Wenn Kinder den Kontakt abbrechen …

Gibt es das?

Angelika Kindt hat ein Buch darüber geschrieben. Sie wurde von ihrer Tochter ohne Vorwarnung verlassen – warum, weiß sie bis heute nicht. Auf der Suche nach Antworten und Hilfe stellte sie fest, dass sie mit ihrem Schicksal nicht allein ist. Das Phänomen „verlassene Eltern“ zieht sich durch alle sozialen Schichten, wird von der Gesellschaft jedoch tabuisiert. – so heißt es auf der Rückseite dieses spannenden Buches.

Das Phänomen „Verlassene Eltern“ ist in zweierlei Hinsicht interessant für mich und diesen blog.

Zum einen ist natürlich die Systemische Sicht auf dieses Phänomen höchst faszinierend. Was passiert oder auch was muss bereits passiert sein, wenn eine 30jährige Tochter ihrer Mutter den Kontakt aufkündigt, sich nicht mehr meldet und keine Verbindung mehr existiert?! Obwohl – eine Verbindung existiert ja schon, von beiden Seiten aus, und zumindest für die Mutter ist diese Situation sehr schmerzhaft. Ob sie das auch für die Tochter ist, kann man in dem Buch nur erahnen, denn zur Tochter gibt es ja keinen Kontakt mehr. Wahrscheinlich aber litt die Tochter schon viel früher und hat deshalb diesen radikalen Schritt zum Kontaktabbruch gewählt? Vermutungen über Vermutungen.

Die Autorin Angelika Kindt begibt sich mit diesem Buch auf Spurensuche. Sie hatte stets versucht eine gute Mutter zu sein und natürlich immer so gehandelt, wie sie es am besten in den jeweiligen Situationen zu den jeweiligen Zeiten konnte und wusste. Nach der „Trennung“ plagten sie Selbstvorwürfe und Zweifel. Andere Menschen belegten sie mit Vorurteilen und Stigmatisierung.

„Kinder distanzieren sich nicht von den Eltern, weil diese ihnen fremd geworden sind, sondern eher, weil sie ihnen zu nahe sind. … Auch ich schämte mich, wie viele andere verlassene Eltern, dass mir so etwas als Mutter ‘passieren’ konnte. Inzwischen habe ich begriffen, dass immer zwei Seiten an so einem Bruch beteiligt sind. Ich wünsche mir sehr, dass die Kinder, die von ihren Eltern nichts mehr hören wollen, das auch verstehen und sich bewusst machen.“ (Buch, S. 85)

Wenn Kinder erwachsen werden, dann lassen sich beide Seiten – Eltern und Kinder – los. Dies sollte ein positives Loslassen sein, das schließlich wieder zu einer Verbindung führt. Eltern und Kinder (oder Mutter und Tochter) führen beide „ihr Leben“, lassen Raum zwischen sich und sollten spüren und wissen, dass sie jederzeit wieder eine angemessene Nähe suchen können. In gegenseitigem Respekt und gegenseitiger Fairness gibt es ein gesundes Einpendeln zwischen Loslassen und Wiederfinden.

Dieser gegenseitige Respekt und die darin wohnende Fairness scheinen in manchen Eltern-Kind-Beziehungen schwierig bis unmöglich zu sein. Kontaktabbruch ist Flucht, ist Wegrennen vor der Aufgabe einen fast nicht aushaltbaren Konflikt lösen zu müssen. Jeder der beiden Konfliktpartner (Mutter und Tochter) haben gewisse Vorstellungen von ihren Rollen bzw. der Rolle der jeweiligen anderen. Was geschieht, wenn diese Rollenbilder nicht deckungsgleich sind, sondern differieren? Dann tut es emotional weh und ist hart.

Die Verweigerung des Kontaktes ist in diesem Fall natürlich auch eine Form der Kommunikation, denn wenn wir an Paul Watzlawick denken, so heißt es in dessen erstem Axiom: „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Im Falle des Kontaktabbruchs ist es so, dass man lediglich Vermutungen über die Ursache anstellen kann, aber keine Rückmeldung zu dieser Sichtweise bekommt. Damit fühlt man sich ohnmächstig und empfindet den Kontaktabbruch als solches als aggressive Verhaltensweise.

Je nach Konflikttyp könnten Mutter und Tochter auch an dieser Thematik der verschiedenen Rollenerwartungen arbeiten, die Kommunikation miteinander suchen oder auch eine Mediatorin, einen Mediator als „Vermittler zwischen den beiden Welten“ einsetzen. – Und hier ist natürlich der zweite Anknüpfungspunkt zu diesem blog. Bisher habe ich einen solchen Fall noch nicht bearbeitet, aber ich bin sicher, dass Mediation unterstützen kann – wenn beide Parteien dazu bereit sind und sich darauf einlassen. Dann wäre Mediation wahrscheinlich sogar die bessere Wahl als eine Familientherapie – denn diese ist dichter und intensiver und wird oft gar nicht gewünscht.

In dem Buch “Wenn Kinder den Kontakt abbrechen“ von Angelika Kindt gibt es viele weitere fachlich interessante Passagen wie beispielsweise diejenige zu den Stichworten „Trauerarbeit“ und den „vier Phasen eines Verlusts“. Mit anderen Worten: Sowohl aus Systemischer Sicht als auch aus MediatorInnensicht ist dies ein super interessantes Buch, das sich lohnt zu lesen!

Christa D. Schäfer

Übrigens: Kommunikation ist …

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Datum: Montag, 6. Juni 2011 8:18
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30 Kommentare

  1. 1

    [...] 06. Juni 2011: Blog-Beitrag http://www.mediation-berlin-blog.de [...]

  2. 2

    Hallo, ich finde die Geschichte von Angelika Kindt sehr interessant. Sie war neulich im WDR zu sehen, als sie beim Kölner Treff eingeladen war. Dort hat sie auch von ihrer Geschichte und dem Buch erzählt. Ich hoffe sehr, dass ihre Erlebnisse allen Eltern die ebenfalls das selbe durchmachen weiterhelfen kann damit fertig zu werden.
    Und ich stelle es mir wirklich sehr schwer vor, eine Mediation bzw. Familienmediation zustande zu bringen, wenn eine der beiden Parteien nicht für eine Übereinkunft bereit ist.
    Das Buch werde ich mir aber holen, es scheint sehr interessant zu sein. Danke nochmal für den Tipp!

  3. 3

    ja, das denke ich auch.
    Wenn eine der Parteien nicht für eine Übereinkunft bereit ist,
    dann kann nichts getan werden. Auf der anderen Seite:
    Falls Bereitschaft besteht, welche Chance gäbe es noch
    außer der Mediation für eine einvernehmliche Lösung …

  4. 4

    Hallo, ich arbeite im Moment an einer Hausarbeit zum obigen Thema. Nach meinen Recherchen und Gesprächen mit betroffenen Eltern scheint der Schmerz unbeschreiblich zu sein. Ratschläge sind absolut fehl am Platz. Ich musste es am eigenen Leib erfahren. Meine Schwester wurde von ihrem Sohn verlassen und bekam daraufhin die “besten Ratschläge” von der Familie. Ihre Konsequenz war, dass sie ebenfalls, und das schon seit Jahren, der Familie den Rücken gekehrt hat.

  5. 5

    Hallo,
    besten Dank für Ihren Bericht. Ja, es scheint doch etliche solcher Familien zu geben, obwohl man erst jetzt davon hört …
    Für Ihre Hausarbeit sowie Ihnen und Ihrer Familie alles Gute
    wünscht Christa Schäfer

  6. 6

    Dieses Buch von Frau Kindt kann ich nicht empfehlen. In diesem Buch wird nicht ernsthaft versucht, eine Sittuation zu reflektieren in die man unverschuldet hineingeraten ist, sondern es wird aktiv duech die Aurorin versucht, sich selbst gesellschaftlich zu rehabillitieren. Dies jedoch auf eine für die Sicht der Tochter so unschönen Art un Weise, dass die Autorin um ihre eigene Reinwaschung von vermeintlicher Schuld zu erreichen, nicht davor zurückscheuut, das eigentlicche Anliegen ihrer Tochter wieder und wieder mit Füssen zu treten und völlig unbeachtet zu lassen. Sie geht sogar so weit, dass sie die Tochter vergleicht mit einem “Liebhaber, der einen davonscheucht und zu dem man ja dann auch nicht zurückkehrt”. Dieses Busch hat nichts mit echter Aufarbeitung zu tun und leider hat die Autorin nicht im Kleinsten verstanden, dass sie an sich selbst arbeiten müsste um die beziehung zu ihrer Tochter mit neuer Demut zu betrachten, stattdessen wird sich fast ausschliesslich selbst beweihräuchert und dabei entsagt die Autorin sich selbst frei von allen Sünden und stellt Seitenweise thesen auf, warum und weshalb die Tochter von Anfang an im Unrecht gewesen sein müsse.
    Das Buch mutet ein wenig an wie eine narzistische Selbstbetrachtung und mir fällt eigentlich nur eines dazu ein: Glückwünsche an Maya für die mutige Entscheidung, eine solch narzistische Mutter in ihrem egomanischen Weltkonstrukt allein zurückzulassen. denn mit familiären Beziehungsstrukturen hat diese Dame sicher nichts gemein, ich vermute hier eher eine psychische Erkrankung der Autorin.

  7. 7

    … wie ich merke polarisiert das Buch anscheinend die Leserschaft …
    Es gibt positive und negative Stimmen
    und eine breite Diskussion zum Thema und zur Darstellung.

    Ich danke Ihnen für Ihre Meinung zum Buch.

  8. 8

    Hallo Loonaly,
    danke, danke für Ihren Beitrag. Wie oben geschrieben, arbeite ich zur Zeit an einer Hausarbeit zu diesem Thema. Dieses “Reinwaschen” von seiten der Eltern ist mir ebenfalls zunehmend aufgefallen. Leider gibt es so wenige Stellungnahmen von den betroffenen “Kindern”, die die Familien verlassen haben.

  9. 9

    In der Mediation hören wir zu einem Konflikt beide Seiten,
    und beide Seiten haben Ihre eigene Sichtweise.

    So denke ich haben wir es hier bei diesem Buch mit “einer Sichtweise” (derjenigen einer Mutter) zu tun, und es wäre äußerst wichtig, auch die andere Seite zu hören bzw. hören zu können. Dazu gibt es leider noch kein Buch, so dass man sich kein “Bild” davon machen kann, was es für die Seite einer Tochter / eines Sohnes bedeutet, der eine Familie verlässt …

    Wer weiß, vielleicht bekommen wir ja durch Ihre Arbeit, sehr geehrte Helma, ein wenig mehr Licht in die Sache … Haben Sie Kontakte zu “Betroffenen”?
    Ich würde mich freuen, ein wenig mehr über Ihre Arbeit zu erfahren.
    Gerne auch per mail …
    Christa Schäfer

  10. 10

    Am Freitag wird im WDR eine interessante Wiederholung gebracht. Hier kommen die betroffenen Kinder zu Wort. Sehr informativ.
    “Menschen hautnah” 14:15 Uhr. Unbedingt anschauen!

  11. 11

    Das ist eine sehr interessante Diskussion.
    Habe weder das Buch gelesen, noch die Sendung gesehen. Trotzdem ist mir das Thema bestens bekannt, da ich eine Tochter bin, die ihre Eltern verließ.
    Zu einer Mediation müssen beide Seiten bereit sein und aufeinander ein Stück zugehen. Dabei spielen auch generationsspezifische Ansichten eine große Rolle. Welche Eltern wollen sich schon auf Augenhöhe mit den Kindern einvernehmlich einigen? Ich bin zwar ein Kind der 68er, aber dieser Zeitgeist hat meine Eltern noch nicht einmal gestreift.
    Wenn meine Kinder mich heute fragen, ob ich meine Eltern vermisse ist die Antwort ganz klar: Ich vermisse Eltern, aber nicht diese!
    Mit so einem Buch auf den Markt zu gehen, empfinde ich auch als Therapieersatz und nicht gerade hilfreich in Sachen Beziehungsarbeit zur Tochter. Hoffentlich hilft es ein wenig, dass es ähnliche Schicksale gibt, die sich dann mit der Autorin gegenseitig Trost spenden können.

  12. Wolfgang Schubert
    Montag, 25. Juli 2011 13:35
    12

    Ich möchte mich in diese Diskussion sehr gern einmischen, denn wir sind betroffene Eltern. auch wir haben seit 1996 keinerlei Kontakt mehr zu unserer Tochter, übrigens hat sie den Kontakt zur gesamten Familie abgebrochen. Wir haben das Buch und viele Beiträge von Frau Kindt und auch die Sendung einer betroffenen Mutter im WDR genau verfolgt. Das beispiel von Frau Kindt ist mit unserem Ablauf fast deckungsgleich. Schon komisch. Was wir gelernt haben ist, daß, wenn es wieder einmal eine Begegnung mit unserer Tochter geben sollte, wir keinerlei Aufarbeitung oder Fragen zurück stellen werden. Es wird nichts bringen. Es ist, wie schon erwähnt, ein schleichender Prozeß, der erst im Nachhinein beginnt, klare Strukturen zu zeichnen. Es ist besonders für eine Mutter tragisch und psychisch außerordentlich belastend. Meine Frau hatte fünf Tage nach dem Geburtstag unserer Tochter ein bourn out und war daraufhin ein halbes Jahr krank. Auch das ist keine spontane Reaktion gewesen, sondern hatte sich über Jahre aufgebaut. Wie es unserer Tochter in dieser Situation geht, wissen wir nicht. Ich denke, eine Lösung gibt es nur von außen mittels eines Mediators. Wir wären bereit. Ob es unsere Tochter wäre? Keine Ahnung. Vielleicht kann uns jemand helfen. Unser Wohnort ist Zwickau.

  13. 13

    Hallo Herr Schubert, besten Dank für Ihren offenen und ehrlichen Bericht zum Thema.

    Ich finde es sehr interessant, dass Sie schreiben “Wir würden keinerlei Aufarbeitung und Fragen zurück stellen.” Diesen Satz habe ich gleich zwei Mal gelesen. Ich verstehe ihn so, dass Sie versuchen würden, die Gründe für den Kontaktabbruch heraus zu bekommen. Diese Frage ist sicherlich diejenige Frage, die Sie und Ihre Frau seit 5 Jahren immer und immer wieder beschäftigt. Gerne möchte ich einige Hinweise zu einer Mediation für Ihre Situation geben:

    Mediation ist ein Verfahren, das nicht nach Ursachen sucht, sondern das Geschehene als Gegeben hinnimmt und statt dessen Wege für eine Zukuft sucht. Dies kann ich mir für Ihre Situation sehr gut vorstellen (so auch Ihre Tochter dazu bereit wäre). Natürlich kommen in diesem Zusammenhang dann auch “Sachen von früher” zur Sprache: “Ihr habt immer das und das gemacht, das geht gar nicht mehr für mich …” – und man kann Rückschlüsse ziehen. Die Aufarbeitung der Vergangenheit als solches ist jedoch in der Mediation nicht vorgesehen.

    Mediation ist auch ein Verfahren, das ohne “Schuld” auskommt – es wird nicht nach Schuldigen für eine Situation gesucht. Das macht es einfacher, sich wieder in die Augen zu schauen und gemeinsam “nach vorne zu sehen” …

    Die gemeinsame Diskussion einer Schuldfrage oder der Frage “Wie kam das alles?” ist für alle Beteiligten emotional sehr belastend. Es gibt hierzu das Fachwort “Problemtrance” – alle sind im Problem gefangen. In einer Familientherapie ist ein solches Vorgehen vorstellbar, wenngleich auch die dann schnell zu einer “Lösungstrance” kommen würde. Die Möglichkeit zu einer solchen Familientherapie ist für Ihre Tochter sicherlich nicht vorstellbar.

    Es gibt ferner die Möglichkeit der “Familientherapie ohne Familie”. Hier kann ein Familienmitglied oder ein Ehepaar schauen, wie die Vergangenheit bearbeitet werden kann, wie mit der Vergangenheit gelebt werden kann, was Muster im gemeinsamen Zusammenleben waren, wie die Trennung vollzogen wurde und wie mit der Situation gutmöglichst weiter gelebt werden kann. Das wäre dann aber ein Verfahren nur für einen Teil der Familie.

    Die MEDIATION sehe ich immer noch als die beste Möglichkeit für eine solche Situation. Ich hoffe, es geht Ihrer Frau wieder besser, und ich wünsche Ihnen beiden viel Kraft. Einen sensiblen Mediator oder eine sensible Mediatorin um Zwickau zu finden, die diese Situation gut managen kann, ist sicherlich kein Problem. Da kann ich auch gerne Empfehlungen abgeben. Die viel größere Frage scheint mir zu sein, ob Ihre Tochter zu einer Mediation bereit ist. Aber wer weiß, vielleicht liest sie ja diesen Text und die Situation kommt “in Bewegung” …

    Es gibt natürlich auch stets die Möglichkeit, dass die Mediatorin / der Mediator eine Konfliktpartei anspricht, ob diese zur Mediation bereit ist. Auch das eine Möglichkeit, wenn Sie wissen, wo Ihre Tochter wohnt, sie nicht selber ansprechen wollen und auch nicht warten wollen, bis der Vorschlag von ihr kommt.

    Gerne beantworte ich Ihnen weitere Fragen auch per mail: mail (a.t) chschaefer (p.unkt) de
    Herzliche Grüße und alles Gute
    wünscht Christa Schäfer

  14. 14

    Hallo Helma,
    ich bin auch so ein “Kind” und würde mich für ein Interview gerne zur Verfügung stellen.

    Möchten Sie mir schreiben unter bending(at)gmx(dot).de ?

    Viele Grüße
    Elisa

  15. 15

    Guten Abend!
    In diesem Fall zu sagen, man wüßte nicht warum… da macht sich jemand was vor? Da hat vorher jemand anderes den Kontakt abgebrochen … und es gar nicht bemerkt! Aber klug darüber daherreden ist einfach. Das ist sicherlich eine schwierige Situation.
    Schwabengrüße

  16. 16

    Hallo Frau Allgaier,

    das Buch hat es zumindest geschafft, dass über das Thema geredet wird.
    Und ich habe festgestellt, dass seitdem auch das Thema Mediation innerhalb von Familien stärker diskutiert und als Alternative angesehen wird. Das freut mich natürlich sehr!

    Grüße von Christa Schäfer

  17. 17

    … die böse, böse Tochter, die den Kontakt abbricht…

    Wenn, wie in meinem Fall – ich bin so eine böse Tochter – ein Elternteil eine Narzistische Persönlichkeitsstörung hat, kann es für das psychische und seelische Überleben notwendig sein, dauerhaft auf den Kontakt zu verzichten.

    In meinem Fall habe ich zu beiden Elternteilen im Alter von etwa 24 Jahren noch während meiner Ausbildung den Kontakt abgebrochen. Es war für mich ein schwerwiegender und verzweifelter Schritt um psychisch irgendwie wieder klarzukommen. Und als ich den Schritt vollzogen hatte, fühlte es sich zunächst an, als hätte ich mir selber den Boden unter den Füßen weggezogen. Außerdem konnte sogut wie niemand in meinem Freundes- und Bekanntenkreis diesen Schritt nachvollziehen und ich habe unter diesen Unverständnis gelitten.

    Erst Jahre später, im Rahmen einer Psychotherapie, wurde klar, dass mein Vater unter einer Narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet und meine Mutter eine Asperger-Autismus-Störung hat. Unter den Folgen dieser – nicht ganz seltenen – Konstellation – leide ich noch heute. Aber der Kontaktabbruch hat mir wenigstens die Chance gegeben vernünftig an den Folgeproblemen zu arbeiten, soweit ich sie jeweils erkannt hatte und endlich nach und nach ein brauchbares Selbstwertgefühl und wieder einen Zugang zu meinen Gefühlen und Bedürfnissen zu bekommen. Das wäre anders nicht möglich gewesen.

    Kurz: Die Eltern zu verlassen kann ein überlebensnotwendiger Schritt sein.

  18. 18

    Besten Dank für Ihren Kommentar.

    Ihren Kommentar lesend, kann Ihr Verhalten sicherlich von vielen LeserInnen sofort nachvollzogen und verstanden werden.
    Und natürlich ist solch ein Schritt nicht einfach und vielleicht sogar zunächst erst einmal bedrohlich.
    Und natürlich kann man diesen Schritt auch nach einigen Jahren nicht einfach abschütteln …

    … weder die “bösen Töchter” noch die Eltern können das.

    Darum bleibt immer etwas offen, das schmerzt, auf beiden Seiten!

    Übrigens finde ich nicht, dass die Kinder, die ihre Eltern verlassen, “böse” sind.
    So werden sie vielleicht von den Eltern dann gesehen,
    aber wie Sie schreiben, ist es mitunter der einzige Schritt zum “Überleben”.

    Schade nur, dass innerhalb von vielen Familien anscheinend wenig Verständnis füreinander da ist
    und wenig gemeinsame verstehende Kommunikation möglich ist …

    Ihnen jedenfalls nochmals besten Dank für diese Sichtweise,
    die ergänzend zum Buch dringend nötig ist !!!
    Christa Schäfer

  19. 45-jährige Tochter
    Freitag, 11. November 2011 21:19
    19

    Was bin ich froh über die Beiträge z.B. von Helma, Elisa und Loonaly!!!
    Ich habe als Tochter vorläufig den Kontakt zu meiner Mutter abgebrochen. Ich habe ihr per Brief mitgeteilt, dass ich eine Auszeit von ihr brauche. Es gab zwischendurch von ihr Kontaktversuche zum Geburtstag, zu Weihnachten. Ich habe kurz geantwortet, weil ich übergroße Schuldgefühle hatte, diesen Schritt überhaupt gewählt zu haben. An meinem letzten Geburtstag bin ich dann zum ersten Mal ganz bei mir geblieben und habe nicht reagiert, hatte ich doch um eine Auszeit gebeten. Vor gut 5 Wochen habe ich ihr einen Brief geschrieben mit meinem Anliegen, mit ihr über das zu reden, was ich durch sie während meiner Kindheit erfahren musste, und meinem Wunsch, auf lange Sicht eine neue Beziehung miteinander leben zu können: Als zwei erwachsene Frauen. Bis jetzt habe ich noch keine Antwort erhalten. – Das mal so in Kürze. Natürlich ist’s viel zu wenig, um die Tragweite erfassen zu können, die meine Geschichte ausmacht.
    Was mich mittlerweile wütend (und darum bin ich sehr froh, weil gerade das auch heilsam ist) machen kann, ist, dass es in der Gesellschaft als regelrechtes Verbot gilt, sich aus der Beziehung mit einem Elternteil oder beiden zu lösen. Das vierte Gebot sagt: “Du sollst Deinen Vater und Deine Mutter ehren.” Merkwürdiger Weise gibt es nicht das Gebot: “Du sollst Dein Kind ehren.” Und genau das ist der springende Punkt. Eltern haben anscheinend eine Art Freibrief in der Beziehungsgestaltung mit den Kindern. Sie dürfen demütigen, schlagen, emotional misshandeln (zu viel / zu wenig Liebe), unempathisch sein usw, usw. Welche unbeschreiblichen Schmerzen muss ein so behandeltes Kind erleiden? Und damit steht es in der Regel ganz allein da; ohne Hilfe von außen. In Kommentaren, die Eltern unter das Deckmäntelchen nehmen, sie haben doch immer nur ihr Bestes getan, erkenne ich die Unfähigkeit, empathisch sein zu können und Kinder als untergeordnete Menschen zu betrachten. Beziehung auf Augenhöhe hat etwas mit Verantwortung für einen selbst zu tun. Für eine für die Zukunft positive Beziehung ist es notwendig, alte Verletzungen aufarbeiten zu können. Wenn man, so wie ich, als erwachsen gewordenes Kind für sich eines Tages endlich begreift und in sich zulassen kann, was die Behandlung der Mutter / der Eltern emotional und psychisch mit einem gemacht hat (und dieser Weg ist übermenschlich schmerzhaft!), kann es ein sehr wichtiger Schritt sein, sich von der Mutter / den Eltern für eine individuelle Zeit zu distanzieren. Für eben so lange, wie man für sich zum ersten Heilen dieser großen Wunde braucht. Wohlgemerkt: Diese wurde mir als Kind zugefügt! Dieser Schritt ist mir unendlich schwer gefallen und war für lange Zeit von schweren Schuldgefühlen begleitet, die in tiefe Krisen gemündet sind. Erst nach und nach und mit therapeutischer Unterstützung konnte ich mich in kleinen Schritten davon ein wenig (!) befreien. Ich habe mich zum ersten Mal in meinem Leben freier gefühlt und bin ein Stück gewachsen. Dennoch geht es mir nicht 100%ig gut dabei. Während meines ganzen Lebens hat sich in mir eine Hoffnungslosigkeit ausgebreitet. Ich habe die Hoffnung fast ganz aufgegeben, dass MICH meine Mutter eines Tages wirklich sehen will. So wie ich bin – und mich so annimmt. Einen letzten Funken Hoffnung gibt es noch. Der hat mich dazu gebracht, es noch einmal zu versuchen. So habe ich vor ein paar Wochen den ersten Brief geschrieben. Wenn sie auch dann meine Gefühle des Schmerzes weiterhin nicht sehen will, muss ich mir überlegen, was ich tue. Es hängt davon ab, was ich innerlich werde am besten aushalten können, ohne meine psychische Gesundheit weiterhin zu gefährden. Wenn es sein muss, werde ich mich von meiner Mutter ganz trennen – müssen. Und dann beginnt der letzte schmerzhafte Wegabschnitt der Trauerarbeit.
    Vielleicht liest sich dies alles ein wenig konfus. Ich finde es schwierig, nur so wenig Platz zu haben. Außerdem wühlt es mich sehr auf. Ich versuche in meinem Umfeld offen mit diesem Thema umzugehen, erfahre jedoch von vielen Seiten Unverständnis; genau wie es hier in Beiträgen und an anderen Stellen in den Medien auftaucht. Es ist ein Tabuthema, als Kind die Eltern zu verlassen. genauso wie es ein Tabuthema ist, wie häufig und wie sehr Kinder misshandelt werden – geistig, emotional und psychisch. Es ist mittlerweile im Gesetz verankert, dass so ein elterliches Verhalten strafbar ist. Und? Kinder haben dennoch kaum eine Lobby und die meisten Menschen mischen sich nicht in die Angelegenheiten anderer Leute. Kinder sind allerdings genau darauf angewiesen! Erst später als Erwachsene sind sie unter Umständen dazu in der Lage, dem eigenen inneren Kind endlich zuzuhören, es anzunehmen, es zu lieben so, wie es das braucht. Und dann kann es sein, dass diese erwachsene Tochter / dieser erwachsene Sohn dieses für immer existierende innere Kind in Schutz und aus der Familie nehmen muss… bei sich selbst in Obhut sozusagen.
    Die Verantwortung für sich als erwachsenes Kind zu übernehmen, kann nicht bedeuten, Vergebung zur ersten Priorität zu machen. Als Erstes muss man lernen, sich selbst lieben zu können. Und für die Möglichkeit einer neuen, gelingenderen Beziehung zu den Eltern müssen diese ebenfalls den Weg zur aufrichtigen Liebe finden und sich auch für ihr vergangenes Verhalten entschuldigen. Denn nicht das Kind hat damals den Eltern etwas angetan, sondern die Eltern dem Kind. Erst diese Einsicht kann und wird Veränderung ermöglichen.
    Bevor ich jetzt komplett meinen Faden verliere, mache ich lieber einen Punkt. Ich hoffe, ich bin verstanden worden.

  20. 20

    Hallo 45-jährige Tochter,

    ich finde, dass Ihr Beitrag gar nicht konfus klingt.
    Im Gegenteil haben Sie uns Verschiedenes ganz deutlich gezeigt und gesagt:
    insbesondere was die Motivation eines Kindes ist, das die Eltern verlässt,
    und wie es ihr/ihm geht, wenn sie oder er die Eltern verlassen hat.
    Auch die Schmerzen des “kleinen” und “großen” Kindes kann man Ihren Schilderungen ganz deutlich entnehmen.

    Danke, dass Sie Ihre Gedanken mit uns geteilt haben.
    So verstehe ich wieder ein wenig mehr …,
    und sicherlich geht es auch anderen so …

    Ich sprach heute lange mit einer 42-jährigen Frau, die auch ihre Eltern verlassen hat.
    Sie hat den Begriff der “verlassenden Tochter” geprägt, den ich super passend finde.

    Anscheinend gibt es verschiedene Motive, Eltern zu verlassen:
    demütigendes Verhalten der Eltern ihrem Kind gegenüber,
    übergriffiges Verhalten der Eltern / der Mutter dem Kind / der Tochter gegenüber
    usw. usw.

    Ich frage mich, ob es auch “verlassende Söhne” gibt ?!

    Wie ich Ihrem Text entnommen habe, sehr geehrte 45-jährige,
    haben Sie kürzlich noch einmal einen Schritt auf Ihre Mutter zugemacht,
    aber noch nichts gehört. Wie auch immer es ausgeht, wird es für Sie aufwühlend sein.
    Deshalb wünsche ich Ihnen und Ihrem inneren Kind alles Gute !!

    Christa Schäfer

  21. 45-jährige Tochter
    Freitag, 11. November 2011 22:53
    21

    Liebe Frau Schäfer,

    herzlichen Dank für Ihre so schnelle und vor allem zugewandte Antwort. Ich bin erleichtert, dass ich mich doch nicht so konfus ausgedrückt habe, wie ich es vermutete. Nur irgendwann sieht man den Wald vor Bäumen nicht mehr. ;)

    Ich hatte nach dem Abschicken noch einen weiteren Absatz verfasst, den ich auch sehr wichtig finde zu sehen, wie es einem verlassenen, erwachsen gewordenen Kind gehen kann:
    Mir ging und geht es immer noch so, dass ich in tiefe Löcher der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit stützen kann durch den schrecklichen Schmerz der inneren Verlassenheit. Manchmal fühlt es sich so unbeschreiblich vernichtend an, dass ich meinem inneren Sterben das äußere gleich setzen möchte. Bis jetzt habe ich überlebt und werde es wahrscheinlich auch Dank meiner kontinuierlichen Arbeit an mir selbst. Das, was wohl viele der verlassenen und auch unverlassenen Eltern und andere Mitglieder der Gesellschaft nicht sehen: Die erwachsen gewordenen Kinder, die ihre Eltern(teile) verlassen, sind von eben diesen in der Regel während ihrer Kindheit emotional verlassen worden!
    So passt der Begriff “verlassene Tochter” als Zitat der von Ihnen erwähnten 42-jährigen Frau sehr gut.
    Das Fatale ist eben, dass eine fehlende emotionale Bindung von der Mutter zum Kind dieses Kind für sein ganzes Leben prägt. Diese so wie alle Erfahrungen bleiben im Körpergedächtnis gespeichert. Darum ist es auch durch Vergebung nicht einfach so weg zu machen. Und eben dieses Weg machen wollen und müssen hat sich durch das gemeinsame Leben von Mutter/Eltern-Kind gezogen. Übrig bleibt dann nur eine Hülle, die das Kind auszufüllen hat. Um zu ÜberLEBEN gibt es nur den Weg des Ausbruchs und manchmal gibt’s da nur den Weg der Trennung.

    Ich danke Ihnen, liebe Frau Schäfer für diesen überaus wichtigen Diskussionsraum!!!
    Und ich danke Ihnen für Ihre guten Wünsche für meinen weiteren, Sie haben recht, aufwühlenden und anstrengenden Weg. Doch er lohnt sich! :)
    Und mit diesen Worten möchte ich allen verlassenen erwachsenen Kindern Mut machen, IHREN Weg zu gehen. Dieser kann erstmal steinig sein, wenn Trennung/Distanz die einzige Option ist. Doch auf lange Sicht weniger steinig als all die Jahre davor.

    Herzliche Grüße von einer 45-jährigen “verlassenen Tochter”

  22. 22

    Liebe “verlassene Tochter”,

    Ihr dritter Absatz hat mich sehr betroffen und fast sprachlos gemacht. Deshalb möchte ich Ihnen erst einmal viel viel Kraft wünschen, weiterhin an der Situation zu arbeiten, sich selbst nicht aus dem Blick zu verlieren und einen für Sie guten Weg zu gehen.

    Ich habe so das Gefühl, dass bei diesem Thema sowohl Eltern als auch Kinder
    “verlassen” bzw. “verlassend” sind …

    Und absolut unglaublich (und andererseits auch wieder verständlich),
    wie “lebenswichtig” Emotionen sind …

    Herzliche Grüße zurück
    von Christa Schäfer

  23. 45-jährige Tochter
    Samstag, 12. November 2011 0:38
    23

    Bin immer noch wach. ;) Aber Sie ja auch. ;)

    Sie haben recht. Es ist ein Dilemma.
    Und es ist generationsübergreifend. Ich bin von meiner Mutter in frühester Kindheit verlassen worden, weil sie nicht in der Lage war, eine liebevolle Bindung zu mir entstehen zu lassen. – Ein Kind ist es allerdings immer. – Aus psychologischer Sicht kann ich mir erklären, dass auch meine Mutter als Kind die selbe innere Verlassenheit erfahren hat… und vor ihr ihre Mutter usw. usw.
    Ein wichtiges Thema bei einer möglichen Aufarbeitung spielt die Lebenswelt während des Zweiten Weltkrieges als gravierendes Trauma.

    Hartmut Radebold hat einige Bücher und Texte verfasst, in denen er sich mit den Erfahrungswelten der “Kriegskinder” befasst.

    Weiterhin die Auswirkungen des Naziregimes. Die sogenannte “Schwarze Pädagogik” wurde in ausgeprägtem Maße propagiert.

    Wer dazu etwas lesen möchte:
    “Adolf Hitler, die deutsche Mutter und ihr erstes Kind” von Sigrid Chamberlain.

    Nicht lange vor dieser Zeit gab es den Ersten Weltkrieg…..usw.

    Sich darüber Gedanken zu machen und sich selbst auf diesem Hintergrund zu reflektieren, kann sehr hilfreich sein. Die heutige Generation der Menschen im mittleren Alter tut dies eher als frühere. Dieser Auseinandersetzung mit sich selbst müssten sich allerdings auch die heute verlassenen Eltern stellen. Dann könnten sie sich besser begreifen und auch, dass ihr nun begründbares Verhalten gegenüber ihren Kindern ein nicht wieder gut machendes Vergehen war. Darum braucht es für die verlassenen Kinder meines Erachtens nach eine aus tiefstem und verstehendem Herzen geäußerte Entschuldigung, um eine veränderte Beziehung zwischen Eltern und Kind wachsen zu lassen.
    Eltern, die den Versuch ihrer Kinder, sich mit ihren Gefühlen endlich offen zu zeigen, abbügeln und darauf verweisen, dass doch alles lange her sei, müssen sich darüber klar werden, dass dies kein Argument ist. Traumatisierungen werden von Generation zu Generation weitergegeben. Und als Kind auf der Beziehungsebene vor allem von der Mutter verlassen zu werden, IST ein Trauma! Um diese transgenerationale Weitergabe zu unterbrechen, erfordert es ein verändertes Verhalten. Idealer Weise durch zugewandte Kommunikation. Ist dies nicht möglich, bleibt nur Distanzierung bis hin zu Trennung.

    Und auch die Kommunikationsfähigkeit ist u.a. durch den letzten Weltkrieg stark beeinträchtigt. Es musste geschwiegen werden, weil Vieles unaussprechlich war, weil es um’s Überleben ging, es galt zu funktionieren.
    Genau so geht es einem Kind, das von seinen Eltern(teilen) verlassen wird.

    Bei den heute verlassenen, erwachsen gewordenen Kindern und deren Eltern kann Heilung in Richtung zugewandtere Beziehung nur durch Selbstreflexion auf beiden Seiten gelingen. Und es muss bedacht werden, dass in DIESER Beziehung zuerst das Kind verlassen wurde.
    Die Eltern sind als Kind von ihren Eltern verlassen worden. Häufig leben diese nicht mehr. Dennoch ist eine Aufarbeitung dieser Beziehung möglich und macht einem möglicher Weise nie ausgelebten Trauerprozess Raum.
    Also liebe Eltern, es geht nicht anders. Auch Ihr müsst etwas beitragen.

    Ich bin sehr gespannt auf weitere Beiträge.

  24. 24

    Guten Tag zusammen,

    die von A.Kindt glücklicherweise angeschobene Diskussion und Enttabuisierung zum Thema “Wenn Kinder den Kontakt abbrechen” ist sehr wichtig – für alle Beteiligten.

    Mir fällt auf, dass speziell von Müttern extrem viel abverlangt wird: ständig richtiges Handeln, allerhöchste Aufmerksamkeit, übernatürliches Verständnis,generelle Verfügbarkeit, permanente Liebesfähigkeit usw.usw.

    Mütter sind keine Roboter, sondern Menschen mit eigener Vorgeschichte u. Prägung.
    Sie leben auch als Mutter ihr MENSCHsein, haben eigene Probleme und eigene Bedürfnisse, die im Mutterdasein nicht einfach verschwinden.

    In der Regel erfüllen sie ihre Rolle als Mutter – meist so gut, wie sie es können und ihre eigene Lebenssituation es erlaubt.
    Oft sogar darüber hinaus noch besser, indem sie sich verausgaben, die Kinder zuerst bedenken und sich selber an letzte Stelle platzieren.

    Mütter verfügen aber nicht permanent über alles Postive, so sehr Kinder sich das auch wünschen, teilweise sogar glauben, verlangen zu können.

    Mütter sind Menschen, keine Maschinen.
    Sie verfügen über bestimmte Fähigkeiten, aber nicht über alle, nicht jederzeit, nicht immer und nicht sofort.

    Die Erwartung, eine Mutter muss ALLES können ist egoman und unrealistisch.

    Von niemandem wird erwartet, dass sie/er auf der Stelle z.B. Japanisch in Wort und Schrift perfekt beherrscht und weitergeben (lehren) kann.

    Von Müttern wird ALLES zu jeder Zeit erwartet und vorausgesetzt. Wie soll das leistbar sein???
    Es ist gar nicht möglich!

    In den seltensten Fällen verlassen Mütter ihr Kind tatsächlich.
    Dieser traurige Umstand wird aber allzu gerne pauschalisiert, in vielerlei Hinsicht.
    Sogar im jahrelangen Zusammenleben wird der Vorwurf “ich-Kind-wurde-verlassen” erhoben.

    Mütter sind menschlich, auch mit ihren Unfähigkeiten, über die sie, wie jeder andere Mensch auch, verfügen.

    Versuchen wir doch einmal den IST Zustand hinzunehmen, statt weitere Forderungen zu stellen.
    Versuchen wir doch einmal, damit klarzukommen, und zu sagen: Mutter konnte vielleicht nicht noch mehr, nicht anders.
    Sie machte, WIE es ihr möglich war, und NICHT weil sie das Kind betrügen/verlassen/schädigen wollte, sondern weil sie einfach nur MENSCH ist. Unperfekt wie jeder andere auch.

    Ich selber bin Mutter 2er Töchter, die mich ihre unausgesprochenen Vorwürfe nur durch Ausgrenzung und Ignoranz spüren lassen.
    Von heute auf morgen offenbarte sich ein tatsächlich schleichender Prozess, der lange gar nicht wahrnehmbar/identifizierbar war.

    Seit 10 Jahren suche ich immer wieder mal das Gespräch, erhalte keinerlei Antwort/en.
    Durch eine Gesprächstherapie versuchte ich “meine Fehlerquellen” aufzudecken. Ich kann mir nichts Gravierendes vorwerfen, trotzdem werde ich wie eine Aussätzige behandelt, was einer permanenten seelischen Misshandlung gleicht.
    4 Enkelkinder werden in dieses Desaster eingebunden. 2 Enkel “dürfen” mich sporadisch sehen, 2 kennen mich überhaupt nicht.
    Das Umfeld meiner Töchter (Partner, Freunde, Verwandte, sogar die anderen Großeltern) schaut zu, alternativ weg.
    Mein Umfeld fühlt sich “überfordert”. Einzige Unterstützung die ich erfahre, ist seitens der Gesprächstherapeutin.
    Am heutigen Tage werde ich eine Mediatorin erstmalig sprechen.
    Nach 10 Jahren Schweigen meiner Töchter versuche ich noch immer eine Möglichkeit zur Lösung “der mir unbekannten Probleme” anzustreben, irgendwie zu finden.

    “Großartigen” Kontakt zu meinen Töchtern möchte ich mittlerweile nicht mehr, aber ich möchte den 2 bekannten Enkeln Oma sein, und auf die 2 anderen warten, bis sie eventuell im entsprechenden Alter sich selbständig auf die Suche nach mir begeben.
    Ich möchte sagen können: ich habe wirlich sehr viel unternommen, um diese Familie “zu retten”, nicht weil ich ein Helfersyndrom oder Langeweile habe, sondern weil ich sehe, wie sich hier ein Missstand durch Generationen zieht, den es zu unterbinden gilt, damit Enkel keine schlechte Erbschaft weitertragen müssen.

    Die “Rolle” der Mutter, die Frauen gesellschaftlich abverlangt wird ist nicht erfüllbar. Darüber sollten sich u.a. “erwachsene Kinder” dringend Gedanken machen.

    Abschließend möchte ich auf folgenden Link hinweisen:
    http://www.verstossene-grosseltern.de/html/fundstuecke_6.html

    Mit besten Grüßen
    Susanne1958

  25. 25

    Hallo Susanne,

    besten Dank für Ihren ausführlichen und leidenschaftlichen Bericht.

    Mit Ihren Worten haben wir wieder eine neue Sichtweise, die zu sehen ist:
    Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie eine Mutter, die von Ihren Töchtern “verlassen” wurde,
    wenn auch nicht direkt, so doch durch Minderung des Kontaktes bis hin zum Kontaktabbruch mit den Enkelkindern. Dadurch werden Sie dann sogar zur “verstoßenen Großmutter” – und das ist erneut eine nicht zustande gekommene oder verpasste oder zerstörte Beziehungsstruktur innerhalb des Familiengefüges …

    Sie plädieren sehr deutlich für ein Verständnis für die Mütter, die ja alle auch ihren Lebensrealitäten, ihren Lebenssituationen und Lebens”zwängen” unterliegen. Dieser Aspekt darf natürlich nicht übersehen werden. Mütter sind menschlich, so schreiben Sie …

    Schön, wenn das gegenseitige Verständnis für die jeweilige andere Rolle ein wenig wachsen könnte. Aber das ist oft sehr schwierig, weil die Verletzungen groß sind – auf beiden Seiten …

    Prima, dass Sie an Mediation denken. Damit wird nicht zurückgeschaut, es wird auch nicht “therapiert”, sondern es wird ein Weg gesucht, der von jetzt an in die Zukunft wirken kann. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass auch eine oder beide Ihrer Töchter zustimmen. Letztlich leiden alle Parteien in solchen “verlassenen Situationen” – das ist jedenfalls meine Erkenntnis, die ich durch all die Gespräche gewonnen habe, die ich in letzter Zeit mit verlassenen Müttern und verlassenden Töchtern oder auch verlassenden Müttern und verlassenen Töchtern geführt habe.

    Weiterhin viel Kraft
    und besten Dank natürlich auch für den Link
    Christa Schäfer

  26. Liebe und Dankbarkeit
    Samstag, 11. Februar 2012 1:44
    26

    Guten Tag

    Ich spreche aus eigener Erfahrung und kann weitgehend dem Text von Susanne zustimmen. Es ist keinesfalls so, dass zwangsläufig vor dem Abbruch ein wesentlicher Konflikt geschwellt haben muss, der zu dem Zerwürfnis (ein Abbruch ist immer eine Form von Zerwürfnis) vorhergegangen sein muss. Wie ich persönlich erfahren musste, können andere Menschen und schwierige Lebensumstände eine junge Persönlichkeit in der Reifezeit dahin gehend beeinflussen, dass diese den Kontakt zu den Eltern abbricht. Im Glauben, sich damit selber (und eventuell gleichzeitig auch den Eltern) etwas Gutes zu tun.

    Es ist ein Befreiungsschlag aus einer drückenden Situation (z.B. Leistungsdruck im Studium oder Schwierigkeiten in einer Liebesbeziehung) – nur ist das Ziel falsch gewählt. Aufgrund von äusseren Umständen ist diese Person vielleicht im Moment nicht in der Lage nicht zu erkennen, dass nicht die Eltern Ursache vom Unwohlsein sind, sondern sie selber in Umständen und Verbindungen stehen, welche sie belasten. Da diese vielleicht dieser Person im Moment als zu wichtig erscheinen (oder es auch sind), um aufgegeben zu werden, der Druck aber nicht mehr auszuhalten ist, entlädt sich der ganze Frust an den Eltern. Mit dem Akt eines Beziehungsabbruchs kann man als Kind Macht demonstrieren, Macht, welcher vorher in den Händen in den Eltern lag. Das Kind war abhängig von den Eltern und diese hätten jederzeit das Kind in jeder Hinsicht fallen lassen können. Nun wird diese Macht vom Kind an sich gerissen und gegenüber den Eltern ausgespielt, weil dieser junge Mensch sich momentan nicht in der Lage sieht, sich von den tatsächlichen Druck- und Frustations-Verursachern lösen zu können. Warum und wieso ist dann natürlich individuell sehr verschieden.

    Begleitet wird das Ganze noch von einer selbst geschaffenen Eiseskälte und der Respekt geht gänzlich verloren. Und wenn man sich das anschaut als Eltern, dann ist man natürlich sehr traurig und bestürzt, muss aber einfach erkennen, dass es nicht die eigene Entscheidung war. Es ist diese andere Person, sein Kind, dass nun in die Verantwortung gehen muss für seine Taten und sein Denken.

    Man muss einfach das Kind segnen und darum bitten, dass es für sich die richtigen Entscheidungen treffen und erkennen kann, wenn es sich auf seinem Weg korrigieren muss. Mehr kann man nicht tun. Man muss auch anerkennen, dass ab einem gewissen Zeitpunkt es keine Frage der Erziehung mehr ist, sondern des individuellen Charakters der Person. Es gibt viele Menschen, die hatten wunderbare Eltern und sind in schlechte Kreise gekommen und sind z.B. kriminell geworden oder soziopathisch. Ebenso gibt es wunderbare Kinder, die ein grosses Herz für ihre Eltern haben, welche vermutlich für ihr Elternsein keinen Trostpreis hätten gewinnen können.

    Letztlich kann man nur das eigene Herz und die Haustüre für sein Kind offen halten. Aber dies ist grundsätzlich immer im Umgang mit anderen Menschen wichtig. Und hier möchte ich nochmals festhalten, wir sind alle Individuen, jeder geht seinen eigenen Weg. Es gibt gute und eher destruktive Charaktere und solche, die noch viel lernen müssen. Es gibt Verbrecher und es gibt Heilige. Wie sich Menschen entwickeln hängt von vielen Erfahrungen und Umständen ab und nicht nur, wie sich Eltern dem Kind gegenüber verhalten haben.

    Und wenn ein Kind gehen will, dann lass es gehen. Es wäre zwar schade, wenn es nie mehr zu einer guten Beziehung kommt, aber keinen Weltuntergang. Die Welt ist voller Menschen, wer die Liebe nicht annehmen will soll es lassen, ein anderer ist vielleicht dankbar dafür. Ich sage immer: “am Ende wird alles gut und wenn nicht, ist es auch nicht das Ende”. Aber erfahrungsgemäss setzen sich die bewährten Dinge durch, d.h. alles was man gesät hat wird irgendwann gedeihen. Es braucht oft auch Zeit. Wenn man loslässt, kommt das Kind auch in den meisten Fällen wieder zurück (ausser natürlich der Grund waren grobe Misshandlungen) und sonst muss man es halt so hinnehmen und dankbar sein, dass es dem Kind sonst gut geht und man seine Aufgabe erfüllen durfte.

    Wir alle sind nur Wanderer auf einer langen Reise und wir haben Beziehungen, tiefe und oberflächliche. Es ist einfach so, wir können unserer Freundin näher stehen als dem eigenen Vater oder unser Kind kann uns fremder werden als der Nachbar. Das gefällt uns zwar nicht so vom Konzept her, ist aber die Realität. Ich sehe darin nichts Verwerfliches. Es ist immer wie es ist. Wenn man sich nicht wirklich viel vorzuwerfen hat (ausser den Fehlern, die man halt gemacht hat als Mutter oder Vater, die als “normal” bezeichnet werden und nichts mit Misshandlungen zu tun haben) – aber sich sicher ist, es war okay wie man das Kind erzogen hat und wie der Umgang mit ihm war – dann muss man sich auch darauf besinnen. Sich klar vor Augen halten, dass die Formel “Kind geht weg, also bin ich schuld” nicht in Stein gemeisselt ist, sondern das es auch genauso gut heissen kann “ich war eine sehr gute Mutter, aber mein Kind geht trotzdem weg”.

    In dem Sinne ist es auch Pflicht, sich nicht vom eigenen Weg selber abzubringen und sich in tiefe Depressionen zu stürzen. Das bringt niemanden was. Man muss seinem Leben mehr Sinn geben, als sich nur über die Beziehung respektive das Leben eines Ehepartners oder Kindes zu definieren. Man ist die stolze Mutter oder der stolze Vater, der man vorher war, immer noch ist und immer sein wird.

    Keep cool!

  27. 27

    Besten Dank für diesen ausführlichen Beitrag, der sicherlich für viele Betroffene äußerst interessant ist sicherlich Betroffene zu weiteren Gedanken anregt bzw. zu “trösten” vermag. Der Beitrag verhilft zu einer weiteren Sichtweise (wie wir in der Mediation sagen) und weist darauf hin, dass in so einem Fall das Stellen der “Schuldfrage” nicht weiter bringt. Kräftig ist auch Ihr Appell bei mir angekommen, als verlassene Eltern sich selber nicht aufzugeben, sondern realistisch “nach vorne” zu schauen …

    Nochmals besten Dank für Ihre Gedanken
    sagt Christa Schäfer

  28. 28

    Guten Tag,

    ich habe diesen thread mit großem Interesse gelesen, versucht zu verstehen, versucht die für mich wichtigen Punkte zu erfassen. Es ist mir leider nicht gelungen, obwohl bereits im fortgeschrittenen Alter (69) und mit einer großen Portion Lebensweisheit gesegnet.
    Ich habe mich vor einigen Jahren von meiner (noch lebenden Mutter) getrennt, reichlich spät, aber doch, da ich schlussendlich die Tragweite ihrer starren und lieblosen Erziehung erkannte. Erst im späteren Erwachsenenalter, da der Anstand, die “Erziehung” und die Verblendung ein früheres Erkennen nicht zuließ und ich spürte, dass ich das mir eingebläute Verhalten auch an andere, mich liebende Menschen versuchte zu implantieren und ich abzurutschen drohte in die Einsamkeit.
    Es tat und tut immer noch weh, aber ich musste diesen Schritt tun. Ich musste mich selbst schützen, ich wollte nicht enden als ein harter unnachgiebiger Besserwisser, als ein Verfechter von Intoleranz und unfundierter Kritik.

    Ich wünsche Euch allen viel Kraft

  29. 29

    Hallo Bernd,
    danke für Ihren Kommentar, der erstaunlich aufzeigt, dass es auch “verlassende Söhne” gibt, die jenseits der 50 sind und dann ein Elternteil verlassen. Der Schritt ist natürlich hart, aber wie Sie schreiben, wäre die andere Wahl die Einsamkeit gewesen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut und wünsche Ihnen viel Kraft.
    Herzlichst Christa Schäfer

  30. Liebe und Dankbarkeit
    Mittwoch, 7. März 2012 22:05
    30

    Hallo Bernd

    Ich verstehe Ihre Sichtweise und Handeln. In Ihrem Fall war wohl das die einzige richtige Konsequenz. Meine Aussage betreffend den Kindern gilt natürlich auch umgekehrt genauso. Ihren Zeilen entnehme ich, dass nicht Sie zuerst Ihre Mutter verlassen haben, sondern Ihre Mutter Sie vor vielen Jahren (bereits in Ihrer Kindheit) verlassen hat. Das ist natürlich genauso bitter, die Ursachen dürften aber die selben sein (natürlich gibt es nie eine Regel). So wie man sich auch als Eltern schützen muss, gilt das natürlich umgekehrt auch so. Wichtig ist, sich keinem Hass hinzugeben, hüben wie drüben. Aber das sagen Ihre Zeilen auch nicht aus.

    Somit ist wohl Status Quo und das ist gut so. Viel Kraft wünsche ich Ihnen für alle Herausforderungen im Leben.

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