiten aus, und zumindest für die Mutter ist diese Situation sehr schmerzhaft. Ob sie das auch für die Tochter ist, kann man in dem Buch nur erahnen, denn zur Tochter gibt es ja keinen Kontakt mehr. Wahrscheinlich aber litt die Tochter schon viel früher und hat deshalb diesen radikalen Schritt zum Kontaktabbruch gewählt? Vermutungen über Vermutungen.
Die Autorin Angelika Kindt begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche. Sie hatte stets versucht eine gute Mutter zu sein und natürlich immer so gehandelt, wie sie es am besten in den jeweiligen Situationen zu den jeweiligen Zeiten konnte und wusste. Nach der „Trennung“ plagten sie Selbstvorwürfe und Zweifel. Andere Menschen belegten sie mit Vorurteilen und Stigmatisierung.
„Kinder distanzieren sich nicht von den Eltern, weil diese ihnen fremd geworden sind, sondern eher, weil sie ihnen zu nahe sind. … Auch ich schämte mich, wie viele andere verlassene Eltern, dass mir so etwas als Mutter ‘passieren’ konnte. Inzwischen habe ich begriffen, dass immer zwei Seiten an so einem Bruch beteiligt sind. Ich wünsche mir sehr, dass die Kinder, die von ihren Eltern nichts mehr hören wollen, das auch verstehen und sich bewusst machen.“ (Buch, S. 85)
Wenn Kinder erwachsen werden, dann lassen sich beide Seiten – Eltern und Kinder – los. Dies sollte ein positives Loslassen sein, das schließlich wieder zu einer Verbindung führt. Eltern und Kinder (oder Mutter und Tochter) führen beide „ihr Leben“, lassen Raum zwischen sich und sollten spüren und wissen, dass sie jederzeit wieder eine angemessene Nähe suchen können. In gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Fairness gibt es ein gesundes Einpendeln zwischen Loslassen und Wiederfinden.
Dieser gegenseitige Respekt und die darin wohnende Fairness scheinen in manchen Eltern-Kind-Beziehungen schwierig bis unmöglich zu sein. Kontaktabbruch ist Flucht, ist Wegrennen vor der Aufgabe einen fast nicht aushaltbaren Konflikt lösen zu müssen. Jeder der beiden Konfliktpartner (Mutter und Tochter) haben gewisse Vorstellungen von ihren Rollen bzw. der Rolle der jeweiligen anderen. Was geschieht, wenn diese Rollenbilder nicht deckungsgleich sind, sondern differieren? Dann tut es emotional weh und ist hart.
Die Verweigerung des Kontaktes ist in diesem Fall natürlich auch eine Form der Kommunikation, denn wenn wir an Paul Watzlawick denken, so heißt es in dessen erstem Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Im Falle des Kontaktabbruchs ist es so, dass man lediglich Vermutungen über die Ursache anstellen kann, aber keine Rückmeldung zu dieser Sichtweise bekommt. Damit fühlt man sich ohnmächstig und empfindet den Kontaktabbruch als solches als aggressive Verhaltensweise.
Je nach Konflikttyp könnten Mutter und Tochter auch an dieser Thematik der verschiedenen Rollenerwartungen arbeiten, die Kommunikation miteinander suchen oder auch eine Mediatorin, einen Mediator als „Vermittler zwischen den beiden Welten“ einsetzen. – Und hier ist natürlich der zweite Anknüpfungspunkt zu diesem blog. Bisher habe ich einen solchen Fall noch nicht bearbeitet, aber ich bin sicher, dass Mediation unterstützen kann – wenn beide Parteien dazu bereit sind und sich darauf einlassen. Dann wäre Mediation wahrscheinlich sogar die bessere Wahl als eine Familientherapie – denn diese ist dichter und intensiver und wird oft gar nicht gewünscht.
In dem Buch “Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ von Angelika Kindt gibt es viele weitere fachlich interessante Passagen wie beispielsweise diejenige zu den Stichworten „Trauerarbeit“ und den „vier Phasen eines Verlusts“. Mit anderen Worten: Sowohl aus Systemischer Sicht als auch aus MediatorInnensicht ist dies ein super interessantes Buch, das sich lohnt zu lesen!
Christa D. Schäfer
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Thema: Familienmediation, Literaturempfehlungen, Systemischer Ansatz | Kommentare (25) | Autor: Christa Schäfer


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