Beitrags-Archiv für die Kategory 'Systemischer Ansatz'

Wenn Kinder den Kontakt abbrechen …

Montag, 6. Juni 2011 8:18

Gibt es das?

Angelika Kindt hat ein Buch darüber geschrieben. Sie wurde von ihrer Tochter ohne Vorwarnung verlassen – warum, weiß sie bis heute nicht. Auf der Suche nach Antworten und Hilfe stellte sie fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist. Das Phänomen „verlassene Eltern“ zieht sich durch alle sozialen Schichten, wird von der Gesellschaft jedoch tabuisiert. – so heißt es auf der Rückseite dieses spannenden Buches.

Das Phänomen „Verlassene Eltern“ ist in zweierlei Hinsicht interessant für mich und diesen blog.

Zum einen ist natürlich die Systemische Sicht auf dieses Phänomen höchst faszinierend. Was passiert oder auch was muss bereits passiert sein, wenn eine 30jährige Tochter ihrer Mutter den Kontakt aufkündigt, sich nicht mehr meldet und keine Verbindung mehr existiert?! Obwohl – eine Verbindung existiert ja schon, von beiden Seiten aus, und zumindest für die Mutter ist diese Situation sehr schmerzhaft. Ob sie das auch für die Tochter ist, kann man in dem Buch nur erahnen, denn zur Tochter gibt es ja keinen Kontakt mehr. Wahrscheinlich aber litt die Tochter schon viel früher und hat deshalb diesen radikalen Schritt zum Kontaktabbruch gewählt? Vermutungen über Vermutungen.

Die Autorin Angelika Kindt begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche. Sie hatte stets versucht eine gute Mutter zu sein und natürlich immer so gehandelt, wie sie es am besten in den jeweiligen Situationen zu den jeweiligen Zeiten konnte und wusste. Nach der „Trennung“ plagten sie Selbstvorwürfe und Zweifel. Andere Menschen belegten sie mit Vorurteilen und Stigmatisierung.

„Kinder distanzieren sich nicht von den Eltern, weil diese ihnen fremd geworden sind, sondern eher, weil sie ihnen zu nahe sind. … Auch ich schämte mich, wie viele andere verlassene Eltern, dass mir so etwas als Mutter ‘passieren’ konnte. Inzwischen habe ich begriffen, dass immer zwei Seiten an so einem Bruch beteiligt sind. Ich wünsche mir sehr, dass die Kinder, die von ihren Eltern nichts mehr hören wollen, das auch verstehen und sich bewusst machen.“ (Buch, S. 85)

Wenn Kinder erwachsen werden, dann lassen sich beide Seiten – Eltern und Kinder – los. Dies sollte ein positives Loslassen sein, das schließlich wieder zu einer Verbindung führt. Eltern und Kinder (oder Mutter und Tochter) führen beide „ihr Leben“, lassen Raum zwischen sich und sollten spüren und wissen, dass sie jederzeit wieder eine angemessene Nähe suchen können. In gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Fairness gibt es ein gesundes Einpendeln zwischen Loslassen und Wiederfinden.

Dieser gegenseitige Respekt und die darin wohnende Fairness scheinen in manchen Eltern-Kind-Beziehungen schwierig bis unmöglich zu sein. Kontaktabbruch ist Flucht, ist Wegrennen vor der Aufgabe einen fast nicht aushaltbaren Konflikt lösen zu müssen. Jeder der beiden Konfliktpartner (Mutter und Tochter) haben gewisse Vorstellungen von ihren Rollen bzw. der Rolle der jeweiligen anderen. Was geschieht, wenn diese Rollenbilder nicht deckungsgleich sind, sondern differieren? Dann tut es emotional weh und ist hart.

Die Verweigerung des Kontaktes ist in diesem Fall natürlich auch eine Form der Kommunikation, denn wenn wir an Paul Watzlawick denken, so heißt es in dessen erstem Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Im Falle des Kontaktabbruchs ist es so, dass man lediglich Vermutungen über die Ursache anstellen kann, aber keine Rückmeldung zu dieser Sichtweise bekommt. Damit fühlt man sich ohnmächstig und empfindet den Kontaktabbruch als solches als aggressive Verhaltensweise.

Je nach Konflikttyp könnten Mutter und Tochter auch an dieser Thematik der verschiedenen Rollenerwartungen arbeiten, die Kommunikation miteinander suchen oder auch eine Mediatorin, einen Mediator als „Vermittler zwischen den beiden Welten“ einsetzen. – Und hier ist natürlich der zweite Anknüpfungspunkt zu diesem blog. Bisher habe ich einen solchen Fall noch nicht bearbeitet, aber ich bin sicher, dass Mediation unterstützen kann – wenn beide Parteien dazu bereit sind und sich darauf einlassen. Dann wäre Mediation wahrscheinlich sogar die bessere Wahl als eine Familientherapie – denn diese ist dichter und intensiver und wird oft gar nicht gewünscht.

In dem Buch “Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ von Angelika Kindt gibt es viele weitere fachlich interessante Passagen wie beispielsweise diejenige zu den Stichworten „Trauerarbeit“ und den „vier Phasen eines Verlusts“. Mit anderen Worten: Sowohl aus Systemischer Sicht als auch aus MediatorInnensicht ist dies ein super interessantes Buch, das sich lohnt zu lesen!

Christa D. Schäfer

Übrigens: Kommunikation ist …

Thema: Familienmediation, Literaturempfehlungen, Systemischer Ansatz | Kommentare (25) | Autor:

Vielfalt ist ergiebig …

Montag, 23. Mai 2011 10:50

Mediation

Die Streitparteien in der Mediation haben unterschiedliche Sichtweisen, sie stammen mitunter aus verschiedenen sozialen Schichten, sind unterschiedlichen Geschlechts, repräsentieren unterschiedliche Kulturen, Lebensstile, Generationen usw. Mediationsverfahren zeigen Erkenntnisse über Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Werte und Verhaltensnormen sowie Kommunikationsmuster der Streitparteien. Die Aufgabe der MediatorInnen ist es, für ein gutes Gesprächsklima zu sorgen und dem Gespräch Struktur zu geben, damit sich die MediandInnen auf die Inhalte des Gesprächs sowie auf ihre Bedürfnisse und Emotionen konzentrieren können. Aus Vielfalt ergibt sich hier eine neue Chance.

Mediation in Organisationen hilft die persönliche Ebene zu bearbeiten, aber auch Zusammenhänge auf der Gruppen- und Organisationsebene zu beleuchten. Dadurch können strukturelle Veränderungen thematisiert und Ideen dafür generiert werden.

Diversity Management in Wirtschaftsbetrieben

„Vielfalt ist allgegenwärtig. Ziel eines modernen und zukunftsorientierten Diversity Managements ist es, diese Vielfalt nicht als Erschwernis zu verstehen, sondern die großen Chancen zu erkennen und zu nützen, die sie bieten.“ (Pauser; Wondrak, S. 9)

„Diversity Management ist das Management von Vielfalt. Es nutzt personelle Vielfalt zur Zielerreichung. Größtmögliche Vielfalt ist also nicht ein Ziel an sich, sondern hat den Zweck, die Zielerreichung von Unternehmungen zu unterstützen.“ (Pauser, Wondrak, S. 27)

Vielfalt in Schule – Inklusion

Die Vielfalt der Kinder und Jugendlichen in Schule ist in manchen Großstädten nahezu unübersehbar. Dennoch wird heutzutage immer noch von „Integration“ gesprochen, anstatt die Inklusion zu gestalten. Schulen in Berlin sollen jetzt umdenken und sind auf dem Weg …

Der Begriff der Inklusion entstand Anfang der 1990er Jahre. Eine Erklärung über die Inklusion als wichtigstes Ziel der internationalen Bildungspolitik und ein Rahmen für deren Umsetzung war das Hauptergebnis der UNESCO- Konferenz, die 1994 in Salamanca stattfand:

„Das Leitprinzip, das diesem Rahmen zugrunde liegt, besagt, dass Schulen alle Kinder, unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte Kinder einschließen, Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Minoritäten sowie Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder -gebieten.“ Salamanca Erklärung

Die UNESCO-Erklärung führt aus, dass Regelschulen mit Inklusiver Pädagogik das beste Mittel sind, um diskriminierende Haltungen zu bekämpfen, um Gemeinschaften aufzubauen, die alle willkommen heißen, um eine integrierende Gesellschaft aufzubauen und um Bildung für alle zu erreichen.

Die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung hat im Januar 2011 ein Konzept zur Umsetzung der UN-Konvention in der Berliner Schule vorgelegt. Marzahn-Hellersdorf hat sich mit INKA (Inklusion auf dem Weg) bereits bewegt.

Buch zum Thema

Über Diversity Managment gibt es jetzt ein absolut lesenswertes Buch aus dem Österreichischen Facultas Verlag. Obige Gedanken sind großteils diesem Buch entnommen. Von Norbert Pauser und Manfred Wondrak herausgegeben ist das „Praxisbuch Diversity Management“ optisch unglaublich ansprechend und inhaltlich äußerst reich und informativ. Wem die oben stehende Einblicke in das Thema „Management von Vielfalt“ nicht ausreichen, der tut gut daran, sich dieses Buch zu besorgen. Es wird nicht mehr lange dauern, da ist es auch in Deutschland absolut notwendig, ein gutes Diversity Management zu haben – in Schulen und anderswo …

Christa D. Schäfer

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Ein Buch über die Mediation als systemisch orientierten Prozess …

Montag, 16. Mai 2011 6:48

Für systemisch orientierte Beratungsprozessen lässt sich u.a. folgender Sprachgebrauch finden:

Die Interventionsarchitektur eines Beratungsprozesses bestimmt den Rahmen und die Struktur des Prozesses. Sie beeinflusst, dass etwas geschieht und was passiert. Eine Mediation ist in diesem Sinne eine Interventionsarchitektur.

Mit dem Interventionsdesign wird entschieden, wie das architektonische Gebäude im Inneren ausgestattet ist: Wie ist der Zeitrahmen für die Mediation, wie die Räume, worum geht es …

Mit dem Begriff der Tools sind die vielfältigen Werkzeuge gemeint, die im jeweiligen Kontext des Designs und der Architektur eingesetzt werden. Je mehr Werkzeuge und Wissen über Werkzeuge für den Bereich der Mediation zur Verfügung stehen, desto flexibler können die Tools genutzt werden und desto besser können die Mediationssitzungen gelingen.

„Mediation als Wendepunkt in Beziehungen“, das ist ein Buch von Ernst Feistauer und Marcella Zauner-Grois, das sowohl für Mediationsanfänger interessant ist, als auch für erfahrene MediatorInnen selber viele spannende Aspekte bietet. Neben Hinweisen zur Mediations als Interventionsarchitektur sowie zum Design von Mediation stehen vorallem viele Interventionen und Tools selber im Zentrum dieses Buches aus dem Facultas Verlag. Da das Buch einem humanistischen Weltbild verpflichtet ist und die kybernetische Systemtheorie sowie die konstruktivisische Erkenntnistheorie als wichtig anerkennt, werden vorallem systemische Techniken mit ihrer Nutzung im Mediationsbereich beschrieben.

Neben der Sprache als Universalintervention für alle Phasen reichen die Themen dabei bis zur Methode der Musterunterbrechung und bis zu Kapiteln über Hindernisse, Fokussierung, Ressourcen und Optionen. Eine gelungene Intervention bildet nach Feistauer und Zauner-Grois die Brücke zwischen der Selbstorganisation von Menschen und der Unterstützung bzw. Hilfestellung von außen.

Mit einigen der vorgestellten Interventionen arbeite ich oft und gerne in der Mediation, mit einigen anderen bisher weniger. Von der Intervention: „Die besten aller Welten“ hatte ich bisher sogar noch nie etwas gehört. Sie ist an ein Modell von Johan Galtung angelehnt, und nach Galtung ist ein Kopromiss eine recht fantasielose Regelung für einen Konflikt, denn eine wirkliche Lösung sollte die Elemente Konsens und Versöhnung beinhalten – erst dann kann diese Lösung auch nachhaltig zu etwas Neuem führen.

So anregend die Beschreibungen der in der Mediation einsetzbaren systemischen Tools sind, so spannend ist auch das Ende des Buches, denn neben einigen Fallbeispielen wird im Ausklang auch die Frage beleuchtet, was eine „gelungene Mediation“ ist. Bislang habe ich ich eine Antwort auf diese Frage so klar und deutlich noch nirgendwo lesen können, deshalb möchte ich sie hier vollständig zitieren:

„Eine Mediation ist gelungen, wenn die Beteiligten einen Weg gefunden haben, ihre Beziehungsgestaltung neu zu ordnen oder neu zu definieren. Diese Veränderung findet auf allen Ebenen statt: im Denken, im Fühlen und im Handeln. Eine bisher schwierige Beziehung erfährt einen Wendepunkt dahingehend, dass sich die Beteiligten von bisher kämpferischen oder destruktiven Mustern verabschieden können und sich gemeinsam um eine Lösung bemühen, die möglichst den Bedürfnissen und Wünschen aller gerecht werden kann.“ (Buch S. 178)

In diesem Sinne wünsche ich allen MediatorInnen viele gelingende Mediationen …
Christa D. Schäfer

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Ostern, oder: Alles eine Frage der Sichtweise …

Sonntag, 24. April 2011 9:23

 

Oups ist ein kleines drolliges Wesen, das auf einem fernen Stern wohnt und manchmal uns Erdbewohner besucht. Hanna und Luca sind seine Freunde und so saß er mit ihnen im Frühling, irgendwann in den letzten Tagen, auf einer kleinen Holzbank und blickt faszinierend nach oben, um das Spiel der Wolken zu beobachten. Es verblüfft ihn, wie sich die Wolkenlandschaft mit jedem Augenblick veränderte und dabei die unterschiedlichsten Gebilde entstanden.

Oups ließ seinen Gedanken und seiner Fantasie freien Lauf, worauf ihm so manche Wolkengebilde bald als Gestalten, bald als Gegenstände oder Symbole erschienen – wie in einem Traum.

„Seht mal – ein Herz“, sagte er und zeigte auf eine kleine weiße Wolke. „Und da drüben – diese Wolke sieht aus wie ein Engel, der seine Flügel über uns ausbreitet. Das ist ein gutes Zeichen, was meint ihr?“

Hanna und Luca blickten nach oben. Zusamen mit Oups hatten sie sich auf der alten Holzbank niedergelassen, um sich mit einer kleinen Jause zu stärken und sich etwas vom anstrengenden Anstieg auszuruhen. Gemeinsam waren die drei auf einem Wanderpfad unterwegs, der sie bergauf und bergab über viele Hügel führte.

„Ja, sieht wirklich aus wie ein Herz“, stimmte Hanna zu und lies ihren Blick schweifen, um auch die „Engelwolke“ zu entdecken.

„Wo seht ihr ein Herz? Ich sehe da oben Wolken, die eher wie Monster aussehen. Die werden uns bald nass machen“, entgegnete Luca skeptisch und zeigte auf ein dunkles Wolkengebilde.

Oups schmunzelte. „Das ist eine Frage der Sichtweise.“

Und auch in der Mediation hat man die Frage der Sichtweise. Oft hat man zwei Streitparteien vor sich sitzen und denkt, dass die beiden unmöglich von ein und derselben Situation sprechen können. Doch es ist auch da so wie bei den Wolken; für die Einen ist eine Wolke bedrückend, weil sie so dunkel ist, und der Regen bald kommt – und für die Anderen ist dieselbe Wolke am Himmel wunderschön, weil sie sich bewegt, verändert und zum Träumen anregen. So ist der Blick auf eine zuvorderst „objektive Situation“ höchst subjektiv geprägt und welche Ansicht die Wirklichkeit der Wolke wiederspiegelt, das ist nun wirklich nicht zu klären …

Der Konstruktivismus geht von der Grundannahme aus, dass die Wirklichkeit ein Konstrukt des Gehirns ist. Die Kernaussage des Radikalen Konstruktivismus sagt, dass eine Wahrnehmung niemals ein Abbild der Realität liefert, sondern immer eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung eines Individuums ist. Deshalb ist Objektivität im Sinne einer Übereinstimmung von wahrgenommenem (konstruiertem) Bild und Realität unmöglich; ausnahmslos jede Wahrnehmung ist subjektiv. Darin besteht die Radikalität (Kompromisslosigkeit) des radikalen Konstruktivismus.

Natürlich kann man auch Kinder schon zu dieser „Weltsicht“ anregen, denn was ich in einer Wolke sehe ist nicht dasselbe, das du in einer Wolke siehst und nicht dasselbe, was Sie in einer Wolke sehen …

Mit obigem Zitat aus dem wunderbar klugen Buch „Das Leben ist schön“ wünsche ich Ihnen ein sonniges, wolkiges und schönes Osterfest 2011,
Ihre Christa Schäfer

Ach ja, in diesem Blog finden sie übrigens auch eine Oups-Herzensübung …
(einfach auf den roten Text klicken …)

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Wann ist eine Frage eine gute Frage?

Montag, 4. April 2011 7:33

Eine Frage erfüllt immer zwei Funktionen und verbindet immer mindestens zwei Menschen miteinander. Derjenige, der fragt, ist neugierig, interessiert sich und will mehr wissen. Der Befragte hat etwas zu sagen, das interessant ist, bei dem anderen weitere Fragen auszulösen. Eine Frage ist im Sinne einer Lösungsorientierung eine gute Frage,

  • wenn sie nicht sofort beantwortet werden kann.
  • wenn sie Gedanken auslöst, die sich der Befragte bis dahin noch nicht gemacht hat.
  • wenn der Befragte Zeit braucht, um sich mit neuen Gedanken auseinanderzusetzen.
  • wenn die Frage neue Perspektiven eröffnet bzw. das Handlungsspektrum erweitert.
  • wenn die Frage ein Stück weit das System „verstört“, also eine Änderung hervorruft.
  • wenn die Frage eine neue Perspektive, neue Gedanken bzw. neue Lösungsmöglichkeiten herausfordert.

Fragen sind gut, wenn sie das Handlungs- und Denkspektrum des Befragten erweitern. „Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste“ von Andrea und Filip Caby stellt eine ganze Reihe von Fragetpyen und Interventionen für unterschiedliche Berufsbilder vor.

Was empfiehlt die Psychotherapeutische Schatzkiste …

… wenn ein Mediand mit dem Satz aufwartet:
„Sie sind unsere letzte Hoffnung“?

Dann wird dadurch einerseits deutlich, wie groß der Druck des Medianden ist, aber auch, wie groß der Druck für den Mediator sein kann. Druck im Prozess ist jedoch nicht gut, und mögliche Interventionen sind Sätze wie:

„Woran werden Sie merken, dass es gut war, Ihre letzte Hoffnung bei mir eingesetzt zu haben?“
„Wenn es stimmt, dass die Hoffnung zuletzt stirbt, muss ich mir dann jetzt Sorgen machen?“
„Wir sollten uns auf die „Vorletzte“ einigen!“
„Ich kann Sie beruhigen, nach mir gibt es auch noch jemanden.“

… wenn ein Mediand Ihnen als Mediator mitteilt:
„Wir haben schon alles probiert“?

„Alles ausprobiert“ heißt im Streitfall leider auch oft „zu früh aufgehört“. Deshalb lohnt es sich genauer hinzuschauen, zum Beispiel mit folgender Frage:

„Was von dem hat am besten funktioniert? Und was genau? Und was haben Sie da gerade anders gemacht?“

… einer Lehrkraft, die bei aggressivem Verhalten eines Schülers / einer Schülerin nicht weiterkommt und das Gespräch mit ihm / ihr sucht?

Sie empfiehlt für die gesamte Klasse die Nutzung von Ansätze wie Entspannungstechniken und den Aufbau sozialer Kompetenzen. Für das pädagogische Einzelgespräch mit dem aggressiven Schüler schlägt die Schatzkiste ein Repertoir aus fünf verschiedene Indikationen vor: Fragen nach Ausnahmen, Externalisieren, Zirkuläres Fragen, Beobachtungsaufgaben und So-tun-als-ob.

Beim Externalisieren kann gerade mit jüngeren Schülern gut im „Zwei-Instanzen-Modell“ gearbeitet werden. Eine Instanz des Schülers ist die des aggressiven Bösen, die zweite Instanz ist diejenige, die das Kind eigentlich sein möchte. „Ich habe den Eindruck, es gibt Zwei von Dir – der eine Part ist aggressiv, der andere ist nett.“ In meinen Arbeiten mit aggressiven SchülerInnen beschreiben viele der Schüler sogar selber diese Instanzen, indem sie darüber berichten, dass zwei kleine Männchen bzw. zwei Stimmen sie leiten. Während das eine Männchen sagt: „Schlag zu“, mahnt das andere Männchen „Sei ganz ruhig und besonnen.“ Manche Schüler bauen dieses Modell sogar so aus, dass sich die beiden Stimmen / die beiden Männchen unterhalten können und sie selber dadurch unterstützt werden, weniger aggressiv zu sein.

Es ist stets spannend, in diesem Bereich mit Schülerinnen und Schülern zu arbeiten !!

Die kleine Psychotherapeutische Schatzkiste ist übrigens ein sehr zu empfehlendes Buch von Andrea und Filip Caby aus dem Borgmann Media Verlag, das viele Tipps und Tricks für kleine und große Probleme vom Kindes- bis zum Erwachsenenalter bereit hält. Es ist für Ärzte, Therapeuten, Behandelnde, Berater (LehrerInnen und MediatorInnen) geschrieben, die alle von den Hinweisen im Buch profitieren können. Das erste Kapitel des Buches enthält eine kurze theoretische Einführung zu Fragetechniken und zur Gesprächsführung. Wichtig zu wissen, dass die Gedanken im Buch einen systemischen Hintergrund haben. Der Klient / Patient / der zu Beratende wird nicht als isoliertes Individuum betrachtet, sondern mit alle dem herum, das man „System“ nennt. Es wird geschaut, wie aus einem Problemsystem ein Lösungssystem werden kann. Dazu werden in den nächsten Kapiteln ganz unterschiedliche und vielfältige Interventionen vorgeschlagen.

„Übrigens: Das Problem an sich ist auch schon eine versuchte Lösung!“ (Buch S. 19)

„Ein Symptom bekommt seine Bedeutung durch seinen Kontext.“ (Buch S. 21)

„Der Mensch kennt die Lösung seines Problems,
er weiß nur nicht, dass er sie kennt.“
(Milton Erickson)

Alles Gute für die Lösung Ihrer Probleme
wünscht Christa D. Schäfer

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Allparteilichkeit und Neutralität

Montag, 29. November 2010 2:48

Im Frühjahr diesen Jahres schrieb ich einen Artikel zum Thema Allparteilichkeit in Mediation und Supervision, in dem ich berichtete, dass der Begriff der Allparteilichkeit heutzutage den Begriff der Neutralität abgelöst habe. Jetzt ist mir in einem Buch zur Systemischen Therapie und Beratung der Begriff der Neutralität wieder in den Blick gekommen.

In meinem Artikel vom Frühjahr heißt es:

„Allparteilichkeit kann sowohl Neutralität als auch Pluralität bedeuteten. Allparteilichkeit im Sinne einer neutralen Haltung heißt, dass ich als Mediatorin bzw. Supervisorin in einer Auseinandersetzung, die sich innerhalb einer Person oder zwischen zwei Personen abspielt, keine Partei ergreife. Allparteilichkeit im Sinne einer pluralen Haltung meint, dass ich mich gegenüber der einen Seite als auch der anderen Seite gegenüber offen zeige. Allparteilichkeit ist deshalb derzeit so etwas wie ein Überbegriff geworden, der die Begriffe Neutralität und Pluralität einschließt.“

Das Buch Einführung in die Praxis der systemischen Therapie und Beratung von Rudolf Klein und Andreas Kannicht vereint wie viele Bücher der Reihe „Carl-Auer Compact“ Einblicke in Theorie und Praxis. Es ist informativ und regt sowohl zur Reflexion als auch zum Tun an. Ebenso wie systemische BeraterInnen oder TherapeutInnen müssen MediatorInnen parallel äußeren und inneren Dialogen folgen. Im äußeren Dialog sind sie damit beschäftigt, das Gespräch aufrecht zu erhalten und zu verstehen. Im Inneren Dialog müssen sie stets die Steuerung des Prozesses überdenken und Entscheidungen dazu treffen. Die Ausführungen zu den Techniken des Zuhörens, Fokussierens und Positionierens sind daher äußerst spannend auch für die Berufsgruppe der MediatorInnen.

Für die systemische Therapie und Beratung unterscheiden Rudolf Klein und Andreas Kannicht drei Ebenen der Neutralität. Die Konstruktneutralität meint, eine Parteinahme für oder gegen irgendwelche Sichtweisen der Klienten zu unterlassen. Die Beziehungs- oder soziale Neutralität bedeutet, dass der systemische Therapeut / Berater Koalitionsangebote vonseiten der Klienten für oder gegen andere Mitglieder der Familie oder sonstiger relevanter Personen nicht annehmen darf. Und unter Veränderungsneutralität wird verstanden, negative oder positive Bewertungen einer Symptombildung gegenüber genauso zu unterlassen wie Einladungen zum Kontrollieren bzw. Bekämpfen eines präsentierten Symptoms. (Klein; Kannicht S. 25).

Alle drei Neutralitäten sind auch für die Mediation zutreffen: Die Konstruktneutralität meint, nicht für eine Sichtweise der Konfliktparteien Partei zu ergreifen. Beziehungs- oder soziale Neutralität bedeutet, bezüglich der Medianden allparteilich zu bleiben. Und unter Veränderungsneutralität verstehen wir in der Mediation weder den mitgebrachten Konflikt noch die von den Medianden erarbeitete Konfliktlösung zu bewerten. Unter diesem Blickwinkel erscheint mir der Begriff der Neutralität dann doch wieder aufgrund seiner Variabilität adäquat auch für die Mediation.

Übrigens genieße ich es immer wieder, über die Mediation hinaus in die Nachbardisziplinen zu schauen. Und wie ich an dieser Stelle bereits mehrmals betont habe, so bin ich der Meinung, dass Mediation per se systemisch ist …

Christa D. Schäfer

Thema: Literaturempfehlungen, Mediationsverfahren, Systemischer Ansatz | Kommentare (1) | Autor:

Systemik und Mediation

Montag, 31. Mai 2010 5:28

Als systemische Beraterin habe ich stets auch den Blick auf die systemische Sichtweise in den verschiedensten Formaten zwischen Mediation, Supervision, Coaching und im Training. Oft werde ich gefragt, wie man die Grundlagen der verschiedenen systemischen Richtungen kurz und knapp beschreiben kann. Das fordert heraus, denn es ist wirklich nicht einfach …

Jetzt habe ich ein gutes Vorbild dazu gefunden und bin begeistert. András Wienands versteht es in seinem Buch „Einführung in die körperorientierte systemische Therapie“ in nur 18 Seiten die verschiedenen systemischen Perspektiven, von der zirkulären über die strukturelle, zur strategisch-lösungsorientierten, mehrgenerationalen, wachstumsorientierten, narrativen und phänomenologischen bis zur symbolisch-erfahrungsorientierten Perspektive verständlich und informativ darzustellen. Zu jeder dieser Perspektiven gibt es die wichtigsten theoretischen Hintergründe, einen Einblick in die Methoden und ein Beispiel. Das ist wunderbar.

Kurz möchte ich hier mit Wienands zusammen die strategisch-lösungsorientierte Perspektive darstellen, die in der Mediation die Grundlage unseres Tuns ist. Unter dem Begriff der Lösungsorientierung werden fünf verschiedene theoretische Ansätze subsumiert. Neben der Fokussierung auf Ausnahmen vom Problemerleben (Steve de Shazer und Insoo Kim Berg), der „Therapy as if“ (Paul Watzlawick), der „Fokused Problem Resolution Therapy“ (Palo-Alto-Gruppe um Richard Fisch, John Weakland usw.) und dem auf strategische Interventionen (Hausaufgaben) fokussierten Ansatz (Jay Haley) ist dies vorallem auch der ressourcenoriente Ansatz (Milton Erickson). Zusammenfassend lässt sich zu diesen Ansätzen mit Wiendands sagen:

„Der grundlegende Versuch der Lösungsorientierung besteht darin, den Fokus vom Problem zur Lösung zu verschieben. Statt die Ursachen für das Scheitern zu suchen, wird der Weg zur Lösung fokussiert. Angenommen, ein Klient möchte nach Italien fahren und kommt in die Beratung/Therapie, weil er bisher in Holland, Spanien und Rumänien gelandet ist, nicht jedoch in Italien. Ein lösungsorientierter Therapeut wird sich nicht darum bemühen, mit dem Klienten zu verstehen, wie das kommen konnte, dass er immer wieder am falschen Ziel angelangt ist. Er wird eine Landkarte ausbreiten und zusammen mit dem Klienten die Route nach Italien suchen. Übertragen bedeutet dies für die Therapie, dass der Aufmerksamkeitsfokus auf die Entwicklung, Stärkung und Förderung der Lösungmuster gerichtet wird.“ (S. 16 f.)

Und übertragen auf die Mediation bedeutet dies, dass wir auch hier zwar unter den „Eisberg“ schauen, dass jedoch die Vergangenheit ruhen kann und der Blick in die Zukunft geschärft wird. Die zwei (oder mehr) Streitparteien werden bei der Lösung eines sozialen Konfliktes in der Mediation auf ihre bisherigen Lösungsmuster schauen und darüber hinaus entdecken können, welche neu gedachte kreative und konstruktive Art von gelungenem Lösungsmuster ihnen gut tut. Eine gelungene Balance zwischen Problem- und Lösungsorientierung ist stets wichtig in einer gelingenden Mediationsarbeit. Und natürlich ist es immer wieder fantastisch zu erleben, wie ein Veränderungsprozess gelingt – da sind sich sicherlich alle MediatorInnen einig.

Empfehlen möchte ich Wienands Buch übrigens nicht nur wegen der hervorragenden Zusammenfassung der systemischen Perspektiven, sondern natürlich auch wegen den Darstellungen der innovativen Methoden der Körperpsychotherapie sowie den Ausführungen zur unterstützenden körperlichen Ebene in der Interaktion.

„Körperlichkeit“ in der Mediation, das haben manche MediatorInnen in Form von Standbildern, Aufstellungen oder ähnlichem für ihr Repertoire entdeckt. Dennoch ist dieser Aspekt noch sehr ungewohnt im Methodenrepertoire. Müssen wir den Platz dafür erst noch finden / suchen?! Oder ist das generell etwas, das in der Mediation nichts zu suchen hat?!

Ich jedenfalls arbeite gerne im Spannungsfeld zwischen Systemik und Mediation.

Christa D. Schäfer

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Allparteilichkeit in Mediation und Supervision

Montag, 22. März 2010 6:13

Mediation ist … na, das wissen doch sicherlich alle Leser dieses Blogs ?!
Dennoch:

„Mediation ist vermitteltes Verhandeln bei Problemen und Konflikten und löst primär Probleme, sekundär Konflikte.“ (Joseph Duss-von Werdt: Einführung in Mediation, S. 43)

„Supervision ist ein Weiterbildungs-, Beratungs- und Reflexionsverfahren für berufliche Zusammenhänge, in dem sich SupervisorInnen (professionelle BeraterInnen) und SupervisandInnen (professionelle Ratsuchende) begegnen. Stichwörter sind also Weiterbildung, Beratung, Reflexion, hervorgehoben wird der berufliche Zusammenhang.“ (Andrea Ebbecke-Nohlen: Einführung in die systemische Supervision, S. 11)

Während die Mediation u.a. die Klärung eines Konfliktes zum Ziel hat und eine win-win-Lösung für alle beteiligten Konfliktparteien anstrebt, sind die Ziele von Supervision:

  • „Erweiterung oder Vertiefung persönlicher Erkenntnisse über eigene Möglichkeiten und Grenzen, über Einstellungen und Werthaltungen
  • Veränderungen des eigenen Verhaltens
  • Verbesserung des Wissens über soziale und institutionelle Rahmenbedingungen für das berufliche Handeln
  • Erweiterung oder Vertiefung der sozialen Handlungskompetenz und der praktischen Fertigkeiten
  • Verbesserung der Praxistätigkeit im jeweiligen Aufgabenfeld
  • Multiplikation des erlernten beruflichen Know-how“
    (ebenda, S. 13)

Sowohl Mediator, als auch systemischer Supervisor haben allparteilich zu sein. Das heißt, dass sowohl den MediandInnen als auch den SupervisandInnen vom Mediator bzw. Supervisor keine fertige Lösung angeboten werden darf. Vielmehr ist es ihnen durch Fragen zu ermöglichen, selbst passende Lösungen zu finden. Zum Thema Fragen gab es ja erst kürzlich einen wunderbaren und gern gelesenen Artikel in diesem Blog.

Der Begriff der Allparteilichkeit hat heutzutage den Begriff der Neutralität abgelöst, den ich noch in meiner Mediationsausbildung vor über 15 Jahren gelernt habe.

Allparteilichkeit kann sowohl Neutralität als auch Pluralität bedeuteten. Allparteilichkeit im Sinne einer neutralen Haltung heißt, dass ich als Mediatorin bzw. Supervisorin in einer Auseinandersetzung, die sich innerhalb einer Person oder zwischen zwei Personen abspielt, keine Partei ergreife. Allparteilichkeit im Sinne einer pluralen Haltung meint, dass ich mich gegenüber der einen Seite als auch der anderen Seite gegenüber offen zeige. Allparteilichkeit ist deshalb derzeit so etwas wie ein Überbegriff geworden, der die Begriffe Neutralität und Pluralität einschließt.

Ja, was schon so ein Begriff an Unterschieden für eine Verfahren ausmachen kann. Die Gedanken dazu habe ich übrigens dem von mir schon oben angesprochene Buch „Einführung in die systemische Supervision“ von Andrea Ebbecke-Nohlen entnommen. Dies Buch ist eine wunderbare Einführung in die Methodik der Supervision im Allgemeinen und in die Methodik der systemischen Supervision im Besonderen. Auf 126 Seiten findet der Leser viele nützliche Informationen in einfacher und klarer Form. Für Praktiker ist besonders das letzte Kapitel zu den Methoden systemischer Supervision interessant, das von der Hypothesenbildung über das Zirkuläre Fragen und die Allparteilichkeit hin auch Themen wie Metaphern und Skulpturen berührt.

Systemische Supervision ist wie die Mediation ausgesprochen vielfältig. Es gibt gemeinsame Methoden in beiden Verfahren und sogar eine direkte Kopplung beider Verfahren in dem Angebot der Supervision für MediatorInnen in der Ausbildung bzw. für spezielle Fälle. Ich bin gerade dabei, meine Angebote neu zu schnüren und neben der Supervision für Teams und Einzelpersonen wird dann auch insbesondere die Supervision für MediatorInnen im Paket mit enthalten sein.

Interesse an Supervision oder Supervisionsausbildung?
Dann „kontakten“ Sie mich!
Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor:

Margaret, das Ausgleichskind

Montag, 15. März 2010 6:48

„Ich merkte, wie sich alles in mir zusammenzog und wie eine Wut in mir wuchs, von der ich genau wusste, dass ich sie jetzt nicht herauslassen würde. Schließlich sollte heute gefeiert werden.
Auf einmal fand ich, dass es Mama ganz recht geschah, wenn ich kein Geschenk für sie hatte. Da saß sie und hatte noch keine Ahnung, dass ich es vergessen hatte, und trotzdem kam sie mir mit keinem Blick entgegen. Die ganze Mühe, unsere Familienstimmung wieder in Ordnung zu bringen, lastete auf mir. Mama dachte überhaupt nicht daran, mitzuhelfen.
Dann nicht, liebe Dame, bitte schön, dachte ich. Kannst du haben.
„Herzlichen Glückwunsch“, sagte ich unfreundlich und setzte mich auf meinen Stuhl.
Papa sah mit flehendem Blick zu mir rüber, aber Mama stand nur geräuschvoll auf und fing an, den Frühstückstisch um meinen Platz herum abzuräumen.
„Kann man heute Nachmittag mit dir rechnen?“, fragte sie über die Schulter. „Ich frage nur, weil ich wissen will, wie viele Gedecke ich auftun soll.“
„Jaja“, sagte ich. „Nur keine Sorge.“
Da drehte Mama sich um und starrte mir nun doch direkt ins Gesicht.
„Oh, ich sorge mich schon lange nicht mehr!“, sagte sie laut. Die ganze Zeit zerknüllte sie ein Küchenhandtuch. In dieser Familie habe ich schon längst damit aufgehört.“
„Nun denkt doch mal daran, dass Geburtstag ist“, sagte Papa bittend.
Aber Mama hatte sich schon wieder zur Spüle gedreht. „Außer dir denkt da in dieser Familie sowieso keiner dran“, und sie fing an zu spülen, obwohl längst jemand vom technischen Dienst dagewesen war und unsere Spülmaschine repariert hatte.“

Das ist einer der Familienstreitigkeiten, über die Kirsten Boie in ihrem Buch “Das Ausgleichskind“ (S. 168 f.) geschrieben hat. Ein anderer ist der Streit zwischen der großen Tochter Marthe und der Mutter, der so weit geführt wurde, bis Marthe auszog. Auch da fühlte sich die jüngere Margaret schuldig; wie überhaupt an so Vielem in dieser Familie.

Ist aber auch klar, dass sie sich schuldig fühlt, denn sie ist – wie ihr Freund Akki das immer so schön sagt – das Ausgleichskind:

„Du bist ihr Trost in schweren Tagen, ihre Sonne bei Kummer und Regen, und dass du so genial bist, hilft ihnen über einiges hinweg. … Die Familie … ist ein System. Jedes Mitglied hat seine Rolle zu spielen. Verändert sich die Situation des einen, muss sich notwendigerweise auch die aller anderen verändern …“ (Das Ausgleichskind, S. 8 f.)

Und so haben wir in diesem Buch für Kinder ab 12 Jahren das Thema Familienstreit direkt neben den Gedankengängen zur Thematik „Die Familie als System“.

„Die Familie ist ein Schauplatz, wo die in den verschiedenen Generationen aktualisierten emotionalen Strömungen von Depression, Angst, defensivem Beharrungswillen und Protest aufeinanderstoßen.“ – so Horst-Eberhard Richter in seinem Buch: Patient Familie. Entstehung, Struktur und Therapie von Konflikten in Ehe und Familie, S. 29.

Margaret muss das perfekte Kind spielen und die Familienatmosphäre ausgleichen. Da die ältere Tochter gegangen ist, muss Margaret nun die gesamte Wucht des Familiengleichgewichts halten und den Ausgleich herstellen. Der Vater ist eher zurückhaltend, fast hilflos. Die Mutter konzentriert sich auf ihre jüngste Tochter und den Haushalt. In tradierten Rollenbildern verhaftet macht sie Margaret mit ihrer fast krankhaften Ehrgeizigkeit das Leben schwer. Glücklicherweise ergibt sich am Buchende ein Hoffnungsschimmer, der Ideen mitgibt, wie dieser Teufelskreis innerhalb von Familien durchbrochen werden kann. Und natürlich wäre in diesem Fall auch eine Familienmediation sehr hilfreich gewesen … !!

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Familienmediation, Konflikte, Literaturempfehlungen, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor:

Was hat soziale Akzeptanz mit Angst und Aggression zu tun?

Montag, 22. Februar 2010 5:54

Die beiden Phänomene Angst und Aggression haben einen engen Zusammenhang. Wird ein Menschen bedroht, so ruft das spontan bei ihm entweder Angst oder Aggression hervor. Und wird zunächst Angst hervorgerufen, so führt ihn dies entweder zur Flucht (flight) oder in die Aggression (fight).

Mit Aggression ist hier die mit Wut verbundene destruktive Aggression gemeint. Allgemein gesagt, dient die Aggression im ursprünglichen biologischen Sinn der Bewahrung der Unversehrtheit des eigenen Körpers und der Abwehr von Schmerz. Aus neurobiologischer Sicht lässt sich nicht nachweisen, dass die destruktive Aggression ein „Trieb“ ist. Sowohl Angst als auch Aggression sind vielmehr psychische und neurobiologische Zustände, die unter bestimmten Bedingungen abgerufen werden. Sie sind aber auch beide biologische Signale, die einem Menschen Bedrohung anzeigen und zugleich sein Verhaltensprogramm aktivieren, das ihn vor Gefahren schützen soll.

Absichtlich herbeigeführter physischer Schmerz ist immer direkter Auslöser für Aggression. Und wie die amerikanische Neuropsychologin Naomi Eisenberger herausgefunden hat, bewertet das menschliche Gehirn zugefügten körperlichen Schmerz auf die gleiche Weise wie soziale Ausgrenzung oder Demütigung. Das hat auch zur Folge, dass beides – physischer wie psychischer Schmerz – mit Aggression beantwortet wird.

Körperliche Unversehrtheit heißt also, auch sozial akzeptiert zu werden. Ausschluss und Erniedrigung sind aus psychologischer und neurobiologischer Sicht ein potentieller Aggressionsauslöser.

Kinder, die keine oder keine hinreichenden Erfahrungen sozialer Akzeptanz machen konnten bzw. machen, beantworten diesen Mangel aus einem unbewusst ablaufenden Mechanismus heraus mit erhöhter Aggressionsbereitschaft. Untersuchung haben ergeben, dass die stärksten Prädikatoren (Vorhersagefaktoren) für Gewalttätigkeit bei Heranwachsenden die selbst erlebte Gewalt und fehlende persönliche Bindungen sind.

Alles, was Menschen in Beziehungen erleben, wird vom Gehirn in biologische Signale verwandelt, wirkt sich auf Biologie und Leistungsfähigkeit unseres Körpers aus und beeinflusst unser Verhalten, was dann wiederum Rückwirkungen auf unsere Beziehungen hat. Da kommt das Stichwort der Spiegelneuronen ins Spiel …

Quelle dieser eben dargelegten Gedanken ist das Buch „Lob der SCHULE“ von Joachim Bauer, Medizinprofessor und Psychotherapeut. Er hat sieben Perspektiven für alle an Schule Beteiligten formuliert und sieht sein Buch als Grundlage für eine Neurobiologie der Schule an. Bauer formuliert 10 Regeln für einen Schulvertrag, beruhigt Eltern, indem er ihnen sagt, dass Erziehung nie „perfekt“ und stets „fehlerbehaftet“ sein wird, und ruft Lehrern zu:

„Wenige Berufe erfordern eine derart vielseitige Kompetenz wie die des Lehrers. Zu ihr gehören fachliches Können, starke persönliche Präsenz und Ausstrahlung und flexible Reagieren auf sich ständig verändernde Situationen genauso wie intuitives Gespür, Verständnis für völlig unterschiedliche Schülerpersönlichkeiten, Widerstandskraft, Geschick bei atmosphärischem Gegenwind und – vor allem – Führung.“ (Bauer, S. 51)

Den Lehrerberuf sieht Joachim Bauer in einer Balance zwischen verstehender Zuwendung und Führung. Dabei bedeutet verstehende Zuwendung, den einzelnen Schüler sowohl unter dem Aspekt seines schulischen Könnens, als auch ihn vor allem als Person zu sehen. Führung bedeutet für ihn die Notwendigkeit, Werthaltungen zu vertreten, Ziele zu formulieren, Schüler zu fordern, Kritik zu üben, SchülerInnen Mut zu machen und sie zu unterstützen. Das “Lob der SCHULE“ ist wunderbar geschrieben und bietet viele Argumentationsketten, die das Feld der Schule mit den Bereichen der emotionalen und sozialen Kompetenz verbindet. Es ist hoch wissenschaftlich, bietet andererseits aber auch vollkommen praktische Anregungen für die Erziehung. Mit anderen Worten, dieses Buch ist derzeit fast so etwas wie ein „Muss“ unter Pädagogen …

Übrigens wirkt sich die soziale Akzeptanz von Kindern auch auf die spätere Gesundheit aus. Forscher einer Studie des Centre for Health Equity Studies in Stockholm verfolgten die Entwicklung von 14000 Kindern des Jahrgangs 1953 ab dem sechsten Schuljahr über 30 Jahre. Sie fanden heraus, dass Erwachsene, die in ihrer Kindheit ausgegrenzt waren, neunmal häufiger an Herzkrankheiten litten und viermal häufiger an Diabetes als ehemalige gut integrierte und gemochte Kinder. Verhaltensstörungen und psychische Erkrankungen traten bei ihnen doppelt so häufig auf. Kurz gesagt kann man also sagen, dass je beliebter ein Kind unter Gleichaltrigen ist, desto gesünder ist es in seinem späteren Leben. Die Apotheken Umschau 1/2010B berichtete kürzlich darüber.

Was nützt also die heutzutage fast mantrahafte Wiederholung des Begriffes Disziplin? Wir müssen vielmehr statt dem Disziplinbegriff der zunehmenden Beziehungs- und Bindungslosigkeit, in der Kinder und Jugendliche heute heranwachsen, massiv und wirksam entgegen treten, um das Gewaltproblem in der heutigen Gesellschaft und in den heutigen Schulen in den Griff zu bekommen!

Ja, und die Eingangsfrage, was soziale Akzeptanz mit Angst und Aggression zu tun hat, kann also eindeutig beantwortet werden:

Kinder ohne soziale Akzeptanz gehen in die Aggression.
Und umgekehrt: Aggression wird ebenso wie die Angst durch Bedrohung hervorgerufen.

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen, Systemischer Ansatz | Kommentare (0) | Autor: