Beitrags-Archiv für die Kategory 'Unterrichtsstörungen'

Teufelskreise im Schulalltag

Donnerstag, 10. März 2011 12:00

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“
(WATZLAWICK et al., 1990, S. 53)

1967 stellten Paul Watzlawick et al. diesen einfachen Satz als das erste ihrer Fünf Axiome der Kommunikation auf und beschritten damit neue Wege auf der Suche nach Lösungen von Kommunikationsproblemen. Die Erkenntnis, dass Kommunikation permanent also auch unbewusst und nonverbal stattfindet, verstehe ich als ersten Schritt mögliche Probleme überhaupt zu erkennen. Friedemann Schulz von Thun entwickelte daraufhin in den 70er Jahren das „Kommunikationsquadrat“, das besagt, dass jede Kommunikation – verbal oder nonverbal – vier Seiten hat: die Beziehungs-, die Sach-, die Appell- und die Selbstoffenbarungsebene.

Ein einfacher Satz, wie: „Du siehst aber gar nicht gut aus.“ enthält alle diese Ebenen. Zum einen, dass ich den Eindruck habe, dass mein Gegenüber nicht gut aussieht, dass ich mir Sorgen um sein Befinden mache und ich möchte ihn auffordern mir zu erzählen, was ihn bedrückt. Der Empfänger interpretiert die Aussage selbst und entscheidet danach, wie er darauf reagiert. Vielleicht hört er die Appellebene und vertraut sich mir an, er könnte aber auch empört sein über meine Einschätzung seines Aussehens und empfindlich beleidigt reagieren. Besonders wichtig ist dabei die Beziehung, die die beiden Kommunikatoren zueinander haben.

Für den Schulalltag wird schnell klar, dass eine sensible Umgangsweise mit Kommunikation hilfreich sein kann. Hunderte von Schülern und Lehrern treffen jeden Tag aufeinander. In der brisanten Situation, dass die Schüler der mehr oder weniger willkürlichen Bewertung der Lehrer ausgesetzt sind, entstehen ständig Konfliktpotentiale. Dazu kommen noch die Eltern, die meist hinter ihren Kindern stehen und ihre eigenen Vorstellungen von Erziehung und Entwicklung haben. Auch Konflikte zwischen Lehrerkollegen und zu ihren Vorgesetzten sind an der Tagesordnung. Konflikteskalationen werden dabei auch gerne mal in den Medien behandelt, so etwa Gewaltprobleme an der Rütlischule, die seitdem immer mehr zur Musterschule avanciert und die Frage nach der „richtigen Lehrmethode“, jüngst diskutiert in Berlin am Beispiel von Frau Sarrazin.

„Ja, dass du einfach zum Beispiel – Konflikte in der Weise austrägst, dass du dem aus dem Wege gehen möchtest, ne?!“ (Frank, Studienrat, 58)

Kommunikationsprobleme haben die Tendenz sich zu vertiefen und immer schwieriger lösen zu lassen. Dieses Phänomen wird auch alltagssprachlich als Teufelskreis bezeichnet, also als Situation, die scheinbar keinen Ausweg bietet. Das kommt daher, dass Sender und Empfänger den Ablauf ihrer Kommunikation unterschiedlich gliedern und ihr Verhalten meist als Reaktion auf den anderen verstehen. Watzlawick nannte dies die Interpunktion von Ereignisfolgen. (Vgl. WATZLAWICK et al., 1990, S. 61) Bei Schulz von Thun stellt sich das als Kreislauf von Innerungen und Äußerungen dar, den er Teufelskreis nennt. Eine Aktion der einen Partei wird aufgenommen und verarbeitet und erzeugt eine Reaktion, die wieder aufgenommen und verarbeitet wird und so weiter. Dabei lässt sich am Ende gar nicht mehr sagen, wer zuerst agiert oder reagiert hat. Die Parteien erleben sich selbst nur als Reagierende und sehen nicht, dass sie mit ihrer „Reaktion“ wieder eine Reaktion provozieren. (Vgl. SCHULZ VON THUN: Miteinander reden 2, 2006, S. 28–37)

Teufelskreise bezeichnen nach Wikipedia den Begriff des Teufelskreis, auch circulus vitiosus (lat.: „schädlicher Kreis“), als ein System, in dem mehrere Faktoren sich gegenseitig verstärken und so einen Zustand immer weiter verschlechtern.
(http://de.wikipedia.org/wiki/Teufelskreis, eingesehen am 14.02.2011)

Für mich stellte sich die Frage nach einer möglichen Anwendung des Teufelskreismodells von Schulz von Thun im Schulalltag und ich versuchte anhand zweier Interviews mit einem Studienrat mit 30-jähriger Erfahrung und einer Sonderschullehrerin herauszufinden, inwiefern Teufelskreise in der Schule auftreten und wahrgenommen werden. Dabei wurden die beiden von mir zuvor nicht über das bestehende Teufelskreismodell von Schulz von Thun informiert, sondern gaben ihre Antworten ausgehend von ihrer eigenen Definition von Teufelskreisen. Ich konnte festhalten, dass das Verständnis für Teufelskreise bei beiden da war, jedoch unterschiedlich bewusst wahrgenommen wurde. In beiden Gesprächen wurden Probleme mit Schülern und Eltern als weniger belastend und einfacher zu lösen geschildert. Es wurden jedoch auch aktuelle Probleme angesprochen, die vor allem im Verhältnis zu anderen Kollegen und Vorgesetzten bestanden. Während auf der einen Seite offensichtlich konstruktiv damit umgegangen wurde, steckte mein zweiter Interviewpartner schon sehr tief in einen Teufelskreisen fest und ist selbst nicht mehr in der Lage sich daraus zu befreien.

„Also ‚geht gar nicht‘ würd ich nicht sagen, das wäre zu negativ und dann glaub ich, dann is man wahrscheinlich auch irgendwo n Stück weit gescheitert.
Das will ich für mich selber auch nicht, also für mich muss es immer ein ‚Geht nicht, gibt’s nicht‘ sein.“
(Marie, Sozialschullehrerin, 37)

Ich denke, dass die Kommunikationsfähigkeit eine der Schlüsselfähigkeiten eines guten und gesunden Lehrers ist. In einem Beruf, wie dem des Lehrers, der durch Kommunikation stattfindet, kann die Empfehlung an dieser Stelle nur sein, sich der Vielschichtigkeit von Kommunikation bewusst zu sein und den Einfluss von unterdrückten Problemen auf die eigene Psyche nicht zu unterschätzen. Das Wissen um Teufelskreise schafft einen klaren Vorteil. Von einer Metaebene her Kommunikation zu betrachten und die streitenden Parteien, weg von den Äußerungen, auf die Innerungen des jeweils anderen aufmerksam zu machen oder im Umgang mit den Schülern selbst immer wieder darauf zu achten, wie man reagiert und warum, sollte die Möglichkeiten schaffen, vielen Konflikten von vornherein die Schärfe zu nehmen oder sie im gemeinsamen Gespräch zu beseitigen.

In ausweglosen Situationen sollte nicht darauf verzichtet werden, Hilfe von außen – Gespräche mit Kollegen, Freunden, Mediation, etc. – zu suchen und anzunehmen.

Dominik Mühe
(März 2011)

Literatur:

  • Schulz von Thun, Friedemann: Miteinander reden 2. Stile, Werte und Persönlichkeitsentwicklung, Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, Sonderausgabe 2006
  • Watzlawick, Paul; Beavin, Janet B.; Jackson, Don D.: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien, Bern; Stuttgart: Verlag Hans Huber, 8. Aufl. 1990
  • http://de.wikipedia.org/wiki/Teufelskreis, eingesehen am 14.02.2011

Mehr zum Thema “Das Teufelskreismodell Schulz von Thuns im Schulalltag”
gibt’s hier …

Thema: Kommunikation, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Gastbeiträge über Unterrichtsstörungen

Mittwoch, 9. März 2011 11:04

Ich freue mich mitteilen zu können, dass es demnächst in diesem Blog einige Gastbeiträge zum Thema “Unterrichtsstörungen” geben wird. Freuen Sie sich mit mir und schauen Sie wieder rein …

wünscht sich
Christa D. Schäfer

Thema: Allgemein, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Unterrichtsstörungen 2010

Montag, 14. Februar 2011 5:13

Wenn man über Unterrichtsstörungen bloggt, muss man natürlich das Buch „Föhn mich nicht zu. Aus den Niederungen deutscher Klassenzimmer“ gelesen haben. Stephan Serin beschreibt in diesem Buch intelligent und witzig seine Zeit als Referendar in einem Berliner Gymnasium. Hier eine der beschriebenen Begebenheiten zum Thema Unterrichtsstörungen:

Lehrkraft und Disziplinator = Persönlichkeit

Die Referendare aus meiner Seminargruppe wollten von unserem Hauptseminarleiter vor allem eins wissen: Was können wir gegen die permanenten Störungen und Disziplinprobleme im Unterricht tun? Leider bot Herr Schubert dazu nur eine Veranstaltung an, bei der vielen von uns schnell klar wurde, dass seine unterrichtspraktischen Erfahrungen einige Jahre zurücklagen. Ich gehörte nicht zu diesen Referendaren.

Da ich nach kompetenten Autoritäten suchte, von deren Kenntnis ich profitieren konnte, glaubte ich damals an Herrn Schubert und war gewillt, seine Handlungsempfehlung in meinen eigenen Klassen umzusetzen. Sie lautete: „Stellen Sie sich vor, Sie halten einen Lehrervortrag und ein Schüler provoziert Sie wiederholt durch provokante Zwischenrufe wie ‘Sie Trottel! Sie Troll! Herr Pfeiffer ist ein Troll! …’“ Dieses Beleidigungsbeispiel hätte mir eigentlich augenblicklich verdeutlichen müssen, dass Herr Schubert seinen Erfahrungsschatz aus einer Zeit bezog, als die Film Die Feuerzangenbowle noch ein wirklichkeitsgetreues Soziogramm des Kosmos Schule zeichnete.

Herr Schubert fuhr fort: ‘Wichtig ist hier die Diagnose. Durch den verbalen Einwand will der Schüler die Aufmerksamkeit der Mitschüler und des Lehrers auf sich ziehen. Ferner versucht er, den Lehrer persönlich anzugreifen, um möglicherweise einen Machtkampf zu provozieren. Geben Sie in solch einer Situation Acht. Wenn Sie verbal auf den Störer reagieren und ihm somit Aufmerksamkeit schenken, erheben Sie ihn automatisch zum Anführer der Klasse. Sie geben freiwillig und willenlos die Aufmerksamkeit der Klasse an einen Störer ab. Öffentliches Disziplinieren brüskiert und diffamiert den Schüler, wirkt sich auf die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler sehr negativ aus und führt oft zur Verstärkung des Fehlverhaltens. Es besteht die Gefahr, dass Sie die Klasse mit in den Konflikt reinziehen. Teilen Sie darum Ihre Persönlichkeit in Lehrkraft und Disziplinator. Setzen Sie beide zur gleichen Zeit ein. Führen Sie als Lehrer den Unterricht ungeachtet der Provokation fort, reagieren Sie weder verbal noch mit Ihren Augen auf die Störung, sondern bleiben Sie mit Ihren Blicken und der Stimme bei der Klasse. So halten Sie die Aufmerksamkeit bei Ihnen. Als Disziplinator bewegen Sie sich parallel dazu mit Ihrem Körper in Richtung Störung. Dort angekommen, heben Sie Ihre Hand in Richtung Plakat mit den Verhaltensregeln für den Klassenraum, schauen dem Störer kurz, höchstens zwei Sekunden, in die Augen, weisen dann auf das Verhaltensschild und schauen ihm noch mal zwei Sekunden in die Augen. So geben Sie dem Störer ein nonverbales Signal, dass er gegen eine Regel verstößt. Dies hat den Vorteil, dass die Aufmerksamkeit der Klasse weiterhin auf den Unterricht gerichtet ist, weiterhin an Ihre Person gebunden ist, dass dem Störer die gewünschte Reaktion, im Mittelpunkt zu stehen, verwehrt wird und andere Schüler, die sich möglicherweise verbal eingeklinkt hätten, ruhig bleiben.“

Als mich am darauffolgenden Tag in der neunten Klasse Rami während meines Lehrervortrags über die Gründung des Deutschen Kaiserreichs 1871 zum zweiten Mal als Bastard bezeichnete, ließ ich mich nicht wie üblich auf eine verbale Auseinandersetzung ein, sondern fuhr in meiner Persönlichkeit als Lehrkraft unbeirrt mit meinen Ausführungen fort: (…) Gleichzeitig bewegte sich meine Persönlichkeit als Disziplinator langsam, aber unaufhörlich in Richtung Störer. (…) Bei Rami angekommen, hob ich meine Hand in Richtung der Stelle, wo in der Vorwoche noch das Plakat mit den Verhaltensregeln für den Klassenraum gehangen, das man aber in der Zwischenzeit mangels Erfolg wieder entfernt hatte. (…) Für zwei Sekunden schaute ich Rami tief in die Augen – was mir ein Der ist wohl schwul, oder was? sowie lautes Gelächter seiner Mitschüler einbrachte …“

Ja, ob dieser Trick des Disziplinators gewirkt hat und wie bzw. warum, das können Sie natürlich in Stephan Serins Buch auf S. 55 f. nachlesen. Und natürlich gibt es in dem Buch auch noch weitere interessante Geschichten aus der Berliner Schule von heute, es lohnt sich …

Interessieren Sie sich für eine 2005 veröffentlichte Geschichte, in der eine Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot hervorgerufen wurde?

Oder für Fachliteratur zum Thema Unterrichtsstörungen?

Christa D. Schäfer

Thema: Literaturempfehlungen, Schule in Berlin, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Frank McCourts Rat an eine junge Lehramtsanwärterin

Montag, 18. Oktober 2010 7:01

„Eine junge Lehramtsanwärterin saß neben mir in der Lehrerkantine. Sie sollte im September ihre reguläre Lehrtätigkeit aufnehmen und fragte mich, ob ich ihr einen Rat geben könne.

Finden Sie heraus, was Sie lieben, und tun Sie es. Darauf läuft es hinaus. Zugegeben, ich habe das Lehrersein nicht immer geliebt. Ich war in unbekannten Gewässern unterwegs. Man ist auf sich gestellt im Klassenzimmer, ein Mann oder eine Frau vor fünf Klassen täglich, fünf Klassen von Teenagern. Eine Energieeinheit gegen hundertfünfundziebzig Energieeinheiten, hundertfünfundsiebzig tickende Zeitbomben, und man muss Wege finden, seine Haut zu retten. Vielleicht mögen sie einen, vielleicht lieben sie einen sogar, aber sie sind jung, und es ist Sache der Jungen, die Alten vom Planeten zu schubsen. Ich weiß, ich übertreibe, aber es hat wirklich was von einem Boxer, der in den Ring steigt, oder einem Stierkämpfer, der in die Arena hinaustritt. Man kann k.o. geschlagen oder aufgespießt werden, und das ist dann das Ende einer Lehrerlaufbahn. Aber wenn man durchhält, lernt man mit der Zeit die Tricks. Es ist alles andere als leicht, aber Sie müssen sich im Klassenzimmer wohl fühlen können. Sie müssen egoistisch sein. Im Flugzeug sagt man Ihnen, falls die Sauerstoffzufuhr ausfällt, sollen Sie Ihre eigene Maske zuerst aufsetzen, obwohl Sie instinktiv zuerst an Ihr eigenes Kind denken würden.

Das Klassenzimmer ist ein Ort höchster Dramatik. Sie werden nie erfahren, was Sie den Hunderten, die da kommen und gehen, angetan oder was Sie für sie getan haben. Sie sehen sie hinausgehen: träumerisch, abwesend, spöttisch, bewundernd, lächelnd, ratlos. Nach ein paar Jahren wachsen Ihnen Antennen. Sie merken es, ob Sie sie erreichen oder abgeschreckt haben. Das ist Chemie. Psychologie. Instinkt. Sie sind mit den Kindern zusammen, und solange Sie Lehrerin bleiben wollen, gibt es kein Entrinnen. Hoffen Sie nicht auf Hilfe von Menschen, die dem Klassenzimmer entflohen sind, von den Höhergestellten. Die sind immer gerade beim Mittagessen oder denken an Höheres. Sie sind mit den Kindern allein. Ah, es klingelt. Tschüs. Finden Sie heraus, was Sie lieben, und tun Sie es.“

Das ist der Rat, den Frank McCourt einer jungen Lehramtsanwärterin gibt. McCourt hat 30 Jahre an New Yorker High Schools unterrichtet und seine Erfahrungen in dem wunderbares Buch „Tag und Nacht und auch im Sommer“ aufgeschrieben. In dem Buch erzählt er, was er von seinen insgesamt zwölftausend Schülern gelernt hat – als Lehrer, als Geschichtenerzähler, als Schriftsteller. Das Buch ist in der Zwischenzeit zu einem meiner Lieblingsbücher geworden …

Heutzutage ist Unterrichten auch in Berlin kein “gefährliches unbekanntes Gewässer”, vielmehr macht das Unterrichten, das Lehrer sein und Lehrer werden sogar viel Spaß. Übrigens unterrichte ich in diesem Semester an der UdK Berlin im Modul „Grundfragen von Erziehung, Bildung und Schule“ und an der FU Berlin im Hauptseminar zum Modul „Lernmotivation und Beratung“. Natürlich werden die Themen „Umgang mit schwierigen Klassen“, „Schulmediation“ und Unterrichtsstörungen einen wichtigen Platz einnehmen. Ich freue mich auf meine Seminarteilnehmerinnen und -teilnehmer …

Christa D. Schäfer

Übrigens finden Sie hier im Blog eine weitere Passage aus Frank McCourts Buch “Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot“.

Thema: Literaturempfehlungen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Unterrichtsstörung durch ein Pausenbrot

Montag, 23. August 2010 7:52

„Die Sache mit dem Pausenbrot begann, als ein Junge namens Petey rief, will jemand ein Mortadella-Sandwich?!
Soll das ein Witz sein? Deine Mutter muss einen schönen Hass auf dich haben, dass sie dir solche Sandwiches mitgibt.
Petey warf die braune Tüte mit dem Sandwich nach dem Kritiker, Andy, und die Klasse johlte. Haut euch, haut euch, riefen sie. Haut euch, haut euch. Die Tüte landete auf dem Boden, zwischen der Tafel und der ersten Reihe, in der Andy saß.
Ich kam hinter meinem Pult hervor und tat die erste Äußerung meiner Lehrerlaufbahn: he. Vier Jahre Studium an einer New Yorker University, und mir fiel nichts Besseres ein als He.
Ich sagte es noch einmal. He.
Sie beachteten mich nicht. Sie waren damit beschäftigt, die beiden Kampfhähne anzuspornen. Mit einer Keilerei konnten sie Zeit schinden und mich vor etwaigen Unterrichtsplänen ablenken. Ich ging zu Petey und sagte meinen ersten Satz als Lehrer. Hör auf, mit Sandwiches um dich zu schmeißen. Petey und der ganzen Klasse verschlug es die Sprache. Dieser Lehrer, ein Neuer, hatte sie gerade um eine zünftige Keilerei gebracht. Neue Lehrer machen so was nicht, sie halten sich raus oder lassen den Rektor oder einen Konrektor holen, und jeder weiß, dass es Jahre dauert, bis einer von denen kommt. Bis dahin kann man die schönste Keilerei veranstalten. Außerdem, was soll man von einem Lehrer halten, der einem sagt, man soll aufhören, mit Sandwiches zu schmeißen, wenn man das Sandwich schon geschmissen hat?
Benny rief aus der letzten Reihe: He, Mister, der hat doch das Sangwitches schon geschmissen. Wieso sagen Sie ihm jetz, er soll nich mit dem Sangwits schmeißen? Das Sangwits liegt da am Boden.
Alle lachten. Es gibt nichts Dümmeres auf der Welt als einen Lehrer, der einem etwas verbietet, was man schon getan hat. Ein Junge hielt sich die Hand vor den Mund und sagte Blödmann, und es war klar, dass er mich damit meinte. Ich hätte ihn am liebsten aus seiner Bank gezerrt, aber das wäre das Ende meiner Lehrerlaufbahn gewesen. Außerdem war die Hand, die er sich vor den Mund hielt, riesig, und seine Bank war zu klein für seinen Körper.
Irgendjemand sagte: Mann, Benny, bist du’n Anwalt oder so was?, und die Klasse lachte wieder. Ja, ja, sagen sie und warteten auf meine Reaktion. Was wird der neue Lehrer machen?
Die Pädagogikprofessoren an der New Yorker Universität hatten uns nie gesagt, wie man fliegende Pausenbrote in den Griff kriegt. Sie hatten über Erziehungstheorie und -philosophie doziert, über Moral und Ethik, über die Notwendigkeit, das Kind als Ganzes zu sehen, als Gestalt, bitte schön, über die subjektiven Bedürfnisse des Kindes, aber nie über kritische Situationen im Schulalltag.
Sollte ich sagen, he, Petey, komm her und heb das Sandwich auf, sonst kannst du was erleben? Sollte ich es selbst aufheben und in den Papierkorb werfen, um meine Verachtung für Menschen auszudrücken, die mit Sandwiches um sich schmeißen, während anderswo auf der Welt Millionen verhungern?
Sie mussten begreifen, dass ich der Boss war, dass ich streng war, dass ich mir ihren Scheiß nicht gefallen ließ.
Das Sandwich, in Pergamentpapier, schaute halb aus der Tüte heraus, und meine Nase sagte mir, dass noch mehr darauf war als nur Mortadella. Ich hob es auf und wickelte es aus. Es war kein gewöhnliches Sandwich, nicht nur lieblos zwischen zwei Scheiben fades amerikanisches Weißbrot geklemmte Wurst. Das Brot war dick und dunkel, von einer italienischen Mamma in Brooklyn gebacken, so kräftig, dass man es mit mehreren Scheiben fetter Mortadella, Tomaten- und Gurkenscheiben, Zwiebeln und Paprika belegen konnte, das Ganze verfeinert mit ein paar Tropfen Olivenöl und einer himmlischen Remoulade.
Ich aß das Sandwich.
Das war meine erste Amtshandlung im Klassenzimmer. Mein vollgestopfter Mund faszinierte sie. Fassungslos glotzen sie zu mir hoch, vierunddreißig Jungen und Mädchen, Durchschnittsalter sechzehn. Ich sah die Bewunderung in ihren Augen, der erste Lehrer in ihrem Leben, der ein Sandwich vom Boden aufhob und es vor versammelter Mannschaft verdrückte. Sandwichman. In meiner Kindheit in Irland hatten wir einen Lehrer bewundert, der jeden Tag einen Apfel schälte und aß und Musterknaben mit dem langen Schalenstreifen belohnte. Meine Schüler hier schauten zu, wie mir das Öl vom Kinn auf meinen Zweidollar-Schlips von Klein-on-the-Square tropfte.
Petey sagte, he, Mister, das ist mein Sandwich, was Sie da essen.
Die anderen wiesen ihn zurecht. Halt die Klappe, sieht du nicht, dass der Lehrer isst?
Ich lecke mir die Finger ab. Ich machte Mmm, knüllte das Papier zu einer Kugel zusammen und warf es in den Abfallkorb. Die Klasse applaudierte. Wow, sagten sie und Große Klasse und Maaaann, seht euch das an. Er mampft das Sandwich. Er trifft in den Korb. Wow.
Das also ist Unterrichten? Ja, wow, ich kam mir vor wie ein Held. Ich hatte das Sandwich gegessen. Ich hatte in den Korb getroffen. Ich hatte das Gefühl, mit dieser Klasse alles machen zu können. Von jetzt an würden sie mir aus der Hand fressen. Schön und gut, nur wusste ich nicht, wie ich weitermachen sollte. Ich war hier, um zu unterrichten, und ich fragte mich, wie ich den Übergang vom Sandwich zu Rechtschreibung, Grammatik, dem Aufbau eines Absatzes oder irgend etwas anderem schaffen sollte, was zu meinem Unterrichtsfach Englisch gehörte …“

Dieses Zitat entstammt dem wunderbaren Buch von Frank McCourt mit dem Titel „Tag und Nacht und auch im Sommer“. Es bleibt an dieser Stelle unkommentiert …

Ich wünsche allen Berliner Lehrerinnen, Lehrern, Schülerinnen und Schülern, Schulleiterinnen und Schulleitern einen guten Start in das neue Schuljahr!
Christa D. Schäfer

Interesse an aktueller Fachliteratur zum Thema Unterrichtsstörungen?!

Thema: Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Nigel Williams „Der Klassen Feind“ in Berlin

Montag, 11. Januar 2010 6:35

Ein Mädchen aus der 10f (Zitat: “f wie Fotze”) knallt unabänderlich die Türe eines Stahlschrankes zu, das ist laut und nervt. Jeder Lehrer würde hier sofort eingreifen. Aber es ist kein Lehrer da …

Fünf Mädchen sind „der Klassen Feind“ und der Feind jedes Lehrers. Alle Lehrer, die bisher in der 10f waren, haben aufgegeben. So warten die Mädchen mal wieder auf einen neuen Lehrer, aber anscheinend traut sich nun keiner mehr in ihre Klasse. Also bleiben die Fünf alleine und es kommt schließlich eine von ihnen, Fetzer mit Namen, auf die Idee, dass sie sich gegenseitig unterrichten könnten. Das versuchen sie dann auch und es gibt Unterrichtslektionen über den Bau eines Blumenkastens, über die Zubereitung von Berliner Buletten und vor allem die eindrucksvolle Unterrichtseinheit von Fetzer selber, die voller Hass auf jeden ist und den anderen Selbstverteidigung beibringen möchte. Die Aggressivität steigt und nun kriegt auch Vollmond was ab, die bisher eigentlich immer noch einen Hoffnungsschimmer am Horizont gesehen hat.

Wunderbar ist an diesem Stück zu sehen, wie hinter den einfachsten Unterrichtsinhalten der fünf Mädchen ihre Geschichten, Hoffnungen, Wünsche und Ängste hervor schauen. Die Aggressivität ist zwar von Anfang an schon auf der Bühne, aber sie wächst beständig und schließlich fließt sogar Blut. Auch die Mädchen merken schließlich, dass man sie aufgegeben hat, aber das macht die Sache nicht einfacher!

Dieses Theaterstück ist nicht etwa brandneu, nein, das von dem britischen Schriftsteller Nigel Williams stammende Stück wurde bereits am 9. März 1978 in London uraufgeführt und war bereits am 23. April 1981 in Berlin in der Schaubühne am Halleschen Tor erstmals in deutscher Sprache zu sehen. Ursprünglich war das Stück für fünf Jungen gedacht, jetzt ist es umgeschrieben auf Berliner Verhältnisse und für fünf Mädchen. In Kooperation mit der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« wird es an der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin aufgeführt.

Ich empfehle das Theaterstück als ein absolutes Muss für alle diejenigen, die sich mit dem Thema Unterrichtsstörungen oder auch dem Bereich der Aggressivität im Jugendalter beschäftigen. Die jungen Schauspielerinnen, die die Figuren von Betty Fetzer, Luna, Bombe, Angel und Gülcan verkörpern, spielen ihre Rollen hervorragend. Jede Figur hat ihre eigene Geschichte und ihre eigene „psychologische Wahrheit“. Und wann kann man schon einmal das Thema “Unterrichtsstörungen“ so eindringlich im Theater betrachten?! Am 28., 29. und 30. Januar haben Sie dazu bei den nächsten Aufführungen noch die Gelegenheit.

Christa D. Schäfer

Thema: Konflikte, Unterrichtsstörungen, Veranstaltungen | Kommentare (0) | Autor:

Disziplin, Ermutigung, Erziehung und Unterrichtsstörungen

Montag, 7. Dezember 2009 17:23

„Man kann Disziplin als den Dreh- und Angelpunkt der schulischen Erziehung betrachten. Ohne sie verschwindet das Gleichgewicht zwischen Lehrern und Schülern und es wird sehr wenig gelernt. Die heutigen Disziplinprobleme können beigelegt werden, wenn wir die überholte autoritäre Methode aufgeben, die eine Unterwerfung der Schüler forderte, und eine neue Ordnung akzeptieren, die auf den Prinzipien von Freiheit und Eigenverantwortung beruht. Lehrer sollten weder permissiv noch autoritär sein. Als Lehrer oder Lehrerin müssen Sie lernen, Ihren Schülern gewachsen zu sein, ihre Denkweise verstehen und in der Lage sein, sie zu leiten, ohne sie verwahrlosen zu lassen oder, das andere Extrem, zu unterdrücken.“ (S. 36)

Dieses Zitat entstammt dem Buch “Disziplin ohne Tränen“ von Rudolf Dreikurs, Pearl Cassel und Eva Dreikurs Ferguson. Auch wenn die drei Autoren das Wort „Disziplin“ verwenden, so meinen Sie damit nicht ein ständiges Anweisen und Herumkommandieren der Schüler, und auch kein Genörgel, Predigen, Disziplinierungen oder Kritisieren. Sie wollen vielmehr eine auf gegenseitigem Respekt und Verständnis beruhende Disziplin in die Schulklassen bringen. Schüler sollen im Unterricht die Prinzipien einer partnerschaftlichen, gleichberechtigten Gesellschaftsordnung anwenden (Aufmerksamkeit für ihre Arbeit, besseres Zuhören, die Unterstützung anderer Schüler) und so mit Freude lernen können, Selbstsicherheit entwickeln und ihre eigenen Leistungen verbessern.

Rudolf Dreikurs, Psychiater in der Tradition der von Alfred Adler begründeten Individualpsychologie, war insbesondere auch in der Erziehungsberatung tätig. Er berichtet von den vier Zielen kindlichen Fehlverhaltens: Aufmerksamkeit bekommen, Macht haben, Rache üben und den Eindruck der Unfähigkeit vermitteln und setzt die Ermutigung im Umgang miteinander und die Disziplin durch intrinsische Motivation dagegen.

„Ein Kind braucht Ermutigung, wie die Pflanze Sonne und Wasser braucht. Unglücklicherweise erhalten diejenigen, die die Ermutigung am dringendsten bräuchten, am wenigsten davon, weil sie sich auf eine Art und Weise verhalten, dass unsere Reaktionen sie immer weiter in Mutlosigkeit und Rebellion drängt.
Ziel der Ermutigung ist es, das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken und ihm die Gewissheit zu geben, dass es gut genug ist, so wie es ist – und nicht sowie es sein könnte. Nur wenn Eltern und Kinder Ermutigung liefern, kann das Kind Mut entwickeln. Ermutigung schafft Mut und die unschlagbarste Form des Mutes ist der, unvollkommen zu sein.“ (Buch S. 97)

Wie wahr … !

Disziplin, Verantwortung und demokratisches Verhalten lassen sich nach Dreikurs et al. durch die Methode der Gruppendiskussion im Klassenverband etablieren. Da eine Gruppendiskussion dem Klassenrat in unserem heutigem Sprachgebrauch gleichzusetzen ist, kann Dreikurs als einer der „Väter“ des Klassenrates angesehen werden. Wer sich für die Einführung des Klassenrats in der Schule interessiert, dem sei meine Praxisbroschüre Klassenrat empfohlen, die kostenfrei auf diesem Blog heruntergeladen werden kann.

Übrigens ist der Name Rudolf Dreikurs auch mit der Methode des „Familienrats“ verbunden als eine Methode in der Erziehung, um Problemen in der Familie vorzubeugen und sie zu lösen. In meinem Buch Kommunikation in der Familie. Vom Schimpfen und Schreien zum Runden Tisch finden Sie dazu weitere Ausführungen.

Ja, und wer sich für Tipps zum Thema Unterrichtsstörungen interessiert, auch der findet bei Dreikurs Hinweise zur Vermeidung bzw. zum Umgang damit. Geben Sie klare verständliche Anweisungen für das Verhalten, das Sie von einem Kind erwarten und warten Sie damit, bis Sie die Aufmerksamkeit der ganzen Klasse haben. Richten Sie Ihr Augenmerk auf das künftige Verhalten eines Kindes und nicht auf das, was es in der Vergangenheit getan hat. Gehen Sie immer vom Positiven aus, jedes Kind hat viele guten Eigenschaften. Versuchen Sie zu jedem Kind eine gute Beziehung aufzubauen, die von Respekt und gegenseitigem Vertrauen geprägt ist. Setzen Sie statt herkömmlicher Strafen besser auf natürliche und logische Konsequenzen. Besprechen Sie Ziele und Probleme mit den SchülerInnen zusammen. Denken Sie daran, Konsequenzen mit Freundlichkeit zu paaren. Akzeptieren Sie ein Kind, auch wenn es etwas Inakzeptables getan hat. Sorgen Sie dafür, dass Schüler selber Verantwortung für ihr Verhalten und ihre Lernerfolge übernehmen können.

Das Buch von Dreikurs et al. ist also für alle, die sich mit dem Begriff der Disziplin in der Erziehung beschäftigen, ein absolutes Muss … Es berücksichtigt moderne Entwicklungen der Erziehung und zeigt einen wunderbaren Weg zur Begleitung und Förderungen von Kindern und Jugendlichen. Zudem ist das Buch so geschrieben, dass Eltern, Erzieher, Sozialpädagogen und andere Pädagogen die Inhalte gut verstehen und einfach übertragen können, was will man mehr.

Vielleicht erinnern Sie sich in diesem Zusammenhang auch an meinen Blogartikel zum Thema “Disziplin und Soziales Lernen“, in dem ich über das Buch „Aberglaube Disziplin“ von Rolf Arnold berichtet habe. Arnold spricht von dem Begriff Disziplin als einem traditionsbelasteten Begriff, der heute zum „Erleichterungsbegriff“ geworden ist, da er Erziehenden das heimliche Versprechen gibt, endlich Ruhe und Gehorsam zu bekommen.

Auch wenn ich die Ausführungen von Dreikurs sehr schätze, so bleibe ich persönlich statt von Disziplin zu sprechen lieber bei dem Begriff der Unterrichtsstörung. Welchen Begriff bevorzugen Sie und warum?

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (1) | Autor:

Die Schule neu machen, Teil 2 …

Montag, 12. Oktober 2009 9:10

… schreibt die Geschichte des ersten Band einer Schulgründung weiter und führt den Leser in die Ausgestaltungs- und Konsolidierungsphase der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck (EGG). Und wieder versteht es Rainer Winkel sowohl die Arbeit der Schulgründung als auch das Miteinander in der neuen Schule spannend in diesem Buch darzustellen.

Der Umgang mit Unterrichtsstörungen und mit schwierigen Kindern hat in der Zwischenzeit eine feste Form gefunden: „Wer etwas Schlimmes oder gar Böses getan hat, dem muten wir eine dreifache Erziehungsmaßnahme zu: Durch Aufschreiben des Sachverhaltes Distanz gewinnen; durch Zugeben Verantwortung übernehmen; und durch eine gute Tat Wiedergutmachung leisten.“ Notfalls werden die Störenden konsequent vom Unterricht suspendiert, in die Parallelklasse versetzt oder der Schule verwiesen.

Drei Wege zum Verstehen und zur Bearbeitung der Probleme, die viele Schüler mitbringen, haben sich für Winkel bereits im zweiten Jahr der Schulgründung herauskristallisiert: Erstens der Weg der Selbst-Besinnung, der mit dem oben genannten Dreischritt einhergeht. Zweitens der Weg der Selbst-Regulierung. Er setzt Einsichten voraus, wendet sich an diejenige, die schon wissen, was notwendig ist, hat feste Verabredungen vor Augen und bevorzugt das Abschließen eines Vertrages, der präzise festhält, was der jeweilige Schüler verspricht, was die Lehrer sich vornehmen und was die Eltern unterstützen werden. Und schließlich der dritte Weg zur Selbst-Heilung. Dieser bekennt sich zur Therapie und mobilisiert im Sinne einer Hilfe zur Selbsthilfe die Selbsthilfepotentiale des jeweiligen Kindes bzw. Jugendlichen.

Auch Patenschaften im Sinne eines Buddy-Systems werden an der neuen Schule eingeführt und dienen dem sozialen Lernen: „Alle Klassen und alle Schüler sind durch Patenschaften verbunden – ähnlich wie die einzelnen Schulgebäude mit dem Stadtteil.“ Der Apothekerverein wird Pate für den Biologietrakt, Schalke wird Pate für die Sporthalle. Sogar die Jugendlichen, die Silvester auf dem Schulgelände „herumlungern“, werden eingebunden und drei von Ihnen bekommen die Verantwortung für die Unversehrtheit des Geländes übertragen.

In Gelsenkirchen-Bismarck gibt es genauso viele schwierige Schülerinnen und Schüler wie in Berlin. Dennoch hatte die EGG in der Phase, in der Winkel Gründungsdirektor war, den Berliner Schulen einiges voraus: Sie hatte einen Schulleiter, der reformpädagogisch orientiert konsequent mit dem Kollegium, den Eltern, dem Umfeld sowie natürlich den Schülerinnen und Schülern kommuniziert hat.

Konfliktlösungen sollten in der Schule nicht im Sinne von „Entweder-oder-Entscheidungen“ vorgeschrieben, sondern stets im Sinne des antinomischen „Sowohl-als-auch“ betrachtet werden. Wer sich für Menschen, für Schulgründungen, menschliche Verwicklungen in einem frischen Schulunternehmen oder für Unterrichtsstörungen interessiert, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen.

Nochmals nachlesen, welche Schwerpunkte der ersten Band der Buchtriologie gelegt hat?

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Kommunikation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor:

Kevin und die Unterrichtsstörungen

Mittwoch, 7. Oktober 2009 19:51

Manchmal entscheidet wohl schon der Vorname darüber, ob ein Schüler den Unterricht stört oder nicht – so lautet grob gesagt das Resümée einer Untersuchung von Julia Kube.

Es scheint tatsächlich so zu sein, dass Grundschullehrerinnen und Grundschullehrer bestimmte Vornamen mit Vorurteilen belegt haben. Kevin gilt demnach als Prototyp eines verhaltensauffälligen Kindes. Auch bei Justin, Mandy und Chantal haben die LehrerInnen gleich ein besonderes Bild vom Kind im Kopf.

Aus dem angloamerikanischen oder französischen Sprachraum stammende Vornamen (Marcel, Yves oder eben Yustin) werden vielfach mit Lernschwäche, mangelndem Interesse und schlechtem Sozialverhalten verbunden. Klassische deutsche Vornamen (Agnes, Sophie, Anna, Charlotte) wecken bei LehrerInnen dagegen meist positive Assoziationen wie Intelligenz, Lernbereitschaft und gutes Sozialverhalten.

Die Untersuchung wurde an der Oldenburger Arbeitsstelle für Kinderforschung durchgeführt und von der Pädagogik-Professorin Astrid Kaiser betreut. In einem Interview mit Spiegel Online berichtet Kaiser: „Was mich bei der Studie allerdings überrascht hat, war die Deutlichkeit und die Schärfe, mit der die befragten Lehrer über bestimmte Namen urteilen – und mit welcher Bestimmtheit sie davon ausgehen: Das ist kein Vorurteil, das ist eigene Erfahrung, das ist die Wahrheit.“ … Da muss doch dann sofort das Stichwort der self fulfilling prophecy fallen …

Wie türkische und arabische Namen in der Klassenliste auf GrundschullehrerInnen wirken, wurde leider nicht untersucht. In Berlin sind es beispielsweise die Namen Mohammed und Hamudi, die für die Vorstellung massiver Unterrichtsstörungen stehen.

Interessant nachzulesen ist sowohl der Bericht zur Forschung von der Uni Oldenburg, als auch natürlich die ausführlichen Ergebnisse der gesamten Studie.

In Oldenburg wird in der Lehreraus- und -weiterbildung das Anti-Bias-Training eingesetzt. PädagogInnen können hier lernen, eigene Vorurteile zu überwinden. Das sollte Schule in weiteren Universitäten – und natürlich auch in Schulen – machen.

Und natürlich sollten LehramtsstudentInnen und ReferendarInnen vor der Praxisphase über das Thema Unterrichtsstörungen informiert werden, immer mehr Hochschulen und Universitäten gehen dazu über, das Thema Unterrichtsstörungen systemisch zu betrachten und in den Lehrplan mit aufzunehmen.

Christa D. Schäfer

Thema: Konfliktberatung, Konflikte, Systemischer Ansatz, Unterrichtsstörungen | Kommentare (1) | Autor:

Die Schule neu machen …

Montag, 31. August 2009 7:38

… heißt ein Buch von Rainer Winkel, dem Gründungsdirektor der EGG, der Evangelischen Gesamtschule Gelsenkirchen-Bismarck. Das Buch ist das wohl geradezu einmalige Dokument einer Schulgründung, in dem nicht nur Erfolge aufgezeigt werden, sondern auch Prozesse des Scheiterns. Und das macht das Buch auch so interessant für diesen Mediationsblog.

Die dort dargestellten Aufgaben im Rahmen einer Schulgründung sind immens. Die vorkommenden Konflikte sind schier überwältigend. Winkel schreibt dazu: Es gab kollegiale Konflikte zwischen den Lehrern bzw. zwischen dem Schulleiter und einigen Lehrern; edukative Konflikte zwischen Eltern und Lehrern; didaktische Konflikte zwischen der wünschenswerten Schul- bzw. Unterrichtsreform und ihrer Machbarkeit; und es bahnten sich Konflikte zwischen dem Schulträger und dem Schulleiter an. Ja, und natürlich sind nicht zu vergessen die Konflikte zwischen den Schülerinnen und Schülern bzw. zwischen Lehrern und Schülern.

Ein Großteil der Konflikte wurde zu Unterrichtsstörungen, ein anderer Teil führte zu Verweisen, ein Fall führte gar zum Schulausschluss. Da heißt es von Lehrer- und Schulleiterseite aus zu warnen, Grenzen aufzeigen, gelbe und auch rote Karten zücken; sodann: die Schäden beseitigen, Konsequenzen wagen, wieder gutmachen; und schließlich: dem Geschädigten die Hand reichen, der Gemeinschaft etwas Gutes tun, in sich das Böse überwinden. „Wir Lehrer müssen wieder lernen, dass dies zusammengehört: das Warnen, das Wiedergutmachen und das Stiften neuen Vertrauens durch eine neue, eine gute Tat.“, so Winkel auf S. 322 dieses Buches.

Ja, und auch über soziale Konflikte muss ein Gründungsdirektor seine Lektion lernen, die da hieß: „Personale Konflikte lassen sich nicht im Medium von Sachlichkeit, von Logik und Beweisführung lösen – überhaupt nicht diskursiv – im Gegenteil: Sie werden auf diese Weise und darin zu noch festeren Knoten gezurrt. Personale Konflikte sind nur personal zu lösen, das heißt im Medium von liebevoller Emotionalität, die freilich so wahr, so echt und so spontan sein muss und das Lachen und das Weinen der kleine L.W. …“ Mein Dank an Prof. Dr. Rainer Winkel für dieses offene Buch, das allen an Schule und Konflikten interessierten Lesern wärmstens empfohlen sei.

Was wäre es doch prima, wenn alle Lehrer kommunikative und mediative Kompetenzen in Ihrer Ausbildung erlernen und Schulleiter diese in jeder Schule erfahrbar machen könnten. Dann würden zwar auch weiterhin Unterrichtsstörungen vorkommen – aber der Umgang miteinander wäre ein humanerer, die Möglichkeiten der gegenseitigen seelischen Verletzung wäre geringer und die Chancen auf gelungene Konfliktlösungen wäre viel höher. Vielleicht werden dann die Ergebnisse der nächsten TALIS-Studie angenehmer als die der letzten …

Christa D. Schäfer

Thema: Emotionale Intelligenz, Kommunikation, Konfliktberatung, Konflikte, Konfliktlösung, Konfliktmanagement, Konfliktprävention, Literaturempfehlungen, Schulmediation, Soziales Lernen, Unterrichtsstörungen | Kommentare (0) | Autor: